Historisches & Biographien

Tull Harder – vom Fußballgott zur Nazischerge

von Onkelchen, aus MP #30, 12.2006
Bedanken möchte ich mich bei Arthur Heinrich, aus dessen Tull Harder Biographie ich mich schamlos bedient habe

Während die meisten Protagonisten unserer Rubrik „Gescheiterte Existenzen“ meist am Alkohol, falschen Freunden, Verschwendungssucht, oder einfach purer Lebensunfähigkeit außerhalb des Bolzplatzes zu Grunde gingen, hat der fade Beigeschmack im nachfolgenden Artikel eine andere Ursache, aber lest selbst.

Otto Fritz Harder wurde am 25. November 1892 in Braunschweig geboren. Die Karriere des „norddeutschen blonden Jungen“ nahm ihren Anfang auf dem Fußballfeld, genauer auf dem Braunschweiger Leonhardtsplatz, wo er in seiner Freizeit kickte. Dort wurde er eines Tages entdeckt – und für den örtlichen FC Hohenzollern angeworben.

Man schrieb das Jahr 1908.

Zwölf Monate später wechselte er zur Braunschweiger Eintracht. Dort bekam er seinen zweiten Namen verpasst – weil seine Spielweise an die des Mittelstürmers von Tottenham Hotspur erinnerte, eines dunkelhäutigen Spielers, den seine Kollegen Tull riefen. Die Testeinsätze in der Reserve nervten Harder, aber das dauerte nur kurze Zeit, er macht schnell Karriere. Im Nu reißt er bei der Eintracht die Führerschaft an sich.

Vier Jahre währte die Eintracht-Liaison Harders. Dann folgte der Wechsel zum Hamburger FC 88 (HFC).

Tulls Aufstieg hielt an.

Am 5. April 1914 bestritt er sein erstes Länderspiel, beim 4:4 zwischen den Niederlanden und Deutschland in Amsterdam. Und ihm gelang auf Anhieb sein erstes Länderspieltor.

Was politisch folgte, ist bekannt. Der deutsche Griff nach der Weltmacht bedeutete für Harder das vorläufige Ende seiner sportlichen Laufbahn. Er meldete sich freiwillig zum Militär und kam im Januar 1915 an die Westfront. Er wurde befördert und mit dem EK I und II dekoriert, wegen „Ruhmestaten fürs deutsche Vaterland“, wie es in einer Nazizeit-Broschüre heißt.

1918 endete der Krieg.
Der Deutsche Fußballbund, ohnehin nationalismusinfiziert, ließ noch sieben Jahre danach verlauten, auf welche Weise junge „Menschen, die den Tornister nicht auf den Buckel zu nehmen brauchten“, sich der Gefallenen „würdig erweisen“ sollten: dadurch, „daß sie bestrebt sind, ihre gute sportliche Erziehung auch mit in das Berufsleben zu nehmen, um dort jeder an seiner Stelle durch verantwortungsvolle, den Gemeinschaftsgeist fördernde Arbeit dem Vaterlande, der Heimat der Gefallenen, dienen sollten.“
Sport als nationalistischer Initiationsritus.

Der Spielbetrieb, während des Krieges nie völlig zum Erliegen gekommen, erreichte nach und nach das Vorkriegsniveau. Und auch Toll Harder wandte sich erneut dem Fußball zu. Sein fußballerischer Aufstieg fand eine Fortsetzung.

1918 schlossen sich der HFC 88 und Victoria Hamburg zusammen. Die Vereinigung ging im 1920 gegründeten Hamburger Sport-Verein auf. Der Mittelstürmer des neuen HSV hieß fortan Toll Harder.

Nach langer Unterbrechung kam am 27. Juni 1920 in Zürich wieder ein Länderspiel zustande, mit Harder. Im Schweizer Fußballverband formierte sich eine Opposition gegen dieses Match. Der internationale Boykott gegen Deutschland sollte nicht durchbrochen werden. Drei eidgenössiche Nationalmannschaftskandidaten sprangen ab. Dennoch gewann die Schweiz mit 4:1.

1922 stand der HSV zum ersten Mal im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Das Finale am 18. Juni gegen den 1. FC Nürnberg (2:2) endet mit einer Sensation im Fußballsport, wie sie bisher wohl noch nicht dagewesen war.
Da ein Elfmeterschießen nicht vorgesehen war, wenn der Stand nach verlängerter Spielzeit Unentschieden lautete, vielmehr beliebig oft verlängert werden konnte, zollte man dieser Regel Tribut.
Gespielt wurde 225 Minuten lang, „ein Rekord in der kontinentalen Fußballgeschichte“. Dann pfiff der Schiedsrichter wegen einbrechender Dunkelheit und allgemeiner Erschöpfung die Partie ab.

Auch bei der Neuansetzung am 6. August gab es keinen Sieger. Diesmal war vorzeitig Schluss. Beim Stand von 1:1 beendete der Unparteiische das Treffen, weil die Nürnberger Mannschaft aufgrund von Platzverweisen und Verletzungen nur noch aus sieben Spielern bestand.

Der DFB vergab den Meistertitel an den HSV, aber der verzichtete. Das hatte der Verband angeblich vorab verlangt.

Im darauf folgenden Jahr klappte es dann mit dem Titel des deutschen Meisters für den HSV.

Im Frühjahr 1924 traten die Hamburger gegen Corinthians London an, ein ganz besonderes Spiel. Es sollte, so war zu lesen, „ein Boykott fallen, ein Stückchen von dem Krieg nach dem Kriege verschwinden, zum ersten Male seit zehn Jahren sollten die Parias wieder mit den Bramahnen tafeln“.
Das Match endete 3:0 – für den HSV. Dreifacher Torschütze: der HSV-Center forward.

Das Hamburger Spiel stand unter dem Bann der phänomenalen Leistung Harders als Mittelstürmer. Wie er mit elementarer Wucht und Pfiffigkeit den Ball vorstieß und vorlief, wie er ausbrach und wieder stoppte – grandios. Selten hatte man so eine Leistung gesehen.

Am 4. Januar 1931 gab Tull Harder sein Abschiedsspiel beim HSV. Endgültig Schluss mit dem Fußball war damit noch nicht. Beim SC Victoria kickte er noch bis 1934. In allen Einzelheiten kann seine sportliche Laufbahn (darunter auch die „Sensation der Sensationen“, ein 8:2 über Bayern München 1928) hier nicht nachgezeichnet werden.

Am Ende standen zwei Meistertitel mit dem HSV, 15 Länderspiele und dabei 14 Treffer – das konnte sich sehen lassen.

Tull Harder, 1,90 Meter groß, war von beeindruckender Schnelligkeit. Eine „Riesenübersetzung“ machten Zeitgenossen aus, und die spätere Biographie kommt zu dem Schluss, kein Tempo, das er nicht übersteigern kann.
Er war schwer zu stoppen. Hartes Tackling war da angesagt. Einem freistehenden, vorstürmenden Harder war in der Tat nicht anders beizukommen als ihn mit unfairen Mitteln vom Leder zu trennen. Befand er sich einmal im Lauf, dann konnte es durchaus vorkommen, dass angreifende Verteidiger von ihm abprallten.
Harders Fähigkeiten beschränkten sich jedoch nicht nur auf Antrittsvermögen und Schnelligkeit. Er besaß zusätzlich spieltechnische Begabung, seinerzeit mit „Dribbeln auf der Stelle“ umschrieben.

Natürlich hatte er Schwachstellen und schlechte Tage. Er kämpfte kaum um den Ball. Er wartete. In der zweiten Hälfte wartete er fast immer, so ein damaliger Harder-Verriss. Aber er konnte sich das erlauben. Für ihn galt: Wurde er von seinen Mitspielern ordentlich mit Bällen bedient, „dann ist es nicht notwendig, sich mit zerreibendem Lauf abzugeben, sondern man kann seine Kräfte auf das Endziel aufsparen, auf das Toremachen“.

Zusammenfassend lautete der Befund: „Er ist der einzige Stürmer, der auch im letzten Moment Geist und Kraft genug besitzt, um aus verwackelten Sachen noch etwas zu machen.“

Die Zeitschrift „Der Fußball“ beförderte ihn zum „besten Mittelstürmer Deutschlands“, die „Frankfurter Zeitung“ zum „erfolgreichsten Mittelstürmer Deutschlands“.

Tull Harder war berühmt, er spielte sich in die Herzen der Zuschauer, er war einer von „Ihnen“. Berührte der Hamburger den Ball, dann schloss sich sozusagen ein unsichtbarer Kontakt, ein Funke sprang über auf die Massen.

Das Reichsgericht in Leipzig, von Harder auf Verlangen des DFB angerufen, bescheinigte ihm 1926, eine Person der Zeitgeschichte zu sein. Ein Hamburger Unternehmer, der seinen Zigarettenpackungen („Sportler, raucht die neue Tull Harder Cigarette“) Bilder des Stürmers beilegte, erhielt ein höchstrichterliches Plazet.

Die Fußballschuhe hingen noch nicht am Nagel, da legte Tull Harder die Grundlagen für den zweiten, dunklen Abschnitt seines Lebens.
Am 1. Oktober 1932 trat er der NSDAP bei, fortan geführt unter der Mitgliedsnummer 1345616.
Acht Monate später, am 10. Mai 1933, wurde er Mitglied der SS.

Völlig überraschend kam das nicht, jedenfalls wenn man der in der Nazi-Zeit herausgekommenen Harder-Geschichte glauben kann, die u. a. von einem HSV-Ausflug an den Rhein berichtet: „Ein Mann wie Tull kann sich natürlich auch in vaterländischen Belangen nicht gleichgültig verhalten. Als der HSV zu einem Freundschaftsspiel nach Köln fährt, wo noch immer die Besatzungsarmee der Alliierten steht, steigt dem Tull schon die Galle hoch, als er vom Fenster des Zuges aus schwarze Soldaten sieht. Ihn befällt die Wut, wenn er auf den Straßen die Engländer überheblich und lässig herumlaufen sieht.“

Derselben Quelle zufolge am selben Ort und immer noch „in der schweren Zeit des Rheinlands“, Köln und der HSV standen sich in einem „Kampfpokalspiel“ gegenüber, ging Harder ein weiteres Mal aus sich heraus.
Vom Balkon des Rathauses wurden Reden gehalten, Thema Spiel und Sport. Die zum „Fest des deutschen Sports“ angereiste Gruppe Sudetendeutscher fand keine Erwähnung. Bis völlig außerplanmäßig Harder das Wort ergriff und verkündete, worauf sie warteten: „Daß man sie im Reich nie vergessen werde, daß sie hier immer ihre Heimat haben sollten“.
Ausreden ließ man Harder nicht. Die Mitgliedschaften dürften also eine Vorgeschichte haben.

Sport als „heiliger Dienst fürs Vaterland“, das wird Harder zumindest in Ansätzen gelebt haben. Und außergewöhnlich für jene Zeit war der NSDAP-Beitritt schon gar nicht, allein ein bißchen früher als bei den vielen Deutschen, die nach Harder diesen Schritt taten.

Am 24. August 1939, sieben Tage vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, erhielt Harder den Einberufungsbescheid der Waffen-SS. Dienstort: das KZ Sachsenhausen.

Er machte diverse Versuche, einen Verschickungsbefehl zur Front zu bekommen: „Als Unteroffizier im Ersten Weltkrieg, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz I. und II.Klasse, war ich überhaupt nicht interessiert am Konzentrationslagerdienst. Trotz meines Alters hätte ich es vorgezogen, an die Front geschickt zu werden.“

Die Versetzungsgesuche wurden abgelehnt. Auf eigenen Wunsch gelangte er im November 1939 nach Hamburg zurück und schob für ein paar Monate im KZ Neuengarnine Wache. Im April 1940 übernahm er die KZ-Verwaltung. Dort blieb er bis in den Spätherbst des Jahres 1944.

Am 30. November 1944 übernahm er, nach einem kurzen Zwischenaufenthalt im KZ Hannover-Stöcken, das noch nicht fertig gestellte Neuengamme-Außenlager Hannover-Ahlem – als Lagerkommandant.

„Meinen Posten in Ahlem habe ich nie gemocht, da bin ich mir sicher. Ich hatte nicht das Gefühl, am rechten Ort zu sein, weil ich dazu zu gutherzig war.“

Die Häftlinge in Ahlem waren in ihrer ganz überwiegenden Mehrzahl polnische Juden aus dem Ghetto Lodz. Bei Auflösung des Ghettos wurden sie nach Auschwitz deportiert und dort selektiert. Arbeitsunfähige blieben in Auschwitz, körperlich und gesundheitlich halbwegs für tauglich Gehaltene kamen zuerst nach Stöcken, dann nach Ahlem.

In Stöcken schufteten sie bei den Continental-Gummiwerken, im Lager Ahlem in einem nahegelegenen Steinbruch und legten Stollen an, in denen die Continental-Werke ihre Kriegsproduktion fortzusetzen gedachten.

Harder, seit dem 30. Januar 1945 im Range eines SS-Untersturmführers, blieb formal bis Anfang März 1945 Lagerkommandant. Im Frühjahr 1945 nahmen ihn englische Soldaten fest und brachten ihn in das Internierungslager Iserbrook. Zwischenzeitlich wegen gesundheitlicher Probleme wieder auf freiem Fuß, wurde Harder schließlich verhaftet.

Am 16. April 1947 begann im Hamburger Curio-Haus der Militärgerichtsprozeß gegen Harder und vier weitere Personen, allesamt Mitglieder der SS.
Anklagepunkte: das Begehen von Kriegsverbrechen,
a) aufgrund der Beteiligung an der Ermordung im KZ Hannover-Ahlem internierter Bürger der alliierten Staaten („Allied Nationals“) im Zeitraum von November 1944 bis April 1945,
b) aufgrund der Misshandlung ebenfalls inhaftierter Mitglieder der gleichen Personengruppe.

Konkret warf die Anklage den fünf Beschuldigten die Tötung von 373 Personen vor: 314 Leichenverbrennungen, 25 bei der Befreiung im Lager befindliche Leichname erbrachte die staatsanwaltschaftliche Zählung. Alle Getöteten besaßen den Anspruch, als Kriegsgefangene behandelt zu werden.

Die Gesamtzahl der Opfer war das jedoch nicht, sondern die Zahl der Getöteten des ersten Transports, der Ahlem Ende November aus Auschwitz erreicht hatte, also aus einer Gruppe von ca. 1000 Menschen.

Insgesamt waren 617 Leichen aus dem Lager auf den Hannoveraner Friedhof oder in das dortige Krematorium geschafft worden. Dabei ist die Anzahl derjenigen, die ab Februar 1945 in der Lagerumgebung in Massengräbern verscharrt wurden, nicht eingerechnet.

Von den erstgenannten 373 Getöteten starben ca. 150 an Auszehrung und Unterernährung, die restlichen eines gewaltsamen Todes.

Die hohe Zahl an Todesfällen durch Unterernährung verwundert nicht. Zum Frühstück erhielten die Häftlinge ein Brot, 1/2 Kilo schwer, für 17 Personen. Ganz selten gab es Kaffee, aber weil der so schlecht war und es anderes Wasser nicht gab, wurde er zum Schrubben des Bodens oder zum Waschen benutzt. Zum Mittagessen erhielten sie dreiviertel Liter Kohlsuppe und abends, nach 12 Stunden körperlicher Arbeit, ein Brot für sechs und 250 Gramm Margarine für 25 Häftlinge.

Lagerkommandant Harder hielt dies nicht davon ab zu behaupten, dass die Verpflegung der Häftlinge „gut und ausreichend“ gewesen sei. Die jüdischen Häftlinge hätten „dreimal soviel Fleisch wie deutsche Zivilisten“ erhalten. Da passte ins Bild, dass er sich von dem „einigermaßen guten Aussehen“ der Inhaftierten überzeugt zeigte. Und wenn das alles nichts half, gab es ja noch den Verweis auf das Ghetto und die fortdauernden Folgen der dort erlittenen Entbehrungen.

Der Mitangeklagte Streit, zum Tod verurteilt und später hingerichtet, sagte aus, er habe sich geschämt, mit den ärmlich aussehenden Gefangenen zusammen auf deren Weg zur Arbeit gesehen zu werden.

Die medizinische Versorgung befand sich in einem Zustand, wie er katastrophaler kaum auszumalen ist. Es fehlte an allem und damit auch an Unterbringungsmöglichkeiten in dem Lager-„Lazarett”. Die Pritschen mussten sich jeweils mehrere Kranke teilen, und nicht eben selten wurden dabei Unterernährte mit Tuberkulosekranken etc. zusammengepackt.

Das führte auch dazu, dass es Zugangsbeschränkungen zum Lazarett gab. Nur jene, die halbtot waren oder die eine Temperatur von mindestens 38 Grad Celsius hatten, fanden Einlass. Bei Operationen kamen teilweise ganz gewöhnliche Messer zur Anwendung.

Der körperliche Zustand der Häftlinge vermag in Kenntnis ihres Tagesablaufs kaum mehr zu erstaunen.
„Um 3 Uhr 30 wurden wir geweckt. Wir hatten dann bis 5 Uhr Zeit, unsere Betten zu machen, gewöhnlich begleitet von Schlägen. Frühstück gab es um 5 Uhr 15 und den Appell um 5 Uhr 30. Wir arbeiteten von 6 bis 12 Uhr 30 an unserem Arbeitsplatz. Es dauerte 6 bis 7 Minuten, um von der Arbeitsstelle zur Unterkunft zu marschieren. Von 12 Uhr 30 bis 13 Uhr 30 blieb Zeit für Mittagessen und die Rückkehr an die Arbeit von 13 Uhr 30 bis 18 Uhr. Dies galt für die Tagesschicht. In der Nachtschicht marschierten wir nach dem Abendessen los und wurden dort bis 7 Uhr am nächsten Morgen festgehalten. Nach dem Abendappell gehörte die Zeit uns, bis das Licht um 21 Uhr ausging.“

Der Lagerkommandant, von dem während Verhandlungen einer seiner SS-Kollegen aus Ahlem berichtete, er habe die Gefangenen „wie ein Vater“ behandelt, äußerte vor Gericht die Ansicht, die Häftlinge seien froh gewesen, etwas zu tun bekommen zu haben.

Der Zweck des Lagers, so der Stellvertretende Generalstaatsanwalt, „war der gleiche wie der aller anderen Lager dieser Art: billige Zwangsarbeitskräfte und stetige Ausrottung von unerwünschten Leuten.“

Die britischen Ermittler gelangten zu dem Ergebnis: „Infolge der Tatsache, daß es sich bei den meisten der Häftlinge um polnische Juden handelte, waren die in Hannover-Ahlem begangenen Grässlichkeiten sehr viel unmäßiger als das, was in anderen Außenkommandos geschah.“

Und in der Anklageschrift heißt es: „Die Bedingungen in diesem Lager waren, selbst im Vergleich mit gewöhnlichen Konzentrationslagerstandards, grässlich.“

Harder, als Zeuge im Hauptverfahren Neuengamme vernommen, bezeichnete „sein“ Lager als „Modell- Außenkommando“.

Am 6. Mai 1947 sprach das Militärgericht Otto Fritz Harder für schuldig. Pro-Harder-Zeugnisse hatten – auf den ersten Blick zumindest – ihre Wirkung verfehlt. Dr. P. J. Bauwens, erster Nachkriegspräsident des DFB, bekundete schriftlich, „Vorgenannter habe sich stets als ein vorbildlicher Sportsmann gezeigt und ist dadurch zugleich zu einem Vorbild für unsere Jugend geworden. Selbst bei dem härtesten Spiel blieb er fair und ritterlich.“

Harder wurde zu einer Haftstrafe von 15 Jahren verurteilt, welche auf 10 ermäßigt wurde. Harder hatte sich als nicht schuldig bekannt, im Gegenteil.
„Außergewöhnliche Vorkommnisse in meinem Lager Ahlem habe ich nicht bemerkt. Ich will nicht bestreiten, daß es bestimmte geringfügige Zwischenfälle und Reibungen gab, schließlich mussten Sauberkeit, Ordnung und Disziplin in solch einem Lager durchgesetzt werden, aber dies geschah stets im Rahmen menschlichen Anstands.“

Und noch einmal Harder: „Ich gebe zu, dass das, was in diesem Prozess darüber ausgesagt worden ist, was in meinem Lager vorging, mich fast sprachlos gemacht hat. Anzunehmen, dass solche Dinge ohne mein Wissen geschehen sein könnten!“

Harder scheint einem Todesurteil von Seiten des britischen Gerichts entgangen zu sein, weil er ein namhafter Fußballer oder Sportsmann war, der, in den Worten eines Zeugen, es sich niemals erlaubte, sich zu Revanchefouls in Spielen hinreißen zu lassen, in denen seine Gegenspieler die Grenzen des Fair Play überschritten.

Kurz vor Weihnachten 1951 ordnete His Majesty’s Government Harders Entlassung aus dem Gefängnis in Werl an. Aus fünfzehn Jahren Haft waren zuerst zehn und dann tatsächlich viereinhalb geworden. Er kehrte nach Hamburg zurück.

Im Februar des nächsten Jahres besuchte er zum ersten Mal nach seiner Zwangspause wieder ein Spiel des HSV. Nazi-Vergangenheit und Kriegsverbrechen (nach dem Prozeß hatte sein ehemaliger Verein ihn für kurze Zeit ausgeschlossen) – all das zählte nicht mehr.
Die Zuschauer und der Stadionsprecher begrüßten ihn begeistert. Harder war zum Nur-Noch-Sportler geworden. Das hatte geklappt, weil sich keiner an den Rest erinnern wollte. Die braune Vergangenheit fiel kollektiver Verdrängung anheim.

Am 4. März 1956 starb Otto Fritz Harder.
„Er war stets ein guter Freund und treuer Kamerad“, sagte ihm die HSV-Vereinszeitung nach. Nachwuchsspieler des Klubs hielten die Ehrenwache am Grab, eine HSV-Fahne bedeckte den Sarg.

1974 tauchte Harder noch einmal im Blätterwald auf. Der Hamburger Senat hatte anläßlich der Fußball-WM eine Broschüre erstellen lassen, in der neben dem 54er Weltmeister Jupp Posipal und Uns Uwe Seelen auch Otto Harder als Vorbild der Jugend gepriesen wurde.
Einen Tag vor der Verteilung fiel der Schnitzer auf. Das entsprechende Blatt wurde herausgetrennt. 100.000 Exemplaren „Hamburg ’74. Fußballweltmeisterschaft“ fehlten die Seiten 13 und 14.




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