Historisches & Biographien

THE VOICE – Bandstory

von Torsten, aus MP #9, 11.1997
Das dazugehörige Interview findest du hier:
http://www.moloko-plus.de/the-voice-interview/53

THE VOICE wurden 1983 gegründet. Im August ’85 – veröffentlichten sie ihre erste E.P. mit vier Stücken, darunter eine Coverversion von dem Maytals-Klassiker 54-46 was my number (ziemlich gelungen, wie ich meine). Nach einem Streit mit Sänger Marten zersplitterte die Band, von ursprünglich sechs Mitgliedern verblieben drei. Nach einer Ruhepause legten die drei Ende ’87 ihre erste L.P. vor: They’ll never find the maniac.
Man merkt, daß sich the Voice gesundschrumpften,das Vinyl ist weitaus besser als die Single und birgt abwechslungsvolle, origenelle Music in sich! Da Teddy, seines Zeichens Schlagzeuger, im Moment durch einen Gipsarm erheblich behindert wird, mußten einige geplante Gigs abgesagt werden und die Arbeit an der nächsten L.P. muß vorerst noch ruhen. Außer der L.P. ist noch eine E.P. mit vier Beatles Coverstücken geplant, lassen wir uns überraschen.
Quicker (Sänger und Gitarrist) bezeichnet den Stil von the Voice selbst als „Clockwerk – Stil“, ich möchte ihn besser als nicht so einseitig wie andere Bande umschreiben, da ich mir unter „Clockwork-Stil“ nicht allzuviel vorstellen kann.
Die L.P. kann man bei the Voice bestellen(wozu ich rate). Bei großer Abnahme Liste bestellen. Kauf lohnt sich in jedem Falle! Bestellen bei: Hxxx Sxxx Kantstraße 14 1000 Berlin 12.

…so stand es seinerzeit niedergeschrieben im SKINTONIC numero uno. Mit einigen nüchternen Sätzen wurde einer der besten deutschen Skinheadbands gedacht, die es gab.
Im Nachhinein betrachtet wurde dieser Band, die mit ihren beiden grandiosen Alben von 87 und ’90 Geschichte schrieben, viel zuwenig Aufmerksamkeit geschenkt – zumindest außerhalb Berlins.

Interviews in den damaligen Zines waren Mangelware (obwohl das CLOCKWORK ORANGE gleich zweimal mit den Berlinern talkte), kann allerdings auch an Bandleader Quicker’s latente Faulheit, Interviews zu beantworten, gelegen haben.

Auch Gigs außerhalb Berlins waren sehr rar gestreut, eines z.B. spielten sie 1990 auf einem Rollertreffen in Hamburg (Bassist Gatte: „Scooterboys sind für mich die allergrößten Idioten. Die kurven mit ihren Rollern durch den Schlamm, gröhlen rum… wie die Geisteskranken“).

Hervorgegangen ist THE VOICE aus den Überresten von REIZSTOFF CS, wo sich Quicker das Gitarrenhandwerk aneignete. Das Line-Up bestand ganz am Anfang aus einem Trio inklusive Sängerin. Doch schon schnell merkte man, daß mit dieser Besetzung absolut kein Blumentop zu gewinnen ist, deshalb wurde umdisponiert, die Besetzung änderte sich fast stündlich, bis man zu einem sechsköpfigen Ensemble heranwuchs, mit der man dann 1985 die Single einspielte (die einige Jahre später als Bootleg seine Kreise zog).

Mit Sänger Marten – der einzige stotternde Sänger der Welt – überwarf man sich (Schlagzeuger Teddy: „Marten wurde von mir telefonisch rausgeschmissen. Ständig kam er zu spät zum Bandtreffen, mit so blöden Entschuldigungen wie: ‚Ich mußte noch Socken kaufen!'“) und Gitarrist Quicker übernahm zuerst vorrübergehend, dann endgültig den Part des Sängers.

Den ersten Longplayer brachten die Jungs dann in der Hauptformation Teddy/Drums, Gatte/Bass und Quicker/Gitarre und Gesang in Eigenregie raus.

Obwohl die Platte auch für heutige Maßstäbe sehr gut war, waren die Verkaufszahlen nicht umwerfend. Die 11000 DM Presskosten für die 1000er Auflage kamen – wenn überhaupt – nur mit Müh‘ und Not so eben wieder rein.

Dennoch ließen sie sich nicht entmutigen und nahmen in der gleichen Besetzung gut zwei Jahre später eine weitere LP auf – diesmal musikalisch noch etwas ausgereifter und nun auch bei einem „Plattenlabel“: Dem damals recht bekannten Berliner Klamottenladen HALLOWEEN gefiel die Musik derart gut, daß sie die Platte produzierten und vertrieben – auch aus Freundschaft zur Band.

Nicht jeder, der glaubte, etwas zu sagen zu haben, war mit der Wahl des Plattenlabels einverstanden. Nicht zuletzt, weil es bei HALLOWEEN neben BUSINESS– und COCK SPARRER-Shirts auch u.a. SKREWDRIVER-Leibchen zu erstehen gab, war der Laden nicht gerade unumstritten.

Und dann machen auch noch THE VOICE und HALLOWEEN gemeinsame Sache?! Klare Sache: THE VOICE ist eine Naziband!

Oder etwa doch nicht?!

In welche Schublade kann man sie stecken? Tja, obwohl sich die Band klar von rechts (und damit auch von den damals sehr populären KDF) und von links distanzierten, wußten einige Leute noch immer nicht, was sie von der politischen Auffassung der Band halten sollten.

Kleinere und größere Desaster wie der ANGELIC UPSTARTS-Gig (siehe Interview) taten ihr übriges, daß die Band stets zwischen allen Stühlen saß.

Hierzu sei Quicker rezitiert, der 1988 dem Berliner Zine BIG ONE folgendes in den Notizblock diktierte: „In politischen Sachen haben wir ziemlichen Streß. Auf der einen Seite mit den sogenannten „Skinheads“ – vor allem aus Westdeutschland, denn in Berlin kennen wir eigentlich alle – die uns für Linke halten, weil wir sagen, daß wir keine Nazis sind. Und auf der anderen Seite mit der Antifa, die ja alle Skins für Faschos halten. Tatsache ist, daß uns politische Extreme am Arsch vorbeigehen. (…) Ich bin es leid, in irgendwelchen Läden von Leuten, die vielleicht mal gerade ein Jahr ihre Stiefel tragen, als Kommunist beschimpft zu werden. Vor solchen Dummbatzen muß ich mich nicht rechtfertigen! Was diese Leute denken, ist mir eigentlich egal. Meinetwegen sollen die „Sieg Heil“ brüllen und in ihre „Neue Zeit“ marschieren, solange sie Lust haben. Nur sollen sie uns bitte damit in Ruhe lassen! Wir sind nämlich aus ganz anderen Motiven Skinheads geworden !“

Ende 1991 lösten sich THE VOICE auf. Das ewige Schubladendenken wird die Jungs mürbe gemacht haben, teilweise konnten sie nur noch unter anderem Namen Gigs in Berlin machen, sodaß das Ende einfach vorprogrammiert war.

Doch nun, sieben Jahre später und fast schon ganz verdrängt, aber nicht vergessen, kommt die Meldung über den Ticker: THE VOICE ist wieder da!

Zwar nicht mehr als Glatzenband, musikalisch bleiben sie jedoch weiterhin abwechslungsreich und vielseitig – typisch THE VOICE eben. Und nun wollen wir mal gespannt abwarten, welches Label den Zuschlag für ihre nächste Platte erhält und wie sie klingen wird.

Die Legende lebt weiter!

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