Interviews

THE BUSINESS

von Susanne, aus MP #09, 11.1997

Vor ihrem Gig im Bochumer Riff im September ’97 nahm Susanne die Gelegenheit wahr, mit Micky Fitz ein paar Worte zu wechseln. Was dieser wirklich sympathische junge Mann zu erzählen wußte, erfahrt Ihr auf den folgenden Seiten.

Susanne: Okay, laßt uns mal ganz von vorn anfangen. Ist es richtig, daß ihr euch Oktober ’79 gegründet habt?

Micky: Zu dem Zeitpunkt waren wir alle noch sehr, sehr jung, und wir alle gingen damals in den selben Pub, um uns zu betrinken. Eines Tages betrat ich eben diesen Pub, und ein paar Kerle kamen zu mir und sagten: “Du wirst unser Sänger!“ – und ich schaute sie nur groß an und sagte: “Was, wovon zum Teufel sprecht ihr da überhaupt?“
Sie antworteten mir: „Wir sind gerade dabei, eine Band zu gründen und haben beschlossen, daß Du unser Sänger sein wirst.“ – und ich sagte darauf nur: „Na, dann ist ja alles klar“, und dachte dabei nur, daß das alles ein Witz sei. Ein paar Wochen später allerdings fingen wir dann an, zu proben, und damit fing dann alles an.

Welche Vorbilder hattet ihr zu dem Zeitpunkt?

Damals war das wohl definitiv SHAM69.

Ist das der Grund dalür, daß ihr Harry Up Harry gecovert habt?

Höchstwahrscheinlich. In den Anfängen hatten wir einen großen Respekt vor ihnen, was nicht bedeutet, daß das später noch so war – heute meine ich. Weißt du, damals, als wir selbst noch irgendwie Kinder waren, waren für die Westside Punks und andere es das größte, SHAM 69 in TOP OF THE POPS zu sehen. Wir waren halt alle noch sehr jung.

Habt ihr damals auch gerne Bands wie X-RAY SPEX, 999 usw. gehört?

Klar, da sind wir alle durchgegangen, aber wir dachten, daß es an der Zeit wäre, mal etwas neues zu machen. Wir gingen damals jeden Tag zum Fußball und ebensooft schossen damals neue Bands aus dem Boden. Das war fast schon Mode im Westend.
Dann begannen die Skins SHAM 69-Buttons zu tragen, und alle wuchsen aus der Bewegung des Punk und der Mods heraus und wurden Skins.

Wenn du auf der Straße standest, sahst du da und da und da dir einen neuen Skinhead über den Weg laufen, und manchmal hattest du das Gefühl, daß nur noch Skinheads existierten.
Und fast alle von ihnen rannten mit SHAM 69-Badges herum

Fast zur gleichen Zeit lief ja parallel die Two Tone-Ära ab. Haben diese beiden Movements sich gegenseitig beeinflusst?

Beeinflusst mit Sicherheit nicht. Ich bin wohl losgezogen, um mir die Konzerte anzusehen, weil man das damals einfach in seiner Freizeit gemacht hat. Aber eigentlich war ich nicht richtig beeindruckt von Ska. Und um ganz deutlich zu sein, mag ich es auch nicht so sehr. Ich mag wohl den Trojan Reggae und den alten Ska, aber nicht den “neuen Ska“. Das ist einfach nicht meine Sache. Ich mag ausgetüftelte Musik und diese Musik ist mir nun einmal zu einfach. Für mich hört sich das alles gleich an.

Kann ich, glaube ich, ganz qut nachvollziehen. Das erste mal wo ich euch gesehen habe, war in London, September ’93.

War das unser Gig im MID CROSS? Da, wo wir mit CHRON GEN und THE BLOOD gespielt haben?

Da, wo die ADICTS der Top Act hätte sein sollen, wir aber nicht lange genug blieben, um es herauszufinden.

Um ganz ehrlich zu sein kann ich mich nicht mehr daran erinnern, ob sie am Ende tatsächlich gespielt haben.

Nächste Frage: Wenn du heute zurückschaust, u.a auf Gary Bushell, die Soundsartikel und all das… Ich meine, erst hat er Punkrock und Oi! gepusht, nur um es später wieder herunter zu ziehen. Was denkst du dann?

Leute wie ihn gab es schon immer und wird es auch immer geben, sie tun alle dasselbe. Das sind Medien für dich. Zuerst bauen sie es auf, nur um es später zu zerstören, sobald es größer wird als sie selbst. Das ist Grund, weshalb ich glaube, daß unsere Art von Musik im Untergrund lebt und auch immer dort bleiben wird. Bands, wie wir es sind, spielt man nun mal nicht im Radio.
Sieh mal: Zur Zeit ist OASIS eine ganz große Sache. Ich denke, daß OASIS jetzt soweit oben sind, wie es nur eben geht, aber auch der Druck der Öffentlichkeit wächst damit. Da kommen Dinge in die Medien, wie dass Liam Gallagher eine Affäre mit Noel Gallaghers Frau hat, und das alles auch noch im Zusammenhang mit Heroin. Sowas verkauft sich auf den Titelseiten, also bringen das die Medien und scheren sich einen Dreck darum, was das für Folgen hat, oder daß sie das eigentlich rein gar nichts angeht.

Ich hörte, daß ihr damals, als ihr Drinking & Driving herausbrachtet, ebenfalls Ärger mit den Medien bekamt.

Nein, das war so geplant worden. Mr. Bushell hatte sich das alles so ausgedacht. Eine Ente sozusagen produziert.

Wenn ihr Musiktexte schreibt, was beeinflusst euch da? Oder warum covert ihr bestimmte Lieder? Wieso z.B. das CRASS-Cover?

Wir haben THE CRASS eigentlich immer als Band gemocht. Der Musik wegen. CRASS war da, als Oi! begann. Sie luden uns damals zu ihrer “Gemeinde“ ein. Der Sänger von ihnen – Steve Ignorant – kam zu unseren Konzerten, allerdings verkleidete er sich, trug eine Kappe und andere Kleidung, sodaß niemand ihn erkannte, da ansonsten die Skinheads ihn zusammengeschlagen hätten. Und dabei merkten wir, daß wir sehr gut untereinander klarkamen.
Und ich denke, daß es nur sehr fair ist zu sagen, daß er extrem viel für die Punkszene getan hat, sebst wenn man ihm zugestehen muß, daß sie ihre ganz eigene Sichtweise hatten. Und ihr Lied haben wir sowohl damals gerne gespielt als auch heute. Selbst letzte Nacht gingen die Skinheads noch voll mit dabei. Jeder kennt das Lied.

Wenn wir schon dabei sind, über Gegensätze und die daraus resultierenden Schlägereien zu sprechen, kann ich ja gut an Southall anknüpfen.

Sei mir nicht böse, aber wenn ich damit anfangen würde, dann könnten wir damit den ganzen Abend und die Nacht füllen. Kennst Du unser Buch? Darin ist eigentlich alles enthalten, da es am Tag 0 anfängt und die ganze Geschichte erzählt. Es gibt unsere Einstellung dazu sehr genau wieder, und wie wir darüber fühlen. Um das alles mal kurz auf einen Punkt zu bringen, hat uns das damals sehr heruntergezogen.

Ihr habt doch gestern in Belgien gespielt. Wie lief das Konzert dort ab, denn MAJOR ACCIDENT hatten dort bei ihrem letzten Auftritt selbst ein kleines Southall-Desaster.

Grundsätzlich war es in Ordnung. Weißt du, wenn du ein Publikum von 300 Mann an einem Freitagabend hast, die alle schon etwas gebechert haben, bleibt es nun mal nicht aus, dass da ein paar Schlägereien ablaufen.

Glaubst du, daß sich die Szene und die Leute, die sich in ihr bewegen, über die letzten Jahre geändert haben?

Eigentlich nicht. Wenn ich neue Leute in der Szene sehe – jüngere – dann kann ich in ihnen ansehen, daß sie auch nicht anders sind als wir damals waren. Man findet sich selbst wieder in ihnen. Sie wollen ein Skinhead sein oder was auch immer. Ich denke, daß das alles zur Selbstfindung mit dazugehört. Es scheint sich nichts zu ändern, sie lassen sich tätowieren, gehen mit ihren Freundinnen auf Konzerte und irgendein unglücklicher Kerl stößt diese aus Versehen an und es geht los mit “Eh, sei doch mal vorsichtig, stoß meine Freundin nicht herum“, und der antwortet nur „Wieso?“ und schon kommen die Gedanken „scheiße, jetzt muß ich mich boxen, obwohl ich doch nur hart erscheinen wollte“.
Weißt du, das alles wiederholt sich immer und immer wieder, über Jahre hinweg das gleiche.

Denkst du denn, daß sich die Einstellung der Leute zum Leben und zur Szene, weiterentwickelt, verändert hat?

Ja, die Einstellung scheint sich schon verändert, und zwar ganz schön zum besseren verändert zu haben.

Fakt ist: Als wir angefangen haben, Musik zu machen, war es undenkbar, Punks, Skins und Mods auf ein und dasselbe Konzert zu haben. Das hätte absolutes Chaos verursacht. Das wäre einem Schlachthaus gleichgekommen.
Und heute ist das möglich. Auch durch Bands wie uns.

Ich denke aber, daß das auch davon abhängt, in was für einem Land und welchem Gebiet dieses Landes man sich aufhält.

Natürlich hängt das auch davon ab.

Um nochmal aut eure Texte zu kommen. Glaubst du, daß euer Publikum wirklich darauf achtet? Wollt ihr, daß die Leute darauf achten und darüber nachdenken?

Ich glaube eigentlich schon, daß die Leute darauf achten. Viele Leute fangen an, bei den Liedern mitzusingen, wenn wir sie spielen, und sie scheinen sogar jedes einzelen Wort zu kennen. Ich glaube schon, dass sie uns zuhören und die Texte auch verstehen. Natürlich sind da auch manche Lieder von uns, die keine tiefere Bedeutung haben. Viele von unseren ersten Liedern sind so. Aber da sind auch andere Songs, die definitiv eine Bedeutung haben, was uns auch sehr wichtig ist. Und da gibt’s Leute, die mich genau auf diese Lieder ansprechen.

Ich frage deshalb, weil es in Deutschland doch noch etwas anders zu sein scheint. Viele verstehen die Texte nicht und eigentlich ist ihnen das auch ganz egal, wenn man mal nachhakt. Sie meinen, daß sich alles, einschließlich der Texte, nur um’s Biertunken und Spaß dreht, und sie selbst an Liedern wie COCK SPARRER z.B. Watch Your Back keinen Gedanken verschwenden. Sie antworten dann nur auf meine Fragen, daß ich mit nicht so einen Kopf machen soll. Das empfinde ich alles als doch etwas zu einfach.

Das erinnert mich an etwas, was ich vor kurzem erlebt habe: Gary Fielding, ein Freund von mir, der Bücher über die Musikszene schreibt, erzählte neulich von einem Deutschen, der an einem Buch über Oi arbeitet. Und dieser Typ fragte ihn, ob er sich seine englische Übersetzung ansehen könnte, da er das sowohl in deutsch als auch in englisch geschrieben hatte. Nur so zur Kontrolle. Gary schickte auch mir eine Kopie davon und es war absolut lustig, da seine Übersetzung deutsch in englisch… tut mir leid, absolut schrecklich war.

Aber die Sache ist die, daß es mir nun wirklich nicht zusteht, darüber zu urteilen. Gerade die Engländer sind die größten Ignoranten in Europa. Keiner von uns hat sich jemals darum bemüht, eine andere Sprache zu erlernen. Ich hatte zwei Jahre lang Französisch in der Schule, sodaß ich gerade mal in ein Restaurant in Frankreich stiefeln kann, mir ein Essen bestellen und mich anschließend dafür bedanken kann. Das ist dann aber auch schon alles. Außerdem habe ich mal ein Jahr Russisch gelernt. Ich habe gerade mal das Alphabet und die Zahlen gelernt und danach wurde es mir einfach zu verwirrend, sodaß ich mir selbst sagte: „Laß‘ den Scheiß“.

Mein Lieblingslied von euch ist nach wie vor Out in the cold. Wie seid ihr darauf gekommen, ein Lied über eine Vergewaltigung einer Flau zu schreiben, die anschließend auch noch getötet wird?

Das ist das erste Lied, das ich geschrieben habe. Ich lag eines abends im Bett und las die Zeitung. Da stand etwas über eine vergewaltigte und anschließend ermordete Frau, und ich dachte, daß das alles doch ziemlich traurig sei. Zu der Zeit passierte so etwas sehr oft in London, und für mich war es immer unvorstellbar – zu jeder Zeit – was einen Mann dazu bringen kann, soetwas zu tun.
Aber man sollte dabei allerdings eins nicht außer acht lassen: Wir haben auf unseren Konzert extrem viele Schlampen und Flittchen getroffen, und die Art und Weise, wie diese provozieren – einen Mann, meine ich – ist schon unvorstellbar. Ich weiß, es hört sich nach einem dieser männlichen Klischees an, aber man sollte eins nicht vergessen: Sobald Männer einiges an Bier intus haben, wandert ihr Verstand vom Kopf in die Hose. Und wenn dann solche Frauen ankommen und es darauf anlegen, kann ich mir schon vorstellen, wie solche Situationen entstehen.
Trotzdem ist das kein Grund, so etwas zu’ tun und wird es auch niemals entschuldigen. Fühl‘ dich jetzt bitte nur nicht davon angegriffen.

Ich glaube, daß ich das schon ganz gut nachvollziehen kann, denn obwohl ich selbst eine Frau bin, komme ich auch alles andere als gut auf Schlampen klar.

Das kann ich auch ganz gut nachvollziehen. Aber auch diese Frauen werden es irgendwann lernen. Allerdings auch die Männer, die dumm genug sind, sich auf solche Frauen einzulassen. Ein Freund von mir machte den Fehler, eben eine solche Frau zu heiraten und sie bekamen ein Kind. Heute hat die Perle vier Kinder und jedes der Kinder hat einen anderen Vater. Jedesmal, wenn ich diese Kinder sehe, denke ich „diese armen Würmer, wie zum Teufel werden aufwachsen?“. Und jedes dieser Kinder hat einen Altersunterschied von 2 Jahren. Das alles könnte mir Tränen in die Augen treiben. Ist mir völlig unverständlich.

Ihr habt mal für SHERRY’S Werbung gemacht. Wie kam es dazu?

Wir fragten sie damals, ob wir uns ein paar Kleidungsstücke ausleihen könnten für einen Fototermin, wenn wir ihnen dafür einen Gefallen erweisen würden. Später haben wir ihnen dann Fotos von dem Fototermin für ihre Werbung gegeben.
Mit MERC ist das etwas ganz anderes, Vor ca. 18 Monaten betraten wir MERC und sahen dort diese BUSINESS T-Shirts. Also gingen wir zum Verkaufstisch und fragten: „Habt ihr irgendwelche BUSINESS-CD’s auf Lager, Freunde?“, und der Kerl dahinter sah mich an und erwiderte nur „Fuck!“
Wir drehten uns um und da waren auch schon die T-Shirts verschwunden. Das waren Bootlegs. Damit hatten wir überhaupt nichts zu tun. Wir haben niemals etwas für MERC getan oder überhaupt etwas mit ihnen zu tun gehabt. Mark Brennan hat viel mit the MERC gemacht, aber Mark Brennan hat nichts mit uns zu tun.

Was hattet ihr von den neuen BEN SHERMAN mit den Stickereien aut der Brusttasche?

Ich finde, das ist einfach nur schrecklich! (lacht) Es sieht einfach nur häßlich und scheußlich aus, aber am Ende sind das heutzutage die einzigen BEN SHERMANs, die du kaufen kannst. Ich hatte noch Glück, vor kurzem habe ich in einem Arbeiterbekleidungsladen zwei alte langärmelige 100% Baumwoll-BEN SHERMANS erstanden. Es war ein Ausverkauf, beide für £20, und es sind wirklich schöne Hemden, die ich wohl nur auf Hochzeiten von Freunden und ähnlichem tragen werde. Aber ich habe auch eins dieser neuen BEN SHERMANS.

Okay, aber wenn ich Hemden in Engiand gekauft habe, dann habe ich alle Charity Shops abgeklappert. Das hat doch die ganze Sache erst spannend gemacht.

Natürlich, kann ich nachvollziehen. Besonders, weil Shops wie MERC und die anderen auf der Carnaby Street nur billige Scheiße verkaufen, und eigentlich sind sie auch nur rein für die Touristen. Niemand in England geht dorthin, um seine Kleidung zu kaufen. Ich will nicht respektlos erscheinen, aber es sind hauptsächlich die Franzosen, die Deutschen, die Japaner und Amerikaner. Sobald sie in London ankommen, sind sie -zisch – sofort da. Speziell die Japaner aufgrund der Währung des Geldes. Ich meine, für sie bedeutet es nichts, £30 für ein BEN SHERMAN auszugeben.

Mein Gott, kosten die mittlerweile £30?

Wenn nicht sogar mehr. Weißt du, was BEN SHERMAN so populär in England gemacht hat und den Grund, wieso sie
heutzutage die Stickerei auf der Brusttasche haben? OASIS! Das ist der einzige Grund, wieso alle Jugendlichen in England BEN SHERMANS tragen. Das hat nichts mehr mit Skinheads zu tun, sondern nur noch mit OASIS – OASIS brauchen für ihre Kleidung nicht mehr zu bezahlen und werden in England als eine Art Revival Mods angesehen. Eigentlich haben sie nicht soviel damit zu tun, aber es gehört zu ihrem Image. Die Roller auf den Anzeigen mit ihnen usw.
Ich habe vor kurzem eine neue Werbung für die ganz neuen BEN SHERMANS gesehen. Sie haben wieder die Butterfly/Beagglekragen (runde, ausladende 70s Hemdkragen), und sie sind so lang, daß sie deine Knie noch gleich mit bedecken. Eigentlich konnte ich darüber nur noch lachen, aber als ich selbst 6-7 Jahre alt war, war das die neuste Mode. Zusammen mit Pullunder. Nur waren das damals BRUTUS-Shirts.

Zurück zur Musik. Die Art von Musik, die ihr heutzutage macht, hat sich schon etwas verändert. Manche sagen, daß es sich härter anhört.

Nein, eigentlich können wir selbst doch gar nicht die Musik ändern. Es ist schon irgendwie härter, es ist härterer Punkrock. Und der Grund, wieso wir es verändert haben, liegt bei Lars von RANCID, der nach England kam, um unsere Platte zu produzieren. Wenn du willst, dann kann ich dir die ganze Geschichte erzählen.
(Nicken)
Alles fing damit an, daß ich einen Anruf von RANCID’s Agentur in London bekam, die mir sagten, daß RANCID in London spielen werden, und diese mich baten, ein Lied für die zu singen. An der Britischen Akademie. Und ich antwortete nur, daß ich ich das wirklich gerne tun würde, ich dabei aber nur ein Problem hätte, und das wäre, daß ich nicht eine RANCID-Platte besitze.
Darauf sagte er nur: „Was?“. Ich meine, ich habe Lars zuvor nur einmal in San Franzisco getroffen.
Egal, eine Stunde später tauchte dieser motorradfahrende Kurier bei mir auf und brachte mir Out come the wolves und ihre letzte Platte, und das Lied, das ich singen sollte, war Salvapion von der Let’s go-Platte. Und ich dachte nur „verdammte Scheiße, ich muß das Lied bis morgen drin haben“.
Mein Sohn, der gerade mal sechs Jahre alt ist, lernte es in etwa zehn Minuten und ich brauchte zwei Stunden! Das war schon sehr deprimierend! Er liebt es. Also sang ich dieses Lied vor ca. 272000 Menschen, und das war schon sehr beeindruckend. Später ging ich dann zu Lars und sagte: „Jetzt habe ich dir einen Gefallen getan, und es liegt an dir, wiederzukommen, und unsere Platte zu produzieren.“
Wir lachten beide ganz kräftig darüber. Es war nur ein Witz. Als sie ihre Tour beendet hatten, rief er mich dann an und fragte mich, ob ich das damals alles ernst gemeint hätte. Ich antwortete, irgendwie schon, nur daß wir ihm kein Geld geben könnten, um nach England zu kommen. Er antwortete nur darauf, daß das schon in Ordnung gehen würde und er alles selbst bezahlen wird.
Also kam er rüber, blieb zwei Wochen bei uns, bis wir alles beendet und geklärt hatten und kümmerte sich um alles. Das alles hat weder uns noch der Plattengesellschaft einen Pfennig gekostet. Das finde ich schon alles sehr großartig und beeindruckend.
Ich meine, Lars wußte genau, daß wir alle nicht genügend Geld verdienen, um so ein Projekt starten zu können, also hat er alles für uns in die Hand genommen. Heute kann ich schon behaupten, daß er zu einem unserer besten Freunde geworden ist, und wenn irgendjemand in meinem Beisein über RANCID herzieht, dann möchte ich ihm eigentlich nur diese Geschichte erzählen. Denn manche Leute denken, daß wir ihn dafür bezahlt haben, unsere Platte aufzunehmen, was aber nicht der Fall ist. Er tat es, weil er es tun wollte, so auch unsere nächste Platte.
Und er wird mittlerweile sehr gut dafür bezahlt, Bands zu produzieren, und viele Bands wollen ihn. Das war’s eigentlich.

Zurück zu Deiner eigentlichen Frage. Er brachte uns dazu, unsere Lieder zu kompensieren, zu Punkrock. Im Vergleich: Wir verkaufen ungefähr 10000 Platten und er 1,5 Millionen. Dementsprechend sollte man manchmal auf Leute hören, die sich etwas mehr im Geschäft auskennen, und wir sind wirklich zufrieden mit unserer Platte, und sie kriegt auch bessere Kritiken, als wir uns hätten vorstellen können. Wir sind schon sehr, sehr zufrieden, wie alles gelaufen ist.
Das ist auch der Grund, wieso das Album nun noch einmal auf dem BURNING HEART Label rauskommt, sodaß man es in Europa zu einem ordentlichen Kurs bekommen kann, da es dann kein Import mehr ist. Denn wenn man es auf TANK RECORDS kauft, ist es ein Import und somit teurer. Das war alles bisher vertraglich so festgehalten, aber jetzt sind wir davon befreit.

Existieren da irgendwelche Pläne von euch, zusammen mit RANCID zu spielen?

RANCID wollen, daß wir mit ihnen touren. Sie werden jetzt für ein Jahr touren und nächstes Jahr ihr neues Album herausbringen. RANCID hat die Möglichkeiten, an Orten zu spielen, von denen wir niemals gewagt hätten, auch nur zu träumen, wie bspw. Australien, Argentinien, Brasilien. Ich meine, da hängen auch ’ne ganze Menge Skinheads herum. Skinhead lebt irgendwo überall, und das ist auch der Grund, weshalb wir die Chance nutzen möchten, auch an diese Punkte der Welt zu gelangen.

Wenn ihr heute so zurückblickt, gibt es da Bands, mit denen ihr niemals wieder zusammenspielen würdet, Bands, wo es ein echtes Erlebnis war und Bands, mit denen ihr noch gerne zusammenspielen würdet?

Das ist eine wirklich schwierige Frage. Ich könnte nicht sagen, daß es eine Band gibt, mit der wir nicht wieder spielen würden, da niemand uns wirklich schlecht, bis jetzt, behandelt hat, soweit ich mich erinnern kann. Da waren bestimmt einige, aber konkret erinnern kann ich mich nicht.
Das nächste ist, daß ich noch nicht einmal immer alle Bands treffe oder kennenlerne, mit denen wir spielen, da es manchmal bis zu vier Bands an einem Abend sind – speziell in Amerika, und meistens liege ich nur schlafend backstage, bis man mich für unseren Auftritt wachmacht, da es manchmal wirklich harte Arbeit ist, zu touren.

Da ist eine Sache. Ich könnte mir niemals vorstellen, daß ihr z.B. mit 999 zusammenspielen würdet. Aber wieso eigentlich nicht? Ich glaube, es hat ein wenig damit zu tun, wie und wo der Unterschied in Oi, Punk und Punkrock liegt. Was denkst du darüber?

Stimmt schon. Irgendwie sind wir alle Überbleibsel aus einer anderen Zeit, aber irgendwie ist da noch etwas anderes. Ich fragte z.B. einen Freund von uns, Tom, der auf der letzten Deutschlandtour Bass für uns gespielt hat, ob er uns begleiten wolle. Er antwortete nur: “Ich spiele zur Zeit Bass bei den LURKERS und singe für sie – oh, nein, ich spiele Gitarre für sie und außerdem noch bei 999 und spiele Bass für die VIBRATORS“ – und dann frage ich mich, wo Punkrock heute angelangt ist.
Ich mag ihn trotzdem wirklich gerne, er ist mit Sicherheit einer der lustigsten Menschen der ganzen Welt. Er ist großartig.

Etwas anders ist es da mit Hardcore. Wir alle mögen Hardcore, obwohl es doch recht neu für mich ist. Eigentlich höre ich es erst seit drei Jahren, und ich möchte diese Szene unterstützen. Deshalb nahmen wir sie (GROWING MOVEMENT – Anm. T.) mit auf Tour.
Wenn wir wieder spielen würden, dann hätten wir ein 100%iges Skinhead-Publikum, was die Punks, Hardcore Kids, Straight Edge und andere vorne vor lassen würde. Ich mag nicht diese Trennungen zwischen den Gruppierungen. Ich glaube, daß jeder so aussehen sollte, wie er will und die Art von Musik hören, die er bevorzugt, aber ich hasse die Trennung, die auf Konzerten aufgrund dessen existieren. Jeder weiß, was ihn zu erwarten hat, wenn er Platten von Bands in Läden kauft, und das tun ganz unterschiedliche Menschen, wieso also diese Trennung, wenn doch alle am Ende das gleiche mögen?

Greifen wir mal Straight Edge aut. Was hälst du von Drogen?

Ich persönlich bin nicht so scharf darauf. Es wäre mir egal, wenn du mir gegenübersitzen würdest und dir einen Joint basteln würdest, aber wenn du absolut davon beherrscht sein würdest – ich meine, daß alles was für dich nur noch zählen würde, Drogen wären – dann würde ich aufstehen und dich hier sitzenlassen. Drogen sollten niemanden beherrschen. Wenn man meint, Drogen benutzen zu müssen, dann sollte man die Droge beherrschen, aber nicht umgekehrt. Aber ich benutze eh‘ keine. Okay, ich trinke Alkohol, und man könnte wohl das gleiche von Alkohol behaupten.

Glaubst du, das sowas wie „pc“ wirklich existiert, existieren kann? Denn wer kann sich anmaßen, definieren, was das nun eigentlich bedeutet?

Ich glaube, “pc“ nimmt ziemlich dümmliche Ausmaße an. Alles begann doch in Amerika und wurde später für Europa übernommen. Am Ende kann man keinen Mann mehr einen Mann nennen und keine Frau mehr eine Frau. Das alles entgleitet langsam unseren – gemeinsamen – Händen. Heute darf man jeden nur noch „eine Person“ nennen, ohne nähere Beschreibung des Geschlechts – jeder ist gleich usw.
Aber das sind wir eben nicht. Ich meine, du bist eine Krankenschwester, das könnte ich niemals tun. Dafür hast du meinen vollen Respekt. Das nächste ist, wenn ein Bulle von Kerl auf mich zukommt und die Scheiße aus mir herausprügelt, dann habe ich auch keine Chance gegen ihn. Er ist nun mal stärker als ich und somit nicht gleich mit mir. Ich mag vielleicht gescheiter als er sein, aber das nützt mir in diesem Augenblick rein gar nichts.
All diese Gleichheit, ich weiß auch nicht. Ich meine, das ist alles, was ”pc“ ist, zumindest der Grundgedanke.
Einer von uns ist Feuerwehrmann, und heute gibt es auch weibliche Feuerwehrmänner und auch Polizistinnen. Ich glaube aber, daß es verschiedene Tätigkeiten gibt, die Männer einfach besser können als Frauen, so wie es Tätigkeiten gibt, die Frauen definitiv besser können als Männer. Nicht in einer Millionen Jahren wird sich das ändern. Wozu also all die Aufregung?

Ich meine, wenn Männer Kinder gebären müßten, dann würden sie sich vor Schmerz die Augen ausheulen und die menschliche Rasse würde aussterben.

Das erinnert mich daran, was mir ein Tätowierer gesagt hat: Frauen sitzen 2-3 Stunden ihren Termin ab und sagen keinen Mucks und ein paar Männer sagen nach ca. 1/2 Stunde, daß sie den „Schmerz“ nicht mehr ertragen.

Das ist definitiv wahr – zurück zu „pc“. Ich glaube einfach, daß das ganze zu große Ausmaße angenommen hat.

Hast du jemals No Respect von NEWTOWN NEUROTICS gehört? Ich fand es immer faszinierend, daß eine männliche Punkband ein Lied über Diskriminierung von Frauen geschrieben hat: „Du zeigst keinen Respekt, was mich langsam glauben läßt, daß du Angst vor dem anderen Geschlecht hast. Kein Mann ist eine Hure, er ist es, der den Namen erfunden hat, kein Mann ist eine Matratze, er fühlt dabei keine Schande, kein Mann ist eine Schlampe, er ist ein Mordskerl“ usw. Was denkst du darüber?

Das ist so im Leben. Ich habe diese Therorie aufgestellt: Alles begann auf meiner Arbeit. Ich arbeite auf Messen und Ausstellungen. Verkabele da alles usw. Eines Tages hatte ich einen jungen Auszubildenden mit mir arbeiten, und er fragte mich, wieso unser Boss ein solcher Bastard ist. Ich antwortete nur, daß ich mein ganzes Geld verwetten würde, daß er Angst vor seiner Frau hat. Jeder Mann, der auf seiner Arbeit die Leute tyrannisiert, mußt du mal beobachten, wenn seine Frau anwesend ist.
Und wie du Leben so spielt, tauchte eines Tagee seine Frau auf und er wurde ganz klein – „Hallo, Liebling, ist alles in Ordnung? Wir gehen gleich schön einkaufen nach der Arbeit“ usw – und als sie weg war, drehte er sich um und schrie: „Okay, ihr Bastarde, macht euch gefälligst an die Arbeit!“
Das sind Männer für dich. Am Ende haben sie nur Angst vor ihren Ehefrauen oder Freundinnen Das ist echt nicht gelogen.

Okay, genug davon. Wie kamt ihr ausgerechnet dazu, ein SMITHS-Lied zu covern, und welches war es?

Panic. Wir dachten damals wirklich, daß das eine gute Idee war Was passierte war, daß wir dasaßen und überlegten, eine neue Single aufzunehmen, und ein Kerl rief mich an und sagte, macht doch ein SMITHS-Cover. Also fragte ich nach, wieso ein SMITHS-Cover, und er antwortete, daß er es auch nicht so genau wüßte, aber wieso nicht. Also antwortete ich, daß da eigentlich nur ein Lied von SMITHS existiert, das ich mag, also sagte er, daß wir dann halt das tun sollten. Also versuchten wir es und es lief ganz gut, schließlich brachten wir es raus.
Ca. zwei Monate später kam ein Hardcore-Sampler raus, von dem wir rein gar nichts wußten, in Boston, nur mit SMITHS-covers, und er heißt A tribute to the Smiths und plötzlich lizensierte die Plattenfirma, die uns das vorher vorgeschlagen hatte, das Lied.
Es wurde extrem viel in Amerika verkauft – und wer bekam das Geld dafür?! Morrissey! Da nur dem Textschreiber das Geld zusteht.
Wir haben keinen Pfennig dafür gesehen. Aber ich mag das Lied und bereue nicht, es aufgenommen zu haben.

Ich habe noch eine vielleicht etwas beleidigend klingende Frage, aber so ist es wirklich nicht gemeint. COCK SPARRER kommen in ein paar Wochen auf Tour, und du kennst sicher das Lied What’s it like to be old? Das wäre meine nächste Frage.

Was du damit fragen willst ist also, wie wir uns jung halten? Ich glaube, daß wenn man immer weiter auf die Bühne geht und auch an sich und seiner Musik arbeitet, kommt der Spaß daran immer wieder durch. Wir tun es, weil wir es tun wollen, und nicht, weil wir es müssen. Das ist ein großer Unterschied und sagt eigentlich alles aus, was es dazu zu sagen gibt. Manche Leute tun es des Geldes wegen, andere nicht.

Spielst du damit auf SHAM 69 an?

SHAM 69 touren für… lassen wir das lieber. Wir reden hier über BUSINESS und nicht über SHAM 69. Und außerdem besitze ich auch noch all‘ meine eigenen Haare! Und das gehört alles mir. Guck mal, kannst du auch anfassen, um es zu überprüfen!

Ihr habt aufgehört, Musik zu machen, und euch dann ’93 reformiert. Ich glaube, das erste Konzert, was ihr wieder gegeben habt, war das in London. Wie kam es dazu?

Was passiert war, daß Mark Brennan, unser damaliger Bassist, uns glauben machte, daß wir nicht länger vom Publikum gewollt würden. Mark war damals sehr beschäftigt mit seiner Plattenfirma, Link Records, wir arbeiteten alle außerdem, also haben wir alle es so seinen Weg nehmen Iassen. Eines Tages kam jemand zu mir und sagte: „Scheiß auf ihn, laß uns die Band wieder zusammen bringen!“
Also fragten wir Mark, und er antwortete uns, daß er zu beschäftigt sei, und wir sagten nur, daß sei fair. Seitdem haben wir nicht mehr aufgehört, Musik zu machen, und wir haben sogar drei Touren in Amerika gegeben. Und wir arbeiten sogar zwischen den Touren. Heute sind wir zum Glück alle arbeitsmäßig selbstständig, sodaß wir alle immer wieder unsere Arbeit aufnehmen können, keine Angst haben zu müssen, gefeuert zu werden.

Und wir planen noch eine Menge weiterer Touren, einmal vollständig durch Europa und sogar nach Japan für eine Woche. Also läuft alles so gut wie nie zuvor. Das ist das, was wir immer haben tun wollen. Weißt du, man ist niemals zu alt für etwas. Das Leben ist viel zu kurz, um etwas auszulassen.

Mein Sohn ist jetzt beinahe sieben Jahre alt, und er wächst so schnell, und die Zeit fliegt. Das läßt mich manchmal einen Augenblick innehalten und mich umschauen. Dann denke ich bei mir: „Ich werde niemals aufgeben, ich werde nicht zuhause herumhängen und langsam vor mich hin verrotten.“
Morgens zur Arbeit, abends zurück, Abendbrot essen, in die Glotze starren, schlafen gehen, morgens aufstehen und das ganze nochmal von vorne. Das ist doch scheiße!

Weißt du, das erinnert mich daran, was Raton am Anfang des Films Trainspotting sagt. Kennst du den Film?

Bis jetzt habe ich ihn noch nicht gesehen, aber eigentlich ist das genau das, was die Menschen wirklich tun. Um mal ganz ehrlich zu sein, da muß ich mir nur meine Freundin ansehen. Sie ist nicht für mich ansprechbar in der Zeit von halb acht abends bis acht Uhr, da gerade Eastenders im Fernsehen läuft. Coordination Street, Home And Away (Soap operas) oder was immer gerade läuft. Sie starrt dann ganz fasziniert auf die Lichterpunkte in der Röhre, und ich stehe da und sage: “Naja, okay, ich geh‘ dann ein bißchen in die Kneipe um die Ecke.“

Letzte Frage: Wo, denkst du, liegt euer Stellenwert in der Musikszene?

Ich glaube, daß wir im gesunden Mittelbereich liegen. Manchmal kommen junge Bands zu uns und sagen, daß wir sie und ihre Musik beeinflußt haben. Das schmeichelt mir natürlich, treibt mir aber auch die Schamesröte ins Gesicht. Ich glaube nicht, daß wir die Leute von oben herab behandeln. Wir haben uns immer bemüht, niemals so zu werden. Wir spielen heute z B. immer noch Out In the cold, da es ein Lied ist, das normalerweise die Frauen anzieht, ebenso wie DRINKING & DRIVING. Es beruhigt die Menge und gibt uns einen Augenblick Ruhe.
Das ist so ziemlich alles, was es dazu zu sagen gibt.


Ein Kommentar

  • Perk Roial

    Ein sehr geniales Interview! Gute fragen und die Antworten zeigen auch, dass Mick nicht einfach nur der ‚ Hardcore Hooligan‘ war!

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