Historisches & Biographien

The Adverts – TV Smith’s wilde 70er

von TV SMITH, aus MP #12, 12.98

Auf der Bühne des Roxy Clubs. London, Januar 1977. Der erste Gig der ADVERTS.

Drei Wochen vorher wußten wir noch gar nicht, wie wir diese Band nennen würden. Einen Monat davor hatten wir weder einen Gitarristen noch Drummer.
Lediglich Gaye und ich übten auf Bass und Akkustikgitarre in unserem Wohn-/Schlafzimmer, denn ich hatte einige Songs geschrieben und Gaye, ein großer Iggy-Fan, gefiel die Idee, in einer Band zu spielen.

Schauen wir noch ein paar Monate zurück. Wir beide lebten noch in Devon, außerhalb des Landes im Südwesten von England, und ein Gefühl sagte uns, daß wir nach London gehen sollte.
Es gab Zeichen, sofern man sie sehen wollte, daß sich irgendetwas entwickelte, und die blöden, selbstzufriedenen Gruppen, die die Musikszene im Würgegriff hielten, waren soweit, einen verbalen Arschtritt zu bekommen.

Wir wollten unseren Teil dazu beisteuern.

Also, ja, als wir den ersten Akkord zu Beginn von One Chord Wonders anschlugen, trafen wir den Ton nicht richtig, doch war das zu diesem Zeitpunkt irgendwie passend.
Die 50 Leute oder so vor der Bühne schauten amüsiert und neugierig, und was wir alle fühlten, war ein enormes Gefühl der Erleichterung, denn hier spielten nur vier Kids auf einer 20 cm hohen Bühne, und alles was sie wollen, ist spielen.

Professionell? – Nein. Musikalisch? – Nicht wirklich.
Aber konnten wir uns selbst ausdrücken, haben wir etwas ausgesagt, waren wir reale Personen? – Ja, ja und ja!

Und weder klangen wir, noch sahen wir aus wie YES, oder EMERSON, LAKE AND PALMER, oder TONY ORLANDO AND DAWN, oder CHICORY TIP, oder BROTHERHOOD OF MAN oder wie die tausend anderen Gruppen, die uns der große Gott „Musik-Business“ unsere Teenagerjahre hindurch aufgedrängt hatte.

Das Roxy war der Treffpunkt, ob man jetzt in der Band war oder im Publikum (die meisten Leute in beiden). Zu Beginn spielte ein- oder zweimal in der Woche eine Band, einen Monat oder so später spielten fast jede Nacht mehrere Bands.

Warum sollte man dafür zahlen, um in einem normalen Konzertsaal ein paar dumme Rock Bands zu sehen? Hier in diesem verschwitzten, engen, lauten kleinen Raum in Covent Garden – kurz davor noch eine Schwulenkneipe namens „Shagarama’s“ gewesen – hattest du alle Freunde getroffen, sahst eine Menge Gesichter, und es spielte immer eine Band, die es wert war, gesehen zu werden.
Sie waren vielleicht nicht immer gut, aber es war Punk, es war unsere Musik und sie genoß unsere Unterstützung.

Innerhalb weniger Monate wurden aus Bands, die hier ihre Debutauftritte ablieferten, bedeutende Figuren in der neuen Punk-Szene – The Damned, Generation X, The Jam, X-Ray Spex.

Andere wiederum spielten ein paar Gigs und wurden, durchaus zu Recht, wieder vergessen. Wer erinnert sich heute noch an Shakin Streets, Kubie and the Rats oder Masterswitch? (Ich nicht).

Es gab kein Problem, im Roxy einen Aufritt zu bekommen.

Ich rief jemanden vom Club an und fragte, ob wir spielen könnten.
„Wie ist der Name der Band“, fragte er.
„Adverts“, entgegnete ich.
Er überlegte zwei Sekunden.
„Yeah. ok!“

Da waren wir also nun, supporteten Slaughter and the Dogs. Zur gleichen Zeit arrangierte ein Freund unseres Gitarristen, der Drummer von Generation X war, daß wir ein paar Tage später Support für sie spielen konnten.
Brian James, Gitarrist von The Damned, sah den Gig und fragte uns, ob wir Interesse hätten, sie eine Woche später zu supporten.
Jake Riviera von Stiff Records sah unseren Auftritt und bot uns an, eine Platte für Stiff aufzunehmen.
Irgendwie begann alles, ins Rollen zu geraten…

Die Musikpresse machte, natürlich, nicht mit. Die „alte Garde“ beherrschte noch alles, und jedes Review schlug in die gleiche Kerbe – daß wir unsere Instrumente nicht sauber spielen können und wie amateurhaft wir seien.
Wir verstanden, was sie sagten – wir wären nie gut genug geworden, um Fleetwood Mac die Ehre zu reichen, und wir waren froh darüber!

Besser noch, das Fanzine-Phänomen begann. Mark P. ’s „Sniffin Glue“ begann bei Gigs aufzutauchen.
Es war minderwertig, fotokopiert, schlecht geschrieben, naiv und eigensinnig. Aber es wurde von Leuten geschrieben, die Punkmusik mochten, die zu allen Gigs kamen und die Bands unterstützten, und es war – wie es auch auf dem Cover stand – „die Bibel“.

Dann brach Punk aus dem Roxy Club aus und verteilte sich über den Rest von Britannien. Wir fanden uns in einem Transit im Rentenalter wieder, inmitten unseres gesamten Equipments im Kofferraum, um auf kurzen Trips nach Birmingham oder Manchester einen Gig zu spielen und wieder heimzufahren, als die Sonne langsam aufging und der Frühnebel über die Autobahn kroch – und dieses Feeling brachten wir häufig zustande.

Der Sex Pistols -Werbefeldzug brachte allen nationalen Zeitungen und Fernsehkanälen das Wort „Punk“ bei, und plötzlich wollte jeder alles über Punkmusik und die
sogenannten Punks herausfinden.
One Chord Wonders, unsere Single auf Stiff, wurde so eine Art Hymne für diese neue Bewegung, und wir fanden uns auf einer zermürbenden Tour durch Britannien mit The Damned wieder, um diese Single zu promoten.
30 Konzerte in wenig mehr als 30 Tagen, und dieser Gefühlscocktail aus Spaß und Erschöpfung, der nach jedem Gig eintrat, wich schnell der puren Erschöpfung.

Unterwegs mit beiden Bands in einem Van gab es immer häufiger Krach untereinander.
Während die Punkbewegung zu wachsen begann, so zeigte das Gezänk innerhalb der Band ganz offensichtlich, daß diese vier Individualisten, die sich vor weniger als sechs Monaten zusammengefunden hatten und nun praktisch 24 Stunden am Tag einander auf der Pelle hockten, sich gegenseitig fremd geworden sind.

Der Tourstress vergrößerte, verschlimmerte jedes Problem. Manchmal kamen wir zu einem Gig und wurden im letzten Moment am Spielen gehindert, weil die Veranstalter es nicht mochten, was sie da so von und über „Punks“ hörten.
Wenn wir einen Gig spielten, waren wir normalerweise vom Anfang bis Ende total verbissen, und schwitzten und keuchten uns onstage einen ab.

Einmal kamen wir gegen Mitternacht von einem Gig und fanden die Autoreifen unseres Vans aufgeschlitzt vor, und zwei Skinheadgangs blockierten die Straße in beide Richtungen…

Währenddessen, in London, wurde der Hauptpromoter vom Roxy von seinem Partner rausgeschmissen, weil er dachte, er könne mehr Geld aus der Punkszene ziehen. Doch er hatte nicht die richtige Ahnung von dem ganzen Ding, und er begannzunehmend damit, nur noch zahme Punkkopien auftreten zu lassen.
Das Publikum ließ sich nicht verarschen, und die echten Leute aus der Szene blieben dem Laden daraufhin konsequenterweise fern.

The Vortex in der Wardour Street in Soho war der nächste Treffpunkt. Dort herrschte eine merkwürdige, gespannte Atmosphäre in diesen Tagen, als Punk, gesteuert von den Medien, mehr mit Aggression und Schlägereien in Verbindung gebracht wurde als mit Kreativität.

Ich erinnere mich, als die Adverts just an dem Tag spielten, als Elvis Presley starb. Als Sniffin‘ Glue-Schreiber Danny Baker diese Nachricht verkündete, buhte ihn das Publikum von der Bühne.

Es war nicht genug, nur eine Alternative zur Mainstream-Musikszene zu sein – wir wollten an ihre Stelle treten. Alle Bands hielten Ausschau nach Majorlabel-Verträge – die Sex Pistols und The Clash hatten sie, also warum sollten wir es nicht tun?

Der Adverts-Manager, ein Verleger namens Michael Dempsey, der sich in uns verliebte, nachdem er uns im Roxy spielen sah, vermittelte uns zu Anchor Records, dem englischen Ableger der damals mächtigen amerikanischen ABC Company.
Es war sicher, daß Gary Gilmore’s Eyes mit der Kraft eines großen Labels in die Charts kam.
Mit wachsender Begeisterung sahen wir die Platte höher und höher klettern, Woche für Woche, ließen Hot Chocolate hinter uns, dann David Soul, Smokie
Es war lustig.

Dann, noch bevor wir realisierten, was passierte, fanden wir uns bei Top Of The Pops wieder, DER Chartmusik-Show, mit der jedes Kind in Britannien aufwächst.
Wir – die größte Anfängerband im Lande. Und, natürlich, wir waren so unorganisiert, daß wir einfach alles falsch machten – wir kamen zu spät, wir standen an den falschen Plätzen…
Ich versuchte, live zu singen, anstatt es nur zu mimen, und generell sahen wir nun gar nicht so aus wie es dieser Sender normalerweise gewohnt war.

Die Techniker und Moderatoren schauten uns entgeistert an, und man konnte sie reden hören – „Was meinst du, willst du darstellen – dies ist nicht das reale Leben, das ist nur TV.“ Es war unbezahlbar.

Dann machten wir das Album. Zwei Wochen verbrachten wir im Abby Roads Studio, ja – genau dort, wo die Beatles aufnahmen, und die ganze Energie unserer Liveauftritte und die Erfahrungen des zurückliegenden Jahres vereinten sich auf diesem Tape.

Doch die Spannungen innerhalb der Band blieben bestehen, und die Situation hätte immer und zu jeder Zeit eskalieren können.

Ich stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als die anderen Bandmitglieder schließlich nach Hause fuhren und mich mit dem Produzenten John Leckle zurückließen, um das Album abzumischen und die ganze unkontrollierte Energie in die richtige Form zu bringen.
Zum Schluß war es die ganze Anstrengung wert. Crossing The Red Sea zeichnet ein korrektes Bild von der Band und der damaligen Zeit.

Vielleicht hätten wir zu diesem Zeitpunkt stoppen sollen. Noch mehr Touren, noch mehr Druck.

Die Band war wie ein Echo der Punkszene, das sich immer tiefer hineinfraß.
Das originale Line-up brach schließlich nach einem der bizarrsten Wochenenden, die ich je erlebt hatte, auseinander.
Nach einem zweiten Auftritt in Top Of The Pops, in dem wir No Time To Be 21 vorstellten, flogen wir in einem achtsitzigen Flieger nach Irland, um am selben Abend noch einen Gig zu spielen.
Es war mitten im Winter, wir kamen in einen Sturm, hatten Eis auf den Tragflächen, und der Sprit fast alle, denn wir brauchten für diesen Flug dreimal länger als vorgesehen – wir dachten wirklich, wir würden nicht mehr heil ankommen. Natürlich kamen wir viel zu spät zu unserem Gig, alle waren längst heimgegangen.
Irgendjemand hatte eine tote Ratte auf die Bühne geworfen.

Am nächsten Abend sollten wir in Belfast auftreten. Nach dem Soundcheck genehmigten wir uns ein paar Drinks und schauten unsere Aufführung in Top Of The Pops an, haha. Und vergaßen nicht, ordentlich zu trinken.

Während des Gigs waren dann ein paar von der Band unkonzentriert, und ich versuchte sie aufzuwecken, indem ich sie mit kaltem Wasser übergoss.
Der Gig war wild, irgendwie zwischen dem besten und dem schlechtesten, die wir je gespielt haben. Doch es flog soviel Rotze Richtung Bühne, daß Gaye an einem Punkt plötzlich die Bühne verließ. Unser Manager erschien auf der Bühne und appellierte an das Volk, daß die Spuckerei aufhören soll, ansonsten würde sie nicht mehr weiterspielen.

Sie unterließen es, wir spielten weiter.

Nach dem Gig ging es Drummer Laurie verdammt schlecht, was wir auf seinen hohen Alkoholkonsum in dieser Nacht zurückführten. Doch am nächsten Abend, in Dublin, fanden wir heraus, daß er eine schwere Infektion hatte, und eine bösartige Form der Hepatitis.
Wir fuhren ihn in’s Krankenhaus, mußten am nächsten Tag einen Fernsehauftritt mit einem Rodie durchziehen, der den Schlagzeuger mimte, sagten den Rest der Tour ab und flogen zurück nach England.

Wir mühten uns ein Jahr lang mit einem neuen Drummer ab, dann kam noch ein anderer, dann noch ein anderer, dann ein neuer Gitarrist, dann ein Keyboarder. Wir machten ein weiteres Album, ganz anders als das erste, doch es reflektierte den Weg, den die Szene beschritten hatte und entsprach dem, wie sich die Band entwickelte.

Aber das Publikum entschied, daß dies kein „Punk“ sei – kein „Punk“, wie sie ihn interpretieren; das Album floppte, und die Adverts lösten sich auf.

Ich erzähle Euch, was ich unter „Punk“ verstehe:
Das zu sagen, was man denkt;
nicht die Musikrichtung, die das Establishment vorgibt, akzeptieren;
kreativ sein in’den Dingen, die man tut;
reden und denken, unabhängig und realistisch sein.

Seit diesen Tagen spiele ich solo. Du magst vielleicht denken, daß es merkwürdig ist, einen Punkmusiker allein mit seiner Akkustikgitarre auf der Bühne stehen zu sehen, aber wenn Du mal zu einem Gig kommen solltest, hoffe ich, daß Du siehst, daß Punkrock immer noch in mir steckt und mich bei allem, was ich mache, beeinflußt.

Und je langweiliger und vorhersehbarer die Mainstream-Musikszene wird, desto mehr fühle ich mich als Punk.

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