Historisches & Biographien

Stasi, Skins und Schlägereien

Der Überfall auf die Berliner Zonskirche am 17. Oktober 1987

von Marc, aus MP #42 von 12.2010

Für die meisten Bewohner Ostberlins dürfte es ein Tag wie jeder anderer gewesen sein, dieser 17. Oktober des Jahres 1987. Für die alternative Szene der Stadt – besonders für jene, die sich unter dem Dach der Zionskirche ausbreitete – stellte er zweifellos einen Höhepunkt dar. Die Gemeinde hatte zum Konzert der Westberliner Band ELEMENT OF CRIME geladen und schon in den Nachmittagsstunden herrschte rund um das Gotteshaus im Stadtteil Prenzlauer-Berg eine gewisse Betriebsamkeit. Allerdings nicht nur auf Seiten von Veranstaltern und Fans. Denn auch die Sicherheitsbehörden überwachten seit den Nachmittagsstunden das Geschehen.

Informationen über das Konzert, das besonders die jugendlichen Querdenker der Hauptstadt der DDR versammeln sollte, drangen natürlich auch bis zu den Berliner Hauptabteilungen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) durch, das durch flächendeckende Überwachung und zahlreiche Inoffizielle Mitarbeiter seit Mitte der 80er Jahre bestens über jeden Schritt in der alternativen (Punk-)Szene Ostberlins informiert gewesen war.

Während die Veranstalter fieberhaft versuchten, eine Soundanlage für das Konzert zu besorgen, um die Veranstaltung überhaupt durchziehen zu können, reiste aus dem Westteil der Stadt der Hauptact des Abends in die DDR ein: ELEMENT OF CRIME.

Bereits im Juli 1987 – ebenfalls auf Initiative der Zionsgemeinde – hatte die Band um Sänger Sven Regener vor rund 200 Zuschauern ihr Ostdebut gegeben. Nun waren sie auf die Initiative des Ostberliners Silvio Meyer, der den Kontakt zu einzelnen Mitgliedern der Band über seinen Bruder herstellen konnte, als ganz normale Touristen, wieder über die innerdeutsche Grenze gereist.

„Wenn ich mich erinnere, wie ich damals diese Zeit wahrgenommen hab, dann war der Reiz natürlich vorrangig, etwas zu machen, was illegal war“, blickte Gitarrist Jakob Ilja in einem späteren Interview auf die Konzerte in Ostberlin zurück.

Die Gitarren und das Schlagzeug, mit denen sie am Abend in der Zionskirche vor etwa 1.000 Leuten auftreten sollten, borgten sich ELEMENT OF CRIME.

Noch bevor die Soundanlage in die Kirche geschafft werden konnte, trafen sich gut anderthalb Kilometer Luftlinie entfernt, im selben Stadtbezirk, in der Kiezkneipe Sputnik in der Greifswalder Straße, zahlreiche Skinheads zu einer Geburtstagsparty. Dass dieses Treffen spürbare Folgen für die Öffentlichkeit der Deutschen Demokratischen Republik und das Bewusstsein innerhalb der DDR-Skinszene haben wird, konnte da noch niemand ahnen.

Gekommen waren auch Skins aus dem Westteil der Stadt, die gemeinsam mit einigen Ostberliner Glatzen vom Grenzübergang Friedrichstraße gen Prenzlauer Berg fuhren.
Die Welt verkaufte ihren Lesern die Feier später gar als eine Art deutsch-deutsches Skinheadtreffen, zu dem Teilnehmer aus verschiedenen Bundesländern angereist wären: „Begonnen hatte es mit einem Fußballspiel in Ost-Berlin, zu dem auch Hunderte rechtradikaler Skinheads aus Dortmund, Hamburg und West-Berlin – von DDR-Grenzern unbehelligt – anreisten. Nach dem Match traf man sich im ‚Sputnik‘ Szene-Lokal am Prenzlauer Berg.“

Im Sputnik amüsierten sich bereits seit den Nachmittagsstunden die ersten Gäste: „Es gab Freibier und kaltes Büffet, laut spielte Diskomusik“, beschrieb ein Bericht der Neuen Berliner Illustrierten die Party später.

Als gegen 19 Uhr in der Zionskirche gerade die Ostberliner Band DIE FIRMA vor dem Altar ihre Instrumente in Stellung brachte, um den Gig zu eröffnen, platzte die Kneipe in der Greifswalder Straße schon aus allen Nähten. Die Wirtin, die dem Veranstalter im Vorfeld penible Auflagen erteilt hatte – wie etwa eine Waffenkontrolle an der Tür und eine Begrenzung der Lautstärke der abgespielten Musik – verfügte über einen Einlassstopp. Offensichtlich hatte sie bereits zu diesem Zeitpunkt die Übersicht über die feiernden Skinheads verloren.

Bereits am Vorabend des ELEMENT OF CRIME-Konzertes und der Feier im Sputnik waren Punks und Skins am Haus der Jungen Talente in Berlin-Mitte aneinander geraten. Und offensichtlich mussten die Ostkreuzer, eine Gruppe Skins, die sich ab Mitte der 80er rund um den S-Bahnhof Ostkreuz rumtrieb, dabei eine Niederlage einstecken.

Nachdem die Ereignisse vom Vorabend in der Geburtstagsgesellschaft die Runde gemacht hatten, begannen in und vor der Kneipe erste Diskussionen. In der Kirche steuerte das Konzert zu dieser Zeit bereits seinem Höhepunkt entgegen: „Das Publikum rauchte und trank, pisste draußen irgendwohin (drinnen sicher auch) pogte auf den Bänken, und einige stellen sich auf die seitlich neben dem Altar stehende Orgel, so daß sie hinterher nicht mehr zu gebrauchen war. Trotz der hundmiserablen Akustik war die Stimmung hervorragend, und wir begeistert, wieder ein richtig großes Ding gestartet zu haben“, erinnerten sich die Organisatoren später.

Unterdessen fiel im Sputnik die Entscheidung, das Konzert in der Zionskirche zu stürmen.

Schließlich schwangen sich gut 30 Skins in die Straßenbahn oder machten sich zu Fuß auf in Richtung Zionskirchplatz/Kastanienallee: „Vor der Kirche begann ich, einen anzurempeln. Der hielt mich an der Jacke fest und bezeichnete mich als Nazi. Daraufhin schlug ich ihn mit der Faust ins Gesicht. Es gab ein Handgemenge, und wir gingen zu Boden“, sagte einer der Skinheads später vor Gericht aus.

Ronny Busse, der als Anführer auch auf der Anklagebank landete, schilderte die Situation an der Kastanienallee so: „Dann sind wir aus der Straßenbahn raus und dann gab es ja gleich Prügeleien. Das war ja ein hin und her, da hat ja keiner mehr durchgesehen.“

Weil das Konzert in der Zionskirche kurz nach 22 Uhr schon beendet war, gab es bereits an der Straßenbahnhaltestelle Kastanienallee-Zionskirchstraße erste Zusammenstöße mit einigen Besuchern: „Dann sind wir bis zur Kirche vor, aber da waren wir nur ganz kurz drinne. Und dann haben wir uns langsam zurückgezogen, sonst wären wir da nicht mehr herausgekommen.“

In der Kirche und davor brach Chaos aus: „Du hast doch gar nicht mehr durchgesehen. Weil viele von ihnen, die sahen nicht anders aus wie wir teilweise. Und auf dem Kirchengelände direkt war es stockdunkel. Da hat sich alles geprügelt. Da werden sich wahrscheinlich Leute in die Fresse gehauen haben, die eigentlich zu einer Seite gehört haben. Da hat kein Mensch mehr durchgesehen. Und die Bullen schon gar nicht“, erinnerte sich Ronny Busse.

Ein anderer Zeuge sagte: „Wir waren vielleicht noch 300 Personen, als etwa 25 Skinheads reinstürmten. Sie begannen eine Massenschlägerei. Drei Mann stürzten sich auf mein Mädel. Es gelang uns schließlich, den Pulk herauszudrängen und die Tür zu schließen. Wir öffneten noch einmal, weil wir Verletzte schreien hörten. Wir zogen zwei von ihnen in die Kir-che hinein. Es herrschten Schrecken, Angst und Panik.“

Selbst der Sänger der Hauptband des Abends, Sven Regener, erinnerte sich kürzlich in einem Interview an seine Beobachtungen: „Unser Konzert war schon vorbei und wir waren hinten in der Sakristei. Und als wir da rausguckten, liefen da diese Typen rum und brüllen ‚Heil Hitler‘. Das war alles völlig bizarr.“

Um 22.22 Uhr klingelte auf dem Revier der Volkspolizei in Berlin-Mitte das Notruftelefon, nur zwei Minuten später ging auch in der Direktion im Prenzlauer-Berg ein Notruf ein. Als die Beamten gegen 22.30 Uhr schließlich vor Ort eintrafen, bot sich ihnen jenes Bild: Vor der Tür der Kirche waren etwa 200 Menschen versammelt. Die Prügeleien waren bereits beendet. Ein Eingreifen sei nicht erforderlich gewesen, wurde später im Protokoll vermerkt.

„EY, TUT DOCH HIER MAL WAS!“

Im Anschluss an die Vorfälle begann die übliche polizeiliche Untersuchung, und was die Zeugen darin aussagten, spricht eine ganz andere Sprache: „Während der ganzen Handlungen fuhr ein Funkstreifenwagen aus der Kastanienallee vorbei. M. versuchte, diesen anzuhalten. Der Funkstreifenwagen hielt nicht an, er fuhr langsam vorbei. Zu diesem Zeitpunkt lag der J. noch auf der Straße“, heißt es da.

„Die Leute sind schreiend und heulend auf die Bullen zu und haben gesagt ‚Ey, tut doch hier mal was! Macht doch mal bitte was!‘ Man hat nicht etwa Sirenen von den Bullen gehört, die Bullen waren eigentlich die Ruhigsten. Das ist der eigentliche Skandal dieses Abends“, sagte später ein Konzertbesucher.

Dem Großteil der Skinheads gelang es zunächst unbehelligt zu flüchten. In der Jungen Welt schilderte der Skinhead Thommy: „Ich war bei der Zionskirche mit bei gewesen, aber konnte noch rechtzeitig mit 26 Mann die Kurve kratzen. Dann nachher hab ich dann gesehen: überall Bullen und alles. Dann sind wir in einen Hausflur gegenüber — auf der Ecke ist doch so’n Zooladen —, und genau da gegenüber, in den Hausflur erst mal rin. Vier Stunden gesessen, bis die weg waren. Dann sind wir alle einzeln gegangen. Na ja und — Glück gehabt“.

Anders als noch im Juni desselben Jahres, als die Ostberliner Polizei mehrere tausend Jugendliche, die sich am Brandenburger Tor versammelt hatten, um einem Rockkonzert jenseits der Mauer zuzuhören, mit Schlagstöcken die Straße herunterprügelte, griff die Staatsmacht vor der Zionskirche nicht ein. Gerade das Nicht-Eingreifen der Volkspolizei nährt (vor allem in Kreisen ehemaliger Oppositioneller) bis heute das Gerücht der Zusammenarbeit zwischen rechten Skinheads und den staatlichen Behörden in der Endphase der DDR. Die Beweislage für eine solche Zusammenarbeit ist allerdings ziemlich dünn und deshalb soll dieses Kapitel hier mal übersprungen werden.

Nichtsdestotrotz endete der Abend für einige Angreifer in den Gewahrsamszellen des berüchtigten Polizeireviers in der Keibelstraße im Stadtbezirk Mitte.

Auf dem Weg von der Zionskirche in Richtung Greifswalder Straße waren einige Skins in der Tram von der Volkspolizei verhaftet worden.
Frank Holler erinnerte sich an die Episode in der Straßenbahn später im Interview: „Gleich alle reinkassiert, wir waren fünf oder sechs Mann, alle zum Mannschaftswagen, außer ich, mich haben sie gleich zum Lada gebracht, da haben sie mich dann reingesetzt und dann habe ich eine vor die Fresse gekriegt. Haben gesagt ,Die Schnauze halten! Sonst kriegst Du gleich noch eine‘. Und dann sind sie mit mir zur Keibelstraße gefahren.“

Nachdem die ersten Skins noch in der Nacht des Überfalls gestellt wurden, mahlten die Mühlen der Ermittler in den nächsten Wochen auf Hochtouren. Schon genau einen Monat später konnte die Berliner Zeitung unter der Überschrift Rowdys ermittelt vermelden: „Die Kriminalpolizei nahm mehrere Rowdys fest, die am 17. Oktober in Mitte Besucher eines Rockkonzertes in der Zionskirche in grober Weise belästigten. Gegen sieben Täter wurden zwischenzeitlich Ermittlungsverfahren eingeleitet und Haftbefehle erlassen. Gegen acht weitere Personen wurden Ordnungsstrafverfahren durchgeführt.“

Etwa die Hälfte der Skinheads war also vier Wochen nach dem Überfall schon ins Visier der Ermittler geraten, einzelne mussten sich scheinbar schon für ihre Taten verantworten. Noch bevor aber eine einzige Zeile in den deutschen Zeitungen — Ost wie West — erschienen war, landeten die ersten Berichte über den Vorfall auf dem Schreibtisch des Ministers für Staatssicherheit, Erich Mielke, der eine eingehende Prüfung der Vorfälle veranlasste.
Außerdem leitet Mielke die Angelegenheit sogar bis zu Egon Krenz und Erich Honecker weiter. Der Vorfall war also nicht ganz unwichtig.

Bis zum 3. Dezember wurden dann „insgesamt 64 DDR-Bürger zugeführt oder vorgeladen“. Der zitierte Skinhead Thommy war einer von ihnen. Seine Sichtweise auf die folgenden Tage nach dem Überfall liest sich beinahe unglaublich: Gerade eine Woche hätte es gedauert, bis alle an der Tat beteiligten Ostberliner Skinheads verhaftet worden wären, behauptete er später in der Jungen Welt. Selbst Ingo Hasselbach, der als einer der bekanntesten Aussteiger aus der ostdeutschen Neonaziszene bekannt werden sollte, geriet ins Fadenkreuz der Ermittler, obwohl er an dem Abend nicht einmal in der Nähe des Zionskirchplatzes gewesen war. Für den 17. Oktober hatte der Mitbegründer der Lichtenberger Front und der Nationalen Alternative das perfekte Alibi: Wegen eines anderen Vergehens hatte er zu jenem Zeitpunkt, als die Schlägereien vor und in der Kirche wüteten, in einer Zelle im Gefängnis in Rüdersdorf gesessen.

DER ERSTE PROZESS WIRD ERÖFFNET

Am 27. November 1987 begann der erste Prozess gegen vier Angreifer. Die Junge Welt stellte eigens eine Gerichtsberichterstatterin für den Fall ab: „Wie die Anklageschrift weiter hervorhebt, wurden während der Ausschreitungen von den Rowdys immer wieder Parolen aus der Nazizeit ausgestoßen, was in der DDR, wo der Faschismus mit all seinen Wurzeln ausgerottet ist, unter Strafe steht“, schrieb sie.

Bis zum 5. Dezember war in der Presse der DDR nun fast täg-lich über den Prozess zu lesen. Mehr als 20 Zeugen wurden in dieser Woche vernommen und lediglich ein Angeklagter bekannte sich offenkundig zu den begangenen Straftaten, alle anderen stritten die Vorwürfe mehr oder minder vehement ab. Am 3. Dezember wurden gegen die vier angeklagten Skinheads schließlich Freiheitsstrafen zwischen einem und zwei Jahren ausgesprochen — Ronny Busse sollte als Haupttäter für zwei Jahre hinter Gitter.

Schon zwei Tage später konnten die Zeitungen aber vermelden, dass das Verfahren in Revision gehen würde. Die Staatsanwaltschaft, die damit im Übrigen gegen die selbst geforderten Strafen Protest eingelegt hatte, pochte auf längere Haftzeiten. Die Weisung dazu kam vom Generalstaatsanwalt der DDR, Günther Wendland, persönlich. Das Strafmaß wurde für alle Beteiligten empfindlich erhöht und die Strafe des Hauptangeklagten verdoppelte sich gleich auf vier Jahre hinter Gittern.

In der Jungen Welt, war dann auch das erste Mal von ostdeutschen Skinheads die Rede: Unter der Überschrift ‚Härte gegen Skinrowdys – das ist gerecht‘ brachte die Zeitung einen großen Bericht über „kahlgeschorene Köpfe oder kurzgeschorene Haare. Kniestiefel, Jeans, und sogenannte Bomberjacken“.

Nur gut einen Monat nach der Korrektur des Urteils gegen die ersten vier Täter standen am 26. Januar 1988 acht weitere Ostberliner Skins vor Gericht – unter ihnen Andre Riechert, der 1990 für die erste rechtsradikale Partei der DDR, die Nationale Alternative, bei den Berliner Kommunalwahlen antrat.

Wie schon in der ersten Verhandlung ging die Presse den Glatzen auf den Leim, die sich eine hübsche Geschichte über einen Westberliner Skinheadanführer ausgedacht hatten. Was als Schutzbehauptung erfunden worden war, nutzten die Zeitungen der DDR zum Rundumschlag gegen den Klassenfeind. Nazis durfte es in der DDR nicht geben. Und so beschäftigte sich die Presse ausführlich mit den ‚Einpeitschern aus Westberlin‘, deren vermeintliche Inspiration für den Angriff durch ihren Anführer Bomber jedoch nichts weiter als Schadensbegrenzung der Ostberliner Skinheads war.

Dass der angebliche Anheizer aus Westberlin gar nicht existierte, spielte für die Schreiberlinge überhaupt keine Rolle. Schließlich passten die Aussagen der Angeklagten, die dem erdachten Phantom die Alleinschuld zuschoben, zur offiziellen Pressemeinung. Und paradoxerweise stimmte die Behauptung, dass das Skinheadphänomen ein Import aus dem Westen wäre, auf eine bestimmte Art und Weise ja sogar.

Am Ende des zweiten Prozesses gegen die Zionskirchenangreifer, in dem wiederum mehr als 20 Zeugen ausgesagt hatten, verhängte das Stadtbezirksgericht Berlin-Mitte am 3. Februar 1988 ähnlich drakonische Strafen wie schon das Stadtgericht in der Revision des letzten Verfahrens. Arreste zwischen einem Jahr und sechs Monaten sowie drei Jahren und neun Monaten sollten eine Diskussion in der Öffentlichkeit offenbar bereits im Keim ersticken – zugleich wurde damit die bereits Anfang November 1987 von der Stasi-Hauptabteilung IX geforderte „konsequente staatliche Reaktion auf rowdyhafte Ausschreitungen feindlich-negativer Jugendlicher“ festgeschrieben.

NACHLESE

Für die Öffentlichkeit der DDR hatte der Überfall eine ganz wesentliche Folge: Der Staat hatte über die Medien erstmals zugegeben, dass es zwischen Elbe, Oder und Neiße rechtsgerichtete Skinheads gab. Für die Ost-Skins – und speziell für jene in der Hauptstadt – bedeutete die Zeit nach dem Überfall erst einmal den Kopf in den Sand zu stecken. Die Staatsmacht steigerte die Zahl der Verhaftungen deutlich und unter den „negativ dekadenten Jugendlichen“ standen Skinheads plötzlich auf Platz eins der schwarzen Liste.

Noch bevor die letzten der zwölf Angeklagten rechtskräftig verurteilt worden waren, schrieb der stellvertretende Minister für Staatssicherheit, Rudi Mittig, in einer Mitteilung an die Bezirksverwaltungen des MfS: „Es ist davon auszugehen, daß zum gegenwärtigen Zeitpunkt Skinheads und skinhead-ähnliche Jugendliche den Schwerpunkt unter negativ dekadenten Jugendlichen bilden und deshalb vorrangig zu bearbeiten sind.“

Zwischen dem 1. Oktober 1987 und dem 20. Februar 1988 wurden folgerichtig insgesamt 94 Kahlköpfe verhaftet.

Nachdem die letzten Scherben aus der Zionskirche gefegt worden waren und knapp die Hälfte der Angreifer auf das Konzert in den Monaten nach dem 17. Oktober 1987 in den Knast gewandert war, wurde von verschiedenen Stellen immer wieder behauptet, dass der Überfall geradewegs eine „Lawine der Gewalt“ losgetreten hätte.
Tatsächlich fanden Ende der 80er viele frustrierte DDR-Kids in der Skinheadszene ein neues Zuhause, bei Fußballspielen kam es zu brutalen Ausschreitungen. Eine Entwicklung, die zuletzt auch dazu führte, dass alte Skins, die mit der neuen Generation nur wenig anfangen konnten, nicht selten den Hut zogen und die Stiefel an den Nagel hängten.

Allerdings zeigt die interne Post der Staatssicherheit, dass es auch schon vor dem Überfall auf die Kirche zu zahlreichen Übergriffen kam, an denen Skinheads beteiligt waren: Bereits 1986 überfielen Skinheads gezielt ein Wohnheim von Ausländern in Halle, im März 1987 schlugen sechs Skins in Berlin-Marzahn einen NVA-Soldaten zusammen, andere drangen im selben Monat in einer Gartensiedlung im Stadtteil Hellersdorf in einen Bungalow ein, um dort feiernde Punks zu verprügeln und Mitte September schließlich schlugen Skins in Dresden einen Mosambikaner krankenhausreif.

So ist der Überfall auf das Konzert wohl ein Höhepunkt der von DDR-Skinheads verübten Gewalt gewesen, ihr Auslöser war er aber mit Sicherheit nicht.

Im Wesentlichen ist diese Story aus Unmengen von Zeitungsartikeln, Fanzines, der zur Verfügung stehenden (wissenschaftlichen) Literatur und der Dokumentation „Neonazis in der DDR“ rekonstruiert, die man sich übrigens kostenlos im Netz ansehen kann.

Ein Kommentar

  • Collaps

    Allerdings weiss ich von 1 West-Berliner Renee, die mir gegenüber sehr fröhlich geprahlt hatte, mit Kumpelz von KdF/Ao dabei gewesen zu sein.

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