TOY DOLLS - The Album After The Last One - LP Review
Label: 
Format(e): 
CD, LP
Genre: 
Punkrock
Oi!, Streetpunk

TOY DOLLS

The Album After The Last One - LP
10

TOY DOLLS? 2012? Oha, Wirkungstreffer! Eine 30-jährige Love Affair wird nachhaltig aufgefrischt, "The Album After The Last One" versprüht exakt denselben Zauber wie ihr frühes Klassiker-Material. Mit "She Goes To Fino's" (auf der "Strength thru Oi!" Compilation) ging es bei mir einst los, 1984 durchbrach "Dig that groove baby" den Eisernen Vorhang, sorgten fröhliche Weisen wie "Spiders in the dressing room" oder "Dougie giro" für heitere Stunden in Ostberlin. "Nellie the elephant" wurde, nach anfänglicher Begeisterung, vom "Bommerlunder"-Effekt gefressen. Klare Überdosis, totgespielt in Disco und Hörfunk. Mittlerweile rehabilitiert und, in Maßen genossen, wieder durchaus genießbar.

"Far out disc", der 85er Longplayer, rückte in meine ewige UK Top-10, die nachfolgende Diskographie lief dann etwas nebenher, die Wiederholungs-Täterei mußte frischen Klängen weichen. Aber die Songs blieben über die Jahre immer präsent, funktionierten ohne Nostalgie oder Wenn & Aber. Zeitlos, spritzig und unglaublich dynamisch. Zäpfchen-Style. Wie ein Tischfeuerwerk mit TNT-Finale. Neben den unglaublichen Kermit on Lachgas-Vocals und den schnittigen Riffs (Olga ist auch hier ein extrem fähiger Virtuose) begeistert mich damals wie heute vor allem der schräge Blödsinns-Humor, durchgeknallte Reime in der Erbfolge von Benny Hill und Monty Phython. Ein seltenes Phänomen, heute wichtiger denn je. Ein dringlicher Fall für das Washingtoner Artenschutzübereinkommen, gefährdeter als der schlesische Panda!

Denn exakt diese lyrische Leichtigkeit geht und ging den nachrückenden One Hit-Aspiranten im Punk Rock-Zirkus meist ab, entweder entblödet man sich mit wiedergekäuten Polit-Phrasen aus dritter Hand/Generation bzw. staatsmännischer Großmannssucht (welche man spontan nach bestandenem BWL-oder Jura-Studium ad acta legt), nihilistischer Abfeierei von 77er Shock-Devotionalien (Rasierklinge, Bierglas und Sicherheitsnadel oder wahlweise Guns'n'Tits) und/oder emotionaler Diarrhöe (Lieskummer trifft Weltschmerz).

Der feine Wortwitz bleibt bei asketisch praktiziertem Dogma häufig auf der Strecke, wütende junge Menschen und verbitterte alte Menschen gehen zum Lachen in den Server-Raum (früher "Keller") und setzen stattdessen auf Parolen und Manifeste. Sendungsbewußtsein und Humorlosigkeit als unheilig zelebrierte Einfältigkeit. Wenn sich dann aber die entsprechende Befindlichkeiten geregelt haben und die einstigen Propheten und Weltverbesserer von Feldwebel Alltag (a.k.a. Job und Familie) wieder brav ins Glied zurücksortiert wurden, ähnelt die Szenarie einem übel besudelten Schlachtfeld voller gemetztelter Illusionen und gebrochener Versprechen. Was tun? Die hinterbliebenen Longtimer greifen relaxt zum Telefon und rufen den Tatort-Reiniger.

Im Spielfilm ist das bestenfalls Mr. White, im Punk Rock ist das bestenfalls Michael „Olga“ Algar.

Und Olga macht gehörig sauber: Die 16 Tracks auf "The Album After The Last One" (inklusive dreier höchst köstlicher Akustik-Nummern) lassen die Punk Rock-Szenarie wieder blitzblank erstrahlen, alle störenden Nebengeräusche wurden ausgeblendet. "Gordon Brown Gets Me Down", "Credit Crunch Christmas", "Sciatica Sucks", "Decca's Drinking Dilemma" (der besungene Decca Wade trällert höchstselbst und völlig unbekümmert im Backing Choir mit). Ein musikalischer Stimmungsaufheller auf ganzer Linie, pharmazeutisch betrachtet, sollte man die TOY DOLLS neben Ephedrin, Ritalin oder Prozac ins Regal sortieren (Merke: Ein gutbestücktes Platten-Regal ist der beste Medizin-Schrank!).

Auftretende Nebenwirkungen: Anhaltend gute Laune, lädiertes Zwerchfell und spontane Trunksucht. Von Apothekerfrauen und Barschlampen wärmstens empfohlen.

Don't take it too serious, Punk Rocker!

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