Feuilleton

Kleine Brötchen

Von Ben Hurley nach einem Storyboard von Antje T.
Gestützt auf nackten Tatsachen – aus dem MP #38, 5.09

Er sitzt auf dem Boden. Mein Vater in Jeans und oben ohne. Er sieht mich nicht, wie ich den Raum betrete. Ich drücke die rote Recording-Taste an meiner Kamera, er hat sie mir vor zwei Wochen zu meinem sechzehnten Geburtstag geschenkt.

„Daddy?“

Ein Speichelfaden läuft ihm langsam aus dem Mundwinkel und tropft auf sein Brusthaar. Er blickt auf, seine Augen sind Schlitze. Das Bild wird durch diese Augen in seinen Kopf dringen, wie Licht durch eine Lamellenjalousie, die man mit zwei Fingern auseinander spannt.

„Taylor“, sagt mein Vater. Seine Hand hebt sich in meine Richtung, macht eine Bewegung, als griffe sie im Fallen vom Baum nach einem Ast. Ich sehe es, obwohl ich zwei Meter von ihm entfernt stehe, nicht im Original, sondern blicke auf das Display meiner Kamera. Es ist, als passierte das, was ich sehe, nur in einem kleinen Kasten in meiner Hand. Vor meinem Vater steht auf dem Boden ein Teller, darauf ein Hamburger, wahrscheinlich hat er ihn gerade von unten bringen lassen. Ein Wunder, dass er dazu noch in der Lage war.

„Was machst Du da?“ frage ich mein Display.

Mein Vater greift nach dem Burger, er nimmt ihn in beide Hände, dabei verliert er beinahe sein Gleichgewicht und kippt schräg vornüber. Er hält sein Essen in der Hand und glotzt darauf, als hielte er einen Frosch in der Hand. Ein Stück Zwiebel löst sich aus der Umklammerung des Brötchens und fällt auf den Boden.

„Taylor“, sagt er noch einmal, diesmal zu seinem Burger und beißt hinein. Er kaut und versucht dabei, seinen Bissen im Mund zu behalten, doch es klappt nicht, Fleisch, Tomate und Sauce tropfen und fallen aus seinem Mund und er sieht aus wie ein Lama, ich bin völlig weg vor lauter Ekel und Faszination.

„Ich werde Dir morgen zeigen, was ich hier sehe“, sage ich. „Warum hast Du getrunken?“

Mein Vater greift nach der Serviette auf dem Teller, dabei zerfällt der Burger in seine Einzelteile und verstreut sich um ihn herum. Er hält sich die Serviette an den Mund und ich denke, dass er gleich wieder alles auskotzen wird, während er dabei in die Kamera blickt.


Das hätten sie heute alle sehen sollen, denke ich. Nicht das grinsende Gesicht, gewohnt an die Lampen, Blitze und Blicke und seine Faust, siegessicher in der Luft.


„Warum trinkst Du?“ frage ich noch einmal in das eingebaute Mikrofon.

Meine Stimme ist mir fremd, trotzdem kenne ich diese Frage, ich habe sie von meiner Schwester, meiner Mutter, von mir selbst oft gehört.

„Warum was, zur Hölle?“ Kein Mensch, der meinen Vater nicht so kennt, wie ich, hätte verstanden, was er sagte. Nur wenige können ihn verstehen, wenn er spricht, als wäre sein Mund mit Kautschuk ausgegossen.

„Ich habe Probleme“, sagt er und blickt verständnislos auf das Durcheinander um ihn herum. „Ich habe beschissene Probleme.“

Ich schalte die Kamera aus und blicke zum ersten Mal, seit ich hier bin, am Display vorbei meinen Vater an. Er stützt sein Gesicht in die Hände, im Schneidersitz, ich sehe seinen Rücken im Rhythmus seines Atems auf und ab wogen. Die Farben sind anders, fast erschreckt mich die Brillanz des tatsächlichen Bildes. Könnte gut sein, dass er schon eingeschlafen ist.

Als ich ins Zimmer kam, wusste ich, was mich erwartet, ich habe ein Gefühl dafür. Er wird mich nicht überraschen, das war einmal. Kein Mensch kann beschreiben, wie es sich anfühlt, seinen Vater zwei Mal zu kennen. Einmal so, wie alle anderen und einmal so, wie es keiner sehen soll. Mein Vater ist zweimal da, zweimal da draußen und zweimal in meinem Herzen. Und jetzt gerade reißt alles einmal mehr entzwei.


Mein Vater war in den Neunzigern Rekordhalter. Keine andere männliche Person war so oft auf Zeitschriftencovern abgebildet, wie er.


Vor Allem die Deutschen hatten einen Narren an ihm gefressen. Im Trophäenzimmer meines Vaters hängen allein zwanzig golden gerahmte Ausgaben des BRAVO-Magazins.

1989 stand mein Vater vor 500.000 Deutschen und sie alle wollten nur ihn, ihn allein und die Freiheit. Bei keiner Gelegenheit vergisst mein Vater zu erwähnen, dass in Wirklichkeit er es war, der die Berliner Mauer zum Einsturz gebracht hat.

Heute Morgen sieht mein Vater aus, als hätte er sein Leben hinter, und nicht über einer Mauer verbracht. Er trägt noch dieselbe Jeans, aber er hat sich immerhin ein T-Shirt übergeworfen.

Ich habe Frühstück kommen lassen, der Hotelboy schenkte mir einen Blick, der mir den Tag retten wird. Mein Vater schlurft an mir vorbei und lässt sich auf den Stuhl gegenüber fallen.

„Taylor, Gott, bring mir ein Glas Wasser.“

Ich lege meinen Toast ab. „Guten Morgen, Daddy.“ Nur mir fällt der Vorwurf auf.

Ich gehe zum Waschbecken, fülle ein Glas mit Wasser und löse eine Alka Seltzer darin auf.

„Weißt Du noch was von gestern?“ frage ich in den Raum.

„War ein guter Abend, sie werden mich in die Show nehmen, denke ich. Wow, das tut gut!“

Mein Vater knipst den Fernseher an und stürzt sein Glas hinunter.

„Das meine ich nicht.“

„Ist das nicht Richard?“ Er zeigt auf den Bildschirm und lacht. „Gott, Richard, was haben sie mit Dir gemacht?“


Meine Kamera liegt neben meinem Teller auf dem Tisch.


„Möchtest Du etwas sehen?“ frage ich. „Ich habe gestern wieder etwas aufgenommen.“

Mein Vater nimmt meinen Toast von meinem Teller und schiebt ihn sich in den Mund.

„Ich wusste es, Taylorbaby, als ich sie Dir gekauft habe, wusste ich es, Du wirst eine tolle Regisseurin. Du hast das im Blut! Du kannst gar nicht anders, als die Welt durch eine Kamera zu sehen.“

„Das heißt also ja?“

Ich verbinde die Kamera mit dem Hotelfernseher und drücke die Playtaste.

„Daddy?“, sagt meine Stimme im Fernseher, sie klingt für mich, als säße ich in einer Metalldose. Ich werde mich nie an meine Stimme gewöhnen, wenn ich sie vom Band höre.

Mein Vater hört auf zu kauen. Sein Blick hängt am Bildschirm, er sagt kein Wort. Beide sitzen wir stumm und blicken durchs Schlüsselloch auf die Trümmer unserer Familie.

„Ich möchte das nie mehr erleben“, sage ich, als mein Video zu Ende ist.

Mein Vater sagt nichts. Wäre er allein, würde er jetzt vermutlich nach seinem Drink greifen.

„Ich möchte nicht, dass Du trinkst.“

„Mein Gott“, mein Vater wendet sich ab und greift nach einer Serviette.

„Wenn ich Dich noch einmal so sehe Daddy“, sage ich und nehme seine Hand. Er sieht mich nicht an.

„Wenn ich Dich noch einmal so sehe, werde ich dieses Video bei Youtube hochladen.“


Eine Weile ist es still im Raum, man hört nur den Atem meines Vaters. Der Atem von jemandem, der nicht atmen will.


„Hast Du mich verstanden?“ mein Herz beginnt zu klopfen, ich würde am Liebsten aufstehen und ihn in den Arm nehmen.

Mein Vater nickt und schnäuzt sich in die Serviette. Er will etwas sagen, holt Luft, seufzt sie wieder aus und sitzt dann doch nur da und sieht an mir vorbei. Ich frage mich, was er sieht. Vielleicht eine schwebende Flasche Scotch.

„Daddy? Bist Du noch da?“ Ich drücke die Hand meines Vaters und schalte mit der anderen den Fernseher aus.

„Taylor“, sagt mein Dad langsam, wie auf dem Sterbebett. „Ich kann Gott nur danken.“

„Du hast gerade Deinen Entzug hinter Dir. Du wolltest nie mehr trinken.“

Mein Vater sieht mich endlich an und für einen Moment sieht er aus, wie mein Dad, so wie ihn alle kennen.

„Ich danke Gott für meine Tochter“, sagt er. Oder auch nicht. Jedenfalls sagt mein Ohr in etwa genau das zu mir.

Es ist noch dieselbe Kamera. Ich habe sie immer noch. Ich drücke die rote Recording-Taste. Der Saal ist voll von Menschen, Journalisten mit Fotoapparaten, Kamerateams, Beleuchter, Mikrophonhalter. Seit Langem haben sich nicht mehr so viele Menschen für meinen Vater interessiert.


Das Summen der Stimmen verstummt, es wird still im Saal.


Patrick, der Manager meines Vaters tritt hinter das Pult auf der Bühne.

„Sehr verehrte Kollegen“, sagt er und man hört das Fiepen der Rückkoppelung an seinem Mikrofon. Ich filme die Journalisten, wie sie mitschreiben und Kameraperspektiven austesten.

„Kollegen, ich bitte Sie, während der Pressekonferenz vom Fotografieren mit Blitzgeräten abzusehen. Sie werden alle Gelegenheit bekommen, ihre Fragen zu stellen, bitte machen Sie sich durch Handzeichen bemerkbar. Im Anschluss an diese Konferenz wird im Foyer des Malibu Beach Hotels Gelegenheit sein, Fotografien meines Mandanten zu machen. Auch ist ein kleiner Imbiss für Sie vorbereitet.“

Patrick ist seit fünfzehn Jahren an der Seite meines Vaters. Ein Profi.

Stimmengewirr im Saal, als mein Vater die Bühne betritt. Er sieht gut aus, ist geschminkt, frisch frisiert, wie immer hat Hector, der Visagist meinem Vater kurz vor dessen Auftritt über die Schulter gespuckt und den Daumen in die Luft gereckt.

„Ich möchte gerne folgendes sagen“, mein Vater schraubt sich das Mikrofon zurecht.

„Ein Video hat in den letzten Wochen für Aufregung gesorgt“, er nimmt einen Schluck vom bereitgestellten Wasser. „Ich habe dazu nicht mehr zu sagen, als dass ich sehr dankbar für dessen Veröffentlichung bin. Ich bin Alkoholiker. Ich hatte einen Rückfall, das kommt vor. Ich habe durch diesen Rückfall viel gelernt und ich hoffe, dass die jungen Menschen, die dieses Video sehen, auch etwas lernen. Alkoholismus ist eine Krankheit. Ich danke Gott für meine Tochter, die mir die Chance gegeben hat, mein Verhalten zu ändern.“

Es ist still im Saal. Ich drücke die Stop-Taste auf meiner Kamera. Ich höre nichts von den Fragen der Journalisten, nur der letzte Satz meines Vaters läuft in einer Echospur wie durch Watte immer wieder im Kreis durch meinen Kopf. Ich spüre Tränen in meinen Augen und ziehe meine Baseballcap tiefer in mein Gesicht. Irgendwann merke ich, dass alle aufstehen. Mein Vater kommt von der Bühne auf mich zu, Patrick hinter ihm her.

„Taylor“, sagt mein Vater und umarmt mich. Wir haben uns seit Wochen nicht mehr gesehen. „Kommst Du noch mit ins Hotel? Darf ich Dich heute Abend zum Essen ausführen? Nur Du und Dein alter Daddy? Sag ja!“

Meine Hand umspannt die Kamera in meiner Hand. Ich widerstehe dem Impuls, sie auf meinen Vater zu richten, so wie all die anderen.

„Vergiss nicht“, sagt Patrick hinter meinem Vater und nickt mir zu. „Du bist heute Abend gebucht, Du singst im Chrysler Store am Rodeo Drive.“

„Ein Autohaus?“ Mein Vater verzieht sein Gesicht, als hätte er einen Martini gestürzt.

„Wir müssen kleine Brötchen backen“, sagt Patrick und sein Blick wandert zwischen mir und meinem Vater hin und her. „Das sind nicht mehr die goldenen Zeiten.“

„Ja“, sagt mein Vater und sieht mich an, als hätte er mich bereits versetzt. Er streift mit seiner Hand über meine Backe. Um uns herum zucken trotz Verbot die Blitze der Kameras.

„Kleine Brötchen“, sagt mein Vater. „Das sind nicht mehr die Neunziger, mein Töchterchen.“

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