Feuilleton

„J’irai revoir ma Normandie“

von Thorsten Braun
aus MP #14, Oktober 1999

„Ich werde meine Normandie wiederzusehen“

Mit diesem alten Chanson auf den Lippen stürmten am 6.6.1944 die frankokanadischen Soldaten den Strandabschnitt Juno-Beach. 5000 verreckten und liegen jetzt in ihrer alten Heimat begraben.

Während der Fahrt durch die Picardie durchquert man die Schlachtfelder des ersten Weltkriegs. Hinter jeder Straßenecke liegt ein Soldatenfriedhof, sogar für Australier und Neuseeländer gibt es welche. Man kann einer Touristenstraße folgen, ahnlich der deutschen Weinstraße. Ein blutroter Fleck mit den Umrissen des Departments Somme weist den Weg.

Manchmal stehen Schilder am Straßenrand: Frontverlauf am 1.8.1916 (oder an einem anderen Tag).

Die Sonne brennt, man fährt durch die Felder (‚Hier wachsen lhre Croissants‘ steht auf Werbeplakaten) und denkt sich, daß jeder Quadratzentimeter mit genügend Blut gedüngt ist, um noch im nächsten Jahrtausend fruchtbaren Ackerbau zu treiben.

Noch näher am Schrecken ist man dann im westlichen Teil der Normandie. Der zweite Weltkrieg ist noch immer allgegenwärtig. Von Ouistreham an der Ome-Mündung mit seiner Pegasus-Brücke bis St. Vaast-la-Hogue auf der Halbinsel Cotenin ziehen sich die Invasionsstrände Sword, Juno, Gold, Omaha und Utah Beach.

Jedes Dorf darf hat sein Kriegerdenkmal, Panzer stehen herum und in jedem Kaff gibt es ein Museum, das an die Befreiung erinnert.

Das kann so gottverdammt lächerlich wirken.

In Hermanville hat jemand seine Hauswand mit Propellern dekoriert, in Barfieur stehen kleinere Geschosshülsen als Vasen im Café auf den Tischen. Die Andenkenläden verkaufen Reproduktionen von Armeefahrzeugen sämtlicher Nationen. Plastikpistolen, Bücher zweifelhaften Inhalts („Airborne Rifles: Mess with the best – die with the rest“), Teller und Postkarten, z.B. mit einer künstlerischen Impression vom Angriff: drei Sondaten, die gleichen entschlossenen Gesichter – wahlweise in französischer. britischer oder amerikanischer Uniformsteckend, oder aber alle drei vereint. Der Künstler hat dabei sicherlich nur ein arisches Gemälde überpinselt.

In Longues-sur-Mer macht man damit Werbung, die einzige Geschützbatterie zu besitzen, die noch ihre alten Kanonen hat.

Dort treibt sich allerlei Gesindel rum: Militaristen sämtlicher Länder, die die tollen Bunker betrachten, die der Bombardierung standgehalten haben, die teilweise noch nicht einmal nachträglich gesprengt werden konnten; Neonazis, was auch immer die dort zu schauen haben, das Scheitern ihrer dummen Ideen vielleicht; ein paar Alte, die dort schon vor 55 Jahren waren; Touristen, die dem Reiseführer gehorchen.

Von den Klippen aus kann man die Hafenanlagen von Arromanches-les-Bains sehen, resige Pontons, die bei Ebbe aus dem Wasser ragen und die von den Briten dort als ‚Port Winston‘ installiert wurden. In den Restaurants des Dorfes gibt es ‚Austern aus den Pontons‘ zu essen, im nahen Commes kann man in einem Museum Dinge sehen, de während der Landung ins Wasser gefallen sind, mit Seepocken überkrustete Panzer zum Beispiel.

In Sainte-Mère-Eglise hängt eine Schaufensterpuppe in amerikanischer Uniform am Kirchturm, als Erinnerung an einen amerikanischen Fallschirmspringer, der bei der Invasion dort hängen blieb. Sonst erfährt man nichts Genaues über sein Schicksal. Angeblich erhielt er nur eine Schusswunde am Fuß, die Deutschen haben ihn am nächsten Morgen abgehangen. Was aus ihm wurde, interessert anscheinend niemanden.

An vielen Strandabschnitten kann man die alten Geschützbunker des Atlantikwalls als Abenteuerspielplaz nutzen oder als Toilette. Diese Bunker heißen bei den Franzosen übrigens ‚les blockhaus‘.

Bei Ravenoville-Plage habe ich ein Stückchen von einem menschlichen Unterarmknochen im Sand gefunden.

Dann der Besuch eines Soldatenfriedhofs, dem deutschen bei La Cambe. 22.000 sind hier begraben, die meisten sind nicht einmal so alt geworden wie ich es heute bin.

In einer Ausstellungshalle der Kriegsgraberfürsorge hängt eine Weltkarte, die zeigt, wo es überall deutsche Kriegsgräber gibt. Nennt irgend ein Land und seid sicher, dass dort ein deutscher Soldat begraben liegt, wo er nichts zu suchen hatte – im Namen eines armseligen Begriffs von Nation krepiert.

An die Nieren geht die Ausstellung mit Briefen von Gefallenen und Berichten Überlebender verschiedener Nationen. Ein deutscher Soldat beschreibt, wie er in blinder Verzweiflung, weil seine Stellung schon seit Tagen bombardiert wurde, ohne dass Hilfe gekommen wäre, auf alles ballerte, was sich bewegte.
Ein Amerikaner erzählt, wie sein Landungsboot mehrfach getroffen wurde, seine Kameraden zerfetzt wurden, er ins Wasser fiel, rausgefischt und gleich wieder losgeschickt wurde. Wie er stundenlang im Wasser zwischen Leichenteilen in Deckung blieb, weil an den Strand nicht zu denken war.

Nach meiner Rückkehr die Geburtstagsfeier meines Schwiegervaters. Ich erzählte von den Bunkern.
„Ja,“ sagt ein älterer Mann, „da war der Erich immer stolz drauf. Der hat immer davon erzählt, wie er die gebaut hat und wie solide die waren.“
Ja, das Arschloch Erich und Tausende von Zwangsarbeitern aus ganz Europa haben Bauwerke hinterlassen, die man noch in Hunderten von Jahren besichtigen wird, wenn sie die See nicht gnädigerweise verschluckt.

Was wird in einigen Jahren sein, wenn der Strom derjenigen versiegt ist, die an den Stränden gekämpft haben? Wenn man im freien Wettbewerb mit Eurodisneyland konkurrieren muss? Wenn sich die touristischen must-sees auf den Mont-Saint-Michel, die Kathedrale von Rouen, den Teppich von Bayeux und etwas Monet hier und da reduziert haben?
Wird dann der zweite Weltkrieg aufgepeppt?
In Arromanches gibt es schon ein 360°-Rundumsicht-Kino. Ich war nicht drin.

Zwei Touristen-Routen sind auch schon ausgeschildert. Der zukünftig Reisende wird es sich ansehen und wohlig erschauern, wie beim Anblick mittelalterlicher Kerker oder Folterinstrumente. Man wird Helden aufbauen, Symbolfiguren wie de Gaulle oder den Soldaten, der am Kirchturm hängt.

Zum Schluß: Was macht eigentlich Heldentum aus?
Bereit zu sein, sich für eine Idee massakrieren zu lassen?
Sich für die richtige Idee massakrieren zu lassen?
Sich für den Sieger massakrieren zu lassen?
Hat irgend jemand von den Davongekommenen, von den Zuspätgeborenen (ja, ich bin froh, 1965 und nicht 1925 geboren zu sein) das Recht zu urteilen, egal ob Freispruch oder Verdammnis?


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