Feuilleton

Jetzt helfe ich mir selbst: Plattenmachen leicht gemacht

von Thorsten Braun, aus MP #27, 10.2004

AIles begann im kalten Monat Februar des Jahres 2004.
Herr Ritzki jubelte mir eine CD mit unveröffentlichten Songs der norwegischen Tip Toppers unter. 4 Songs waren darauf, 4 Songs, die der Veröffentlichung harrten, 4 Songs, die mich spontan veranlassten, jetzt oder nie den Traum von einem Label in die Wirklichkeit umzusetzen.

Einige wenige Emails wechselten das Postfach; Sindre, der Mastermind der Tip Toppers, stimmte sofort zu. Eigentlich war alles ganz einfach und im Nachhinein wundere ich mich, dass es nicht wesentlich mehr Kleinstlabel gibt, dass nicht wesentlich mehr Bands ihre Platten einfach selbst herausbringen.

Im folgenden gibt’s ein paar Lektionen für euch, damit ihr mit euren Demos nicht mehr Klinken putzen gehen müsst, sondern den ganzen Kram selbst erledigen könnt.

1. Lektion: Die Musik.

Musik solltest du schon in Händen haben und zwar Musik, mit der du zu 100 % zufrieden bist. Es macht keinen Sinn, eine Platte heraus zu bringen, von der du nicht komplett überzeugt bist.
Das hört sich selbstverständlich an, aber ich persönlich habe oft den Eindruck, dass bei vielen Labels halbgare Platten rauskommen.
Vielleicht täusche ich mich auch und die Leute haben tatsächlich einen schlechten Geschmack.

2. Lektion: Das Format.

Da kommen für mich nur drei Sachen in Frage: 7, 10 oder 12 Inch. Ich bin kein Freund von CDs, also veröffentliche ich auch keine.
Viele Leute kaufen sich keine 7″ mehr, wurde mir gesagt. Das sollte deren Problem sein, nicht meines.
4 Songs um je 3 Minuten, da bietet sich eine 7, EP an.

3. Lektion: Der Name des Labels.

Irgendeinen Namen muss das Kind doch haben, wie die Wurstverkäuferin auf dem Markt mal auf die Frage erwiderte, warum eine bestimmte Wurstsorte wohl Krefelder hieße, obwohl es doch normale Leberwurst war.
Mein Label heißt Burgess Shale.
Warum das so ist, erkläre ich euch ein anderes Mal oder auch überhaupt nicht. Man kann von alleine drauf kommen, aber wirklich wichtig ist das nicht.

4. Lektion: Das Artwork.

Bzw. die Gestaltung der Verpackung. Das ist der Punkt, der richtig Spaß macht, besonders wenn man schon mit der Musik selbst nichts zu tun hat. Ideen haben, umsetzen, verwerfen, neue entwickeln.
Mit Sindre gab es hier übrigens absolut kein Problem, er hat gleich angenommen, was ich ihm vorschlug. So sollte das meiner Meinung auch sein, eine Band, die hier ihre eigenen Vorstellungen hat, sollte die Platte gleich ganz selbst rausbringen.
Für mich war klar: das Cover soll ein 7″x14″ großer Folder sein, innen und außen bedruckt. Ich habe mich für eine alte Shell-Werbung entschieden, die ich für meine Zwecke umarbeiten musste. Da ich mit Bildbearbeitung nicht auf du und du stehe, war der Weg von der Idee zur Tiff-Datei mühsam und langwierig.
Das Innencover machte weniger Mühe, Bandfotos, dazu ein paar Informationen.

5. Lektion: Noch mehr Artwork.

Ach ja, da sind ja immer diese kleinen runden Papierstückchen auf den Platten selbst, die Label.
Auf die B-Seite kommt ein Logo, so etwas gefällt mir bei anderen Firmen immer ganz gut. Auf die A-Seite kommen ein paar Angaben, welche Songs sind auf der Platte, mit welcher Geschwindigkeit sollte sich der Plattenteller drehen (nicht, dass ich erwachsenen Menschen etwas vorschreiben will) und in welchem Jahr wurde die Platte veröffentlicht.
Ich persönlich mag es gar nicht, wenn keine Jahresangabe auf der Platte zu finden ist, vermutlich war ich in einem früheren Leben Buchhalter.

6. Lektion: Das Presswerk.

Jetzt ist alles fertig, die Musik haben andere gemacht, ich habe vier Dateien erstellt und auf eine CD gebrannt: Covervorder- und -rückseite, Label für A- und B-Seite.
Das Ganze muss jetzt zum Presswerk geschickt werden, es sei denn, du kannst geschickt mit einem Schnitzmesser umgehen und hast die nötige Muße.
Hier beginnt auch der Teil, der nicht nur Zeit, sondern Geld kostet. Presswerke gibt es nicht mehr all zu viele. In der einschlägigen Fachpresse findest du Anzeigen und offen gefragt, warum nicht jemanden nehmen, der auch in „unseren“ Fanzines inseriert?
Ich muss zugeben, dass ich mich zunächst bei GZ in Tschechien umsah, die den günstigsten Preis bieten, was sich allerdings durch erhöhte Frachtgebühren auch wieder etwas relativiert.
Für mich war ausschlaggebend, dass GZ sehr lieblos und auch inkompetent rüberkam. Man kann zwar bequem online ordern, aber wehe, man hat Nachfragen zu technischen Dingen. Dann wird auf die FAQs verwiesen, die man natürlich schon durchgelesen hat, denn ganz blöd ist man doch nicht. Vermutlich interessiert man sich bei einer so großen Firma schlicht und einfach nicht für Kleinauflagen.
Ich habe mich jedenfalls für Eldorado entschieden (www.eldorado-media.com), wo ich sehr freundlich und schnell beraten wurde (danke, Anja).

7. Lektion: Die GEMA.

Fluch oder Segen? Je nach dem, für wen. Für einen kleinen Plattenmogul wie mich ein kleiner Fluch. Unter www.gema.de kann man seinen GEMA-Antrag, ohne den man in Europa keine Platte gepresst bekommt, online abgeben.
Hat bei mir nicht geklappt, so dass die Platte fertig war, aber nicht ausgeliefert werden durfte. Also wurde flugs der Antrag ausgedruckt, ausgefüllt und einem jener selten gewordenen gelben Kästen anvertraut.
Ein paar Tage später kam ein Anruf in bayrischem Dialekt (die GEMA sitzt in München), ich wurde gefragt, ob Sindre Matre ein Künstlername sei (was als Angabe unzulässig wäre) und ob ich mal in einem kleinen Kaff in Bayern gelebt hätte.
Nein, der Mann heißt so und ist Norweger und mitnichten Mitglied in der GEMA und nein, ich lebte immer in NRW, bin also keinesfalls verwandt oder gar identisch mit einem Thorsten Braun aus Bayern, der – so vermute ich – unangenehm bei der GEMA aufgefallen ist.
Somit war die Erteilung der Freigabe bei Eldorado nur noch Sache eines Faxes, welches die GEMA auch am gleichen Vormittag noch abschickte.
Ist deine Band, bzw. der Songschreiber GEMA-Mitglied oder werden GEMA-pflichtige Songs gecovert, wird eine Gebühr fällig.
Das war bei mir nicht der Fall und ist auch Voraussetzung für eventuelle weitere Veröffentlichungen.

8. Lektion: Die Kosten.

Ich will jetzt hier keinen großen Preisvergleich anstellen, schließlich ist das hier das Moloko Plus und nicht die Stiftung Warentest. Was kostet mich die Platte?
Zunächst einmal wird aus der Musik-CD eine Matrize hergestellt, entweder im Lackschnitt- oder im DMM-Verfahren. DMM ist exakter, was die Klangwiedergabe im hohen Frequenzbereich betrifft und da sogenannte Echos zwischen benachbarten Rillen unterbleiben. Aber wir reden hier von Punkrock und keiner Pink Floyd-Platte, also nehmen wir den Lackschnitt, der ist billiger (nämlich 282 EUR).
Eine 7″ kostet 0,342 EUR, ein Folder 0,267 EUR, eine Innenhülle aus Papier 0,05 EUR und eine Schutzhülle aus Polyethylen 0,0348 EUR. (Letztere hatte ich noch in größeren Mengen zu Hause, zu bestellen gibt es so etwas bei www.pro-tected.de, die ein zuverlässiger Lieferant für Zubehör aller Art, inklusive diesen altmodischen Singlesternen sind.)
Die Etikettenpaare kosten pauschal 110 EUR. Dabei ist folgendes anzumerken: Wenn man 500 Platten bestellt, kann die tatsächlich gelieferte Menge um 10 % abweichen, bezahlt wird die tatsächlich gelieferte Menge.
Ich habe vorsichtshalber mehr Folder bestellt, die allerdings immer in 500er-Einheiten gedruckt werden. Ich habe also noch einige übrig, ebenso wie Etiketten.

Zusätzlich gibt es Kosten für Versand, digitale Bildbearbeitung (sprich Druckvorstufen) und natürlich die allseits beliebte Mehrwertsteuer.
Macht summa summarum 1150,- Euro.
Geliefert wurden 525 Exemplare, ein Exemplar kostet also 2,19 EUR. Verkauft wird für 2,80 EUR, bleiben also 315 EUR Gewinn.

Ehe euch jetzt die Dollarzeichen vor den Augen aufblinken, haltet inne. Denn, ein paar von den Platten gehen natürlich nach Norwegen, als Entlohnung für die Band. Bei den Tip Toppers sind dieses 75 Exemplare, bleiben 450 zum Verkauf.
Ein Päckchen nach Norwegen kostet derzeit 8 EUR, wenn man alles auf einmal schickt, wird noch Zoll fällig. Den trägt zwar der Empfänge, muss aber nicht unbedingt sein.
Ein bisschen Promotion muss dann aber sein, obwohl ich persönlich nicht allzu viel davon halte. Ich bezweifle sehr, ob sich jemand eine Platte kauft, nur weil ich sie gut finde und entsprechendes im Moloko Plus darüber verbreite.
Aber, was muss, das muss und es ist nicht nur die Platte selbst, sondem auch das Porto, das dafür bezahlt sein will. Eine Single wird im Inland als Brief verschickt, macht 1,44 EUR.
Dann sollte man noch eine gute Verpackung wählen, denn die wenigsten Empfänger sind Willens oder in der Lage einen Scherbenhaufen zu restaurieren; bei www.protected.de kostet ein Versandkarton für bis zu 5 Singles 22 Cents.
30 Promoexemplare (vergesst die größeren Mailorder nicht) sind sicherlich sehr knapp kalkuliert und kosten dich knapp 120 EUR, was mich und euch zum Vertrieb bringt.

9. Lektion: Der Vertrieb.

Oder: wie bekomme ich meine Platten zum Endverbraucher und somit meine Kohle wieder rein?
Du spielst in einer Band? Kein Problem, dann kannst du die Platten nach deinen Shows verticken. Du weißt ja sicherlich selbst, wie viele Zuschauer ihr habt und wie zufrieden die nach Hause gehen.
Sehr schnell wirst du auch Platten los, wenn du tauschen willst. Zehn eigene Singles gegen 10 einer anderen Band. Ist natürlich blöd, wenn du einem Crust-Publikum eine Powerpop-7″ schmackhaft machen willst oder umgekehrt.
Mailorder nehmen gerne Platten ab, jedenfalls wenn sie die Band schon kennen und wissen, dass sie einigermaßen gut geht.
Wobei ”einigermaßen“ relativ ist. Im Punkrockbereich laufen die Geschäfte eher mager, auch die großen Mailorder machen ihren wichtigsten Umsatz mit einigen wenigen Produkten und seien wir ehrlich, die Tip Toppers gehören mit Sicherheit nicht dazu.
Also, kleine Brötchen backen ist angesagt.
Ich habe Glück, da sich Gregor von Sounds Of Subterrania bereit erklärt hat, den Vertrieb zu übernehmen (für einen Obolus, der mich beschämt ob seiner Kleinheit, danke, Gregor). Er ist auch in der Lage, eine vernünftige Rechnung auszustellen, sprich Mehrwertsteuer auszuweisen.
Ansonsten läuft so etwas gerne als Privatverkauf, z.B. von 2nd-Hand-Platten. Selbstredend kann man auch nicht erwarten, dass die Kohle sofort fließt, sondern eher gemächlich kleckert. Aber, eine 500er Auflage sollte man losschlagen können, nur sollte man wirklich nicht auf die Kohle angewiesen sein. Will man einen Gewinn machen, sollte man die Platte teurer anbieten oder aber eine größere Auflage pressen. Macht man 1000, muss man die noch nicht einmal alle loswerden.
Das ist aber auch mit der Band abzusprechen, in meinem Fall hatten wir eben 500 abgemacht.
Ein Vertrieb ist ebenfalls besser, wenn man ins Ausland verkaufen will, denn die Portokosten sind ein echter Dämpfer für den Kleinhandel.

Fazit: 

Es hat Spaß gemacht und das war das Wichtigste. Als die Testpressungen hier ankamen wäre ich fast vor Stolz geplatzt. Und wenn denn alle Platten verkauft sind ist die Kohle auch wieder drin und eine große, fette, schwarze Null wird die Geschäftsbücher von Burgess Shale zieren.
Die Kosten sind natürlich sehr variabel. So habe ich Abstand genommen von schwerem 70 g-Vinyl oder einer Teilauflage in farbigem Vinyl. Einfache schwarz-weiß Cover sind billiger, ebenso ersparen bedruckte Cover die Innenhülle und die Schutzhülle und somit Kosten.

Jetzt folgt noch ein kurzes Verkaufsgespräch: Die Platte gibt es mittlerweile bei folgenden distinguierten Läden und Mailordern: Sounds Of Subterrania (www..undsofsubterrania.com), New Lifeshark (www.newlifeshark.de, Baedekerstr. 15, 45128 Essen), Scumfuck (www.scumfucktradition.de), Incognito (www.incognitorecords.de), Soundflat (wwwsnundfiat.de), Green Hell (www.greenhell.de), Flight 13 (www.flight13.de)


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.