Feuilleton

Ist die Pappe erstmal weg …

von Marc Wolga, MP #32, 08.2007

Als ich den Zündschlüssel an diesem freundlichen Frühjahrstag im Jahr 2002 auf die Stellung mit den zwei Strichen drehte, knirschte der Motor mir mit voller Wut entgegen. Offensichtlich war er schon an.

Das angenehme Gefühl der eben bestandenen Führerscheinprüfung schien irgendwie verflogen. Die Bemerkung des Prüfers hallte mir jetzt nach: „Solche wie Sie sehen wir meistens wieder In der Prüfung – übervorsichtig und im Straßenverkehr legen Sie dann richtig los.“

Was ich damals noch nicht wissen konnte: Er sollte Recht behalten.

Bis ich mich allerdings mit der Führerscheinbehörde, irgendwelchen Psychologen und anderen armen Irren, die der Straßenverkehrsalltag ausgespuckt hatte, rumschlagen durfte, begann zunächst ein vielversprechend heißer Sommer.
Im Fernsehen stolperte sich die Fußballnationalmannschaft mit Ach und Krach ins Weltmeisterschaftsfinale von Yokohama und in meinem Autoradio lief die Generators-Kassette heiß.
So begleiteten mich Doug Dagger und seine damals noch absolut straßenpunktauglichen Generatoren von der Eisdiele zum See, vom See in die Kneipe zur Live-Übertragung der Fußball WM und wieder zurück.

Leider währte unsere gemeinsame Freude nicht allzu lange.

Denn ebenso wie die Völler-Elf, die sich immer schön an den schwachen Gegnern ins Endspiel hangelte, überlebte mein kleiner geliebter Corsa die Weltmeisterschaft nicht – K.O. im Finale.

Wenigstens hielt der Rüsselsheimer eine gute halbe Stunde länger durch.

Nach dem verpatzten Spiel, einer vorher durchzechten Nacht und dem ein oder anderen Bier am frühen Nachmittag, rauschte ich mit dem roten Zwerg durch den Ortsteil Schmachtenhagen, um in der dort ansässigen Bauernscheune anständig Stunk zu machen.

Warum?
Keine Ahnung.

Der Schock über die eigentlich absolut erwartbare Niederlage schien tief zu sitzen. Zumindest glaubten wir (der ehrenwerte Rattenjunge und ich) das wohl. Bis zur Zieleinfahrt sollte es allerdings gar nicht erst kommen.

In einer der zwei Kurven, die auf der Strecke liegen, knallten wir unangeschnallt in einen Kühltransporter. Ein Blick in das Gesicht meines Begleiters entlockte ihm ein debiles Grinsen. Was ich tat, als ich auf seine ungepflegten Zähne blickte, kann ich heute nicht mehr so genau sagen. Wahrscheinlich grinste ich ebenso bescheuert wie er.

Der aufgeregte Mann aus dem Kühltransporter stand jedenfalls schon auf der Straße und begutachte den Schaden, wenig später hatte er die Bullen am Handy. Ich stieg wieder ein und rief ihm zu: „Ich fahr das Ding mal von der Straße“.
Er verschwand hinter seinem Kühltransporter und ich nutzte den Augenblick, um mich aus dem Staub zu machen.

Mein Fahrgast tat es mir gleich – allerdings zu Fuß.

Als ich wieder zu mir kam, nähte der Notfallarzt im Krankenhaus gerade eine gut fünf Zentimeter lange Wunde an meinem Hinterkopf zu.

Ein Baum hatte mich zum erneuten Anhalten gezwungen. Das Resultat war neben einigen leichten Verletzungen ein völlig demolierter Kleinwagen, eine lädierte Eiche und ein Zeitungsartikel, in dem mal wieder gnadenlos überzogen wurde. Der Test der Alkoholkonzentration im Blut ergab nämlich nicht, wie fälschlicherweise behauptet, 2,34- sondern lediglich 2,33 Promille – eine absolute Frechheit…

Noch am selben Tag beschlagnahmten zwei Bilderbuchbeamte mit Schnauzbart meinen Führerschein.

Unsere Liaison hielt somit knapp drei Monate und wenig später flatterte auch schon der Gerichtstermin ins Haus. In der Zwischenzeit war der Rest des roten Blitzes auf irgendeinem Berliner Autofriedhof gefleddert und begraben worden.

Ich trauerte ihm nach.

Als der Gerichtstermin dann platzte und stattdessen ein Strafbefehl über 500 Euro im Briefkasten lag, konnte ich mir bereits ein schönes Rechnungs-Memory auf dem Schreibtisch zurechtpuzzeln. Hinzu gesellten sich nämlich knapp 1000 Euro für einen Anwalt, der ohne Verhandlung und Rechtsschutzversicherung unverschämt teuer und letzten Endes auch extrem nutzlos war, mehr als 2000 Euro für den gerammten Kühltransporter, eine kaum erwähnenswerte Bergungsrechnung des Abschleppdienstes und die Gerichtskosten – wohlbemerkt: ohne Verhandlung.
Alles in allem runde 4000 Euro, denen ich nicht einmal einen Nebenjob entgegenzusetzen hatte.

Eine ziemliche Pleite, dieser Sommer.

Noch besser wurde es dann ein knappes Jahr später, als ich bei einem netten Verkehrspsychologen zum Thema „Neuerteilung der Fahrerlaubnis“ vorsprechen durfte.

Zunächst knöpfte mir eine unfreundliche und schlecht toupierte Sekretärin weitere 500 Kröten ab, die ich zwischenzeitlich mit einem Packjob im Supermarkt verdient hatte.
Dann durfte ich Blut abgeben, einen „anlassbezogenen Fragebogen“ ausfüllen, auf ein paar bunte Knöpfe eindreschen und mich schließlich dem persönlichen Gespräch stellen.

Als ich dem Psychologen im Verlauf dieser Unterhaltung erzählte, vor gut einem Monat das letzte Mal mehr als ein Bier hintereinander getrunken zu haben, wurde er hellhörig. Bis dahin hatte ich mich mehr oder weniger gut durch seine Fragen gewuselt.
„Wieviel haben Sie denn genau getrunken?“, fragte er mich.
„Etwa sechs Bier“, hörte ich mich sagen und musste dabei an den Russen denken, der mir im Warteraum erzählt hatte, dass er schon zum x-ten Mal diesen Test mache und einfach nicht einsehe, warum er nicht bekifft durch die Gegend fahren kann.

Der Brillen-Heini zog eine Augenbraue hoch. Ich merkte, dass ich ihm in die Falle getappt war und versuchte mich zu retten: „Zwischendurch hab ich auch das ein oder andere Wasser eingeschoben“.

Es half nichts.

In seinem abschließenden Bericht hieß es, dass „die Selbstbeobachtung bei Trinkanlässen unzureichend entwickelt ist. Diese Fähigkeit ist jedoch grundlegende Vorraussetzung für einen kontrollierten Umgang mit Alkohol, der für eine angemessene Verhaltensplanung und -steuerung im Konfliktfeld ,Alkohol/Führen eines Kraftfahrzeugs‘ unverzichtbar ist“.

Hätte er mich gefragt, wie ich die One Man Army fand, die ich an dem Abend gesehen hatte, hätte er sich seine Verhaltensplanung inklusive Konfliktfeld sauber in den Arsch stecken können. Die waren nämlich spitze, das wusste ich noch.

Das Ende vom Lied war eine weitere Station auf dem steinigen Weg zum Führerschein: Der staatlich anerkannte Nachschulungskurs für alkoholauffällige Kraftfahrer.

Mittlerweile war ich bei fast 5000 Euro angelangt.
Der Kurs hatte dann aber zumindest in seiner Zusammensetzung einiges zu bieten. Mir gegenüber saß ein etwa 50-jähriger Vorstadtproll, der zu jeder Sitzung in schwarzem Hemd erschien, das er sich immer liebevoll fast bis zum Bauchnabel aufgeknöpft hatte.
Er war mit zwei Pullen Whiskey intus gute 50 Kilometer durch die Gegend gedüst, bevor ihn die Bullen aus seinem Mercedes zogen.

Neben ihm saß ein Kleingärtner, der angeblich dabei erwischt wurde, wie er im Vollrausch des Jahrhunderts den Wagen seines Schwagers auf das Gelände seiner Gartensparte fahren wollte. Natürlich war das seine erste und einzige „Trunkenheitsfahrt“, wie er immer wieder betonte.

Mein Banknachbar war der typische Arbeitersäufer mit der typischen Arbeitersäuferstory und anständigen grünschimmernden Knast-Tattoos auf den Armen und in der Fratze.
Ihm war die Alte abgehauen, woraufhin er in der Kneipe anständig einen abgebissen und seinen schwarzen Vokuhila anschließend ins Auto geschwungen hatte. So brachte ihn die folgende Verkehrskontrolle schließlich jeden Donnerstag in unseren schönen Seminarraum.

Ich war übrigens mit Abstand der Jüngste und nach 16 Stunden purer Langeweile wirklich froh, dieses Sommermärchen überstanden zu haben.
Als ich schließlich wie betäubt vor Freude mit meiner Fahrerlaubnis aus der Führerscheinstelle kam, gönnte ich mir erst einmal Urlaub an der Ostsee.

Das Force Attack 2003 stand an und hatte ich den Lappen endlich wieder.

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