Historisches & Biographien

Heavy Metal Kids – Bandstory

von Andi Wunderlin, aus MP #32, 08.2007

Die Qualität einer Rockband kann man daran messen, ob man deren Alben oder CDs oft auf Flohmärkten oder Second Hand Shops wiederfindet.

Von den Heavy Metal Kids zumindest habe ich noch nie auf diesem Wege ein Album (da würde es drei geben) gefunden. Anscheinend können sich Musikliebhaber einfach nicht davon trennen.
Für mich ein klarer Beweis von Qualität und Kundentreue.

Darum erzähle ich hier auch die Bandstory einer eigentlich ganz normalen englischen (Hard-) Rockband, welche aber seine Bewunderer in allen Sparten der Rockmusik wiederfand und natürlich auch seine Spuren in der frühen Punkrock Historie hinterlassen hat.

Die Band wurde 1973 in London gegründet. Ronnie Thomas (er stammte aus der Northern Soul Szene) am Bass, Keith Boyce (er hatte vorher für Long John Baldry gespielt) am Schlagzeug, Danny Peyronel an den Keyboards, Mickey Waller Gitarre und Gary Holton Gesang.

Als einziger war Gary Holton schon vor seinem Einstieg in die Band mit anderen Projekten einigermaßen erfolgreich. So hatte er zwei Jahre lang in London unter anderem im Musical „Hair“ gesungen.

„Zu unseren wichtigsten Einflüssen gehörten sicher die Small Faces und die Heavy Metal Kids, die hatten schon immer diesen gewissen Punk in ihrer Musik.“
Mick Beaufoy, Coxk Sparrer

Musikalisch waren sie eigentlich keinem der angesagten Stile der vorherrschenden Musikindustrie angetan, spielten also weder in der Glam- and Glitter-Liga noch verspürten sie einen inneren Drang zu Poesie und Dramatik á la Yes oder Pink Floyd. Einfach gehaltene Rockmusik mit gelegentlichen Ecken und Kanten in Richtung Blues/Rhythm & Blues.

Entdeckt und mit einem Schallplattenvertrag versehen wurden sie von keinem geringerem als dem Ex-Frontmann von Dave Dee, Dozy, Bealcy, Mick & Tich Dave Dee, welcher zu dieser Zeit die Interessen von Atlantic Records vertrat.

DDDBM&T waren um 67-68 herum zumindest in Deutschland sehr bekannt und wurden in der Bravo zur beliebtesten Band International gewählt, noch vor den Beatles.

1974 erschien dann ihre erste Langspielplatte, kurz „The Heavy Metal Kids“ betitelt. 10 kantige, rockende und immer sehr britisch wirkende Musik, ohne aber einen Charterfolg abzuwerfen.

„In den frühen 70ern kann ich mich nur daran erinnern, dass ich dauernd die Platten der Heavy Metal Kids angehört habe“
Keith Richards, Rolling Stones

Live waren sie damals als Hausband des Londoner Szeneclubs „Speakeasy“ gebucht.

So weit so gut, alles lief wie geschmiert für die Newcomer.

Einer US Tour, welche sie unter dem Namenskürzel The Kids im Vorprogramm von Alice Cooper absolvierten, folgte alsbald die Aufnahmen zu ihrem zweiten Album „Anvil Chorus“.

Großen Anteil am schnellen Erfolg der Band hatte vor allem der Sänger Gary Holton. Ein Blick auf ein Bandfoto mit Gary und jedermann wusste Bescheid – dieser Kerl tickt irgendwie nicht so wie andere. Sein wildes Bühnengehabe und die Showelemente garantierten schon mal die halbe Miete der Band.
Leider gefiel Gary das ganze Rock’n’Roll Theater so sehr, dass er davon nicht genug bekommen konnte. Nicht genug von Groupies, Alkohol und Drogen, und am liebsten war ihm alles auf einmal und in großen Mengen.
Mühelos gewann er auf einer Skandinavien Tour der von der Band intern ausgesetzten 500 Pfund Prämie für die meisten (angeblich 26) abgeschleppten weiblichen Groupies auf der 28-tägigen Tour.

Nur im sich Besaufen war er noch besser, und dafür hatte er auch gleich eine Begründung parat: „Ich habe im großen Stil getrunken, aber was kannst Du auch anderes machen in einem Van auf dem Weg von einem Konzert zum nächsten.“

„Black Sabbath. mehr Heavy Metal geht gar nicht und. ja. die Heavy Metal Kids mit ihrem Saenger Gary Halten. Die haben mich beeindruckt.“

Ja, unterwegs, das waren die Heavy Metal Kids nun wirklich in ihren ersten beiden Jahren im Musikbizz – bis zu 300 Konzerte im Jahr und im Schnitt 1000 gefahrene Kilometer pro Tag. Zudem waren sie von 1974 an Stammgast auf den großen englischen Festivals wie Reading oder Isle of Man.

Das konnte nicht lange gut gehen. Als erstes erwischte noch Mickey Waller die Kurve und stieg kurz vor der zweiten Platte und den nächsten geplanten 300 Konzerten aus, er wurde durch einen gewissen Cosmo ersetzt.
Musikalisch änderte dies aber nichts großartig.
Midtempo Rock under Influence of Booze and Rollin‘, alles im Fahrwasser von bekannten Bands wie The Faces und Humble Pie.

Allein wenn man schon die Songtitel von „Anvil Chorus“ las, wusste ein jeder, was man sich da eingehandelt hatte: „Situations outta control“, „Crisis“ oder „The Cops are coming“.

Eine US Tournee folgte, nun als Vorgruppe von solch illustren Namen wie Kiss, Rush und nochmals Alice Cooper.

Der Band größtes Problem um 1975 herum war aber auch ihr größtes Kapital: Gary Holton! Ein großartiger Sänger mit einer rauen Stimme, irgendwo zwischen Alex Harvey, Bon Scott und Rod Stewart, einem aus seiner Jugendzeit eingeübten Theatralik und Mimik auf der Bühne.
Leider auch gepaart mit dem großen Drang, zumindest im Vernichten aller Alkoholreserven die Nummer Eins zu werden, was wiederum dazu führte, dass er immer unzurechenbarer wurde.

1976 änderte sich doch einiges bei den Kids; das Plattenlabel wurde gewechselt. Mickie’s Most Hitparaden Label RAK machte das Rennen. Bandgründer Danny Peyronel (er wechselte zum Branchen Riesen UFO) und Cosmo schmissen das Handtuch und wurde durch John Sinclair (Keyboards) und Barry Paul (Gitarre) , ein alter Buddie der Band aus grauen Anfangstagen, ersetzt.

Gary Holton war für zwei Minuten klinisch tot und Punkrock stand vor der Türe. Die Veränderung in der britischen Musikszene machte auch vor den Kids nicht halt.

„Nun ja. da war eigentlich gar nichts, das ich mochte, außer vielleicht Jazz.
Ja, Jazz und die Heavy Metal Kids. Das war eigentlich die einzige Band, die mir damals gefallen hat.“
Rat Scabies, Damned, auf die Frage, welche Musik er sich denn angehört hat, bevor die Punkrock Geschichte losgegangen ist

Immer öfters tauchten auch die ersten Punks auf ihren Konzerten auf. Rat Scabies von den Damned sah man öfters im Umfeld der Band, besonders mit ihrem Schlagzeuger Keith Boyce verstand er sich recht gut.
Johnny Rotten gar hatte sich erlaubt, an einem ihrer Konzerte am Bühnenrand ein Wortgefecht mit Gary Holten anzufangen, in dem er die Band als „Boring Old Parts“ beschimpfte.
Bei einem neuerlichen Treffen der beiden abseits der Bühne gab sich Johnny Rotten dann doch wieder etwas kleinlauter und immer um seine Unversehrtheit bemüht.

Die neue Platte musste in die Charts und wurde daher auch wesentlich trendbewusster eingespielt. Poppiger und zugleich auch mit einem kräftigen Schuss Punk. Man höre sich nur mal die Single „Delirious“ (unbedingt ihren Auftritt im Musikladen 1978 mit diesem Stück auf www.youtube.com ansehen), eigenartigerweise wurde dann aber darauf verzichtet, dieses Stück mit auf das neue Album mit dem Namen „Kitsch“ zu nehmen. Stattdessen erreichte aber die nächste Single tatsächlich die UK Single Charts. „She’s no Angel“ nannte sich das Stück und noch heute dürfte dies ihr bekannteste Song sein.

„Geh bitte ins nächste Plattengeschäft und besorg mir alle Heavy Metal Kids CDs.“
Joe Elliott (Def Leppard) auf einer Japan Tour zu einem Roadie

Was sich nun so gut anließ zu Beginn 1977 entpuppte sich jedoch als Eigentor. Weder half ihnen der Umgang mit den Punk Bands, noch sollte der überraschende Charterfolg mit ihrer Hitsingle „She’s no Angel“, noch die Tatsache, dass die Band immer öfters in Fernsehmusiksendungen auftrat, wirklich einen dauerhaften Erfolg garantieren.
Zuviel hing in diesen Tagen von der täglichen Form ihres Aushängeschilds Gary Holten ab, und dieser befand sich 1977 auf schneller Talfahrt.

Die Tragödie um ihn nahm ihren Anfang, als seine damalige Freundin Tracey Boyle im Alter von 19 Jahren an einer Überdosis an Alkohol und Drogen in seinen Armen starb. Nicht etwa, dass ihn dies zur Vernunft kommen ließ, nein, immer unberechenbarer wurde er. Als sie wieder einmal im „Speakeasy“ spielen sollten, fand man Gary in seiner Garderobe nur bekleidet mit weißen Cowboystiefeln und bewaffnet mit zwei geladenen Smith and Wesson, welche er auch zu Gebrauch bringen wollte.

Genug war genug. Die Heavy Metal Kids waren im Sommer 1978 Geschichte und zerstreuten sich in alle Winde. Keith Boyce schloss sich darauf mit einigen Ex-Musikern der Motors zusammen und hatten unter dem Namen Bram Tchaikovsky ein paar kleinere Powerpop Hits, welche übrigens alle von Ronnie Thomas geschrieben wurden.
Am bekanntesten dürfte noch die Single „Girls of my dreams“ sein, welche auch in Deutschland veröffentlicht wurde, und mit diesem Song trat die Band auch im Bremer Musikladen auf.

Anders erging es da schon Gary Holton, er vermasselte in kurzer Folge zwei lukrative Angebote als Leadsänger – erstes bei Uriah Heep, welche nach dem Abgang ihrer Schnapsdrossel David Byron nicht schon wieder einen Schluckspecht ans Mikro lassen wollten, und auch das nächste Angebot endete aus dem gleichen Grund; AC/DC ließen Gary vorsingen, doch auch da war man im Umgang mit alkoholisierten Sänger vorsichtig geworden.

Trotzdem startete Gary unverhohlen weitere Versuche im Musikgeschäft zu bleiben und erinnerte sich eines alten Kollegen aus besseren Tagen: Stein Groven oder besser bekannt als Casino Steel (The Boys), welchen er noch von den Hollywood Brots, einer ehemaligen Heavy Metal Kids Vorband, her kannte. Aber über ein paar Singles und einige Konzerte wurde aber auch nichts Nennenswertes aus dieser Beziehung. Andere kurzlebige Projekte hießen: The Gems (zusammen mit der Ex-Glamband Pretty Boy Floyd) oder Gary Holton’s Vilains, selbst eine 12″ Single zusammen mit Jim Lea (Slade) foppte grauenhaft.

Erfolg kam dann aber von einer ganz anderen Seite, der Schauspielerei. Erst waren es nur kurze kleine Rollen, unter anderem im Kultfilm „Quadrophenia“, es folgten dann aber immer größere Rollen, vor allem in britischen TV Serien, und zuletzt spielte er die Rolle eines englischen Gastarbeiters in Deutschland in der Serie „Auf Wiedersehen Pet“, welche in England zum Straßenfeger wurde.

Nur hat er in all dieser Zeit aber auch sein größtes Hobby, das Trinken, nicht aufgegeben und so kam es, wie es kommen musste. Gary Holton starb, nein verreckte elendig am 25. Oktober 1985 an einem Mix aus Alkohol und Drogen – das Ende aller Heavy Metal Kids Aktivitäten?

Mitnichten, 2003 schlossen sich Dany Pyronel, Keith Boyce und Ronnie Thomas wieder zusammen, um mit zwei bis dato unbekannten italienischen Musikern nochmals die guten alten Zeiten aufleben zu lassen. Es wurde sogar ein weiteres Album eingespielt: „Hit the right Button“, über das ich Euch aber nichts erzählen kann, und ich glaube, große Bäume hat diese Platte nicht mehr ausgerissen.

„Ich denke. unsere Musik ist am meisten vom 70s Glam Rock der Bands wie Slade und Heavy Metal Kids beeinflusst“
Mike Crowell (Reducers SF)

Für alle, die nun etwas mehr zur Band wissen möchten, können auf www.heavymetalkes.com oder auf der bandeigenen Myspace-Seite die eine oder andere vergessene Anekdote zu dieser urenglischen Rockband nachlesen, und sollte tatsächlich einmal jemand eine ihrer ersten drei Platten in einer Grabbelkiste oder Raritätenladen finden, so möge er doch ein großes Kreuz an die Decke machen.

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