Historisches & Biographien

Skintonic/Skinup Fanzinestory, Teil 2

Teil 2 (1992 bis 1999)
von Christian, Moloko Plus #45, 04.2012

Ein Tag im September 1991 und über Nacht kennt die halbe Welt den Namen einer Kleinstadt im Norden der sächsischen Oberlausitz: Hoyerswerda.

Das zweitwichtigste Wort in der Medien-„Berichterstattung“ jener Tage ist dann aber auch schon „Skinhead“, dicht gefolgt von „Springerstiefel“.

Der wiedervereinigte Vokuhila-Mob mischt bei dem Anschlag auf das Ausländerwohnheim zwar kräftig mit, aber das Fernsehen findet Skinheads einfach spannender, und so avanciert in diesen Tagen außer Ladendiebstahl und Konkursverschleppung praktisch alles zum Skinheadüberfall.

Harte Zeiten für das Skintonic, das sich zu jener Zeit wie kein anderes Skinhead-Fanzine für SH.AR.P. ins Zeug legte – und Hoyerswerda war erst der Anfang.

Im Frühjahr 1992 erscheint Heft 11 und was sonst hätte auf dem Titelblatt dieser Ausgabe landen sollen, wenn nicht ein Foto von der antirassistischen Skinheaddemonstration an den Gestaden der Ostsee im Dezember 1991: Während der alljährlichen Weihnachtsunruhen des Konsumbürgertums hatten sich in der Lübecker Innenstadt an die 150 Crops zum March of the Skinheads versammelt.

„Skinhead, aber kein Rassist“ verkünden die Transparente und Flugblätter. Von BILD und Konsorten wurden solche Bemühungen bekanntlich ignoriert.

Power of the press.

S.H.A.R.P. ist und bleibt nahezu allgegenwärtig im ganzen Heft. Den dunklen Schatten zum Trotz werden als Young Talents of Ska in diesem Heft keine geringeren als Mother’s Pride und Mad Monster Sound präsentiert.

Das Kommen und Gehen in der Redaktion trägt dem Skintonic den Ruf ein, dass sich der gemeine Skintonic-Schreiber in der Regel im Streit verabschiedet – oder verabschiedet wird. Wer bei der Truppe bleibt, gibt sich eines der typischen Pseudonyme,die selten so viel mit dem Klarnamen zu tun haben, wie bei Markus (Repkow) Nightmare vom gleichnamigen Label aus Mönchenglatzbach, der ab der kommenden Ausgabe auch eine Zeit lang V.i.$.d.P. zeichnen wird.

Zählt man Redaktionsmitglieder und freie Mitarbeiter im Impressum von Heft 11 mal durch, kommt man auf sage und schreibe 26 Köpfe.

Als wohl wichtigsten Neuzugang wird man einen gewissen Doc of Oi!/Bruce Loose aus Lübeck bezeichnen dürfen, der später noch in Sachen Oi! The Meeting von sich reden machen wird. Seine Devise: „Oi! lebt und ist beliebter als je zuvor. Denn irgendwann hat jeder Skinhead die Nase voll von Ska, immer nur Ska“ – die so genannte neue Oi!-Welle der frühen 90er lässt grüßen und im Vorwort ist von einer „neu aufblühenden Oi!-Szene“ die Rede.

Damit keiner mehr aktuelle Termine verpasst (wir erinnern uns – Internet gab’s nicht) hat das Skintonic eine Telefonhotline eingerichtet – 030 211 07 70 (Wiederholung. Bitte nicht mehr anrufen!).

„Oi! lebt und ist beliebter als je zuvor. Denn irgendwann hat jeder Skinhead die Nase voll von Ska, immer nur Ska“

Mit der von ihm mitbegründeten REVOLUTION TIMES meldet sich Ugly auf dem Fanzinemarkt zurück. Die Neuerscheinung wird im Fanzinecheck des Skintonic Maß genommen und in einer Manier verrrissen, wie es einst nur das CLOCKWORK ORANGE abbekommmen hatte.

Von “Vorzeigeproletariern aus der Studierstube“ und “revoIutionärer Krafthuberei“ ist die Rede. Dann wird’s parteitagstauglich: „Der Versuch, ein Redskin-Fanzine machen zu wollen ist nicht strafbar. Der Fehlschlag schon“.

Fairerweise muss ich einwerfen, dass die Revolution Times Nr. 1 mit Seitenhieben in Richtung Skintonic auch nicht gespart hatte: „Skinheadbravo“- da kann man schon mal zurückpöbeln.

Ein gewisser Maxim hatte in S.H.A.R.P.- Kreisen ohnehin eine höchst überschaubare Fangemeinde. Eine Leserbriefschreiberin will die mehr oder weniger unterschwellige Tendenz einiger (West-) S.H.A.R.P.’s ausgemacht haben, die fiese Ausländerhatz jener Tage der Einfachheit halber den Zonenskins allein in die Boots schieben zu wollen. Eine nicht ganz von der Hand zu weisende Beobachtung.

Für Heft 12 aus dem Sommer 1992 werden 5,- statt 4,- DM aufgerufen, dafür gab’s eine 7″-Beilage, auf der sich Blechreiz, Ngobo Ngobo, Kassierer und Shamrocks verewigen durften.

Eine Zeit lang kann man beim Skintonic nun auch Oi!-Tapes bestellen. In McNastys Vorwort gratuliert sich die Redaktion zum „zweiten“(!) Geburtstag des „neuen“ Skintonic.

Aber waren nicht seit der Geburtsstunde anno 1987 schon ganze fünf Jahre ins Land gezogen? Da war dann wohl nach dem Sandhaus’schen Kalender ein Stück jüngere Geschichte des Fanzines kurzerhand unter den Tisch gefallen.

Auf einmal wird im Fanzinecheck Emma Steels Oi!REKA (Nr. 4) als „wieder mal lesenswert“ gepriesen – Nachtigal ick hör dir trappsen.

Das Ableben des CLOCKWORK ORANGE Fanzine wird vermeldet und unter die hämischen Beileidsbekundungen mischt sich beinahe unverhohlene echte Trauer um den schmerzlichen Verlust des Lieblingsfeindes (kann ich nur zu gut verstehen; ich hatte hier durchaus auch meinen Spaß; siehe Teil I).

Ganz weit vorne unter allen S.H.A.R.P. – Stilblüten ist folgendes Zitat nach einem „Mitglied einer Berliner Streetgang: ,Der ist O.K., der ist S.H.A.RP.- Nazi‘ „.

Auffällig sind auch die pompösen doppelseitigen Anzeigen diverser T-Shirt-Mailorder, die sich jener Tage epidemieartig vermehrten. Weiß mit schwarzem Aufdruck wurde damals gerne genommen, vorausgesetzt, man passte in die nicht selten einzige verfügbare Größe: XL.

Das mediale Klischeebild sieht seinerzeit zwingend Bomberjacke, Baseballschläger und Boots vor, wobei aus dramaturgischen Gründen praktisch alles außer Badelatschen und Sneakers (damals: Turnschuh) zum „Springerstiefel gemacht wurde.

Wer wollte sich da über Springtoifel Olafs Rundbrief wundern, den auch das Skintonic in diesem Heft ab-druckt: Bei einem Blitz/Red Alert Gig im linksalternativen Excess in Frankfurt gab’s für 27 kurzhaarige Docs-Träger ohne „gegen Nazis“ – Button kein Reinkommen, auch nicht für Olaf.

Andere Zeiten.

Noch bevor im Frühjahr 1993 die Nummer 13 rauskommt, brennt die Asylbewerberunterkunft in Rostock-Lichtenhagen (August 1992) und das Haus einer türkischen Familie in Mölln (November 1992). Die beiden Brandstifter von Mölln und die aus einer ganzen Meute ehemaliger „Sieger der Geschichte“ agierenden Haupttäter von Rostock haben vor allem eines gemeinsam: Die Herrschaften wollen gerne Skinheads sein und treten in entsprechender (Ver-) Kleidung auf.

Für weite Teile des TV-Volkes sind die Begriffe Skinhead und Nazi spätestens jetzt synonym und auch besser informierte Kreise blicken nun nicht mehr wirklich durch: Beim Skintonic gehen Anfragen ein, „wie das denn mit den guten und den bösen Skinhead nun wäre“ (zitiert aus dem Vorwort von Heft 13).

Den Hildesheimer Vandalen wird in diesem Heft die bis dahin seltene Ehre zu Teil, als deutsche Oi! Band im Skintonic wohlwollend gefeatured zu werden.

Im Vorwort wird allgemeiner Mitarbeiterschwund in der Redaktion gemeldet und tatsächlich schrumpft das Impressum wieder auf Normalgröße. Für die so genannte „Restredaktion“ will McNasty in vorauseilendem Gehorsam klargestellt wissen, dass es selbstverständlich keinen Streit gegeben habe.

Und S.H.A.R.P.? Ein kurzer Blick ins Oi!REKA Fanzine offenbart Emmas filigrane Analyse: „Selbst eine simple Diskussion mit Leuten, die einen anderen Hintergrund haben, als die ewig-und-immer-S.H.A.R.P.-Gewesenen, wird durch Ignorieren und damit endgültigem Abdrängen in die rechte Ecke vermieden. Um richtig verstanden zu werden: S.H.A.RP. soll nicht der Buhmann sein für alles, was im antirasssistischen Lager falsch läuft und wer glaubt, er braucht den Aufnäher, um sich besser von einigen distanzieren zu können oder sich mit SHARP identifizieren zu können – bitte! Ich brauche den Aufnäher nicht. Die Faschos erkennen mich auch ohne als NICHT ihresgleichen und vor Türkengungs schützt er mich schon lange nicht mehr [oder wie soll man das noch nennen, wenn ein schwarzer Skin mit einem riesigen SHARP -Aufnäher von Türken mit einem Messer bedroht wird]
(OiREKA Nr. 5 – Herbst 1992)

Routine hat Einzug gehalten, als im Sommer 1993 Heft 14 rauskommt. Der vierteljährliche Erscheinungstermin wird nun diszipliniert eingehalten.

1993/1994 ist das Skintonic in den „besten Jahren“ und setzt mit seiner musikalischen Bandbreite Maßstäbe: Ein Interview mit Soul-Sänger Edwin Starr neben einem Artikel über die HC Band Growing Movement, ein Bericht vom Becks Pistols Konzert und mit der History of Ska wird eine mehrteilige Artikelreihe gestartet, mit der sich auch der Freshcut von heute noch in die Grundlagen einlesen könnte

OHL. verkünden 1993 mit dem gleichnamigen Album ihre Auferstehung und was nicht wenige überrascht haben wird – das Skintonic bringt ein Interview mit Deutscher W., das McNasty selbstredend zur Chefsache machte.

„Würdest Du OHL als politische Band bezeichnen?” – “Wenn nicht uns, wen sonst?“

In diesem Heft erscheint der erste Comic aus der für meinen Geschmack bis heute (und wahrscheinlich für alle Zeiten) unübertroffenen Oi!Mouse-Reihe.

Nummer 15 kommt im Herbst 1993 raus und die Tragödie will kein Ende nehmen: Fünf Menschen krepieren elendig bei dem Brandanschlag von Solingen im Mai 1993. Schnell sind als Tatverdächtige (und später Verurteilte) wieder so genannte Skinheads ausgemacht. Das Leben ist eine Spirale und man kotzt immer in derselben Kurve.

Was es dazu noch zu sagen gab? Dazu fiel niemandem mehr was ein: „Nein, kein Wort zu Solingen & Co! Zu viel Scheiße, zu viel Scheiße in der Presse, Scheiße!“ (aus dem Vorwort, Heft 15)

Das Titelblatt scheint einer anderen (heilen) Welt zu entstammen: Laurel Aitken im schneeweißen Perry, mit breitem Grinsen und blitzenden Goldkronen.

Im Vorfeld des 1993er Skafestivals in Potsdam gabs außerdem eine Wiederauflage der Skins gegen Rassismus-Demo und der Bericht im Skintonic meldet mit üppigem Bildmaterial mehrere hundert Teilnehmer.

Das Kontrastprogramm hierzu bot ein erklärtermaßen unpolitisches Oi! Festival in Greifswald im Juni 1993 mit Smegma, Rabauken und Boots & Braces, dass leider allerhand rechtes Gesocks mit zwielichtigen Obertrikotagen angezogen hatte.

Über die Anwesenheit eines Skintonic-Korrespondenten mag man sich schon deshalb wundern. Der Bericht unter der Headline „Eine Schande der Skinheaddewegung“ fällt entsprechend vernichtend aus.

Auf der nächsten Seite werden „Beobachtungen von der anderen Seite der Bühne“ dokumentiert: Die (Boots & Braces-) Brüder Walz erhalten Gelegenheit, ihre Sicht der Dinge zu schildern. Die gewagte These: Wer die Rechten aus der Oi! Szene ausgrenzt, treibt sie in die Arme von Nazi Bands.

Zum Jahreswechsel 1993/1994 erscheint Heft 16, aber das S.H.A.R.P.-Logo auf dem Titelblatt – sieht irgendwie anders aus: „Skinheads Haben Alle Riesen Pimmel“ – So viel Selbstironie hätte es in den kämpferischen Anfangstagen von S.H.A.R.P, sicher nicht gegeben.

Finsterste Schlagzeile in dieser Nummer: Der armselige Überfall auf Skarface vor’m KOB in der Potsdamer Straße, wo die Band eigentlich hätte auftreten sollen. Nach ermüdenden Diskussionen um angebliche Verbindungen zur rechten Szene wurden Fred & Co. vom KOB kurzerhand ausgeladen – getreu dem Motto: Wer Nazi ist, bestimmen wir.

Um die Sache zu klären, kommen Skarface trotzdem nach Berlin, können aber letztlich erzählen, was sie wollen. In der Skintonic-Redaktion wird unterdessen auf Nachricht gewartet, ob das Konzert nun doch noch stattfindet. Stattdessen gerät die Band vor dem KOB in einen regelrechten Hinterhalt. Mit Eisenstangen bewaffnete „Antifaschisten“ schlagen auf die Franzosen ein.

McNasty vom Skintonic und (!) Emma Steel vom Oi!REKA finden sich am Krankenlager der lädierten Franzosen ein. McNasty spricht in seinem Bericht von einem „gut geplanten Überfall und selbsternannten antifaschistischen Tugendwächtern“.

Das KOB krampft sich in einer zynischen Stellungnahme den Satz ab, man werde sich »auch in Zukunft vorbehalten, Bands abzulehnen, die unseren antisexistischen und antifaschistischen Kriterien nicht genügen“.

Auf einer Doppelseite im selben Heft hätte theoretisch ein Interview mit den Onkelz für Furore sorgen können, wenn nicht – so jedenfalls die Begründung vom Chefredakteur – sämtliche Fragen vorher schriftlich hätten eingereicht werden sollen, weshalb die Redaktion dankend verzichtet habe. Stattdessen wird unter der Überschrift „Die Böhsen Onkelz – Sündenböcke der Nation“ die Buchautorin Beate Matthesius (who the fuck…?) befragt.

Also ich hätte die Fragen schriftlich eingereicht…

Alsdann verschiebt die schon länger beschworene so genannte neue Oi! Welle merklich die Koordinaten des Skintonic, das anno 1994 allerdings mit vergleichsweise schmalen Heften um die Gunst der geneigten Leserschaft buhlt.

Im Frühjahr 1994 erscheint das 17. Heft mit einem großen Thema: Das 1994er Oi! The Meeting. Die Oi!-Abteilung des Skintonic und Lübecker Außenstelle unter Doc of Oi!/Bruce Loose bewirbt das dreitägige Event mit entsprechenden Vorschusslorbeeren.

Passend zum Interview mit Becks Pistols „ziert“ Wucher das Titelblatt dieser Ausgabe, natürlich nackich.

Die folgende Nummer 18 (Sommer 1994) gerät
dann schließlich zu einer wahren Oi!-Nummer. The Business touren (mit Growing Movement) und finden sich auf dem Titelbild wieder.

Dazu gibt’s ein Interview mit Micky und natürlich den Bericht vom lange erwarteten Oi! the Meeting in Lübeck.

Der fällt fast schon überschwänglich aus, zumal die Küstenstadt mit dem nahegelegenen Travemünde die passenden Außenanlagen für ein standesgemäßes Gelage am Ostseestrand bereit hielt.

Auch Cock Sparrer touren zu der Zeit durch Deutschland und das Skintonic hat hierzu einen Tourbericht am Start.

Nummer 19 aus dem Herbst 1994 macht zwar erwartungsgemäß das Madness Revival im Londoner Finsbury Park zum Thema, aber auch der Hype um die 2-Tone Legende konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die ganz große Begeisterung für Ska & Co. spürbar nachließ.

So manche Third Wave Band löste sich wieder auf, andere zeigten deutliche Ermüdungserscheinungen.

Im Interview zum 5. Geburtstag des Ska Labels Pork Pie bringt es Matzge auf den Punkt: „Ansonsten war die Zeit 1989/1990 wirklich ein Aufbruch. Jeder war heiß darauf, zu Festivals zugehen. In allen möglichen Städten gab es Treffpunkte, Kneipen, Allnighter, wo man hingehen konnte. DieserAufbruch ist schon vorbei“.

Ein ungewohnt schmales Heft 20 kommt im
Winter 1994/95 für nur 1 DM und – zumindest für gerüchteweise noch nicht Vorgewarnte – mit einer Überraschung auf den Markt.

Auf dem Titelblatt findet sich neben dem Skintonic-Logo nicht der gewohnte S.H.A.R.P.- Trojan, sondern das Logo des Oi!REKA -Fanzine.

Die beiden Berliner Fanzines fusionieren. Ab Frühjahr 1995 will man gemeinsam das SKINUP rausbringen. Die Anzahl der Ausgaben (Skintonic 20 und Oi!REKA 15) soll dann zur Nummer 35 addiert werden, weil man ja schließlich nicht bei Null anfängt.

Die im Vorwort abgelieferte Begründung für den Zusammenschluss liest sich eher banal. Man könne mit vereinten Kräften eben entspannter arbeiten, ohne sich gegenseitig unnötige Konkurrenz zu machen.

Erst in der Jubiläumsausgabe des SKINUP (Nr. SO – 1998/1999) verliert Emma Steel zu ihrer „mehrjährigen Affäre“ mit dem Oi!REKA ein paar persönlichere Worte, die ich hier einfach mal vorweg nehme: „Das Skintonic steigerte im Laufe der Zeit nicht nur seine Auflage, sondern wandelte sich zu der ‚Stimme der S.H.A.R.P. Skins‘, einem breiten Forum aller nichtrassistischen kurzhaarigen Menschen. Interne Querelen führten allerdings dazu, dass ich meinen Pork Pie nahm und eigene Weg ging. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um mal ganz deutlich zum Ausdruck zu bringen, dass das Oi!REKA nie als Konkurrenzunternehmen zum Skintonic gedacht war. Ein paar Kumpels hatten den Wunsch, ein eigenes Zine zu machen und baten mich, sie dabei zu unterstützen. Aber wie das eben so ist, wenn man nicht zu den kommste-heut-nicht-kommste-morgen-Typen gehört, blieb die meiste Arbeit recht bald an mir hängen. Die Wogen zwischen dem Oi!Reka und dem Skintonic glätteten sich und es begann eine recht absurde Periode freundschaftlichen Schacherns: Wenn Ihr über Derrrick Morgen schreibt, dann können wir ja ein Interview mit den Skatalites machen. Das wurde dann doch zu albern“.

Der aufmerksame Leser dürfte es bemerkt haben: Vom „Personenkult“ um McNasty (siehe Teil I) plötzlich keine Rede mehr, aber das ist – denke ich – Privatsache.

Die Redaktion leistet dann noch Abbitte für den schmalen Inhalt der Vereinigungsausgabe und lässt mit bemerkenswerter Gelassenheit ein Stück Fanzinegeschichte enden.

Skintonic ist tot. Es lebe SKIN UP!

Der Inhalt der Übergangsnummer ist entsprechend übersichtlich. In einem Interview mit Micky The Business findet sich das traurige Statement: „Die Punk-szene und die Skinheadszene in England sind tot!“.

In Deutschland ist die Party in vollem Gange und so erscheint zum versprochenen Termin im Frühjahr 1995 ein – durchaus auch mit allerhand Werbung – voll gepacktes 60seitiges SKINUP „Nr. 35″, das nicht nur das DIN A 4 Format des Skintonic übernimmt, sondern auch sonst eher die Handschrift der Skintonic-Macher trägt und vor allem äußerlich jede Ähnlichkeit mit dem Oi!REKA vermissen lässt.

Die gewollte „optische Abgrenzung“ (Vorwort Nr. 35) gelingt also in erster Linie im Hinblick auf das Oi!REKA.

Das Layout wirkt noch mal professioneller; für so manche Puristen schon längst zu professionell für ein Fanzine. Den Schuh zieht sich die Redaktion jetzt an und nennt das SKINUP nicht nur „Magazin“, sondern will es erklärtermaßen auch so aussehen lassen (Vorwort Heft 35).

Das S.H.A.R.P.- Logo auf der Titelseite muss überraschenderweise dran glauben und wird von nun an schlicht und einfach weggelassen. Für Begriffsstutzige stellt stattdessen ein schlichter Hinweis im Impressum die anti-rassistische Ausrichtung klar.

Auch Grabenkämpfe überlässt man jetzt im großen und ganzen anderen: Am linken Rand der deutschen Fanzinelandschaft wird mit ausgetauschtem Kader die klassenkämpferische REVOLUTION TIMES zu neuem Leben erweckt (Sommer 1995).

Die sieht sich „in der Tradition des frühen Skintonic“ und erklärt S.H.A.R.P. zur „halbherzigen Ansteckerbewegung, hinter der kaum jemand steht“ (zitiert aus dem Vorwort der Nr. 1, die – siehe oben – nicht das erste Heft mit diesem Namen war, aber mit der Vorgänger-Brigade wollte die neue Funktionärsriege eh nichts am Hut haben).

Die Ambitionen des Skintonic, musikalisch auch mal über den Skinhead-Tellerrand hinaus zu schauen, verfolgt das SKINUP merklich konsequenter. Alles in allem ist das Heft schon ab der ersten SKINUP- Ausgabe im wahrsten Sinne des Wortes ausgereift.

Vorbei auch die Zeiten, in der die Redaktion in Sachen S.H.A.R.P. und Politgezänk über beinahe jedes Stöckchen sprang, dass ihr hingehalten wurde. Aus den großen und einst so legendären Verbalschlachten im Skintonic werden im SKINUP seltene Stilblüten.

Bei insgesamt ruhigem Fahrwasser erscheinen in den Jahren 1995 bis 1999 in dieser Qualität und ohne merkliche Veränderungen oder gar entscheidende Wendepunkte noch insgesamt 16 Hefte (Nr. 36 bis Nr. 51), so dass ich mich hier mal kürzer fasse und nur so dies und das raus greife.

Heft 36 aus dem Sommer 1995 nimmt sich im Vorwort der wohl nicht ganz unerwarteten Kritik an zu viel Werbung an – es seien ja schließlich immer noch 40 Seiten zum lesen geblieben – und bekräftigt noch ein mal den Magazin-Anspruch: „Die Fanzine Zeiten gehören für uns der Vergangenheit an“.

Neu ist der Sportteil ab Heft 37, das im Herbst 1995 rauskommt. Das Glatzenimage im allgemeinen hatte sich Mitte der 1990er schon merklich gedreht und selbst ein milde gestimmter Jimmy Pursey, von dem in schwierigen Zeiten ja allerhand Verächtliches zu vernehmen war, hat im Telefon-Interview mit Emma Steel Kreide gefressen: „Ich habe mich gegen Nazi Skinheads geäußert. Mit den anderen Skins habe ich überhaupt keine Probleme“.

Schließlich war zu der Zeit ja auch gerade ein neues Album unterwegs zu den Plattenständen; ein Schelm, wer böses dabei denkt.

Bei Judge Dread im Interview in Heft 38 aus dem Winter 1995/96 klingt das dann eher so: „Heutzutage ist das Problem, dass die Leute Skinhead nicht mehr als Kult betrachten, sondern als Anlass, um Stress zu machen“.

Im „Reißwolf“ der Nummer 39 aus dem Frühjahr 1996 werden Heft 2 und 3 der einst so verrissenen REVOLUTION TIMES rehabilitiert, die sich „zu einem richtigen Heft“ mausere, weil sie „die wohlmeinende Kritik“ (sic!) des SKINUP befolgt habe.

Nein, an Selbstbewusstsein hat es einigen Leuten wirklich nicht gemangelt.

Im selben Heft wird die Haarpracht vom „Berliner Ortssekretär von R.A.S.H.“ zum „neonfarbenen Ge-strüpp“ bzw „Vogelnest“ erklärt. Die Folgen sind bekannt (Interview mit Ugly im MOLOKO #44, wobei ihm das mit dem Gestrüpp wohl entfallen sein muss).

Heft 40 aus dem Sommer 1996 kann mit einem Interview mit Roddy Moreno aufwarten, dass man auch komplett zitieren könnte, weil er die Dinge – nicht zum ersten und längst nicht zum letzten Mal – auf den Punkt bringt und vieles bis heute Gültigkeit hat: „Der einzige Grund, warum wir unsere politische Haltung zeigen wollten, waren die Boneheads. Wenn die nicht gewesen wären, hätten wir das verdammte Maul gar nicht erst aufmachen müssen; (…) wir wissen, wenn wir zu den Boneheads schweigen würden, könnten wir doppelt soviele Platten verkaufen. Das ist für uns eine Frage der Würde; (…) es gibt zwei Arten von Unpolitischen: Die Leute, die nicht rassistisch sind, aber nichts mit Politik zu tun haben wollen. Diese Leute haben keine Probleme damit, ein S.H.A.R.P.- Konzert zu unterstützen. Und dann gibt es die Naziverteidiger, die sich unpolitisch nennen, weil es so einfacher ist“.

Heft 41 aus dem Herbst 1996 berichtet vom („verflixten“) 7. Potsdamer Skafestival und vom dortigen „Ärger mit den Arschlöchern“.

Gemeint waren Hauereien mit üblem Ausgang. Unter anderem trifft es den Keyborder der Band The Moods, die schließlich nicht auftreten kann und im anschließenden Statement jede Band mit schwarzen Mitgliedern und/oder mit Rastas vorm Potsdamer Skafestival warnt.

Lindenpark e.V. klärt die „Probleme“ für „nicht politisch motiviert“. Das SKINUP druckt beide (ausführlichen) Stellungnahmen und kommentiert, es sei „bestimmt kein Zufall, dass solche Ereignisse in einer Zeit passieren, wo das Unwort politisch immer mehr zum Schutz für doitschtümelnde Dummheit verkommt“.

Unter der gewagten Überschrift „Dokumente“ kann man sich im selben Heft zumindest ausschnittweise in Sachen Wucher vs. Spiller belesen.

Nummer 42 aus dem Winter 1996/97 widmet sich erstmals ausführlich dem Thema Internet: Unter der Headline „SKA im Internet“ wird von gerade mal 225 Treffern der Suchmaschine Yahoo berichtet.

Die Broilers werden in vier Sätzen verrissen ([…] „so naiv kann man nur sein, wenn man noch nicht wahlberechtigt ist“) und bedanken sich schwer beleidigt in Heft 43 aus dem Frühjahr 1997 mit einem Leserbrief von vergleichsweise epischer Länge, der erst recht mal auseinander genommen wird: „Leuten einen Witz zu erklären, den sie nicht verstehen, ist schon anstrengend. Aber Leuten zu erklären, warum sie unfreiwillig komisch sind, ist nicht mehr komisch“.

Geht in der nächsten Ausgabe noch höchst unterhaltsam weiter, aber Heft 44 aus dem Sommer 1997 bringt eine Kölsch-Reportage und wird hier deshalb von mir nicht zur Kenntnis genommen.

Die folgende Nummer 45 aus dem Herbst 1997 kann wieder von einem gewohnt friedlichen Potsdamer Skafestival berichten und natürlich von der denkwürdigen Bootstour an Bord der Riedel Flotte, die den arglosen Mob von friedliebenden Skins und Punks in einen von der Loveparade lancierten Hinterhalt navigierte.

Aus den Reviews in Heft 46 aus dem Winter 1997/98: „Das Moloko Plus ist mit Abstand das beste deutsche Oi-Zine“ – na, das lasse ich doch einfach mal so stehen.

Am 13. März 1998 stirbt Judge Dread und bekommt einen Ehrenplatz auf dem Titelbild von Heft 47 aus dem Frühjahr 1998.

Natürlich ist der Legende auch eine Doppelseite mit Nachrufen gewidmet, zum Beispiel von Laurel Aitken und Dr. Ring Ding. Dagegen verblasste „jede Nachricht über Bandumbesetzungen, Studioaufenthalte oder ähnlicher Quatsch zur absoluten Nichtigkeit“ (zitiert aus dem Vorwort).

Heft 48 kommt (ausnahmsweise) mit einer CD-Beilage aus dem Hause BURNING HEART RECORDS im Sommer 1998 raus und feiert mit einer Reportage „40 Jahre SKA“.

Mittlerweile geht laut Vorwort eine kaum noch zu be-wältigende Tonträgerflut ein und in der Tat füllen die Plattenbesprechungen trotz wahrhaft platzsparender Schriftgröße und minimalistischer Illustrationen 11 Seiten.

Laut Vorwort der Nummer 49 aus dem Herbst 1998 war die 3000er Auflage des Sommerheftes innerhalb von sechs Wochen ausverkauft. Wer wollte da ans aufhören denken.

Dennoch naht die bittere Chronistenpflicht, sich allmählich dem traurigen Ende zuzuwenden.

Das 90 Seiten starke Jubiläumsheft SKINUP Nr. 50 (mit CD-Beilage) aus dem Winter 1998/1999 wurde wegen der erwarteten Nachfrage in einer Auflage von 5000 Stück produziert. Einige Mailorder haben noch Ewigkeiten Restbestände vertickt.

Abgesehen vom goldenen Lorbeerkranz auf dem Titelblatt gab man sich zum 50. bescheiden. Auf einer einzigen Seite widmet sich Emma der eigenen Fanzine-Historie (oben teilweise zitiert).

Die Verspätung der Frühjahrsausgabe 1999 erweist sich im Nachhinein als schlechtes Omen. Heft 51 kommt wegen einer „totalen Computerhavarie und dem Verlust aller Dateien“ erst im Sommer 1999 raus – und schon das Cover der letzten Ausgabe bietet Stoff genug.

Der Titel „Communication Breakdown“ hat fast schon was prophetisches, denn eine Nummer 52 sollte es bekanntlich nie geben. Ausnahmsweise posiert die ansonsten bildscheue Redaktion (zumindest in Teilen) fürs Titelbild. An exponierter Stelle ein gewisser Thomas „Vonz“ Vierk, der später (2006) erfolgreich für die Bezirksverordnetenversammlung Neukölln kandidieren sollte, und zwar für die NPD! Die rund zehn Jahre zuvor präsentierte Geschichte vom Ausstieg aus der rechten Szene ist in Klaus Farins „Skinhead – A Way of Life“ nachzulesen.

Danach – aber nicht deshalb – war Schluss. In Berlin brodelt erstmal die Gerüchteküche. Bald spricht sich rum, dass mit dem ultimativen Ende der privaten Kiste zwischen den beiden Zugpferden Emma und Uli gleichzeitig auch das Schicksal des SKINUP besiegelt war.

Übrig blieb der Ärger mit einigen Abonnenten, die sich ums liebe Geld für nicht mehr erschienene Ausgaben geprellt sahen, auf lange Sicht aber vor allem ein bis heute legendärer Ruf. Vor allem das linke Image blieb bis zum Ende und weit darüber hinaus. Selbst wenn es um alles andere als Politik ging, war schnell mal von den Berliner „Linksfaschisten“ vom SKINUP die Rede.

Viel Feind, viel Ehr.

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