With Full Force Festival

30. Juni bis 2. Juli in Roitzschjora

Als ich am Donnerstagabend mit jugendlicher Leichtigkeit versuche einen Hering in den staubigen Boden zu drücken, könnt ich fast kotzen. Verfluchen möchte ich den Platz, an dem dieses Jahr das Zeltlager aufgebaut werden soll. Das gute Stück bohrt sich nämlich in aller Seelenruhe durch die Gummisohle meiner Billigchucks. Schön, denke ich mit einigen Schmerzen und stelle fest, dass auch noch das Überzelt fehlt - Vergessen.

Hatte ich schon erwähnt, dass mich, kaum als unsere Ketchupflaschen an der Security-Wand zerschellt waren, unerträgliche Bauchschmerzen quälten, denen nur mit einem sehr sehr schnellen Gang auf die Mobiltoiletten beizukommen war?
Das Wochenende stand also unter einem denkbar ungünstigen Stern. Naja, wenigstens hatte ich die Karte nicht, dafür aber den Spielplan, zuhause liegen lassen. Da drauf war eh viel zu viel angekreuzt...


FREITAG


Nach dem unspektakulären Discodonnerstag stelle ich dann am nächsten Morgen mit einiger Begeisterung fest, dass wir geschätzte einhundert Meter entfernt vom Baggersee zelten. Gott lobe diesen Platz, scheiss auf das Loch in der Sohle! Dieses Jahr sollte es Erfrischung geben, und die war dank andauernder Hitze und Sonnenbrandstufe 38 auch bitter nötig.

Die erste wirklich gesehene Band waren dann Do or Die aus Belgien, von denen ich mir n bisschen mehr versprochen hatte. Zum Beispiel ordentliches Geknüppel - is mir im Hinblick auf die anstehenden, unzähligen Stunden Metalcore im Verlaufe des Wochenendes einfach ein wenig zu viel des guten. Wo ist nur der gute alte Oldschool-Hardcore hin?

Ebenso Knuckledust, die reißen bei mir gar nichts, würden die nicht auf dem Zettel stehen, hätte ich die glatt vergessen. Aber wenigstens kommt jetzt schon mal, wenn auch etwas frühzeitig, der erste Höhepunkt des With Full Force. Die wahnsinnigen Kings of Nuthin aus Boston. Kann man die eigentlich genug abfeiern?
Wahrscheinlich schon, aber das ist mir völlig egal, denn trotz des Achtelfinalspiels gegen Argentinien, feuern diese Bastarde eine Energie von der Bühne, dass keiner davor auch nur eine Sekunde daran zu denken scheint, sich die Begegnung anzusehen. Banned from the pubs - der Überkracher und alle drehen frei. Wie für diese Schweine-Blues-Köter geschrieben... Das kann kein Album dieser Welt imitieren, eine absolute Live-Band!

Als ich es nach dem letzten Ton schließlich doch vor eine der Leinwände schaffe, gibt mir der Spielstand und die gelangweilten Gesichter davor einige Genugtuung. 1:1. Verlängerung.

Das trifft sich gut, denn jetzt kommen Madball und direkt neben der großen Bühne hängt zufälligerweise auch son Riesenbildschirm, auf dem dieses Jahr, Klinsmann sei dank, nicht 1 Milliarde Mal das neue Foo-Fighters-Video läuft. Und noch besser: Es kommt zum Elfmeterschießen, während Madball auf der Bühne ordentlich losbollern, um Längen besser als letztes Mal.
Allerdings scheinen die Amis ein wenig irritiert zu sein, weil das Publikum nur am rumkrähen ist: Neuville trifft, Lehmann hält, Borowski versenkt und Deutschland ist im Halbfinale - der Mob am Toben und da ist Madball wohl mal kurz zum totalen Abräumer mutiert.

Kreator geht irgendwie unter, Scheiße. Und was ich von Celtic Frost sehe(n) (muss), ist einfach nur unter aller Kanone. Da hauen sich unsere Legenden wenigstens richtig zu klump, möchte ich zu Metal-Fred-Labosch sagen, aber der ist schon weg...


SAMSTAG


Nach einer ausgiebigen Wascheskapade am proppevollen Baggersee, sind die Crushing Caspars aus Rostock die erste Band des Sonnabends, und was soll ich sagen, die können das Publikum mitreißen, die Songs gehen auch in Ordnung und offenbar macht denen das auch noch Spaß. Gibt n Bienchen und n Lob ins Muttiheft [Anm. Webmaster: Watt ist datt denn???]

N bisschen was erwartet hatte ich mir dann von Raunchy, aber ehrlich gesagt, geht da nüscht. Zudem kommt die Hälfte vom Band. Die können abhauen. Dürfen sich wegen mir die anderen Kinder anhören...
Genauso wie Demented are Go. Wenn ich mir dieses Trauerspiel so angucke, kann ich den ganzen Wind um diese Band einfach nicht verstehen. Null Kraft. Ein Lied klingt wie das davor und das war noch nicht mal gut.
Haben die Pervy In The Park gespielt? Keine Ahnung.

Eigentlich ist der Sonnabend (Toxoplasma hab ich mir mal verkniffen) jetzt schon gelaufen, wenn jetzt nicht noch Ignite kämen, über die ich von allen Seiten immer nur gutes gehört und vor n paar Jahren in Berlin selbst auch nur gutes gesehen habe.
Zugegebenermaßen kenne ich keinen Song. Aber das macht nichts, denn im Zelt bricht einfach nur der Wahnsinn aus, dass das Teil aus allen Seiten dampft. Da kann jeder mitmachen, und das gute ist, hier macht keiner Karate oder sonstirgendwas, sondern hier gibts den guten alten Blutpogo.
Ist das schön, meine Knie zittern vor Aufregung. Leider ist die Nummer damit schon gegessen, denn irgendwie krieg ich es nicht auf die Reihe noch Agnostic zu begutachten - das wars dann mitm Sonnabend.


SONNTAG


Der Sonntag startet dann baggerseebedingt relativ spät - Pillemann, Fotze, Arsch, Fette Motte, Männer Rock'n'Roll, Bremsspurtest, mehr brauch man wohl nicht zu sagen. Die Lokalen schaffen es auch dieses Jahr einen asozialen Flächenbrand zu entfachen. Kennt jeder - singt jeder mit, na ja außer die Mädels vielleicht, und die Wasserflasche passt immer noch In den Arsch. Schön, wenn es wenigstens die Lokalmatadore schaffen, eine gewisse Kontinuität in ihre Bühnenshow zu bringen...

First Blood dagegen nervt schon nach den ersten zwei Liedern tierisch. Da muss ich wohl meine weißen Metalcore-Kniestrümpfe wieder runterkrempeln. Nee, das war nix. Dann doch lieber die Partisans, obwohl die im verwaisten Zelt ebenso wenig reißen.
"Inselaffen, verpisst Euch", sagt deren Sänger - das ist gut - macht ihn sehr attraktiv und gibt ordentlich Pluspunkte. In nem lauschigen Club oder auf einem der zahlreichen kleineren Punkfestivals des Sommers macht das aber sicherlich hundertmal mehr Spaß.

Bleiben also noch erstens: Sick of it all, zweitens: Deadline und drittens: Motörhead, die Last Supper mal ausgenommen.
Punkt eins: Die schlagen erwartungsgemäß ein wie eine Bombe, waren als Ersatz für Korn gekommen (was mich nicht unbedingt traurig machte) und gaben vor Motörhead nen wirklich guten Subheadliner, falls es so etwas geben sollte.
Punkt zwei: In Potsdam dünne, hier gnadenlos abgefeiert. Obwohl die Band nach wie vor imagewechseltechnisch ne ziemlich schlechte Figur macht, da gehts dann wohl doch vielleicht um n bisschen mehr, als nur den Spaß an der Musik.
Den Kids gefällt es trotzdem und abgesehen davon, muss ich sagen, dass mir Deadline an diesem Abend zumindest musikalisch wirklich gut gefallen, und darum gehts doch, oder?
Abgesehen davon, ist It Girl einfach nur n schönes Lied.
Punkt drei: Mir ist noch nie aufgefallen, dass wirklich jedes Lied von Lemmy, seiner Warze und dem Rest der Band so unglaublich gleich klingt. Als die einen neuen Song bringen, passt sowohl der Text von R.A.M.O.N.E.S., als auch der von Ace of Spades, und das sind nur die einzigen beiden Lieder, die mir auf Anhieb einfallen. Also innovativ ist da nix, aber schlecht ist die ganze Angelegenheit trotzdem nicht, vielleicht auch wegen der Gesamcoolness oben genannter Zusammensetzung...

Fazit: N schönes Festival, mit zwei, drei anständigen Höhepunkten, allerdings auch kaum neuen, unbekannten Bands, beziehungsweise mal dem ein oder andern Exoten - wie wärs denn mal mit den Stiff Little Fingers [Anm. Webmaster: diese widerlichen Kommerzschweine mit ihren Rockstarallüren?]? Oder Forgotten wären auch mal schön...

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