„Forever blowing Bubbles“

Cockney Rejects & Gäste. London, W 1.
Ort / Location: 
London, 100 Club
Datum: 
08.04.2016
„Forever blowing Bubbles“ Gig Gigbericht Konzert

Vorab: Für die REJECTS muß man nicht nach London fahren, die Band überzeugt auf jeder Bühne. Bei THE BUSINESS sollte man vielleicht den Heimvorteil nutzen (lohnt!!), die Geggus-Firm dagegen ist unbestritten auswärtsstark. Cockney Land is everwhere!
Die beiden Abende im 100 CLUB standen allerdings unter dem Motto/Versprechen „Original line up! Back together playing ’aving it Rejects classics. Two nights only!“. Na dann…Nur „Greatest Hits“, keine Lückenbüßer und Hard Rock-Fehltritte. An historischer Stätte. Im 100 CLUB, in direkter Nachbarschaft zu Picadilly Line und Backerloo Line. Real London Underground, in einer weitläufigen Keller-Anlage unter der Oxford Street, Hausnummer 100, mitten im turbulenten W 1 versteckt sich der 100 CLUB.

Augen und Ohren in Namedropping-Ehrfurcht geöffnet: Am 20. und 21. September 1976 stieg im vormaligen FELDMAN’S SWING CLUB das „100 Club Punk Festival“ mit PISTOLS, CLASH, DAMNED, BUZZCOCKS…davor und danach waren u.a. Glen Miller, Muddy Water, Paul McCartney, Louis Armstrong, KINKS, STONES, WHO hier zugange.

Treppe hinab und hereinspaziert…Erwartungsgemäß knackte das anwesende Publikum locker den Ü-50 Durchschnitt, an einigen Trikotagen wurden Weltkriegs-Orden vermutet. WW II und WW I. Old Glory!

Einmarsch der Gladiatoren, COCKNEY REJECTS & guests…

JACK THE LAD aus Ipswich: Biologisch nicht mehr die Jüngsten, aber als Band ganz frisch im Geschäft. „Av it!“, Mate. Youngster und Veteran gleichzeitig. Solide Debüt 7“ auf REBELLION. Old British Handarbeit, die Songs könnten von der „A Country fit for heroes“ Compilation stammen. Spielen Live in einer deutlich höheren Liga, eröffneten die Feier pünktlich um 21:00 Uhr. Neben vereinzelten eigenen Songs (inklusive der beiden Single-Tracks) wurden überwiegend UK Oi! Klassiker in die Menge gefeuert. UPSTARTS, COMBAT 84, LAST RESORT, SPARRER. Kann klappen, muß aber nicht…Gefährliches Terrain, an „Chip on my shoulder“ ist schon manche Cover-Blase geplatzt. Plopp und ätsch! JACK THE LAD haben den „Chip“ souverän gerockt, nach simpler Rezeptur: Less Melody, more Punch. Einfach die Sweeeatheart-Melodie raus und dafür ein extradickes Aggro-Paket in den Song gepackt. Mehr davon!

CROWN COURT: Auftritt New Breed. CROWN COURT. Verselbstständigtes VIOLENT REACTION-Sideproject (Bassist Nicky Sandwich, Gitarrist Charlie Fresh). Optisch perfekt kostümiert: Jede Falte, jedes Haar, jeder Hosenträger sitzt. Nick Knight approved Dress Code. Smart.
Mit großartigen Tonträgern im Bauchladen und den korrekten Mix im Sinn: Boston X-CLAIM!-Brutality mit BLITZ-Killerinstinkt auf UK 82 Midtempo geschliffen. Hart, präzise, roh. Jeder Song klingt wie eine Fehlzündung: Laut, brachial, heftig. „We made you“. Rummms!! „Hammer a nail“. Rummms!! „Jack Jones“. Rummms!! Tontaubenmassaker mit der Schrotflinte. Keine Melodie, keine Schnörkel, kein Entertainment. Beinhart til death. Funktioniert auf Vinyl exzellent. Im 100 CLUB an diesem Abend nicht. Kein Sidestep, kein Ausfallschritt, kein Grinsen. Den Blick starr aufs Instrument gerichtet, Auftritt ist Kampf. Gleichschritt, Marsch! Falsche Band in falschem Rahmen vor falschem Publikum. Zu hart, zu präzise, zu roh. Too much Rummms!!
Aber mit Potential. Es ist schließlich noch kein Meister vom Himmel gefallen. Höchstens von der Leiter…Nächste Ausfahrt CONTRA BASH in Dresden. Neue Runde, neues Glück…

EAST END BADOES: Alles was bei CROWN COURT falsch lief, machten die EAST SIDE BADOES richtig. Gotcha! Kein Wunder: Gelernt ist gelernt, rockin the East End since 1981. „Forever proud“!
Der altehrwürdige Keller kochte, das Publikum tobte.
Terry Hayes is the Man! Sollte auf der Streetpunk-Abendschule Kurse für Vokalisten geben. Locker aus der Hüfte. Geschmeidig in der Mimik. Feuer im Arsch, Spass in den Backen! Havin’ a say and havin’ a laugh. Und gleich noch einen laugh obendrauf. Ohne Blödelei und Witzischkeit, no Komiker here. Nicht nur Girls wollen Fun, auch harte Jungs lachen gern laut und dreckig. War auch die einzige Band des Abends, welche keine Probleme mit dem Bass-Amp hatte. Oder diese komplett ignorierte. That’s rock’n’roll, „the way it got to be“! Resolute Vollbedienung mit Olde English „Hard hits for herberts“, die „Poplar Boys“ als Band of the Night und Match Winner? Fast. Es war wenig Luft nach oben, schwer da noch einen draufzusetzen.

Schwierige Nummer für die üblichen Verdächtigen, easy Stuff für die REJECTS…

Ladies and Gentlemen, the COCKNEY REJECTS! Der Conferencier des Abends überschlug sich fast vor Begeisterung, Manege frei für „Let’s get ready to Cockney rumble“.
Dann Einsatz Stinky Turner: „Here comes the new punk!“ Peng! Explosion im Underground-Gewölbe, eine schwitzende Welle schwappte massiv gegen den Bühnenrand. Und die REJECTS, wiedervereinigt mit Original-Bassist Vince Riordan ließen sich nicht lumpen. Versprochen ist schließlich versprochen, ein Großaufgebot an Oi!-Klassikern beschwor den Spirit der early 80’s, der Troublemaker-Teufel wurde aus der Flasche gelassen: „Where the Hell is Babylon?“ (an diesem Abend: Genau hier), „The Power and the glory“, natürlich „Flares’n’Slippers (eingeleitet von DEM Mörder-Basslauf) und „I’m Forever Blowing Bubbles“. Und und und. Schattenboxen und „Headbanger“, ein berauschendes Fest der Sinne!

Britischer Skinhead-Humor endet übrigens pünktlich beim Thema Fußball, ein Gunner vermeidet ganz strikt Gigs auf Spurs Ground und offensichtlich auch REJECTS-Gigs, Micky konnte ungestraft einige Bubbles fliegen lassen bzw. anstimmen. Keine Feinberührung, keine „War on the terraces“ bzw. im Basement, das Violence-Potential reduzierte sich auf zwei schmale Tumulte: # 1 Ging eher als hilfloses Drunk’n’Disorderly durch, ein volltrunkener Glatzkopf versuchte einem zornigen Rentner ins Gesicht zu fassen. Nicht ganz ready to ruck.
Nummero zwo verlief nach Marke „Saloon-Tumult Dodge City“ bzw. Explosions-Zeichnung von IKEA: Sieht auf den ersten Blick gefährlich aus, keiner weiß wo was hingehört, löst sich aber letzendlich in Wohlgefallen auf. Husch, husch und vorbei.

Standort-Betrachtung: Der Club selbst atmet in einigen Belangen den Charme vergangener Tage. Gefühltes 19. Jahrhundert. Überputz-Leitungen und eine Installations-Menagerie in Wirrwarr-Schaltung…auch im im Abgang nicht ganz ungefährlich, leichter Punktabzug deshalb in der WC-Note…Bei den Sanitär-Anlagen hielt man sich ebenfalls exakt an historische Vorgaben, interessant vor allem für Eisenbahn-Freunde: Hier wurden die Toiletten des Bahnhofs zu Jüterbog im Zustand 1984 1:1 nachgebaut. Duftnote inklusive, smells like Biertrinker Spirit. Laterne unten. Ungebremst sucht sich der Urinoko sein Bett, verzweigt sich in niedlichen Rinnsalen. It’s Jauche Time! Egal, Füße hoch und nichts anfassen.

Bier? England? „Wer nichts erwartet, wird auch nicht enttäuscht“ (British Beer Codice von 1923). Der 100 CLUB hält sich strikt daran…Das ausgeschenkte Fass-Bier schmeckt zwar schauderhaft, ist dafür aber sehr preisintensiv. Schlecht und teuer. Hier macht man Nägel mit Köpfen. Und zwar nach dem Gleichheitsprinzip: Egal, welche Sorte man bestellt, es schmeckt alles gleich. Schlecht. Biere mit Import-Background wie STELLA ARTOIS stellen sich in eine Schlange mit der Hausmarke.

Nörgler vom Festland und lokale Hipster werden mit Flaschenbier bestraft. Auch hier gilt: Teuer und schlecht. Aber dafür mit farbenprächtigen Fantasy-Ettikett und wohlklingendem Namen, streng nach dem Craft Beer-Patentrezept. Halt so richtig verrückt und kreativ! Und ungenießbar. Bollocks, Schwamm drüber und ausgetrunken.

Durchatmen…Diese Defizite werden ganz salopp durch die 1A-Lage (im Gegensatz zum BRIDGEHOUSE…) sowie die volksnahen Eintrittspreise neutralisiert. Der History-Bonus zählt im Punk Rock-Memory von Hause aus doppelt, im 100 CLUB betanzt man geweihten Boden.

Fazit: JOIN THE REJECTS! Bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Und JACK THE LAD Und die EAST END BADOES gleich mit. Am besten auf der Insel, Home Turf garantiert maximale Erfolge.

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