Historisches & Biographien

Gary Gilmore

I’m looking through Gary Gilmore’s eyes –
der Mann hinter dem ADVERTS-Klassiker

Die Nacht vor seiner Exekution verbringt Gary Gilmore mit seiner Verwandtschaft in der Todeszelle des Hochsicherheitsgefängnisses von Utah. Vollgepumpt mit Beruhigungsmitteln trinkt er bedächtig den Whisky, den ihm Onkel Venn mitgebracht hat. Auf dem Boden liegen die leeren Dosen seiner gewünschten Henkersmahlzeit – ein Sixpack Budweiser.

In der Hand hält er noch den Telefonhörer. Johnny Cash, sein Lieblingssänger, hat angerufen, ihm Mut zugesprochen und mit ihm ein Duett gesungen. Nun sitzen sie stumm und niedergeschlagen da: Gary, sein Onkel Venn, seine Cousine Brenda und seine Freundin Nicole. Alle warten in der unerträglichen Stille auf den Wärter, der Gary Gilmore zur Hinrichtung bringen wird.

Es ist 8:30 Uhr an diesem nasskalten Morgen des 17. Januar 1977, als Gilmore äußerlich gelassen, sogar lächelnd, die letzten Schritte zu seiner Hinrichtung antritt – und gleichzeitig die ersten von über 1000 nach Wiedereinführung der Todesstrafe in den USA.

Gary Gilmore wird am 04. Dezember 1940 geboren, seine Kindheit ist geprägt von elterlicher Gewalt. Sein Vater ist Berufsverbrecher, und wenn er nicht im Knast sitzt, züchtigt er Gary und seine drei Brüder wegen kleinster Vergehen mit der Peitsche.


Die Mutter ist Alkoholikerin und zeitweise schizophren, sieht in Gary das Böse und will ihn ertränken, als er gerade sechs Jahre alt ist. Seine Brüder können ihn retten.


Seine Jugend verbringt er zumeist in Erziehungsheimen. Mit 14 fliegt er von der Schule, nachdem er monatelang die Schule geschwänzt, die Lehrer schikaniert und Schulsachen gestohlen hat.

Mit 15 bricht er Autos auf, wird geschnappt und macht erstmals Bekanntschaft mit der Staatsgewalt. Dem Psychologen erklärt er, dass er unter dem Zwang stehe, anderen zu schaden, um sich immer wieder auf’s Neue seine Tapferkeit zu beweisen. Der Psychologe rät ihm, Sport zu treiben.

Der Jugendvollzug läutert ihn nicht. Kaum draußen, stiehlt er wieder und wird erneut eingebuchtet. Sein Vater, der im Knast Jura studierte, versucht ihm beizubringen, sich am Rande der Legalität zu bewegen, damit ihn die Gesetze nicht greifen können. Seine Bemühungen laufen ins Leere, zumal sich Gary auch im Jugendknast alles andere als vorbildlich verhält: Er prügelt sich mit Leidensgenossen, legt sich mit den Wärtern an und bekommt zahlreiche Disziplinarverfahren aufgebrummt.

Bis zu seinem 18. Lebensjahr erlebt er das alte Knast-Rein/Raus-Spielchen. Als Gary diesmal für drei Jahre absitzt, stirbt sein Vater Frank. Gary bekommt einen Schreikrampf, verwüstet seine Zelle und versucht sich anschließend umzubringen.

Um ihn vor sich sebst zu schützen, bekommt er nun ein starkes Beruhigungsmittel unter sein Essen gerührt. Fortan ist er zahm wie ein Lämmchen. Allerdings nur bis zum Ende seiner Haft.


Er ist 21, als er wieder auf freien Fuß ist – eine Welt, in der er nicht zurecht kommt. Keine zwei Monate später sitzt er wieder ein, nach einem Raubüberfall mit schwerer Körperverletzung. Sein bislang schwerstes Verbrechen. Seine kümmerliche Beute: 11 Dollar!


Die Staatsgewalt ist mit ihrer Geduld am Ende. Psychologen beurteilen ihn als Wiederholungstäter mit schlechter Zukunftsprognose. Sein Gefängnisaufenthalt verlängert sich dadurch erheblich. Und während Gary die Wochen, Monate und Jahre bis zu seiner Freilassung zählt, wird Gaylen, Garys drittältester Bruder, bei einer Messerstecherei lebensgefährlich verletzt und stirbt wenige Tage später.

Gary tobt erneut, als er davon hört, bekommt aber Haftausgang, um für das Begräbnis zu sorgen. In der ganzen Hektik vergisst er allerdings, wieder rechtzeitig zurück in den Bau zu gehen, worauf er zu zusätzlichen 9 Monaten Haft verurteilt wird.

Man hält ihn wegen diverser Vorkommnisse bevorzugt getrennt von den Mithäftlingen. So hat er viel Zeit und beginnt zu lesen. Erst leichte Kost, später Nietsche, Schopenhauer und Hegel.


Er beginnt schließlich, selbst zu schreiben und das mit zunehmendem Erfolg. Er gewinnt einige Preise bei hochdotierten Schreibwettbewerben. Seine Texte werden in Literaturkreisen geschätzt und sein außerodentliches Talent entdeckt.


Die Gefängsnisleitung hofft, dass Gary sein altes Leben über Bord wirft, nachdem er nun seine wahre Begabung gefunden hat. Es werden psychatrische Gutachten erstellt, die Gilmore einen IQ von 130 bescheinigen. Der Psychiater stellt plötzlich eine gute Prognose und so wird Gary ziemlich unerwartet aus der Haft entlassen.

Um sich in der Freiheit zurecht zu finden, bekommt er eine Wohnung gestellt, etwas Geld und darf kostenlos die hiesige Kunsthochschule besuchen. Es ist 1972, er ist 31 Jahre alt und saß fast 15 der letzten 17 Jahre seines Lebens hinter Gittern.

Natürlich funktioniert der Versuch nicht. Er besucht kein einziges Mal die Kunsthochschule, sondern lieber seinen Bruder Mikal, der später zu Protokoll geben wird: „Mein Bruder war eine Bestie. Ich kann nicht verstehen, warum er aus dem Gefängnis entlassen werden konnte.“

Das erhaltene Geld investiert er in Alkohol und trinkt sich die Welt schön. Er schafft noch nicht einmal einen Monat in Freiheit. Ein schwerer bewaffneter Raub bringt ihn erneut vor Gericht. Seine sorgfältig artikulierte schriftliche Argumentation gegen eine weitere Haftstrafe ist noch erhalten: „Seit meinem 14. Lebensjahr war ich ganze zwei Jahre ein freier Mann“, schreibt er. „Wenn ich wieder ins Gefängnis muss, werde ich endgültig innerlich zerbrechen.“ Der Richter bleibt unbeeindruckt und verknackt ihn zu weiteren neun Jahren Haft.

Sein Leben scheint für Gilmore in diesem Augenblick beendet. Er versucht sich in seiner Zelle wiederholt die Pulsadern aufzuschneiden, bis man ihn wieder mit Hilfe diverser Medikamente (für angehende Krankenschwestern: Prolixin) ruhig stellen will. Aber Gilmore bittet um eine Alternative. So wird er ins Hochsicherheitsgefängnis nach Marion, Illinois, gepfercht. Er sitzt in Einzelhaft, darf weder Besuch empfangen noch Mithäftlinge sehen oder sprechen.

Die Zeit vertreibt sich Gary damit, Briefe zu schreiben. Besonders intensiv korrespondiert er mit Cousine Brenda. Brenda kennt Gary nicht persönlich. Sie kennt seine impulsive Art nicht und wohl auch nicht seine psychosomatische Störung. Doch sie verliebt sich in Gary bzw. in seine gefühlvollen Briefe und kommt auf den abstrusen Gedanken, es schaffen zu können, aus dem gefährlichen Gary Gilmore einen handzahmen, rechtschaffenden Amerikaner zu zaubern. Dazu bedürfe es nur eines liebevollen Umfeldes, eines Jobs gegen Langeweile und einer Familie, die sich seiner annimmt.

Und tatsächlich – das Unmögliche geschieht! Nach drei Jahren zähen Ringens mit der Staatsgewalt, nach dem Einschalten der Medien, die das Thema „Free Gary Gilmore“ zur Chefsache erklärten und einem neuerlichen psychologischen Gutachten steht Gary Gilmore 1976 tatsächlich vor Brendas Haustür. In der Hand seine gesamten Habseligkeiten. Sie passen problemlos in einen Turnbeutel. Gary Gilmore war bereit für das Abenteuer Freiheit, und diesmal würde er es nicht verbocken. Zumindest glaubt er fest daran.

Gary hasst das Zuchthaus, aber die Fähigkeiten, die er sich dort aneignete, um zu überleben, passen nicht so recht in die konservative, mormonische Gemeinschaft in Utah, in der er sich nun wiederfindet. Und er hatte nie in seinem Leben gelernt, sich anzupassenm, unterzuordnen oder Regeln zu befolgen. Sein Leben lang hatte Gary genommen, was er wollte und wonach ihm der Sinn war – Bier, Zigaretten, Geld. Einen Schnellkurs in Verhaltensregeln gab es auch in Utah nicht.

Seine kurze Karriere als Schuhverläufer im Laden seines Onkels ist beendet, als er nach wenigen Tagen nicht mehr zum Dienst antritt. Und auch seinen Job als Bauarbeiter nimmt er weniger ernst als das saufen. Und als er sich kein Bier mehr leisten kann, stiehlt er es, weil … – er es in diesem Moment einfach haben will.


Drei Monate lebte er mittlerweile in Freiheit, so lange wie seit 10 Jahren nicht mehr. Doch dass der naive Versuch einer Resozialisierung bereits gründlich daneben ging, Brenda weiß es längst.


Mit der erst 19jährigen Nicole Baker Barret und ihren zwei unehelichen Kindern lebt er unter einem Dach. Sie ist ihm hörig. Er behandelt sie und die Kinder, wie er es als kleiner Junge kennengelernt hat. Wortgefechte trägt er bevorzugt mit der Faust aus, er trinkt alles, was nach Alkohol riecht – und tobt vor Wut und verletzter Eitelkeit, als er abends nach einem Zechgelage seine Wohnung verlassen vorfindet. Nicole ist mit ihren Kindern geflohen.

Er entscheidet sich, Nicole zu suchen. Zu diesem Zweck ist aber der weiße Ford PickUp beim Autohändler um die Ecke geeigneter als sein altersschwacher Mustang. Leider (oder zum Glück) hat der Händler bereits Feierabend. Also schließt Gary die Kiste kurz und tritt aufs Gaspedal.

Sein erster Weg führt zu Nicoles Elternhaus. Dort trifft er sie jedoch nicht an. Den nächsten Halt macht Gilmore an diesem verhängnisvollen Montag, dem 19. Juli 1976, an der örtlichen Tankstelle. Während sich der Tank seines PickUps füllt, schlendert Gary zu Max Jensen, dem Kassierer, und befiehlt ihm mit gezogener Knarre, seine Taschen zu leeren. Er tut wie ihm geheißen. Anschließend hält er dem verängstigten Mann das Gewehr zwischen die Augen – und drückt zweimal ab.


Gary steigt mit blutverschmierter Hose in seinen PickUp und fährt ziellos durch die Gegend und quartiert sich schließlich in einem Motel in der Nähe ein. Während er unruhig schläft, ist Max Jensens Leiche längst entdeckt und eine Großfahndung eingeleitet.


Der Motel-Manager ist am nächsten Morgen das nächste Opfer. In gleicher Manier raubt er ihm sein Geld und schießt ihn anschließend über den Haufen. Doch diesmal hat er Pech – eine Frau beobachtet die Szenerie. Beim Versuch, auf die Zeugin zu schießen, verfängt sich sein Daumen im Abzug und Gary zieht sich eine tiefe blutende Fleischwunde zu. Verstört rennt er zum Wagen und sucht das Weite.

Wenig später klingelt bei Brenda das Telefon. Es ist Gary, der ihr seine Koordinaten verrät und sie bittet, er möge ihm Verbandszeug mitbringen. Doch stattdessen schickt sie die Polizei zur angegebenen Adresse. Gilmore ist über diesen unerwarteten Besuch derart überrascht, dass er sich widerstandslos verhaften lässt.

Dummerweise wurde genau drei Wochen vor Gary Gilmores Tat das seit fast zehn Jahren geltende Verbot der Todestrafe revidiert. 1967 entschied das Oberste Gericht in den USA, dass die Todesstrafe nicht mehr zeitgemäß sei und unmenschlich. 1972 wurde dieses Urteil noch bekräftigt, 1976 allerdings erklärten die gleichen Männer in Schwarz das Todesurteil wieder für zulässig, da wegen einer verbesserten Gesetzgebung keine Fehlurteile mehr zu erwarten seien. In Utah und anderen Bundesländern wurde daraufhin – wenn auch unter lautstarkem Protest vieler US-Bürger – die Todesstrafe bei einigen besonders schweren Vergehen wieder eingeführt. Darunter auch bei Mord…

Mit diesem Urteil vor Augen leugnet Gary Gilmore anfangs standhaft, irgendetwas mit den beiden Morden zu tun zu haben. Als sich die Beweise häufen, versucht er auf geisteskrank zu machen. Vier Gutachten bescheinigen Gilmore übereinstimmend jedoch einen wachen Geist – und einen sehr hohen IQ.

Sich der Ausweglosigkeit der Situation nun bewusst geworden, macht er eine taktische 360 Grad-Wende. Er verlangt von seinen Verteidigern, für ihn die Todesstrafe zu fordern und auf entlastendes Material zu verzichten. Er fühle sich dem Tode nah, habe es verdient zu sterben und letztlich sei der Tod besser als ein ewiges Leben hinter Gittern, so seine Argumentation.

Am 07. Oktober 1976 fällt das Urteil. Nur zwei Tage benötigt das Gericht, ihn zweifelsfrei des Mordes an den Motel-Manager zu überführen, beim Tankstellenmord bleiben geringe Restzweifel. Das befürchtete Urteil der neunköpfige Jury ist eindeutig: TODESSTRAFE!

Das Todesurteil wird in den Staaten kontrovers diskutiert. Todesstrafengegner initiieren Protestmärsche, alle Medien berichten schlagzeilenträchtig über dieses Thema, und alle bekommen neue Nahrung, als Gary Gilmore sich für Tod durch Erschießen entscheidet, einer alles andere als „humane Tötungsart“ und eines modernen Staates unwürdig.


In einer eilig einberufenen Sitzung wird Gilmans Bitte entsprochen, ebenso seiner gewünschten Henkersmahlzeit: einem Sixpack Bier.


Der 15. November 1976 soll dem Spuk ein Ende bereiten, doch eifrige Juristen legen kurz zuvor Einspruch ein, der nach kurzer Prüfung abgelehnt wird. Gary Gilman ist verärgert, dass er auf seinen Tod derart lange warten muss und versucht es mit Unterstützung seiner Freundin Nicole auf eigene Faust. Sie schmuggelt in ihrer Vagina 50 Pillen starker Schlaftabletten in den Hochsicherheitstrakt und überreicht Gary die Hälfte. Dann nehmen beide die Tabletten ein. In letzter Minute findet ein Wärter die beiden im komatösen Schlaf. Beide können wiederbelebt werden.

Mittlerweile werden die Rechte für Gilmores Lebensgeschichte vergeben. Mehr als ein Dutzend Zeitungen und Fernsehsender buhlen darum, die Exklusivrechte zu bekommen, die schließlich für insgesamt 50.000 Dollar an ABC gehen. Gary teilt die Summe per Zufallsprinzip an seine Verwandtschaft und Zellengenossen auf.

Der Tag der nächsten Exekution ist für den 06.12.1976 angesetzt. Auch dieses Datum verstreicht, weil diesmal Mutter Gilman Berufung einlegt. Er sei wegen seines 25tägigen Hungerstreiks, den er aus Protest gegen das verhängte Besuchsverbot seiner Freundin begonnen hatte, nicht mehr Herr seiner Sinne. Gary beendet den Hungerstreik umgehend und versucht sich vergebens, die Pulsadern aufzuschneiden.

Dann, am 17. Januar 1977, ist Gary Gilmores endgültiger Todestag. Man bringt ihn um 7:30 Uhr in eine leere Konservenfabrik, fesselt ihn auf einen Sessel, eine Zielscheibe aus Papier wird über sein Herz geklebt und eine Samthaube über seinen Kopf gestülpt. Der Gefängnispfarrer bittet Gilmore um seine letzten Worte.


„Lasst es uns tun.“


Gilmore macht einen ruhigen Eindruck, als der Countdown gezählt wurde. Fünf freiwillige Sicherheitsbeamte des Gefängnisses feuern dann – versteckt hinter einer Wand – die tödlichen Kugeln ab.

Es gibt drei eindeutige Treffer. Gilmores Kopf schlägt nach vorne, seine rechte Hand hebt sich kurz und fällt dann kraftlos auf die Stuhllehne zurück. Die Zuschauer, die Gilmore verlangt hat, sehen, wie das Blut aus seinem Oberkörper läuft, sein Hemd herunter und dann auf den Fußboden tropft. Der Arzt erklärte ihn 20 Sekunden später, um 08:08 Uhr, für tot.

Gary Gilmore ist das erste Opfer nach Wiedereinführung der Todesstrafe am 17. Januar 1977 in Amerika. Seine intakten Organe sowie seine Hornhaut wurden gespendet, was die Adverts zu ihrem Song ‚Gary Gilmore’s Eyes‘ animierte, der im August 1977 ein Top-20-Hit der englischen Charts war und bis heute ein Klassiker ist.

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