Historisches & Biographien

Force Of Hate Fanzinestory 1/3

von Paulchen, aus MP #12, 12.1998
Teil 1/3

Anmerkung: Diese History entstand vor über 20 Jahren, die beschriebenen Protagonisten agierten vor über 35 Jahren. Daher wird für Außenstehende manche Passage schwer nachvollziehbar bis widersinnig erscheinen. 

Es ist an der Zeit, die lockere Serie der im Moloko Plus vorgestellten Kult-Glatzenfanzines von gestern und vorgestern, fortzuführen.
Diesmal geht es um ein Heft, das zweifellos neben Uhl’s „Clockwork Orange“ eines der wichtigsten Szenepamphlete Mitte bzw. Ende der Achziger Jahre war, nicht nur aufgrund der recht regelmäßigen Erscheinungsweise und der für damalige Verhältnisse exzellenten Aufmachung, sondern vor allem durch die konsequente Haltung, die hinter dem Heft stand. Doch dazu später.

Gemeint ist das Dortmunder, bzw. vorher Düsseldorfer „Force of Hate“, für mich damals der Wegbegleiter beim Einstieg in die Skinheadszene.

Doch blenden wir zunächst zurück und beschäftigen uns vorab mit dem (fast) alleinigen Macher und geistigen Urheber des „FoH“, niemand geringerem als dem damals überaus bekannten Günter Gruse.

Der gute Günter war schon Ende der Siebziger an die Punkbewegung geraten und hatte sich dann zu Beginn der Achziger mit seinem ziemlich genialen Fanzine „Falschmelder“ einen guten Namen in der Szene gemacht.

Zu dieser Zeit brachte auch meine Wenigkeit eine Punk-Gazette namens „Ach & Krach“ auf den Markt, auf die die Welt zwar nicht gewartet hatte, die mir (und meinem damaligen Co-Redakteur, heute freischaffender Fotograf in Köln) nichtsdestotrotz eine Menge Spaß gemacht hat. Die wenigsten dürften sich daran erinnern.

Wie auch immer, auch zu damaligen Zeiten war es, wie es wohl heutzutage nach wie vor Brauch ist, üblich, daß sich die elitären Fanzinemacher gegenseitig ihre  neuesten Elaborate zusandten, was der gegenseitigen Erheiterung und Information durchaus dienlich war. Außerdem kostete damals eine Büchersendung noch 50 Pfennige.

So tauschten Günter und ich nun lustig unseren geistigen Ergüsse aus, bis ich irgendwann feststellen mußte, daß er lange nichts mehr von sich hatte hören lassen. Nun gut, es war damals wie heute nicht unüblich, daß kleinere (richtig große gab’s ja eh nicht) Fanzines ihr Erscheinen kurzfristig einstellten, somit wunderte ich mich nicht weiter.

Wochen später jedoch lag unvermittelt „Force of Hate“ #2 in meinem Briefkasten, zusammen mit einem ellenlangen Brief, in dem sich Günter für die lange Wartezeit entschuldigt und erklärend erläutert, daß er durch und während der Ereignisse bei den Chaostagen in Hannover ’84 angesichts des desolaten Zustandes, in dem sich die deutsche Punkszene aus seiner Sicht befand, zu der Erkenntnis gelangt sei, daß die einzig richtige Konsequenz die sei, die Fronten zu wechseln, sprich Skinhead zu werden.

Wie diejenigen, die die Zeit damals mitgemacht haben, sich zweifelsfrei erinnern werden, war seinerzeit die Situation zwischen den beiden Kulturen total verhärtet: die Punkszene war eindeutig politisiert und nach links gerutscht, der Spaß-Faktor („Tanz auf dem Vulkan“) wich dem Gestammel über die „Veränderung des Systems“, plötzlich wurde jeder, der ein wenig auf sich hielt, Vegetarier und man hatte Schriften dubioser russischer Anarchisten im Zimmer ‚rumliegen.

Auf der anderen Seite verwahrloste ein immenser Teil der Punkszene zusehends, Alkohol und Drogen bestimmten deren Alltag und die Enkel dieser Generation sieht man heute noch vor jedem halbwegs großen bundesdeutschen Bahnhof sitzen.

Gleichzeitig kam die Hardcore-Bewegung, angeführt von Bands wie Minor Threat mit ihrer „Straight Edge“-Ideologie, schwer in Mode, alles Sachen, mit denen die Skinszene ziemlich wenig anfangen konnte.

Die hatte sich, regional mal mehr, mal weniger krass, tendenziell nach rechts bewegt, sicher u.a. aus Gründen der radikalen Abgrenzung gegenüber den genannten Entwicklungen, aber eben auch aus der Identifikation mit den Dingen heraus, die man mit der englischen Skin-Szene verband, Arbeiterklasse, Patriotismus, Zusammenhalt, Fußball, all die altbekannten Klischees …

Kurz und gut, eine Zeit, in der der Schritt von der einen in die andere Subkultur definitiv gewagt war. Trotz der anfänglichen Skepsis hat mich Force of Hate ziemlich fasziniert.

Aus heutiger Sicht mag das irgendwie merkwürdig klingen, aber für viele war damals die Skinheadbewegung die einzige Alternative zu Polit-Gezumpel, Asi-Penner-Punx und Hardcore-Blagen. So war es bei Gruse, so war es bei mir.

Inhaltlich nahm die Nummer 2 das vorweg, was Günter Zeit seines Fanzine-Schaffens im Hautkopf-Gewand immer gepredigt hat: „All Skinheads united and strong“.
Ihm ist es immer um den Zusammenhalt der Szene gegangen, wichtig war nicht die Frage „rot“ oder „braun“, sondern die Frage „Skinhead“ oder nicht. Besagtes Motto prangt denn dann, gut sichtbar neben dem „Crucified Skin“ auf dem Cover, bevor es im Vorwort in die vollen geht: „…daß nämlich die Nr. 1, wie man auch dem Cover entnehmen konnte, für Skins und Punks bestimmt war. Welche Lehre werde ich nun daraus ziehen? Ganz einfach! Es wird auch in Zukunft Berichte über Punk als Musikrichtung geben, aber nicht mehr
in dem Umfange, wie in der ersten Ausgabe.
Das FOH wird in Zukunft in erster Linie für Skins gemacht und für Skins bestimmt sein.
Aus diesem Grunde wird es deshalb auch keine Berichte mehr oder Statements in dem Sinne geben, daß hier zwischen linken, rechten oder sonstwas für Skinheads unterschieden wird. All Skinheads united and strong!!!
Alles andere trägt zur Spaltung bei und wird nur den Scheißern in die Hände arbeiten, die uns sowieso pauschal als „braunen Schlägertrupp“ diffarmieren. …“

Wie ein roter Faden wird sich dieser Gedanke durch dieses und alle weiteren Hefte ziehen, und auch wenn man Günter aus heutiger Sicht sicher Naivität unterstellen könnte, damals war das Fanzine mit seiner Einstellung irgendwie bitter nötig.

Ausgabe 2 nun beinhaltete zunächst einige Leserbriefe, die sich u.a. kritisch mit der Situation in der D-dorfer Kiefernstraße auseinandersetzten, in der Günter pikanterweise zu der Zeit noch wohnte.
Und so läßt er es sich auch nicht nehmen, die Zustände in den dortigen Punker-WG’s mit Begriffen wie „Asozialität“, „Pennertum“ und „stinkende Dreckslöcher“ zu beschreiben.

Desweiteren geht er auf einen Briefeschreiber ein, der ihm vorwirft, mit einem Deutschlandaufnäher herumzulaufen („… Man mag von dieser Bundesrepublik halten was man will, aber diese Farben und dieses Zeichen stehen für die Freiheit und die Demokratie und wurden nicht zuletzt deshalb von den Nazis verboten, jawohl verboten …“).

Seinen Sinn für provokatives Lay-Out beweist Gruse dann noch gleich zu Beginn mit zwei Karikaturen, auf denen jeweils ein Vertreter der Kurzhaarfraktion einem Mitglied der Stachelhaarträger-Gilde deftig auf den Stuten kloppt. Weiterhin stellt ein gewisser Ralf B. (wahren wir die Anonymität, nur so viel sei gesagt: dieser junge Mann aus Düsseldorf wurde später Verkäufer in einem ziemlich bekannten Indie-Plattenladen in der Stadt mit dem alten Bier), der fortan immer mal wieder im FOH auftauchen sollte, kurz einige Tonträger vor (Platte des Monats: Böhse Onkelz „Böse Menschen …“), so z.B. die inzwischen megararen Singles von Crowbar („Hippie Punks“), Warrior Kids und die Snix/Tolbiac Toads Split-Single.

Tja, damals kam zwar nicht sonderlich viel ‚raus, dafür hatten die Sachen im Vergleich zu heute aber Hand und Fuß. Interessanterweise wird auch der Pushead-Sampler „Clean the Bacteria“, sowie die 2. Raw Power-LP besprochen, ein Zeichen dafür, daß Ralf B. dem Hardcore durchaus aufgeschlossen gegenüberstand.

Nach einigen News folgt ein Interview mit den Hamelner Jungs von Vortex, die gerade vor der Veröffentlichung ihres ersten Albums standen. Diese geben sich betont anti-Punk („Von den Punks halten wir nicht viel, da es sich meist um Neue handelt, die nur Scheisse im Hirn haben. Punks und Skins united -nein Danke! Das läßt sich nicht mehr vereinbaren“), wehren sich aber gegen Vorverurteilungen seitens der Presse („… aber wie willst Du im Moment noch rechte und linke Skins trennen, da für die Medien die politische Einstellung der Skins schon lange feststeht?“).

Ziemlich deplaziert wirkt hingegen eine Anzeige des Dortmunder „Wurstkopf‘- Fanzines, für die der auch heute noch aktive Benjamin R. sich mit Sicherheit heute noch schämt.

Weiter ging’s dann im Text mit einer Kritik zum Film „Made in Britain“, der zu dieser Zeit im deutschen Fernsehen über den Sender lief und die Geschichte eines ziemlich abgedrehten Glatzkopfes im Thatcher-Großbritannien erzählt.

Es folgt ein echter Knaller: Punx und Skins aus Leipzig und Dresden stellen sich und ihren Alltag vor, der, wie könnte es zu DDR-Zeiten auch anders sein, geprägt war durch staatliche Repressalien und Probleme, gegen die das Leben in der Bundesrepublik wie ein einziges Zuckerschlecken erschien.

Deutsch-deutscher Alltag in einem Skinhead-Fanzine, das ganze im Herbst ’85, man höre und staune.

Nach einer leicht pathetischen Stellungnahme eines gewissen Uwe Sch. zum Thema „Verbotenes Nationalgefühl“ folgt ein kurzer Artikel über die Böhsen Onkelz, zu dieser Zeit mit tödlicher Sicherheit die bekannteste, beste und beliebteste Glatzenband in hiesigen Breitengraden.

Die Heysel-Katastrophe in Brüssel nimmt Gastschreiber Uhl im folgenden zum Anlaß, sich mit der angeblichen Verstrickung von Skins und NF-Mitgliedern in die Geschehnisse auseinanderzusetzen, bevor der bereits erwähnte Ralf B. zum Skins & Punx-United-Gedanken negativ Stellung bezieht, ein Thema, das damals ein ganz heißes Eisen war, wie man unschwer erkennen kann.

Zu guter letzt wird, nach einigen eher unbedeutenden Beiträgen, die englische Oi-Band Indecent Exposure vorgestellt, die (Freunde der „Political Correctness“ bitte jetzt die Haare raufen), kurz danach zwei hervorragende Alben bei ROR veröffentlichten.
Das Interview war zwar aus dem belgischen „Unite & win“ abgeschrieben und gibt auch nicht sonderlich viel her („…we do have political views but we don’t put much of them in our songs“), trotzdem zeugt es von Günters Gespür für gute Musik.

Alles in allem war das Heft liebevoll gestaltet (Heftung mit handgeknotetem Bindfaden!), inhaltlich abwechslungsreich und interessant aufgemacht und zum Preis von einer Mark definitiv ein Hammer (Günter war gelernter Drucker, wahrscheinlich rührten daher die Kontakte zu einer günstigen Druckwerkstatt).

Jeder Seite merkt man an. daß der Autor zu 100% zu seiner Sache steht und für mich Grund genug, ab diesem Zeitpunkt zunächst brieflich mit ihm im Kontakt zu bleiben.

Zeitgleich begann Günter. eine Art Tapevertrieb aufzubauen, in dem in der Folgezeit einige Klassiker das Licht der Welt erblicken sollten.

Den Anfang machte das für mich epochale erste Demo der Krumbacher Ska-Virtuosen von SKAOS, die zu der Zeit noch kein Schwein kannte. die aber meine Freunde und mich total begeisterten mit ihrem 2Tone-mäßigen Oft-Beat.

Man muß bedenken, daß die Bayern wohl nach den unsäglichen Nighthawks und den Bremern von der Schwarz-Weiß-Mafia neben den Krefelder Braces, den Blue Beat aus Jülich und Münsters El Bosso und die Ping Pongs die ersten waren. die in Deutschland Ska in Reinkultur offerierten.

Als Tape Nr. 2 erschien übrigens das Livetape zum Bostoner Auftritt der Specials 1980, auch eine absolute Granate in ziemlich guter Qualität.

Der nächste Streich war das Demo der bis heute besten italienischen Skinheadband Nabat, das in meinem Tapedeck ‚rauf und ‚runter gedudelt wurde ob seiner wahnsinnigen Power.

Danach veröffentlichte Günter in loser Folge Live- und Demotapes von Bands wie Decibelios und Kortatu, die in Deutschland zu der Zeit nun wirklich niemand kannte, aber auch weniger gut beleumundete Bands wie Endstufe und KdF erhielten die Gelegenheit, die Szene mit ihren Klängen zu „bereichern“, und das, wie im Falle der Springtoifel und Endstufe, noch vor den Veröffentlichungen der jeweiligen Debut-LP’s.

Erwähnenswert auch, daß etwa die Cro-Mags schon in Günters Tapevertrieb zu beziehen waren, als deren „Age of Quarrel“-Meilenstein noch nicht einmal auf dem Markt war.

Die Preise lagen mit 3 DM für C-60-Kassetten und 4 DM für C-90-Tapes absolut an der Non-Profit-Grenze und einige der Cover habe ich im Lay-Out zu diesem Artikel beispielhaft eingearbeitet.

Heute ist das unvorstellbar, aber damals war es extrem schwierig, an Skinheadmusik heranzukonunen, da war Gruses Bauchladen die taschengeldkompatible Lösung schlechthin. Zunächst lief das Ding im kleinen Rahmen für Freunde und Bekannte nebenbei, später gab es sogar richtige Listen mit Titeln im Dutzend, viele davon allerdings weniger geeignet für die Ohren eingefleischter Redskins, was aber nicht unbedingt an des Machers Einstellung lag, sondern vielmehr am Überhang tendenziell eher rechter Bands in den Achtzigern.
Denn Gruses Motto „All Skinheads united and strong“ spiegelte sich gerade und immer wieder bei der Auswahl seiner Bands für Fanzine und Tapelabel wieder.

Übrigens kamen auch Ultima Thule (bitte an dieser Stelle wieder die Haare, falls vorhanden, raufen) im Rahmen der „Red series“, wie sie aufgrund der Farbe der Cover zunächst genannt wurde, zu ersten Ehren. Später variierten die Farben dann aber …

Zurück zum Heft: aus mir unbekannten Gründen fehlt die Nr.3 in meiner Sammlung, da wird doch nicht jemand lange Finger gehabt haben?

Im März 1986 jedenfalls kam dann die #4 auf dem Höhepunkt der Medienhatz auf Skins angesichts des gewaltsamen Todes des türkischen Staatsbürgers Ramazan Avci in Hamburg heraus, der, Zeitungsmeldungen zufolge, von Skins in den Tod getrieben worden war.

Für die deutsche Skinheadgemeinde wohl ein genauso großes Desaster, wie Southall für die Briten, aber dazu mehr in Moloko Plus #13, wenn wieder wacker auf den Spuren der fanzinetechnischen Vergangenheit gewandelt wird.

Bis dahin verbleibt Euer ergebener Erzähler Sir Paulchen

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