Historisches & Biographien

Force Of Hate Fanzinestory Teil 3/3- Rückblick auf eines der wichtigsten deutschen Skinfanzines der 80er

von Sir Paulchen, aus MP #14, 10.1999

Und wieder kamen einige Zeitgenossen zu dem Ergebnis, es handele sich bei diesem Beitrag um eine „Abfeierei“ und eine Verharmlosung von „rassistischen Dreck“. Noch mal zum Mitschreiben: es geht um eine Bestandsaufnahme der deutschen Skinheadszene Mitte des 80er am Beispiel des Fanzine „Force of Hate“ – nicht mehr und nicht weniger.

Vielleicht ist es vermessen, zu behaupten, das FoH sei irgendwo auch ein Spiegelbild der damaligen Szene, aber wer verschweigt, daß die deutsche Skinbewegung nicht etwa mit Skaos, Busters, No Sports und S.H.A.R.P. begonnen hat, der betreibt schlichte Geschichtsfälschung.
Mag sein, daß seitens der Leserschaft kein Interesse an einer kommentierten Aufarbeitung der damaligen Geschehnisse besteht, aber daß die (Glatzen-) Vergangenheit hierzulande aus heutiger Sicht meistenteils kein Ruhmesblatt war, sollte man sich immer mal wieder vor Augen führen.

Günter’s #5 kam jedenfalls im Juni 1986 auf den Markt, kostete preiswerte 1.50.- und zeigte auf dem Cover einen damals in einer westfälischen Provinzmetropole wohlbekannten Jüngling, der mit seinen damaligen „Gefährten“ für einigen Wirbel ebendort sorgte. Der Herr lebt heute als Möbelpacker in Oslo!

Im Vorwort kündig, Gruse „ein wenig mehr Fun“ an – schau’n ‚mer ma.

Spaß macht – zumindest für Plattensammler – die Bestellliste von Idiots-Records in Dortmund, die zu der Zeit noch kein Ladenlokal hatten. Idiots-Sänger Hannes organisierte den Vertrieb aus der heimischen Wohnung heraus und verkaufte neben der Decibelios LP (13DM, schnüff) und Klassikern wie „We won’t change“ von Sektion 5 (14,90) noch die „Blood & honour“ der berüchtigten Schraubenzieher. Der Fairnis halber sei gesagt, daß dieses „Produkt“ das einzig zweifelhafte im Programm war und derartige Verfehlungen später nicht mehr vorkamen.

Ansonsten folgt nunmehr einer von mehreren Klöpsen des Hefts: der 86er „Tag der deutschen Einheit“ wurde von diversen Glatzen offenbar irgendwo an der deutsch-deutschen Grenze „zelebriert“ – entsprechende Fotos inklusive Fahnen und T-Shirts mit zweifelhafter Symbolik werden mit Kommentaren wie „Trotz Rotfront-Terror! Never surrender“ und einer kartographischen Darstellung der damaligen Bundesrepublik, der DDR, Österreich und der ehemaligen deutschen Ostgebiete präsentiert . Das ganze garniert mit der Überschrift „Drei deutsche Staaten, abgetrennte Gebiete, vertriebene Menschen und dennoch: Wir sind ein Volk.“
Die abgebildeten Herren (und ab und an auch Damen) sehen alles in allem nicht sehr vertrauenserweckend aus und man kann wohl froh sein, nicht zufällig als Passant in diesen „munteren“ Haufen hineingeraten zu sein.

Es folgt ein nicht sehr aufschlußreiches Interview mit Condemned 84, die auf die Frage nach der NF antworten: „die Band hält nichts von politischen Lügen, aber wir sind sehr patriotisch“, ansonsten die Redskins „Scheiße“ finden und Drummer Cliff als einen seiner Einflüse Skrewdriver nennt. Was umso mehr verwundert, hatten Condemned 84 doch just zu dieser Zeit ihre absolute Killer-Mini LP „Battle scarred“ auf Roddy Moreno’s Oi!Records veröffentlicht, definitiv eine der 10 wichtigsten Oi-Platten aller Zeiten.
Auf späteren Tonträgern tauchte besagter Cliff aber auch nicht mehr auf.

Was folgt, dürfte unseren politisch korrekten Lesern die Röte des Zorns ins Gesicht treiben, handelt es sich doch um ein kurzes Interview der zu dieser Zeit in Deutschland noch gänzlich unbekannten Ultima Thule, die ja auch noch in unseren Tagen für „Gesprächsstof‘ sorgen.

Auf die, übrigens mal wieder vom fränkischen Gastschreiber Uhl, gestellten Fragen antworteten die Nordmänner zwar etwas knapp, gaben aber immerhin zu Protokoll, daß der Bandname eine Bezeichnung für das entfernteste Land im Norden sei.
Desweiteren bezeichnen sie sich selbst als Nationalisten, nicht aber als Nazis und müssen von Uhl locker eingestreute Fangfragen wie „Seid Ihr für ein vereintes nationalistisches Europa ohne Kommunismus und Kapitalismus?“ parieren.
Tja, was soll man dazu sagen?

Gruse vertrieb zeitgleich das erste Ultima Thule-Demotape, das 14 Songs enthielt, so auch die vier Songs ihrer „Sverige, Sverige fosterland“ Debut-7″, der auch der Song „Du ganla du frig“ entstammt, den Egoldt 1985 für seinen ersten „Never surrender“-Sampler übernahm.

Das Demo wurde später unter dem Titel „The early years“ als CD wiederveröffentlicht.

Weiter geht’s mit einem kurzen Konzertbericht betreffend der Ska-Gymnasiasten von den Braves, bei deren Auftritt in der Krefelder Kulturfabrik die anwesenden Glatzen, selbstverständlich völlig unschuldig, von der Staatsmacht „mit äußerster Brutalität aus der Halle geknüppelt und auf die Straße getrieben“ wurden, was offenbar dem „restlichen Publikum (300 Hippies)“ und der Band gut gefallen hat. Der Bericht endet mit einer Warnung an die Adresse der Kombo, einen geplanten Auftrittstermin in Düsseldorf besser nicht wahrzunehmen.

Rauhe Sitten, damals.

Doch kommen wir, wie angedroht, zum Oberhammer dieser Ausgabe: ein unter der Überschrift „Der Sturm auf Flensburg“ verfasster Bericht eines bekannten Herrn aus Mönchengladbach, der in den frühen 90igem als selbstemannter König der S.H.AR.P.- und Redskins eine stattliche Zahl von Oberschülern hinter sich wußte. Dieser liefert eingangs einige Hintergründe zum besagten Braces-Gig – ich darf zitieren: „… Nachdem dort meine Frau von einer Türkenschlampe angepöbelt worden ist, und sich als gelerntes Ex-Skinmädel mit einigen Tritten zur Wehr setzte, zerstörte sie dabei eine Glastüre. Dabei zog sich (…) eine Schnittwunde zu, und unser Fahrer (…) und ich brachten sie ins Krankenhaus, wo die stark blutende Wunde genäht wurde.
Zurück zum Konzert – und dort große Überraschung, von den ursprünglich 50 anwesenden Glatzen war keiner mehr da!
Schnell war geklärt, daß ein Riesenaufgebot von Bullen alle Skins bis zum geht nicht mehr provoziert und zur K-Bahn nach Düsseldorf getrieben hat und in den Zug getrieben hatte.
Ich auf die Bühne und die „Skinhead-Band“
Braces aufgefordert, nach dieser Riesensauerei das Konzert abzubrechen. Die Braces erklärten mir, sie wollten für die Hippies und Schickies weiterspielen: „Die Leute haben doch Spaß!“.
Sie seien auch keine Skinhead-Reggae-Band, dies sei ein Irrtum dieses Fanzine! Aber alle hatten sie kurze Haare, trugen Perry, Docs und spielten den Moonstomp! So wurden sie vom Ska-Fest in Dortmund ausgeladen und ich riet ihnen wegen drohender Gefahren für ihre Gesundheit keine Konzerte mehr zu geben. Kein Konzert mehr für die
Braces Verräter!“

Ja, so kann es einem ergehen, wenn man als lammfrommer und unbescholtener Mitbürger unversehens in den Strudel von Ereignissen gerät, an denen man vollkommen unschuldig ist.
Auch 13 Jahre später kann sich der Verfasser dieser Zeilen nicht gegen die Welle des Mitgefühls erwehren, die ihn ergreift beim Lesen solch‘ rührender Zeilen.

Bleibt festzuhalten, daß die damaligen Mitglieder der Braces sich auch heute noch ihrer Gesundheit erfreuen können, durchaus weitere Auftritte absolviertes und später ein leider ziemlich belangloses Album bei UNICORN einspielten.

Was nun folgt, scheint der Bericht über ein Skinheadtreffen in Flensburg zu sein, ob es hierfür einen bestimmten Anlass gab oder ähnliches, darüber schweigt sich der Autor, wiederum unser Mann in Mönchengladbach, geflissentlich aus.

Jedenfalls scheint es, glaubt man seinen Worten, ziemlich heftig gescheppert zu haben, und weil das ganze derart haarsträubend ist, daß man nicht weiß, oh man lachen oder weinen soll, möchte das Moloko Plus Euch Auszüge aus diesem „Report“ nicht vorenthalten: „…Gegen Mittag tanzten auch die Gegendemonstranten an, die uns mit Transparenten wie „Ausländer bleiben – Nazis vertreiben“ unterhielten.
Nachdem wir einen Spiegelreporter zur vernünftigen Berichterstattung ermahnt hatten, Reibereien mit den fanatisierten „Antifaschisten“. Hierbei stellten wir fest, daß die Cops in Flensburg eigentlich ganz harmlos waren.
Zitat: „Mach das doch gleich in ’ner Seitenstraße, wo wir es nicht sehen!“ … zogen wir zum Nordertor, wo sich die Roten zusammenrotten wollten … unser nun mit den HH-Kameraden angereicherter Mob, nun ca. 200 „Nazimonster“, zog durch die Stadt und lieferte sich in herrlicher Wochenendstimmung Schlägereien mit allerlei feindlichen Elementen, die wir stets als Sieger verlassen.
Eine sehr erfreuliche Entwicklung, die zu beobachten war, bestand darin, daß wir uns diesmal von der Staatsgewalt in Form von diesen grünen Robotern nichts haben bieten lassen und so manch Uniformierter auf die Mütze gekriegt hat … in der Stadt soll es mit Spitzenzahlen von 300 Skins lustig mit Verfolgungsjagd und Klatschereien weitergegangen sein. Die Bullen konnten zu keiner Zeit so schnell festnehmen und Züge abfangen, wie neue Leute dazu kamen.
Doch abends um ca. 21.30 Uhr hatten sie dann doch die Kontrolle wieder. Beide Knäste waren voll, und fast alle Glatzen wurden aus der Stadt gebracht.
Um 22 Uhr holten mich die anderen aus dem Knast raus, und enttäuscht über das erzwungene frühe Ende unseres Zusammenseins ging es auf die Autobahn in Richtung Heimat, noch 600 km! ….“

Soweit also zunächst der kleine Auszug aus diesen Erinnerungen an einen „netten“ Wochenendausflug.
Im folgenden schildert der gute Mann noch, wie die Auto-Belegschaft auf einer Raststätte von politisch Andersdenkenden ziemlich heftig auf den Stuten bekommt, was die Kahlköpfe dazu bewegt, eine Anzeige zu erstatten bei eben jener Staatmacht, die man kurz zuvor noch heftig bekämpft hatte.

Abschließend kommt unser Freund aus Mönchengladbach zu folgendem Ergebnis: „Fazit: die Fahndung der Bullen blieb natürlich erfolglos (…) lag vier Tage mit einer schweren Gehirnerschütterung und Gesichtsverletzungen auf der Intensivstation, der Wagen ist total im Arsch und ich habe ein Verfahren wegen Körperverletzung und Landfriedensbruch am laufen, aber alle sagten, die Fahrt hätte sich trotzdem gelohnt: wir würden wieder fahren!“

Unser Held vom Niederrhein kommt – Ihr freut Euch sicher schon – später an anderer Stelle im Heft noch einmal zu Wort!

Etwas weniger brutal war das Wochenende, das Black-Skin Detlef (s. FoH #4) in Augsburg verlebte und von dem er – inklusive Skaos-Gig – im weitern Verlauf der Ausgabe berichtet, nett aufbereitet mit allerlei Fotos.

Nach einem weiteren Gigbericht über einen Auftritt der Hamelner Vortex in Höxter (zusammen mit einer Punk-Band!) folgen – politisch korrekte Leser sollten diesen Absatz überlesen – Artikel über die beiden Kurzhaarkapellen K.D.F. und Endstufe.
Dort lernen wir unter anderem, daß sich die Bremer 1981 als Punkband gegründet haben, um dann ihr 2. Konzert 1985 bei der Werder Bremen Saisonabschlußfeier zu geben.

Aha.

Was folgt ist eine Bestandsaufnahme der Situation in seiner rheinländischen Heimatstadt (die übrigens bis vor kurzem einen Erstligisten beheimatete), in der der Verfasser des eben zitierten „Sturm auf Flensburg“-Artikels sich über die mangelnde Kameradschaft der örtlichen Skins untereinander beschwert, und das vor dem Hintergrund von Dutzenden von feindlich gesinnten Rockern, die alles in allem wenig zimperlich zu sein scheinen.
Wie wir heute wissen, hat er auch dieses überlebt.

Die spanische Kultband Decibelios, die damals wie leider auch heute kaum einer kannte, kommt im Kurzinterview zu Wort und hat nach eigenen Angaben bis zu 4000 Leute auf lhren Gigs (!).

Bevor es dann mit einer Springtoifel-Story weitergeht, werden zunächst die Fanzines „Gesunde Kopfhaut“ (bester Fanzinename ever!) und „Singen & Tanzen“ besprochen und gelobt. Damals war der Blätterwald noch ziemlich übersichtlich, was man sich manchmal heute wünschen würde.

Diverse, leider nicht gerasterte Live-Shots von Agnostic Front, entnommen einem Tattoo-Mag (wen wundert’s?) lockern die Optik angenehm auf und Günters persönliche Charts zeigen, was man Mitte ’86 so hörte ….

Auch bei den folgenden Plattenreviews stehen Oi Polloi einträchtig neben Brutal Attack.

Heutzutage alles ziemlich gesuchter Kram, so etwa der „Oi of Japan“-Samples, Warrior Kids 7″ oder der „This Is Oi“-Sampler, das erste Output des Roddy Moreno auf seinem Oi-Records-Label…

Es folgen Leserbriefe, ein Artikel von Uhl über ein Springtoifel-Konzert, das nicht stattfand, weil sich ziemlich viele offenbar gewalttätige Herrschaften angekündigt hatten, und abschließend präsentiert das FoH ein Interview mit den nicht eben linksliberalen Italienern von Plastic Surgery, die etwas verwirrt zu sein scheinen („Solange die Punks mit einem 77er Gefühl oder R.A.C. existieren, werde ich sie akzeptieren“) Obendrein bringen sie einen religiösen Ansatz mit in die Diskussion: „… es bedeutet auch, die Bereitschaft zu haben, diese wirklich verteufelte Gesellschaft von Geld, Luxus, Mode, Gottlosigkeit und ohne jede Wertschätzung zu bekämpfen.“

Wir haben unser’n Stolz und „Gott mit uns“.
Tja, diese Italiener!

Letztendlich haben sie es eh nur auf eine einzige EP gebracht, die zwar selten und teuer ist, aber nicht unbedingt zu den Oberknallern zählt.

Neuerungen standen ins Haus, als dann die #6 das Licht der Welt erblickte, es muß im Herbst ’86 gewesen sein.

Nicht nur der Preis war auf 2 DM gestiegen, nein, auch die Redaktion war, nicht ganz freiwillig, von Düsseldorf nach Dortmund verlegt worden.

Hintergrund: Gruses bisheriger Wohnsitz war die Düsseldorfer Kiefenstraße, für Nicht-Rheinländer in etwa vergleichbar mit der Hamburger Hafenstraße, nur kleiner. Das den entsprechenden Damen und Herren Günters Lebenswandel und Outfit nicht recht in ihr Weltbild paßte, liegt naturgemäß auf der Hand, was bereits in der Vergangenheit zu heldenhaften Übergriffen in Form von eingworfenen Scheiben, beschmierten Wohnungtüren und einem Einbruch (komplette Plattensammlung, Anlage, Kameraausrüstung) geführt hatte.

Richtig krass wurde es allerdings im Juli ’86, als etwa 25 Autonome eine kleine Fete in Günters Wohnung mit 8 Beteiligten sprengten, das Mobiliar zerlegten und die Anwesenden krankenhausreif prügelten.

Unmittelbar nach diesem Ereignis „floh“ Günter zunächst zu Freunden nach Dortmund, um dann kurz darauf eine kleine Wohnung im Dortmunder Norden zu beziehen, von wo er fortan das Zine und den Tapevertrieb organisierte.

Selbstverständlich nimmt die Berichterstattung über diese Ereignisse in der Ausgabe breiten Raum ein.

Desweiteren gibt es Interviews en masse, etwa mit Skullhead, bzw. mit deren berüchtigtem Sänger Kev Turner, der die Kombo einerseits als Oi-Band bezeichnet, andererseits aber dummes Zeug zum Thema Politik erzählt: „Jede Bewegung, die für unsere Rasse kämpft ist exzellent und hat meine volle Unterstützung“.

Oh Mann!

Auch Daily Terror müssen sich im Zwiegespräch outen und Teumer‘ s Pedder gibt auf die Frage nach seinen persönlichen Lieblingen neben den Onkelz und Vortex den Hamburger Ur-Punker Hans Albers an. Desweiteren nennt er die Scorpions und Accept! Hört, hört!

Und international? Da liebt es der Gute vielschichtig, genannt werden Acts wie Sham 69, Angelic Upstarts, Slade (jawoll!!!), David Bowie (!), Siouxsie & the Banshees (!!) und die allseits unbeliebten Schrauhendreher (!!!).

Das Interview fiel in die Zeit zwischen der „Gefühl & Härte“ und der „Durchbruch“, beide bei Walterbach’s AGR-Label erschienen, mit denen Daily Terror eigenen Angaben zufolge keinerlei Ärger hatten.

Auch die amerikanischen Doc Marten müssen sich Günters Fragen stellen, absolvieren dies allerdings in ebense kurzer wie nichtssagender Form und veröffentlichten später bei ROR eine ziemlich durchwachsene LP, die man nicht unbedingt haben muß.

Im Folgenden geht es um ein Interview, das der „Spiegel“ etliche Monate nach der Ermordung Ramazan Avcis (s. Moloko Plus #13) mit Gruse und anderen Dortmunder Glatzen führte, das aber nie abgedruckt wurde, weil die Antworten der selbstverständlich gegen Glatzen eingestellten Redakteure wohl nicht ganz Ihrem Bild vom dumpfen Schläger-Proll-Nazi entsprach.

Auch Black-Skin Detlef war wieder unterwegs und berichtet über ein feuchtfröhliches Wochenende in Stockholm, um bei der Gelegenheit nicht nur Einblicke in die schwedische Lebensart zu gewähren, sondern auch einen Szenebericht abzuliefern.

Und auch das leidige Thema Politik kommt nicht zu kurz (ha, da haben wir es wieder!): Chefredakteur Günter erläutert anhand eines Rundumschlags gegen die einschlägigen Parteien, warum er sich angesichts der Bundestagswahl 1987 (remember: Kohl gegen Rau) eindeutig für Wahlboykott entschieden hat.
Leider haben sich die von ihm skizzierten Verhältnisse seither nicht grundlegend geändert.

Dirty Joy aus Italien werden im weiteren Verlauf des Heftes kurz vorgestellt, eine Gruppe, die wohl nie über den Demo-Status hinausgekommen ist und tatsächlich gab es ein solches bei Günter zu beziehen, die britische Konkurrenz hatte jedoch nichts zu befürchten ….

Ein Düsseldorfer Glatzentreffen, das zweite seiner Art, fand im Juli ’86 am Angermunder Baggersee statt (einen Tag nach dem Überfall auf Gruses Behausung) und wird ausführlich in Wort und Bild dokumentiert.
Etwa 150 Glatzen hatten offensichtlich ihren Spaß, was im Jahr davor wohl nicht ganz der Fall war, als in der D-dorfer Altstadt 200 Glatzen ungefähr 1000 Staatsdienem gegenüberstanden.

Von den Mainzer Springtoifel wird nunmehr deren zweite Langspielplatte angekündigt („Lässige Hunde“), das niederländische Fanzine „Frisian Patrol“ bekommt seine verdiente Würdigung, die Redaktionscharts dürfen nicht fehlen, eine Bestellliste von Idiots-Records (u.a. mit Subculture EP und der Snix Mini-LP „Coueur de lion) und die obligaten Plattenkritiken (Cro-Mags mit ihrem göttlichen Debut, Agnostic Front, Brutal Combat, die hervorragende Vicious Rumours LP auf Oi-Records, sowie die schreckliche 2. Herbärds LP und andere) runden die Sache ab.

Frankreichs Brainwash (s. Frankreich-Special in Moloko Plus #12) bekommen eine kurze Story („Die meisten Punks wollen uns nicht hören, da sie uns als Faschisten bezeichnen, für viele Skinheads gelten wir als Kommunistenband“) und ein weiteres Skinheadtreffen im September ’86 in Dortmund am Gauklerbrunnen (weiter sollten folgen) wird in Bildern dokumentiert.

Zum guten Schluß gibt es noch ein Interview mit den immer wieder sträflich unterbewertten Vicious Rumours, die es bereits seit 1979 gab und deren Tonträger (zwei an der Zahl) echte Highlights in jeder Plattensammlung darstellen.

Ein kurzer Szenereport aus Vancouver (für Leute, die schwach in Geographie sind: Kanada!) beschließt die Nummer 6.

Man schrieb April 1987, als dann endlich die Ausgabe 7 auf die Menschheit losgelassen wurde, in der sich uns Günter genötigt sieht, ein etwas schwurbeliges Statement zum Thema Politik (sic!) abzugeben.
Ich zitiere: „Hinter diesem Fanzine steckt keine braune und keine rote Ideologie. Im Gegenteil! Ich verachte jede Art von Ideologie und lasse mich von niemanden vor irgendeinen politischen Karren spannen. Politisch vertrete ich das, was ich persönlich für richtig und notwendig halte. Wiedervereinigung des deutschen Volkes ist eine Hoffnung, die ich ebenso vertreten kann, wie meine strikte Ablehnung der Kernenergie! Den Abzug sämtlicher Besatzungstruppen vom deutschen Boden kann ich ebenso vertreten und fordern, wie den Austritt der BRD aus der NATO! Ich fühle mich nicht als Bürger der Bundesrepublik, dieses westdeutschen Teilstaates, sondern fühle mich als Bürger Deutschlands. Des ganzen Deutschlands!“

Das muss man wohl erst einmal sacken lassen.

Die damalige Dortmunder Oi-Truppe ldiots, bisher aufgrund der persönlichen Beziehungen Gruses zur Band oft im Heft erwähnt, wollten ab dieser Ausgabe nicht mehr namentlich genannt werden, weil sie „endlich von dem Nazi-Image wegkommen wollen“.
Das ist ihnen dann in der Folgezeit zwar gelungen, sie konnten aber, bedingt durch diverse Besetzungswechsel und der damit verbundenen Hinwendung zum HC/Crossover, niemanden mehr vom Hocker reißen und verschwanden alsbald als Randnotiz in der Deutschpunk-Geschichte.

Public Enemy (nein, nicht die Rapper!) hatten just ihr Debut „Englands Glory“ auf ROR veröffentlicht und geben im Kurzinterview die üblichen Phrasen von sich („…Textlich werden wir von all dem beeinflusst, was in unserem Land vor sich geht, unseren persönlichen Erfahrungen, was wir uns für die Zukunft erhoffen und wofür wir persönlich kämpfen – Patriotismus! Musikalisch werden wir von Skrewdriver, 4 Skins und Combat 84 beeinflußt. Trotzdem versuchen wir, niemanden nachzuahmen. Wir haben unseren eigenen Stil! …. Skinheads sollten ihrer Herkunft und ihrem Land treu bleiben, dies gilt generell für die ganze Jugend….“).

Gähn.

Irgendwann Ende ’86 war die Nr. 1 eines Fanzines aufgetaucht, das sich da „Skinheadfanzine Rote Front“ nannte, in der der Macher, offensichtlich beeinflusst durch die gerade recht erfolgreichen Redskins, u.a. zum Aufbau eines Rotfront-Kämpferbundes innerhalb der deutschen Skinheadszene aufruft und auch sonst die Parolendreschmaschine kräftig rotieren lässt.
Alles ziemlich in Richtung Spartakus-Bund, wenn ich mich recht erinnere.
Ein Freund von mir, der den Herausgeber später kennenlernen sollte, fragte diesen bei einer Gelegeleit, ob er sich in erster Linie als Kommunist oder als Skin fühle, woraufhin dieser sich eindeutig für die politische Variante entschied. Aber das nur am Rande.
Jedenfalls läßt es sich das FoH in einem längeren Aufsatz nicht nehmen, besagtes Heft in Bausch und Bogen zu verdammen, bzw zeichnet es als Versuch der Spaltung und Unterwanderung und kommt im prophetischen Vorgriff auf den Zusammenbruch des Ostblocks zu folgenden Erkenntnissen: „Ich behaupte hingegen, daß der stinkende Kadaver des Marxismus-Leninismus bereits auf dem Misthaufen der Geschichte verrottet, denn im Verlauf seiner kurzlebigen Geschichte hat er versagt. Hat da, wo er zur Staatsideologie wurde, eine Zwangsherrschaft der Unterdrückung und des Staatsterrors errichtet.
Der Marxismus-Leninismus hat die sogenannte Arbeiterklasse nicht in eine paradiesische Zukunft, sondem ins graue, hoffnungslose Elend geführt.
Überall dort, wo man im Namen des M.-L. die Macht übernommen hat wurde die sogenannte Arbeiterklasse zu einem stumpfen Heer von Planerfüllern und hilflosen Opfern korrupter Funktionäre und Bürokraten entmündigt!“

Die Aufregung war wohl umsonst, mehr als diese Debutnummer ist nie erschienen und „Rote Front“-Macher Frank ist wahrscheinlich heute selbständiger Wirtschaftsberater und bezahlt seine Leute unter Tarif.

Darüberhinaus hat es als ausgesprochen linkes deutsches Fanzine in den Achzigem wohl nur das Berliner „Reasons why“ gegeben – wenn es nicht nur regional begrenzte Pamphlete waren.

Frankreichs Skinhead-Flaggschiff Snix aus Lion hatten derweil auch gerade ihre zweite geniale Scheibe „Quand le soleil se levera“ draußen und wurden stickum im FoH gefeatured – zu Recht ob ihrer Genialität.

In ihrer Playlist gelingt es ihnen nach den üblichen Erläuterungen (Snix heißt Skins rückwärts gelesen, wie sinnig! und dem obligaten „wir bezeichnest uns selbst als Patrioten, wollen aber nichts von Politik wissen“) ausschließlich Glatzenbands zu erwähnen, wobei sie fein säuberlich nach Frankreich (Tolbiac Toads, Evilskins, Skinkorps, Brutal Combat …), Deutschland (Onkelz, Endstufe, Springtoifel, Vandalen, Daily Terror) und Europa (Skrewdriver, Ultima Thule, Renegade, Decibelios, Plastic Surgery) trennen.

Weniger eindimensional gibt sich Ken McLellan, Sänger und Kopf der heute noch existenten Rechts-Rock-Kombo Brutal Attack (die auch gerade Ihren Erstling „Stronger than before“ auf ROR draußen hatten).
Dieser überrascht in seiner persönlichen Top-10 neben dem üblichen RAC-Krempel mit Nennungen wie Led Zeppelin, Black Sabbath und Free („Alright now“).
Neben der kruden Motivation zu Gründung der Band („wir begannen 1980 als Gegensatz zu den den vielen Kommunistenbands, die es gibt“) erzählt McLellan auch noch freche Lügen: „Es gibt eigentlich keine Band. die uns beeinflußt hat“.
Und kommt zu folgenden, weisen Erkenntnissen: „Schau Dir an, was mit Sham 69 und den Cockney Rejects geschah, als diese versuchten, das große Geld zu machen“.

Soso.

Weiter im Text: nach einer Kommentierung Gruses eines Zitates des lan Stuart (sic!), der irgendwann gesagt hatte, Rock sei die Musik der weißen Rasse, während Ska „minderwertig“ sei, folgt die Bilanz eines Gigs der damals recht beliebten Vortex, die sich über diverse Doof-Glatzen beschweren, die einen ihrer ohnehin recht spärlich gesäten Gigs mutwillig ge- und zerstört hatten.

Der Dummheit war damals wie heute keine Grenze gesetzt.

Ausgerechnet der bereits hinlänglich als Gastschreiber aufgetretene Uhl distanziert sich aufgrund einiger von ihm benannter Ereignisse von der Kurzhaar-Kultur, läßt sich die Haare wachsen (zumindest für eine Weile) und stellt zu allem Überfluß noch die obergenialen Red London mittels Interview eingehend vor, kann es sich aber nicht verkneifen, die Band zu fragen, ob einer der Herren Patriot sei (was, wen wundert’s, verneint wird).
Vielmehr bekennt sich das Quartett aus Sunderland zum Sozialismus, weist aber auf den großen Unterschied zum Kommunismus hin.

Zu diesem Thema fallen auch dem Herm Uhl einige „Gedanken“ ein, die er der Leserschaft ungefragt kundtut.

Gruse stellt kurz zwei Neuveröffentlichungen in Sachen „Oi aus deutschen Landen“ vor und kommt im Falle der unsäglichen Debüt-EP der Stuttgarter Boots & Braces zu dem völlig fehlgeleiteten Schluss, es handele sich musikalisch um eine „reife Leistung“. Das trifft schon eher auf die 2. Scheibe der Springtoifel zu, die da „Lässige Hunde“ hieß.

Silvester 86/87 hat’s anläßlich eines Konzerts im FZW Dortmund mal wieder gescheppert. Gruses Günter war wohl auch nicht ganz unschuldig, die allseits bekannten Geschichten …

Bei den Plattenreviews taucht mit der Laurel Aitken meets Potato 5 LP erstmals eine reine Ska-Platte auf, daneben wie immer höchst unterschiedliches Material von Bands wie Crumbsuckers und Condemned 84.

Ab diesem Zeitpunkt ging es dann auch los mit der Link-Records-Schwemme, die entsprechend berücksichtigt wird.

Aus der italienischen Ur-Oi-Band SS 20 waren Claptrap enstanden, eine 3-Mann-Formation, die Günter einen Artikel wert ist. Beeinflusst von Reggae und Ska fühlten sie sich dem Geist der 60iger Jahre verbunden und versuchten dieses auch musikalisch umzusetzen.
Die etwa zu dieser Zeit entstandene LP der Mannen vom Stiefel konnte aber nicht in allen Belangen überzeugen und wurde Mitte der 90iger in Deutschland gebootlegt, die Macher blieben aber weitestgehend auf ihren Raubdrucken sitzen.

Ende Februar ’87 fand im tiefsten Allgäuer Hinterland die Geburtstagsfeier eines (damals) bekannten Augsburger Skinheads statt, auf der die Bands V.A.C., Overload (Ex-Herbärds), Endstufe, Kruppstahl und die Springtoifel zum Tanze aufspielten. Die ursprünglich geplanten Stromberg Polka sagen ihren Auftritt angesichts des politisch äußerst zweifelhaften Publikums lieber kurzfristig ab, was aus gesundheitlichen Gründen definitiv ein weiser Entschluss war. Wie auch immer, die Veranstaltung, auf der sich etwa 120 mehr oder weniger geladene Gäste tummelten, wird auf 13 (!) Seiten ausführlich in Wort und Bild dokumentiert, wobei abschließend ein gewisser Reinhard „Reinheiz“ G. Boot einige kritische Anmerkungen vom Stapel lässt.
Er bekrittelt den wenig vorhandenen „Unity“-Spirit (u.a. wurden dem Gartgeber der Party Einnahmen und Bier entwendet) und konstatiert, dass Bremens Endstufe offenbar schon zu dieser Zeit (die erste Langspielplatte war noch nicht auf dem Markt) zur neuen Kultband der bundesdeutschen Glatzenszene avanciert waren.

Ein kurzes Feature über die schottische Rechts-Rock-Kombo (schon wieder!) New Dawn (von denen man – wohl zum Glück – nie wieder hörte) beendet dann Ausgabe 7 des Force of Hate.

Hatte Günter noch im Vorwort seine eigene Überparteilichkeit betont, führt er bei der Auswahl der von ihm vorgestellten bzw. interviewten Bands diese „Neutralität“ ziemlich ad absurdum, einzig Red London stehen der Masse der eindeutig rechten Kapellen gegenüber.

Zugegeben, es hat in den Achzigern nach der großen Oi-Welle der Frühphase nur wenig musikalisch nennenswertes in der Skinheadszene jenseits des rechten Spektrums gegeben und die Redskins sind nicht jedermanns Geschmack.
Trotzdem verbleibt ein mehr als schaler Nachgeschmack, zumal man in seinem kleinen Kassettenmailorder neben Tapes von neutralen Bands (Peter & the Test Tube Babies, Cockney Rejects, Mau Maus, ….) und reinen Oi-Bands (Springtoifel, Claptrap, Nabat) wie selbstverständlich auch das zweifelhafte Output diverser Rechtsrockbands erstehen konnte.

Richtig haarsträubend (falls man denn welche hatte) wurde es dann allerdings, als Günter anfing, Aufkleber zu vertreiben mit ziemlich eindeutigen Aufschriften, wie „Ich kann Kommunismus nicht ertragen und Punker in die Fresse schlagen“ oder „Doitsche Musik gegen Kommunismus“ (ulkigerweise konnte man aus derselben Liste auch Tapes von D.R.I., FU’S und den Trash-Metallem Wehrmacht bestellen!).

Dass diese Widersprüche auf Dauer nicht mehr zu rechtfertigen sind, muß auch Günter gespürt haben, als er Anfang 1988 die #8 des FoH als die letzte Nummer ankündigt.

Als Gründe nennt er im Vorwort neben Lethargie und Faulheit vor allem eine aus sinnloser Gewalt, Drogen und fehlendem Zusammenhalt in der Skinheadszene resultierende Resignation seinerseits.
Ich zitiere: „Mit dem, was sich nämlich heute als Bewegung präsentiert, kann ich mich einfach nicht mehr identifieren. Aber was heißt überhaupt „Bewegung“, die gibt es doch schon lange nicht mehr. Dieses Fanzine startete einst voller Optimismus unter dem Motto „Skinheads united & strong“. Dafür habe ich mich eingesetzt, daran habe ich geglaubt. Aber: was mich 1984 bei den Punks so abgestoßen hat, das scheint sich inzwischen auch bei großen Teilen der Skinheads auszubreiten. Sinnlose Gewalt, Drogen und das Gegenteil von Zusammenhalt!“

Weiterhin zeigt sich Gruse enttäuscht von den aus ziemlich begreiflichen Gründen beschränkten kulturellen Möglichkeiten für Skins und deren Bands, mäkelt über die mangelhafte Resonanz bei sogmannten „Skinheadtreffen“ und veröffentlicht Zeitungsausschnitte, in denen von Kahlköpfen zu lesen steht, die Kirchenbesucher bei einer Tauffeier attackierten (!).

Die ersten Seiten des Heftes sind – man traut seinen Augen nicht – gespickt mit Anzeigen rechter Devotionalienhändler aus Großbritannien, bei denen man, vorausgesetzt man bringt die nötige Einfältigkeit mit, Produkte wie Anhänger, Aufnäher und T-Shirts mit einschlägiger Symbolik erstehen kann.

Der absolute Tiefpunkt.

Ziemlich grausam auch der Bericht eines gewissen Sven, der sich zu einem besagten Skinheadtreffen in Lindau am Bodensee äußert: „… um 14 Uhr zog dann die ganze Meute durch das schöne Lindau und gröhlte „Deutschland den Deutschen“ oder „Ausländer raus“ …. Bei diesem „Treffen“ kam es dann auch wohl, wie „Sven“ höchstselbst in blumigen Worten minutiös schildert, zu oben erwähnten Übergriffen auf harmloses Kirchenvolk. Und er entblödet sich auch nicht, seinen sprachlich nicht eben ansprechenden Artikel mit den Worten „Ich würde sagen, es war das beste Treffen 1987!“ enden zu lassen. Setzen, sechs, lieber Sven!

Kommen wir nun zu einer der schwärzesten Stunden im Leben des dem Moloko Plus-Leser bestens bekannten Wolfgang „Wolle“ Diehlt: er beginnt seine journalistische Karriere mit einem kurzen Szenebericht aus Kaiserslautem, das genauso langweilig ist, wie der Rest der Republik es sich vorstellt („… Beim 1. FCK treiben sich zur Zeit manchmal bis zu 40 Skins herum. Davon steht die Hälfte meistens vor dem Stadion, da sie Stadionverbot haben oder die gegnerischen Fans abfangen wollen. …“).
Traurig.

Den Schwerpunkt der Nr. 8 des FoH bildet ein persönlicher Rückblick Günters über die Jahre 85-87. Da die meiste der geschilderten Ereignisse in der einen oder anderen Form aber ihren Niederschlag bereits in früheren Ausgaben fanden, die im Rahmen dieses Rückblicks somit bereits „abgearbeitet“ worden sind, wird dieser Part übergangen.

Ein BVB-UEFA-Cup-Spiel gegen Celtic Glasgow konnte von Günter und 20 weiteren Hools und Skins nicht besucht werden, weil die ganze Belegschaft kurzfristig von den Damen und Herren in den schicken grünen Leibchen auf einen Kaffee in der Dortmunder Hauptwache eingeladen wurde und zwar zur „Verhütung etwaiger Straftaten“.
Erstens kommt es anders und zweitens … aber lassen wir das.

Gar lustig auch eine Begebenheit, die Gruse im folgenden schildert: eine Schulklasse aus Lünen hat ein Filmprojekt vor, in dem es darum geht, mit Klischees aufzuräumen. So soll ein Punk in einem Plattenladen eine Klassik-Scheibe erwerben, ein Penner schenkt einer älteren Dame Geld und ein Skin soll in eine türkische Kneipe gehen, um sich dort von einem jungen Türken dessen Sprache beibringen zu lassen.
Und genau für diese Rolle war Gruse vorgesehen, der auch schon eingewilligt hatte. Sein Ziel, das brutale Image der Skins ein wenig zu relativieren, kann er aber wohl nicht recht erreichen, wird doch das Drehbuch von den Verantwortlichen beim WDR (wo das Machwerk gezeigt werden soll) als zu Glatzenfreundlich eingestuft. Sie fordern noch ein paar Brutal-Szenen, woraufhin die Pennäler das Projekt abbrechen.

Ganz anders agieren derweil in Hamburg die Skins, die sich für den Tatort-Krimi „Voll auf Hass“ mit Manfred Krug als Kommissar Stöver als prügelnde Dumpfbacken auf Zelluloid bannen lassen und das auch noch gegen Bares.

Hierzu Günter: „… aber was mich an diesem Tatort-Krimi so abgestoßen und angeekelt hat, ist die Tatsache, daß durch ihre Mitwirkung an diesem Film Skinheads dazu beigetragen haben, daß sich die Vorurteile gegen Skinheads noch vertieft haben. Für einige hundert Mark Gage haben sich diese Skinheads an unsere Gegner verkauft, haben sich denen ausgeliefert, die uns seit Jahren in den Massenmedien als gehirnlose Schläger und potentielle Mörder bezeichnen.“

Hierbei vergisst der gute Günter wohl das uralte Prinzip von Ursache und Wirkung.

Was folgt, ist die Schilderung eines Punk-Chaos-Tages in Dortmund, bei denen es zu einigen „Reibereien“ mit kurzhaarigen Mitbürgern kam, in deren Verlauf auch der FoH-Herausgeber mal wieder angenehme Stunden in Polizeigewahrsam verbringt.

Und in einem Kommentar zu den damals aktuellen Falschaussagen des Schleswig-Holsteinischen Ministerpräsidenten Barschel kommt er zu folgenden Ergebnissen: „… Die Barschels sind die wahren Verfassungsfeinde, die diesen Staat bedrohen und nicht die wenigen Kommunisten oder angeblichen Neonazis, die in den alljährlichen Verfassungsschutzberichten so pedantisch aufgelistet werden.“

Die Böhsen Onkelz werden kurz zum Interview gebeten, die damals noch nicht wussten, daß ihr gerade vollzogener Wechsel von Rock-O-Rama zu Metal Enterprises ein Schritt vom Regen in die Traufe war. Sonst geben ihre Aussagen nicht viel Bemerkenswertes her, vielleicht noch ganz nett ihre Antwort auf die Frage nach der Indizierung ihrer ersten Platte: „Eine ausgemachte Frechheit. Eine Diskriminierung einer ganzen Kultur. In jeder Zeitung, auf jedem Video kommt mindestens genausoviel Gewalt, Sex usw. vor, wie auf unseren Platten. Gewalt ist Realität, keiner hat etwas davon, wenn man versucht, dies zu verschweigen.“

Humor beweist Gruse, wenn er diverse Fanzinekritiken abdruckt, die sich auf sein Machwerk beziehen, und sich unisono mehr als negativ hierzu äußern.

Aber nach einem mehr als überflüssigen Beitrag eines Essener Skins zum Thema „Skins & Psychos“ kommt der totale Abgesang: zum Thema „Vereinnahmung von Glatzen in politischen Vereinigungen“ äußert sich – Michael Kühnen! Rechtfertigend schreibt Günter: „Ich werde stets dafür eintreten, daß jeder, aber auch jeder seine Meinung frei und unzensiert vertreten kann!“
Aber man muss ja nicht jeden nach seiner Meinung fragen! Manche Probleme lösen sich ja zum Glück wie von selbst…!

Und zu guter Letzt ereifert sich das FoH noch über die Barden Grönemeyer, Biermann und die Herren der Kölschrock-Langweiler von BAP, da deren Platten bei EMI Electrola erscheinen, die wiederum zum Thorm EMI-Konzern gehören und – zumindest laut Gruse – einer der größten Waffenproduzenten der westlichen Hemisphäre sind.
Dass das nicht ganz zum Friedens- und so-Image der genannten Akteure paßt, verweht sich zwar von selbst, aber Widersprüche gibt es im Force of Hate selbst ja nun auch zu Hauf!

Und so endet denn die achte und letzte Nummer des FoH mit einem Zeitungsausriß über den abgebrannten Proberaum der Idiots, den Brandstifter abgefackelt hatten. Den Tätern wünscht die Redaktion noch freundlich die Pest an den Hals.

Unter dem Namen „Wein, Weiber und Gesang“ kam dann im Oktober 1988 noch ein letztes Heft vom Günter heraus, das sich aber als reines Funzine verstand, und in dem, garniert mit schlüpfrigen Bildchen, den Bands Springtoifel, Kahlkopf, Vandalen, Daily Terror und Boots & Braces diverse Fragen zu ihren Verdauungsgewohnheiten und zu ihrem Sexualleben gesteift werden.
Eine Vorwegname des teutonischen Humorbegriffs, der sich später mit den Lokalmatadoren, ihnen Nachahmern und Samplern wie „Arschlecken Rasur“ noch nachhaltig etablieren sollte. Mäßig witzig, kaum unterhaltend und ziemlich belanglos – kein Wunder, dass es nie zu einer zweiten Ausgabe von „Wein, Weiber & Gesang“ kam, obwohl es neben Günter sogar einen Ko-Redakteur gab, der schon kurze Zeit später aber nichts mehr mit der Skinszene zu tun hatte.

Um 1990 herum weilte ich auf einer Open-Air-Veranstaltung in Gießen, um die Stiff Little Fingers und 999 zu sehen, als ich ihm begegnete und er mich fragte, ob ich auch wegen den Pixies gekommen sei.
Jedem das seine.

Das also, in stark geraffter Form, ist die journalistische Hinterlassenschaft des Günter Gruse mit seinem Skinhead-Fanzine Force of Hate.

Trotz oder gerade wegen des zeitlichen Abstands fällt es dem Autor nicht leicht, ein differenziertes Resümee zu ziehen – ist doch das ganze Heft inhaltlich in einer zeitlichen Phase angesiedelt, die heute (zum Glück) nicht mehr nachvollziehbar ist.
S.H.A.R.P. war noch weit weg, das (nach 2Tone) 2. Ska-Revival Ende der 80er deutete sich mit den ersten Vorboten erst ganz zaghaft an, und – krass gesagt – so war die Zeit.

Skinheads in der Bundesrepublik in den 80er Jahren – gefangen zwischen dumpfer Rechtslastigkeit, Widersprüchen, hirn- und sinnloser Gewalt und kultureller Eindimensionalität.

Eine Kultur, adaptiert aus Großbritannien, aber gründlich mißverstanden und bis ins fratzenhaft Groteske übersteigert. All dieses spiegelt sich exemplarisch in Gruses Fanzine wieder.

Und – auch wenn das kein Trost ist – im Verhältnis zu den allermeisten anderen Glatzengazetten aus der damaligen Zeit war das FoH noch ziemlich gemäßigt und bot an der ein oder anderen Stelle sogar ein Forum für Meinungen, die für die damals herrschende geistige Isolation, in der die Szene verharrte, ziemlich freigeistig waren.

Keine Rechtfertigung für dem gegenüberstehende Entgleisungen, weiß Gott nicht, aber es ging, wie eingangs erwähnt, auch eher um eine retrospektive Zustandsbeschreibung. Dass dieser Zustand bisweilen jämmerlich erscheint, ist nicht dem Force of Hate anzulasten.

Und auch wenn heute längst nicht alles Gold ist, was glänzt, so wird doch jemand, der sich in ferner Zukunft mit der Skinszene hierzulande im ausgehenden alten Jahrtausend auseinandersetzt, zu einem ungleich positiveren Ergebnis gelangen.

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