Interviews

Emma – Oi!Reka-Fanzine

von Christian, Moloko Plus #45, 04.2012

Emma war zu keinem Interview in Sachen Skintonic/Skinup zu überreden, weil sie sich – so die Begründung – als eine von vielen Mitwirkenden nicht in den Vordergrund drängen wollte und das war ihr beim besten Willen auch nicht auszureden. Zumindest zum Oi!Reka durfte ich dann aber doch ein paar Fragen loswerden und so ganz lässt sich das ja eh nicht trennen. Hier wir gehen:

Christian: Zwischen Deinem Ausstieg beim Skintonic und dem Zeitpunkt, als das Oi!Reka das Licht der Welt erblickte, lag ja nicht wirklich viel Zeit. Welchen Umständen verdanken wir die Existenz des Oi!Reka und wer hat da außer Dir noch mitgemischt?

Emma: Stimmt, das ging relativ schnell, wobei ich nicht mehr so genau weiß, wie lang die Zeit dazwischen eigentlich war. Aber deshalb kam wohl auch ziemlich bald das Gerücht auf, dass das Oi!Reka von Anfang an als „Konkurrenzunternehmen“ zum Skintonic gedacht war.

Das war absoluter Unfug. Schon deshalb, weil wir das erste Oi!Reka auf einem C64 gemacht haben. Mit solchen Mitteln den damaligen Standart des Skintonic hinzukriegen, käme dem Versuch gleich, mit einem MiFa die Tour de France zu gewinnen.

Wir waren anfangs zu dritt. Außer mir noch zwei Jungs aus dem Osten. Einer von beiden war damals auch mein Freund, namens Christian. Die beiden wollten das unbedingt machen, kamen auf mich zu nach dem Motto „du hast da doch Erfahrung“ und baten mich, ihnen unter die Arme zu greifen.

So ist das Ding ja überhaupt erst geboren, weil ich besoffen an irgendeinem Kneipentisch gesagt habe „O.K., dann machen wir das mal“. Relativ schnell waren wir dann aber so vier oder fünf Leute aus verschiedenen Regionen, so eine Art Ost-West-Kooperation. Das war für mich auch das Entscheidende.

Wer hat denn die feinen Zeichnungen gemacht?

Da haben wir natürlich alle bemüht, die wir kannten. Prüfer zum Beispiel hat mehrere gemacht, der kann aus dem Stehgreif wunderbar zeichnen.

Natürlich haben wir auch selber versucht, für Titelbilder zum Beispiel Tim und Struppi umzumodeln und auf Skinhead zu trimmen.

Manchmal kamen die Bilder auch von Leuten, die uns was zugeschickt haben, also von ganz unterschiedlichen Typen.

Das Oi!Reka kam ja sehr viel „handgemachter“ daher, als die Skintonics ab der fünften Nummer. Habt ihr bewusst einen eher D.LY.-mäßigen Stil gewählt, oder war das mehr eine Frage der Möglichkeiten?

Beides. Wie gesagt: Auf einem C 64 hast du da nicht so die Wahl. Ich wusste übrigens gar nicht, was das ist und als ich das Ding das erste Mal sah, war ich total entsetzt und hab nur gedacht: „Was, damit kann man ein Fanzine machen?“.

Das ging natürlich so auch nicht. Wir haben damit die Texte geschrieben und anschließend geschnippelt und geklebt. Ich wollte aber auch unbedingt ein kleineres Heft haben, das man bequem in die Tasche von einem Donkey-Jacket stecken kann. Dadurch, dass die technischen Möglichkeiten nicht gegeben waren, konnte es natürlich ganz automatisch nicht so professionell sein.

Ich fand das aber auch besser. Professionell hatte ich ja nun vorher schon und man kann schon sagen, dass ich auch was anderes machen wollte, irgendwie näher an den Leuten, für die man das letztendlich macht.

Wir haben uns auch nicht den Kopf zerbrochen, ob das nun so richtig schön ist oder nicht. Allerdings muss ich sagen, dass die erste Nummer wirklich erbärmlich ist. Das Resultat war erschreckend. Dafür gab es von anderen Fanzines auch den einen oder anderen Schuss vor den Bug. Ab der Nummer zwei wurde es dann aber auch immer erträglicher.

Einen solchen Verriss der Nummer 1 gab es unter anderem auch im Skintonic. Nur kurze Zeit später klang das ja sehr viel wohlwollender, aber Ihr habt im Oi!Reka eigentlich nie über das Skintonic geschrieben.

Das ist richtig. Wir wollten kein Fanzinekrieg anzetteln und haben es vorgezogen, erstmal so zu tun, als hätten wir uns nicht bemerkt. Fanzinekriege gab es damals schon zuhauf und das ist eine der Sachen, die mich damals total angekotzt hat.

Es hat ja nicht einmal funktioniert, auf breiter Front einen Minimalkonsens gegen die Rechten zu finden, weil sich alle ständig gegenseitig behaken mussten. Ich hatte keine Lust, das weiter fortzusetzen. Ich wollte mich auf meine Arbeit, meine Interviews konzentrieren und nicht darauf, mich mit anderen zu zerfleischen – was zum Beispiel das Skintonic sehr oft und sehr gerne gemacht hat.

Dabei muss ich natürlich sagen, dass andere Fanzines das auch mit dem Skintonic gemacht haben und das Geschrei riesengroß war, wenn wir uns gewehrt haben.

Bleiben wir noch mal bei der Machart des Oi!reka. Bei der späteren Fusion mit dem Skintonic zum Skinup hat mich schon überrascht, dass vom Oi!Reka stilistisch praktisch nichts mehr übrig war. Rann man da überhaupt von einem Zusammenschluss sprechen, oder war das dann doch eher eine Übernahme?

Das war ein ganz neues Heft, also weder das eine, noch das andere. Wir haben beide, das Skintonic sicher mehr als das Oi!reka, davon profitiert, dass mit den Jahren die Technik besser geworden ist und wir mit dieser Technik besser umgehen konnten. Das hat natürlich auch dazu geführt, dass man viel mehr Lust hatte, neue Sachen auszuprobieren.

Es war einfach so, dass wir uns zum Schluss zwischen dem Oi!Reka und dem Skintonic regelmäßig abgesprochen haben, wer zum Beispiel mit wem ein Interview macht, um nicht ständig dieselben Inhalte zu haben. Das fanden wir irgendwann einfach zu dämlich.

Als wir uns dann zusammengetan haben, wollten wir dem Ganzen ein komplett anderes, neues Gesicht geben und einen anderen Namen. Auch die Schrift im Skinup war anders und damit bekam das Ganze ein komplett anderes Outfit.
Das war also nicht so, dass die vom Skintonic uns gefressen haben. Wir wollten eben lieber mit vereinten Kräften gemeinsam was machen, als uns ständig gegenseitig inhaltlich ausschließen zu müssen.

Dazu kam die Lust, mit den neueren technischen Möglichkeiten mehr daraus zu machen.

Dass sich das Skintonic und das Skinup so ähnlich sehen, liegt sicher daran, dass das Layout in der Hand derselben Person blieb. Aber dass das Skinup so aussehen sollte, wie es schließlich aussah, war die gemeinsame Entscheidung der Redaktion. Die Mehrheit war da vielleicht ein bisschen in der Tradition des Skintonic verhaftet, aber ich weiß noch, das es zum Beispiel große Diskussionen um die neue Schrift gab.

Stichwort Name; wer kam denn auf den Namen OI!reka?

Der ist auf meinem Mist gewachsen. Ich hatte damals einen französischen Lieblings-Comic, der hieß übersetzt „Die maskierte Gurke“. Da gab es einen kleinen Griechen, der – immer wenn ihm eine Idee kam – „Heureka!“ sagte und die Franzosen sprechen ja das „H“ nicht. Schon war der Name geboren.

Wie der Name schon sagt, hat sich das Oi!reka mit Oi! weit weniger schwer getan, wie es zumindest eine Zeit lang beim Skintonic der Fall war. Warst Du, aus der Punkszene kommend, näher dran an Oi!, als so manche Ska-Puristen?

Erstens – schon richtig – habe ich meine Wurzeln im Punk. Ska habe ich eigentlich erst später entdeckt.

Zweitens kam das aber auch durch die Zusammensetzung der Redaktion. Das waren von Anfang an Leute, die viel Oi! gehört haben.

Drittens war das Oi!reka eine Ost-West-Produktion und ich hatte den Eindruck, das im Osten zur damaligen Zeit in der Szene sehr viel häufiger Oi! und Punk gehört wurde, als Ska. Das sollte sich im Heft natürlich widerspiegeln. Wir hatten als Ost-West-Produktion zum Teil ja auch Bands im Heft, von denen ich vorher auch noch nicht groß was gehört hatte.

So hast Du erklärtermaßen ja auch – ich zitiere – „die 80er zweimal erlebt”. Wie das?

Da muss ich ein bisschen ausholen. Als bei der Maueröffnung die Grenzer an der Bornholmer Straße regelrecht überrumpelt wurden, haben wir sofort gesagt „das ist das Ende der DDR“. Das hat uns keiner geglaubt. Alle haben sich kaputtgelacht oder gedacht die spinnt, das wird ein souveräner Staat bleiben. Ein Jahr später war es dann vorbei.

Ich fand es erstmal gar nicht so toll, bis ich anfing, Leute kennen zu lernen und in die Clubs im Osten zu gehen.

Ich dachte „wow, das ist ja das absolute dejá vù“. Du bist in die geilsten Läden gegangen, hast die tollsten Bands gesehen und alles das, was Du schon mal erlebt hast, noch mal mitgemacht, nur doppelt und dreifach spannend. Es war so abgefuckt, wie es im Westen vielleicht nie war.

Zum Beispiel im Eimer am Rosentaler Platz, bei irgendeinem Konzert, hab ich immer nur gedacht, „scheiße, hoffentlich bricht dieses Ding nicht über deinem Kopf zusammen“, so baufällig war das.

Oder der legendäre Duncker-Club – damals noch legendär. Du hast einfach das Leben genauso, mit den besetzten Häusern, dem Häuserkampf, mit der ganzen Subkultur noch mal mitgemacht. Dafür bin ich bis heute dankbar.

Wenn man über diese Zeit und diese Fanzines spricht, dann steht natürlich das Thema S.H.A.R.P. oben auf der Tagesordnung. Eure Ausrichtung im Oi!reka war mehr als eindeutig antirassistisch und damit natürlich auch S.H.A.RP.- freundlich, aber Ihr habt nie diesen Hype mitgemacht und Euch S.H.A.R.P. nicht in vergleichbarer Weise auf die Fahnen geschrieben, wie das Skintonic. Von Dir persönlich gab es auch durchaus mal kritische Töne. Wo waren da die entscheidenden Unterschiede in der Denke?

S.H.A.R.P. war damals super super wichtig. Das war eine Zeit, in der nach Rostock und Mölln usw. in jeder Vorabendkrimiserie, in jeder Talkshow der böse Skinhead vorkam. Die Wichtigkeit und Notwendigkeit von S.H.A.R.P. habe ich immer verteidigt. Das ist das eine.

Das andere ist, dass wir nach der Wende mit „lustigen“ Menschen konfrontiert waren, die eigentlich eine Karikatur auf einen Skinhead waren. Die kannten das nicht anders. Die waren gar nicht mal unbedingt rechts, aber die sahen aus wie die letzten hirnigen Faschoschädel, weil die einfach dieses Klischee transportiert bekommen hatten. Trotzdem musste man die ernst nehmen und nicht abschrecken.

Und – in die Kerbe muss ich dann einfach mal hauen, auch wenn viele sagen werden „ja, das haben wir ja schon immer gesagt“ – ich hab schon mitbekommen, dass einige Westler gegenüber den Ostlern den Superarro-ganten haben raushängen lassen. Ich wollte es den Leuten außerdem auch nicht zu einfach machen. Die ganze Skinheadgeschichte lief doch zu der Zeit darauf raus, das der Sündenbock gefunden war und alles, was keinen S.H.A.R.P.- Aufnäher hatte, war böse. So einfach funktioniert es ja nun nicht…

… ich sage nur »Der ist in Ordnung, der ist S.H.A.R.P.-Nazi“…; mit dem Skinup verschwand dann das S.H.A.RP.- Logo vom Titelblatt…

…das hatte aber so viel gar nicht zu sagen.
Wir haben allenfalls unsere Aktivitäten etwas verlagert. Es gab zum Beispiel große Demonstrationen. Vor allem waren wir damals auch echt die Mediennutten. Obwohl uns das gegen den Strich ging, sind wir auch selber in Scheiß-Talkshows gegangen, weil wir das Gefühl hatten, dem ganzen Mist etwas entgegensetzen zu müssen.

Die Ausrichtung war ja auch klar und wir waren bekannt, so dass man das eigentlich nicht mehr groß erwähnen musste.

Ich denke, dass unsere Arbeit etwas gebracht hat. Es wurde dann in den Medien öfter differenziert. Die Dauerpräsenz dieser Dumpfbacken in den Medien legte sich. Manches hatte sich auch in eine andere Richtung verlagert, zum Beispiel die massiven Anfeindungen gegen GSM.

Welcher der besagten Fernsehauftritte ist Dir denn in besonderer Erinnerung geblieben?

Oh, wow. Na, wir waren mal in so einer RTL Nachmittagstalkshow, die es lange schon nicht mehr gibt und von der ich auch nicht mehr weiß, wie sie hieß – mit einem Kotzbrocken von Moderator, von dem ich Gott sei dank auch nicht mehr weiß, wie er hieß.

Da wurden wir wirklich eingeflogen und mit der Limousine abgeholt. Nach dem Einleuchten hieß es, wir hätten noch einen Moment Zeit und könnten in die Kantine gehen. Da saßen ungefähr 500 Senioren. Ich sage so zu meinem Kumpel „wat is’n dit“. Er sagte nur „das ist doch klar, das ist das Publikum“. Da sind wir also vor was weiß ich wie vielen aus den umliegenden Altersheimen angekarrten alten Menschen aufgetreten.

Dann haben sie auch prompt so einen super Einspieler mit brennenden Asylantenheimen gebracht und wir durften uns eine halbe Stunde dazu äußern. Das war so mit das Skurrilste.

Zum Thema skuril: Wußtest Du eigentlich, dass das Oi!reka mal auf dem Index war?

Bis eben nicht. Sprich!

Wir haben irgendwann einen Brief von der Bundesprüfstelle bekommen. Demnach stünde das Oi!reka auf der Liste der jugendgefährdenden Schriften und zwar – jetzt kommt’s – wegen seiner rassistischen Ausrichtung.

Ich bin natürlich aus allen Wolken gefallen. Jeder, der auch nur ein Vorwort einer einzigen Ausgabe – egal welche – sich rausgepickt hätte, hätte ja wohl merken müssen, was das für ein Unsinn ist.

Wir haben dann einen Anwalt eingeschaltet, einer von Yebo war glaube ich Anwalt, und über den mitteilen lassen, dass man ja wohl erwarten darf, dass über den Titel mit dem Oi! hinaus auch mal im Inhalt geblättert wird und Einspruch erhoben. Danach ist dann zwar nichts mehr gekommen, aber ich habe schon gestutzt, zu was unsere Sittenwächter so fähig sind.

Und das, obwohl Du bekanntermaßen politisch aus der linken Ecke kommst. Anderseits hat sich das Oi!reka nie in parteipolitischen Diskursen verheddert. Beim frühen Skintonic gab’s schon eher solche Tendenzen.

Ich habe trotzdem das Oi!reka nie als „unpolitisch“ empfunden, die Vorworte waren ja eindeutig. Was ich vermeiden wollte, waren diese Kleinkriege. Hat uns aber nichts genützt, denn die hatten wir trotzdem.

Es gab permanent Anfeindungen. Ich habe während der Oi!reka Zeit sowieso vom Heiratsantrag bis zur Morddrohung praktisch alles bekommen. Außerdem hatten die Leute, mit denen ich das Oi!reka gemacht habe, nicht diese politische Vergangenheit. Die kamen aus einem anderen System, aus der DDR und wollten davon vielleicht auch erstmal nichts mehr hören. Das kann ich auch verstehen. Die wollten erstmal einfach leben und sich nicht in den nächsten politischen Kampf stürzen.

Ich hab‘ in erster Linie wirklich diesen Kleinkrieg verabscheut, dass sich die Leute immer nur angepisst haben, dass es nicht einmal einen Minimalkonsens gab.

Es kam das Ende des SKINUP und Emma ward plötzlich nicht mehr gesehen. So was um die zehn Jahre. Hat Dir denn nicht was gefehlt? Du bist jetzt ja wieder szene-mäßig unterwegs.

Nee, mir hat nichts gefehlt. Das war eine ganz bewusste Entscheidung, auch aus familiären Grunden. Ich habe mich zurückgezogen, um mich um persönliche Dinge in meinem Leben zu kümmern, die für mich in dem Augenblick einfach wichtiger waren. Zum anderen brauchte ich auch mal ’ne Pause. Jetzt macht’s mir wieder Spaß.

Eins muß ich aber auch sagen: Die Freunde, die ich schon vor dem Skintonic, dem Oi!reka und dem Skinup hatte, habe ich auch heute noch und durch das Skintonic, das Oi!reka und das Skinup sind auch nicht viel mehr dazu gekommen.

Was mich tief beeindruckt hat, ist, dass mich die Leute immer noch ansprechen, ganz oft auch auf das Oi!reka. Ich wusste wirklich nicht, wie viel Eindruck das dann doch hinterlassen hat. Ich kann nur dankbar sein für alle, die uns unterstützt haben, die uns gemocht haben und die mir heute noch das Gefühl geben, dass es nicht umsonst war.

Auf die alten Zeiten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.