Historisches & Biographien

Die Talfahrt des ältesten deutschen Fußballvereins – BFC GERMANIA 88

von Marc Wolga, aus MP #32, 08.2007

Der älteste noch existierende deutsche Fussballclub wird 120 Jahre alt – und feiert in der Bezirksliga.

Das Feld, auf dem der 17-jährige Paul Jestram im April 1888 mit seinen drei Brüdern und rund 30 Schulfreunden zum ersten Training des frisch gegründeten BFC Germania antritt, hat viel erlebt: exerzierende Preußen, um die Wette galoppierende Pferde, Scharen erholungslustiger Großstädter, Orville Wright und seine abenteuerlichen Flugkisten, den Bau des ersten Berliner Verkehrsflughafens und sogar die weltberühmte Luftbrücke.

Wenn der Flughafen Tempelhof im Oktober 2008 endgültig seine Pforten schließt, wird von all dem nicht mehr viel übrig sein.

Nur der Fußballclub, den Jestram damals mit seinen Freunden im Haus seiner Eltern gründete und für den das Areal lange Zeit Spielstätte war, der wird noch existieren.

Zwar ist der BFC Germania 1888 mittlerweile längst auf einen dieser typischen Berliner Kunstrasenplätze mit Plattenbaupanorama umgezogen und auch die Erfolgskurve des Traditionsclubs zeigt steil nach unten. Aber immerhin pilgern laut Vereinsleitung jeden zweiten Sonntag rund 100 Anhänger auf die Sportanlage in der Alt-Tempelhofer Götzstraße.

Damit ist der BFC der älteste deutsche Fußballverein, der seit seiner Gründung durchgehend am Spielbetrieb teilnahm und -nimmt.

Allerdings hört da die sportliche Kontinuität auch schon wieder auf. Denn die Vereinsgeschichte liest sich wie ein einziger Absturz, der die Mannschaft vom ersten, inoffiziellen Deutschen Meistertitel im Jahr 1890 direkt bis in die untersten Niederungen des Berliner Großstadtfußballs im Jahr 2007 führte: Nach englischem Vorbild gründet sich der BFC 1888 als erster deutscher Club, der (nach eigenen Angaben) ausschließlich mit einem runden Ball spielt (Anm. tr: Damals spielten manche Clubs noch mit einem ovalen Rugbyball – die Wurzeln des Fußballs liegen bekanntlich in dieser Sportart).

Schon zwei Jahre später gewinnt der Verein eine Meisterschaft, die der Bund Deutscher Fußballspieler (BDF) austrägt. Anders, als es der Name vermuten lässt, spielen in dieser im Pokalmodus ausgetragenen Saison allerdings nur fünf Mannschaften aus Berlin um den Titel, der später als der erste (inoffizielle) deutsche Meistertitel in die Geschichte eingehen wird.

Der DFB, der 1903 mit dem VFB Leipzig den ersten überregionalen Meister aus der Taufe hob, existiert da noch gar nicht.

Stadien oder Sportplätze, auf denen Fans ihre Mannschaften anfeuern gibt es ebenso wenig. Gekickt wird auf Feldern, auf denen sich zu den Spielzeiten geschaffte Großstädter neben ihren Picknickkörben aalen.
Dementsprechend gut gelaunt sind die, wenn Paul Jestram und seine Mannschaftskameraden jeden Sonntag mit der Pille unterm Arm auf der Tempelhofer Wiese aufkreuzen. Fußball gilt als „Engländerei“ und findet zunächst wenig Unterstützer.

Die, die sich für den Sport von der Insel interessieren, schaffen es aber, sich umgehend zu organisieren. Auch Paul Jestram und seine Freunde. Schon Ende 1888 gibt es eine feste Vereinssatzung: Wer unpünktlich oder gar nicht zu den wöchentlichen Spielen und den anschließenden Vereinssitzungen erscheint, zahlt 10 beziehungsweise 25 Pfennig Strafe.
Das Tragen des Mannschaftstrikots ist bei beiden Veranstaltungen Pflicht und jeden Monat sind 50 Pfennig Beitrag zu entrichten.

Von Anfang an wird der Verein von Vater Jestram, einem ehemaligen Turner, mit Stangen, Ball und Fähnchen unterstützt, die nach jeder Partie in der Naherhohlungsoase am Stadtrand wieder eingepackt werden müssen.

Die ersten Siege sind relativ schnell eingefahren. Aber dann verrennt sich der BFC in Streitereien mit diversen neugegründeten Verbänden, denen sie mal bei- und mal wieder nicht beitreten wollen. Letztendlich leidet die sportliche Wettbewerbsfähigkeit des Vereins darunter und als die Berliner wieder zu sich kommen, sind sie nach einigen Vizemeistern schon in der zweiten Hauptstadtliga angelangt.

Die Talfahrt dauert an und die Glanzlichter in der Vereinshistorie werden immer seltener.

1905 versammeln sich noch einmal rund 1000 Schaulustige, um das Spiel der Germania gegen den Londoner-Amateurclub Civil-Service zu sehen. Zaungast ist auch Kronprinz Wilhelm, der dem Kapitän der Berliner im Anschluss einen Pokal überreicht.
Es ist das erste Fußballspiel, dass sich der älteste Sohn Kaiser Wilhelms II. überhaupt live ansieht.
Der BFC gewinnt 3:2.

Danach rücken die Punkte auf der Zeitleiste, die die Erfolgschronik des Vereins dokumentiert, weiter zusammen. 1908 kann die Germania durch ihren Torwart Fritz Baumann noch einmal von sich reden machen. Der steht im ersten Länderspiel der DFB-Elf in Basel zwischen den Pfosten und fängt sich fast ein halbes Dutzend Gegentore.
Deutschland verliert das Spiel mit 3:5.

Danach kommt lange Zeit nichts.

Stattdessen machen die „Germanen“ ihrem Namen im Dritten Reich alle Ehre und brüsten sich damit. als erster Verein sämtliche jüdische Spieler rausgeworfen zu haben.

Im Wirtschaftswunder der 50er Jahre blüht auch der BFC noch einmal auf und schafft es bis in die zweithöchste Berliner Spielklasse, aus der er postwendend auch wieder absteigt.

Seitdem zuckt nicht mehr viel an der Götzstraße. Und die 112 Zuschauer, die zum letzten Spiel der diesjährigen Landesliga-Saison gekommen sind, sind „so viele wie noch nie bei Germania“, plappert eine ältere Frau im bunten Anorak kurz vor Anpfiff in ihr Handy.
Sie ist Anhängerin des Gästeteams, dem Lichtenrader BC, der an diesem wolkenverhangenen Sonntagnachmittag den Aufstieg in die Berliner Verbandsliga perfekt machen kann.

Germania ist seit Spieltag eins Schlusslicht der Tabelle. Ganze zwei Siege und ein Unentschieden hat der Verein in dieser Saison eingefahren.

Nach einem fulminanten Durchmarsch vor sechs Jahren, als man fast nonstop aus der Bezirks-, durch die Landes-, in die Verbandsliga aufstieg, kann die Germania mittlerweile wieder für die 7. Spielklasse planen.

Auf der BFC-Ersatzbank sitzt lediglich ein Wechselspieler neben Trainer und Ex-Bundesligaprofi Uwe Bialon. Nachdem der Hauptsponsor vor knapp zwei Jahren den größten Teil der Gelder gestrichen hat, ist die Spielerfluktuation bei den „Germanen“ unerwartet hoch.
Um beim vorletzten Spiel überhaupt antreten zu dürfen, musste sich der F-Junioren-Trainer Matthias Kullick für den Kader der ersten Männermannschaft aufstellen lassen.

Die Lichtenrader Fans hoffen also zurecht auf ein Schützenfest, denn der Aufstieg in die höchste Spielklasse Berlins ist theoretisch noch in Gefahr Die „Germanen“ hingegen wollen nicht zum Kanonenfutter werden, obwohl schon seit Wochen der direkte Abstieg in die Bezirksliga feststeht.

In der folgenden Abwehrschlacht zeigt sich allerdings schnell, wer an diesem Nachmittag noch reichlich zu tun haben wird: das Schiedsrichtergespann.
Nach einer guten halben Stunde steht es nach roten Karten nämlich schon 2:1 für die Germania. Die Hälfte des Teams ist bereits mit Gelb verwarnt. Die wenigsten scheinen zu wissen, warum. Nach Toren führt der LBC 2:0.
Kurz vor der Halbzeit dann ein erneuter Eklat, der lange Diskussionen nach sich zieht. Am Ende steht der Germanen-Libero vor dem Referee mit der verdunkelten Brille und schaut ihn aus traurigen Augen an: „Schiedsrichter. Gib uns doch nicht so viele Gelbe. Am Schluss stehen wir nur noch mit fünf Mann auf dem Platz“.

Pausenpfiff.

Nach dem Wechsel sind im Publikum bereits Wetten auf den BFC-Mittelfeldspieler mit der Nummer Sieben abgegeben. Der dickliche Türke war schon in der ersten Hälfte durch mehrere Frustfouls in Erscheinung getreten und hatte dafür lediglich einmal Gelb kassiert. Außer, dass er in Halbzeit Zwei statt in der gegnerischen Hälfte nur in seiner Spielfeldhälfte rumsteht, hat sich nicht viel getan.
Zwischendurch fällt ein Tor.
Nach erneutem Foulspiel erhält er das zweite Mal in dieser Partie Gelb und darf weiterspielen. Die Zuschauer johlen – der Referee lässt aber nicht lange auf sich warten. Keine zwei Minuten später zeigt er ihm die rote Karte und schickt den dritten „Germanen“ vorzeitig duschen.

Kurz vor dem Abpfiff schenken die Lichtenrader Stürmer dem BFC-Rückhalt Rene Feber noch zwei Tore ein und erhöhen auf 0:5.

Mit gesenkten Häuptern, ganzen sieben Saisonpunkten und einer sensationellen Tordifferenz von Minus 105 Toren, verlässt die Germania den Platz Richtung Bezirksliga, in der sie im nächsten April ihr 120. Jubiläum feiern werden.

Für den Gegner gibt es Sektdusche und Aufstiegsgesänge. So sehen Sieger aus.

Die einzige Investition vor der Saison war Trainer Uwe Bialon, dessen größter Erfolg, neben zahlreichen Zweitligaeinsätzen bei Wattenscheid 09 und Tennis Borussia Berlin, ein Bundesliga-Spiel im Dress des VFB Stuttgart war. Er ist neben Torwart Marcus Stolzenberg, der es von der Germania bis zur Spielvereinigung Unterhaching geschafft hat, wohl der einzige Profispieler, der jemals den Sportplatz an der Götzstraße betreten hat. www.bfcgermania88.de

Ein Kommentar

  • Michael Quell

    Hallo,
    das Foto wo hier abgebildet ist mit der Bezeichnung um 1899 ist nicht Germania 1888 sonder BFC Alemannia 1890 aus dem Jahre 1923 – 1924.
    MFG
    Michael Quell

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.