Historisches & Biographien

Diacetylmorphin

von Torsten, aus MP #27, 10.2004

Viele Dinge im Leben eines Punkrockers sind mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden und werden nicht hinterfragt. Wenn Du Dir z.B. nach der Morgentoilette Deine Nadel ansetzt – hast Du Dir da mal Gedanken gemacht, woher der Stoff eigentlich kommt, den Du Dir Tag für Tag in die Blutbahn schießst? Wer hat es erfunden, das Heroin, ohne dem wir das Leben in dieser Gesellschaft nicht ertragen könnten?

Dass der Chemiker Dr. Felix Hoffmann im Juli 1897 für die wohlbekannte Konzern BAYER in Deutschland eine Substanz erstmals synthetisch herstellte, die der damals noch unbedeutenden Firma innerhalb kürzester Zeit zu einem Weltkonzern anwachsen ließ, wird heute in der Firmenchronik gerne verschwiegen.

Das Medikament mit dieser Substanz, namens Diacetylmorphin, wurde erst an Fischen, Meerschweinchen und niedlichen Kätzchen erprobt, und als keiner dieser Probanden tot umfiel, waren die Werksarbeiter und deren Kinder als Versuchskaninchen an der Reihe. Auch sie überlebten, und so wurde das Medikament 1898 unter dem Namen „Heroin“ (griechisch für „Helden“) als geschütztes Warenzeichen eingetragen.

Was folgte, war der bis dato aggresivste und intensivste Werbefeldzug in der Geschichte der Menschheit. Weltweit und in 12 Sprachen wurde das Präparat in großformatigen Werbeanzeigen als herausragendes Hustenmittel für Kinder gepriesen.
Ärzte in Indien, China, Japan, auf den Philippinen und vielen anderen Ländern wurden mit reichlich Probepackungen versorgt und fast überall war man äußerst angetan von der Wirkungsweise.

Ein paar wenige Quertreiber hielten dieses Mittel zwar für „giftig“, gar „süchtigmachend“, doch die wurden von Bayer schnell mundtot gemacht. Den fleißigen Bayer-Forschern wurde eingbleut, dass sie nicht dulden dürften, „wir hätten unvorsichtigerweise Präparate poussiert, die nicht sorgfältig probiert sind.“

Sehr schnell erkannte man bei Bayer, dass das Mittel nicht nur gegen Husten, sondern eigenlich gegen fast jede erdenkliche Krankheit hilft. Seit 1906 riet der Bayer-Konzern dringend, bei Herzerkrankungen, zur Geburts- und Narkoseeinleitung, bei Lungenerkrankungen, aber auch bei Bluthochdruck, allgemeinen Schmerzen, Depressionen, Asthma, Magenkrebs und anderen unangenehmen Befindlichkeiten es doch mal mit Heroin zu probieren. Selbst gegen Onanie, das damals noch eine hochansteckende Krankheit war, half Heroin vozüglich.

Es half scheinbar immer und überall, selbst der armen Patientin des Wiener Gynäkologen Mirtl – sie lag 1899 mit schier unheilbarer „Nymphomanie“ im Wiener Frauenhospital.
Mirtl: „Erst mit Heroin trat die gewünschte Besserung ein“.

Auch Gesunde hatten an dem Zeug viel Spaß. Alpenclubs empfahlen, vor dem Klettern ein wenig Heroin zu kosten: „Das macht die Atmung frei.“

Natürlich wurde Heroin auch in den zahlreichen Irrenanstalten eingesetzt. Im Jahre 1900 wurde das Mittel den Insassen einer Psychatrie in Neapel verabreicht, an „Irrsinnige, Idioten, Epileptiker, Paralytiker und Delirante“. Die Klinikleitung war ganz aus dem Häuschen, und beobachtete „andauernde Beruhigung, in einigen Fällen sogar Heilung“.

In Polen wurden „extreme Masturbanten“ geheilt, in Russland „seelischer Schmerz“ und ein Düsseldorfer Arzt brachte sogar eine „schmerzhafte Erektion“ zum Abklingen.

Als Nebenwirkungen verzeichneten die Mediziner Benommenheit, Schwindel und Verstopfung, sonst nichts.

Die Ärzte, die teils schon im Geburtsjahr vor Heroin und seinen Folgen warnten, blieben in der Minderheit. Tja, da fragen wir uns doch, war jetzt das gesamte deutsche Kaiserreich in einem kollektiven Rausch? Oder wurden die Menschen tatsächlich nicht abhängig, obwohl praktisch jeder Heroin konsumierte: Säuglinge, Schulkinde, Schwangere, Polizisten, Alte…

Sie konsumierten es als Pulver, Mixtur, Saft oder Zäpfchen; für Frauen gab es heroingetränkte Tampons. Und trotzdem wurde kaum jemand abhängig. Beschaffungskriminalität gab es sowieso nicht, weil es Heroin in jedem Tante Emma-Laden günstig zu erwerben gab, abgepackt in formschönen Flakons oder in Gläsern, die bis zu 25 Gramm fassten.

Als die Substanz auf den Markt kam, war nichts außergewöhnliches daran – außer dem durchschlagenden Erfolg. Nach nur einem Jahr verdealte Bayer sein Heroin in 23 Länder, vor allem in die USA.

Aber da Bayer leider kein Patent auf die Substanz bekommen hatte, mischten bald auch andere Firmen im Geschäft mit: Sandoz, Hoffmann-La Roche, Boehringer, Gehe, Knoll und Merck.

Der entscheidende Unterschied zu heute ist die Art, wie damals das Heroin eingenommen wurde. Die Patienten schluckten nur wenige Milligramm, weniger als ein Zehntel von dem, was wir uns heutzutage in die Venen spritzen. Oral aufgenommen gelangte das Zeug auch nur sehr langsam ins Gehirn. Einen Flash erlebten die damaligen Konsumenten nicht, dafür aber Schmerzlinderung und mitunter leichte Euphorie. Beides war natürlich herzlich willkommen.

Und so waren uns die Amerikaner auch beim Thema Heroin mal wieder weit voraus. Die Idee, Das Medikament zu sniefen, zu rauchen oder hochdosiert zu spritzen, kam den Leuten hierzulande nicht in den Sinn. Deshalb blieb Europa – im Gegensatz zu Amerika – lange Zeit clean, was die Heroin-Sucht anbelangte. Noch 1920 war den Ärzten der sogenannte „Heroinismus“ vollig unbekannt.

In Amerika, dem mit Abstand besten Kunden von Bayer, tickten die Uhren aber anders. Die Amis lebten damals ohnehin in so einer Art Junkie-Staat. Zehn Prozent aller Ärzte galten als süchtig nach Opium oder Morphium. Viele von ihnen stiegen gegen 1910 um auf Heroin.

Als sich die Kliniken immer stärker mit Heroinisten füllten, wurde das Mittel staatlich stärker kontrolliert und die Beschaffung erschwert. Dadurch entstand schnell ein Schwarzmarkt, die Preise stiegen und es entstand eine Beschaffungskriminalität. Für so manchen Pharmakonzem wie Hoffmann-La Roche war das ein finanzieller Segen, denn im Untergrund ließ es sich noch mal so gut verdienen.

Gegen Ende der 20er Jahre lag der legale Bedarf an Heroin bei zwei Tonnen – hergestellt wurden aber neun Tonnen im Jahr. Aufgrund internationaler Abkommen (mit Amerika als Hauptinitiator) wurde Heroin ab 1912 apothekenpflichtig, 1920 dann rezeptpflichtig. Ab 1929 durfte Heroin nur noch zur Heilung und zu wissenschaftlichen Zwecken verwendet werden, nach und nach wurde auch die Heroinmenge in den Medikamenten eingeschränkt. Erst 1958 war Heroin nicht mehr erhältlich, natürlich sehr zum Leidwesen des BAYER-Konzerns.

Zum Glück stellen die Firmen MERCK und HOECHST wenigstens noch den Wirkstoff Acetanhydrid her, ohne den die Herstellung von Heroin nicht möglich wäre.

Heroin wird heute legal nur noch in einem Land hergestellt – in Großbritannien. Die Briten schätzen es als wirksames Schmerzmittel und verbrauchen rund 300 Kilogramm im Jahr. Heroin wirkt schneller als Morphium, allerdings klingt seine Wirkung auch schneller ab.

Wenn man diversen Ärzten Glauben schenken darf, ist reines Heroin, in der richtigen Dosierung angewandt, in der Tat ein gutes Medikament! Allerdings ist das Straßenheroin vom Dealer um die Ecke mit Keimen verseucht, gestreckt und gepantscht, sodass man diese Art der Selbstmedikation besser nicht anwenden sollte.

Der Vater des Heroins hat den Absturz seiner Schöpfung nicht mehr komplett miterlebt. Felix Hoffmann starb 1946 kinderlos, alleinstehend und nahezu vergessen in der Schweiz. Bayer widmete ihm nicht einmal einen Nachruf. Den hätte er aber eigentlich verdient gehabt, denn elf Tage vor seiner Entdeckung der synthetischen Herstellung von Heroin fand er ein weiteres Mittel, dass den BAYER-Werken bis heute Millarden Euros in die Kassen spült und von dem die Werksführung anfangs dachte, es wäre unbrauchbar, weil zu giftig: Acetyisakylsäure, genannt Aspirin.

Ein Kommentar

  • Gerd Schrade

    Wir haben ihn in Leverkusen nicht vergessen.
    Zu Ehren von Heroin hat unser Bayer Supporters Club ein Heroin Trikot gemacht.
    Kommt gut an überall. 🙂
    Oi! aus LEV
    Gerd

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