Interviews

Combat 77 – Unterwegs in Sachen Vorurteilsbekämpfung im Land der aufgehenden Sonne


In China zu touren zählt trotz Globalisierung auch im Jahre 2009 noch zu den absoluten Höhepunkten in der Biographie einer jeden europäischen Punkrockband – auch für die Berliner COMBAT 77 im Februar 2009.
Und weil China für uns Europäer noch immer ein Land voller Klischees, Gegensätze & Geheimnisse ist, fasste ich mir ein Herz und fragte Schlagzeuger Björn nach ihrer Tour, welche der zahlreichen Vorurteile über dieses Land eigentlich stimmen. Und erfreulicherweise ließ Björn sich nicht lumpen – lest seine zahlreichen Eindrücke, die er im Land der aufgehenden Sonne gesammelt hat:


von Torsten, chef@moloko-plus.de und Björn, www.combat77.com


Stimmt es, dass Chinesen Hunde und Katzen verspeisen? Welche besonderen Spezialitäten habt Ihr zu essen bekommen?

Wenn wir uns nicht mal zwischendurch zu Mäckes, Subway oder KFC abgesetzt haben, gab’s von Seiten unseres Tourmanagers Ray knallhart die lokalen Spezialitäten serviert. Gegessen haben wir meist sehr preiswert, entweder an Straßenständen oder sehr einfachen Buden.

Als lokale „Schweinereien“ gab es u.a. Knorpel, Hals, Kutteln, sogenannte „tausendjährige“ Eier und Dutzend anderes undefinierbares Zeug, alles tierisch scharf gewürzt, zusammen mit ‘ner Schale Reis oder Nudeln und Gemüse.

Probieren muss man, sonst wird mit Beleidigung reagiert, wenn’s dann nicht schmeckt, ist’s aber ok.

Das bei Chinesen sehr beliebte „Hotpot“ Gericht besteht aus einem großen Topf gefüllt mit Öl und Gewürzen (eine Seite superscharf, eine Seite normal – scharf), in dem man nach Belieben Holzstäbchen mit Fleisch, Fisch- oder Gemüse garen läßt.

Tipp: Am besten alles sofort mit einem großen Schluck Tsingtao Bier runterspülen; für Raucher sind Zigaretten der Marke „Eight“ empfehlenswert, Schachtel kostet umgerechnet 60 Cent.

Dass bei Gerichten wie „Hotpot“ Hund oder Katze dabei ist, weiß man nie genau; hatte aber eher den Eindruck, als ob man so was immer extra bestellen müsste, worauf wir aber sowieso überhaupt keinen Wert gelegt haben.

Julia vom Star Crossed Tattoo Laden in Hong Kong erzählte uns noch, dass Bekannte von ihr in einem Restaurant in Shanghai unbedingt mal Hund probieren wollten, woraufhin der Kellner einen Hund aus einem Käfig holte und ihm vor den Augen der Gäste das Genick brach… .
Auf so was kann jeder gerne verzichten.

Beim Umgang mit dem Personal herrscht oft ein sehr ruppiger Ton; falls irgendwas im Restaurant oder Hotel fehlt, wird lautstark nach dem „Fuje“ (Personal) verlangt; das würde beim einheimischen China Imbiss um die Ecke wohl eher tiefste Beleidigung auslösen…


Stimmt es, dass alle Chinesen zwei Köpfe kleiner sind als der gemeine Europäer? Habt Ihr aufgrund Eurer Größe gelegentlich Schwierigkeiten gehabt (z.B. beim Schlafen)?

Wir haben schon derbe in den Himmel geragt und dementsprechende „Gua Lou“ („Weiße Teufel“) – Blicke und Sprüche abbekommen; böse Anfeindungen blieben aber durchweg aus.
Unsere Größe hat sich vor allem beim Durchdrängeln in den hoffnungslos überfüllten Bahnhöfen der Millionenstädte bezahlt gemacht. In den Zugabteilen selbst ist mega Gedränge angesagt, und wenn man nicht vorher einen der heiß begehrten Sitze gebucht hat, ist stundenlanges Stehen auf engstem Raum angesagt.

Dazu zwängt sich dann ab und zu noch ein Essenswägelchen mit laut rufendem Personal durch die Abteile, was für noch mehr Gedränge und Geschiebe sorgt.

Ruhe ist fehl am Platz; es herrscht ein konstanter Pegel aus Geräuschkulisse, Handy-Geklingel (es ist unfassbar, wie laut man in China diese Dinger stellen kann…) und dem obligatorischem Gerotze und Gekotze, zur Not auch mal mitten in den überfüllten Gang.

Befremdlich auch der Reisebus, der uns auf einer fast leeren Autobahn von Nanchang nach Changsha transportierte und dessen Fahrer permanent aus dem Fenster spuckte.

Die Schlafwagenabteile der Züge sind für Leute unserer Größe ein Alptraum; man liegt zusammengepfercht in 3 Kojen übereinandergestapelt; unten rattert der Zug, oben die Decke dicht über dem Kopf.

Die Bettengröße in preiswerteren Hotels (Zimmer ca. 12 Euro) ist ok, vor Schimmel sei jedoch gewarnt! Unser Hotelzimmer in Hongkong war jedoch so klein wie ein Badezimmer; neben der Pritsche alles voll verkachelt, und mit ‘nem Duschkopf direkt über der Toilette. Gewöhnungsbedürftig halt


Stimmt es, dass alle Chinesen ständig arbeiten wie Ameisen und das für wenig Geld? Oder habt Ihr auch chinesische Pendants zum hiesigen Hartz4-Empfänger kennengelernt? Welche (Bildungs-)Schicht kam zu euren Gigs, bzw. kann es sich leisten, Punk/Skin zu sein?

Der Verdienst der Einheimischen ist mehrheitlich sehr gering, doch Leute, die hierzulande von Multikonzernen angeheuert werden, verdienen teilweise das doppelte wie in Deutschland.

Apropos Multikonzerne: Der Straßenverkehr in vielen chinesischen Millionenstädten ist mehrheitlich von Taxis der Marke VW Santana geprägt, und wenn man sieht, wie viele Taxis an einem sekündlich vorbeirauschen, fragt man sich, warum VW finanziell am Jammern ist…

Staatliche Unterstützung bei Arbeitslosigkeit gibt es kaum was, und dazu wird man ständig angehalten, sich einen Job zu suchen. Und wenn man beispielsweise die Straßenarbeiter sieht, die ohne Preßlufthammer, sondern nur mit ‘nem kleinen Meißel bewaffnet die Bürgersteige aufhacken, kann man sich die Arbeitsbedingungen dort lebhaft vorstellen.

Das Punk Publikum auf Konzerten kommt zum größten Teil aus der Studentenschicht; Skins findet man bisher nur vereinzelt. Einen Skinhead aus Peking, der uns bis nach Wuhan nachgereist war, fragten wir dort, wie denn die lokale Skinszene aussehen würde, aber er meinte nur: „Ich hab außer in Peking und Hong Kong noch nie einen Skinhead zu Gesicht bekommen… “


Stimmt es, dass alle Chinesen nur ein Kind haben dürfen? Und was geschieht mit dem Zweitgeborenen?

Wir haben während unserer Tour durch die großen Millionenstädte mehrheitlich Familien mit mehreren Kindern zu Gesicht bekommen; sieht so aus, als ob sich die 1 Kind Politik von Seiten der Regierung erledigt hätte; in kleineren, abgelegenen Orten könnte das aber noch eventuell anders ablaufen… .


Stimmt es, dass die Kommunistische Partei in China alles und jeden Winkel des Landes kontrolliert? Hat sie das Land fest im Griff? Und wie habt Ihr diese Diktatur in dieser kurzen Zeit erlebt?

Uniformierte sind im Stadtbild, an den Bahnhöfen und vor allem an den touristischen Sehenswürdigkeiten sehr verbreitet. Verkehrspolizisten stehen an Ampeln größerer Kreuzungen, weil die Autofahrer sonst einfach bei Rot rüber fahren würden.
Riesige Plakate werben martialisch für die Armee.

An den Bahnhöfen müssen die Massen an Passagieren erst hinter Absperrungen warten, um dann irgendwann auf ein Kommando zu den einzelnen Bahnsteigen zu stürmen, in der Hoffnung, noch einen der begehrten Sitzplätze in den Zügen zu ergattern.
Am Bahnhof von Shengzhou hatten wir Schwierigkeiten, mit unserem vielen Gepäck (u.a. Merchandise, Gitarren, Becken, Fußmaschine) rechtzeitig auszusteigen, bevor der nächste Schwall von Leuten den Zug enterte. Sofort kamen Uniformierte angerückt und schrien uns mit Megaphonen an, sofort den Zug zu verlassen.
Selbst bei den Einheimischen machte sich sofort eine gewisse Schadensfreude breit, die jedoch abrupt verstummte, als wir uns einmal in einem Moment geprägt von Wut umdrehten und die Uniformierten mit den Megaphonen ins Visier nahmen. Kaum wieder umgedreht, ging das Geschreie aber wieder nahtlos weiter.

Draußen am Bahnsteig angekommen, wurden die restlichen Einsteigewilligen wie bei einem Flüchtlingstransport in die verschiedenen Eingänge des Zuges hineingepfercht; einige Meter weiter marschierte die nächste Militärkolonne im Stechschritt und mit lauten Kommandos zum nächsten Einsatz – so hatten wir uns eigentlich Nordkorea vorgestellt… .

An den Ausgängen der Bahnhöfe und an Straßenecken findet man oft unsäglich plärrende Werbe- oder Wegweiser Tonband–Megaphone; daneben stehen Straßenhändler mit unberührter Miene, denen das noch nicht mal was auszumachen scheint.

Die Hektik und das Gedränge haben wir persönlich als sehr nervenaufreibend empfunden; doch bereits nach einigen Tagen waren wir selbst so abgestumpft, dass uns außer das laute Handy Geklingel kaum mehr was geschockt hat.

Umweltschäden sind überall offensichtlich; die kaputte Vegetation und Fabrikruinen stechen vor allem bei Zugfahrten sofort ins Auge

In den großen Millionenstädten herrscht totales Verkehrschaos: Taxis drängeln sich hupend in atemberaubendem Tempo vorwärts (wir rechneten uns bei den Fahrten insgeheim immer eine 50/50 Chance aus, heil am Ziel anzukommen); auf Fußgänger an Zebrastreifen oder Ampeln oder auf atemberaubend beladene Mopeds wird nicht die geringste Rücksicht genommen; im Fernsehen und auf Schildern wird jedoch neuerdings von staatlicher Seite versucht, der Bevölkerung massiv verstärkte gegenseitige Rücksichtnahme einzubleuen.

Ansonsten bietet das staatliche TV neben deutscher Bundesliga (!), Kitsch–Karaoke und einheimischen Soaps viel Militär-Beweihräucherung: im zackigen Ton werden von Nachrichtensprechern in Uniform die neusten Erfolge des Landes vorgetragen und ausgiebig Einblicke gegeben in militärische Drills, untermalt von melancholischen Heimatgesängen.

Das Treiben in den Großstädten wirkt insgesamt wie ein organisiertes Chaos. Bei einer solchen Landesgröße mit der entsprechenden Infrastruktur hätte sicherlich jedes Regime seine Schwierigkeiten, halbwegs die gewünschte Ordnung aufrechtzuerhalten. Jeder scheint sich irgendwie mit seiner Tätigkeit und seinem Leben in der Masse durch zu wurschteln.

Viele Leute, die wir kennengelernt haben, sehen die Regierung als eine eher unüberwindbare Tatsache an, und freuen sich über die in den letzten Jahren dazu gewonnenen kleinen Freiheiten


Stimmt es, dass man in Hongkong und Shanghai vor allem Englisch, kaum chinesisch oder Kantonesisch spricht? Wie konntet Ihr Euch insgesamt mit der Bevölkerung verständigen?

In Hongkong wird außer Englisch überwiegend Kantonesisch gesprochen; unser Tourmanager Ray meinte, das wäre kein Dialekt mehr, sondern eher eine eigenständige Sprache.
Hong Kong ist aber sowieso völlig anders als der Rest Chinas, den wir gesehen haben: Alles läuft äußerst zivilisiert ab und ist sehr Englisch geprägt; sogar das Wegschmeißen einer Zigarette auf den Boden wird mit umgerechnet 170 Euro Strafe geahndet.

Außerhalb von Hong Kong ist man ohne Chinesischkenntnisse ziemlich aufgeschmissen: Als wir mal mit mehreren Taxis morgens vom Hotel zum Bahnhof gefahren sind, hat unser Fahrer die anderen Taxis verloren und hat uns irgendwo abgesetzt. Wir haben dann auf der Straße zig Menschen auf Englisch gefragt, wo der Bahnhof sei, aber keiner konnte auch nur ein einziges Wort. Glücklicherweise hatten wir einen bebilderten Sprachführer dabei…


Stimmt es, dass Ausländer in China wie Könige behandelt werden? Wie seid Ihr insgesamt aufgenommen worden und welche Unterschiede habt Ihr im Vergleich zu Deutschland ausgemacht?

Vor allem in den Städten innerhalb des Landes (Zengzhou, Nanchang, Xian, Changsha) sieht man wenig Europäer; dementsprechend ist die Verwunderung und Neugier der Bevölkerung oft groß. Im Schlafwagen wurde ich morgens gleich von meinem Bettnachbarn aus der Mongolei mit Fragen überhäuft.

Die chinesische Punkszene ist noch sehr jung und gerade im Aufbau, dementsprechend waren noch nicht viele Bands von außerhalb dort. Unsere Sängerin Kirsten wurde oft für ihren Mut gelobt, sich als Frau selbstbewusst auf eine Bühne zu stellen. Viele Chinesen wundern sich, daß man hierher fährt, aber kein chinesisch sprechen kann.

In Hong Kong hat die frühere englische Herrschaft deutlich seine Spuren hinterlassen: Nach unserem Gig im „Wanch“ sind wir noch in ‘nen anderen Club um die Ecke namens „Amazonia Bar“; dort spielte ’ne Philippinen Band den ganzen Abend Coversongs von Pop bis Punk; der Gitarrist war ein wahres Genie und konnte auch mal locker ein Led Zeppelin oder AC/DC Solo mit den Fingern von oben her gegriffen spielen; da wären die renommierten Virtuosen einheimischer Gitarren – Fachblätter vor Neid erblasst – aber für ihn war’s halt ein schlecht bezahlter Job wie alles andere auch.

Da schmettern die „God save the Queen“ hin, und ein paar Meter weiter hinten steht alles voll Prostituierte, die massenhaft von sabbernden Engländern abgeschleppt werden – ein heftiges Bild


Stimmt es, dass alle Chinesen sehr zurückhaltend und friedliebende Geschöpfe sind? Wie hat das Publikum Eure Konzerte aufgenommen?

Aggressionen haben wir kaum mitbekommen, auf einem Gig gab’s mal ein kleines Handgemenge, mehr jedoch nicht. Im Straßenverkehr und auf Bahnhöfen herrscht wie bereits erwähnt ein mega Gedrängel, aber man schubst sich eher friedfertig durch und versucht, Streß zu vermeiden.

Vom Publikum her waren außer einigen Punks ‘ne Menge junger Mädels anwesend, die sich ständig mit uns fotografieren lassen oder Autogramme haben wollten. Da unser Album erst Mitte diesen Jahres in China veröffentlicht wird, kannten die meisten Leute nur unsere 4 Songs auf MySpace. In manchen Städten ist es uns passiert, dass das Publikum sogar mit Bandnamen wie „The Adicts“ oder „Cock Sparrer“ nichts anzufangen wusste; dementsprechend waren dann auch die Vorbands vom Kaliber Soft Chinese Pop, Chinese Techno oder Classic Rock Cover.

Im Vox Club in Wuhan bekam jede Band, die dort gespielt hat, ein kleines Holzschild, auf dem man dann sein Bandlogo o.ä. aufmalen konnte. Das Schild wird dann später an einer Schilder – Wandtafel angebracht, an der sich alle bisher dort aufgetretenen Bands bereits verewigt haben.

Unsers kam direkt neben das von DOA (die Typen haben sich überhaupt keine Mühe in der Gestaltung gegeben…), und anhand dessen konnte man sehen, wie wenig ausländische Bands bisher in diesem eigentlich sehr renommierten Club aufgetreten sind.

Sogenannte Rockclubs gibt es in jeder Millionenstadt gerade mal einen; so ist es kein Wunder, dass das Publikum bei Konzerten sehr gemischt ist. In Shenzen beispielsweise kamen neben einigen Punks auch gutsituierte Geschäftsmänner mit ihren Frauen zu unserer Show; die haben sich weiter hinten an ‘nen Tisch gesetzt und Würfel gespielt; wir haben gedacht, die würden gleich rauslaufen, wenn wir anfangen, aber die sind unbeeindruckt sitzen geblieben.

Im selben Club sind vor einiger Zeit auch Napalm Death und die Backstreet Boys aufgetreten, also scheint die Leute da wohl nichts mehr zu schocken…


Welche Vorurteile haben Chinesen gegenüber uns Europäern?

Das Vorurteil von den „Weißen Teufeln“ ist noch sehr in den Köpfen verbreitet; geschätzt werden dagegen vor allem deutsche Autos und deutsches Bier, verabscheut wird das Essen, was man hierzulande in einem chinesischen Restaurant bekommt, denn das sei total verfälscht. Allgemein hat man mit dem europäischen Essen so seine Berührungsängste – italienische Küche und Wiener Würstchen sind da die löbliche Ausnahme.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.