Historisches & Biographien,  Interviews

Bunt & Kahl in Wuppertal, 1982 – über Sturmtrupp, das erste Skinhead-Fanzine und die erste Skinhead-Generation in Deutschland

von Sir Paulchen & Pökel
aus MP #41, 03.2010

Wuppertal, die zweite. Kein langweilig-blutleerer Nachklapp, denn mit Ralf P. alias Pökel haben wir einen Zeitzeugen und Szene-Protagonisten vor das Mikrophon gezerrt, der authentisch und mit erstaunlichem Erinnerungsvermögen nun den ganz frühen Tagen der damals im Entstehen begriffenen westdeutschen Skinheadszene berichten kann. Und der mit großer Wahrscheinlichkeit das allererste deutsche Skinheadfanzine namens „Boots“ als Xerokopien unter das Volk gebracht hat. Wir reden hier über die Jahre 1982/83, liebe Leute, da war Subkultur noch wild und gefährlich.

Münzfernsprecher statt Handy, Wicküler Bier statt Alkopops und alle halbe Jahre mal ein Konzert, statt Komplett-Übersättigung durch Tourneen und Festivals.
Nur Dummschwätzer und Besserwisser, die ungefiltert Unsinn und Gerüchte in die Welt setzen, die gab es damals auch schon, nur dass sie noch nicht einen Sofort-Multiplikator namens Internet zur Verfügung hatten.

Eine Zeit, in der ganz sicher vieles nicht besser, aber fast alles deutlich spannender war. Aber lassen wir „Pökelfritz“. wie er bei der Danksagung auf dem Alliierten-Album genannt wird, jetzt endlich selbst zu Wort kommen.

Das Interview mit Christoph in M+ #40 wurde von einem Großteil der Leserschaft sehr positiv aufgenommen und es kamen ungewohnt viele entsprechende Reaktionen. Wie erklärst Du Dir das offensichtlich vorhandene Interesse an den Babyjahren der bundesdeutschen Skinheadszene?

Ich habe das Interview auch positiv aufgenommen, man könnte sagen verschlungen. Selbst ich habe ein großes Bedürfnis an Antiquiertem. Nach dreißig Jahren noch jemanden zu finden, der bereitwillig über Anekdoten seiner Jugendbünden plappert, kann, wenn man historisch interessiert ist, durchaus unterhaltsam sein.
Christophs Erzählungen waren das. Und außerdem, wem bietet sich schon die Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch mit Zeitzeugen?

Erstens haben die meisten alten Säcke keinerlei Szenekontakt mehr und zweitens auch gar kein Verlangen, sich mitzuteilen. Die meisten nehmen sich und ihre Szenezugehörigkeit auch nicht allzu wichtig. Warum auch? Man war Kid und fand in der „normalen“ Gesellschaft einfach zu wenig Identifikationspunkte und Klassenkameraden,waren als potentielle Freunde meist zu eindimensional.

Ich will damit nur sagen, dass man sich damals nicht bewusst war, mal was erzählen zu können. Das man aber Teil von etwas war, wusste jeder. glaube ich.

Wie bist Du persönlich mit der Szene in Berührung gekommen? Über Bodo, den ersten Wuppertaler Glatzkopf? Warst Du zuvor in Punkkreisen tätig?Und auch an Dich die Frage nach der Herkunft: Proletariat oder Mittelschicht?

Das ging alles Hand in Hand damals. Viele Skins waren vorher Punks, so auch ich. Ich spielte auch 1975 in der ersten Wuppertaler Punk-Band namens „Smash“. Ich trat damals meinen Platz am Bass an „Bodo“ ab (inkl. Instrument und Verstärker) und kaufte mir von meinem ersten Lehrgeld ein Tama-Schlagzeug (mittlerweile habe ich ein „Ludwig“ im Keller stehen).

Da Bodo und ich beide sehr dominant sind, hielten wir es gemeinsam in einer Band nicht lange aus. Suro (Frank Surowickien) trat an seine Stelle. Thomas Luhdorf Gesang und Georg Adrian Gitarre.

Wir sind damals u. a. mit „Artless“ zusammen in Duisburg aufgetreten, deren Antlitz es im Gegensatz zu unserem bis in die Doku „Punk im Pott“ schaffte. Von unserem Können zeugen aber ein paar klägliche Soundfetzen in der selbigen.

Als wir damals unser erstes Konzert in der „Börse“ gaben, damals noch im „Hofkamp“ (quasi direkt über unserem Proberaum), teilte uns der damalige Chef mit, wir sollten bloß keine ausländerfeindlichen Parolen zum Besten geben, sonst würde er uns sofort den Saft abdrehen.
Die Szene war jung und zu diesem Zeitpunkt genauso undurchschaubar  wie später OI!
OK, Suro trug ein Hakenkreuz-Shirt und unsere Texte waren vielleicht nicht für jeden eindeutig.
Ein Song lautete „Karneval in Auschwitz“ und war eine Anklage gegen Nazis, nur hat den Text niemand lesen wollen und demzufolge wurde die augenscheinliche Ironie nicht erkannt.

Egal, wir trauten unseren Augen nicht, als sich im Anschluss an der regelmäßigen Vorabend-Dicoveranstaltung der Saal erst leerte, sich aber im Anschluss wieder auf ein ähnliches Level füllte.
Ich hatte damals nur ein paar Flugblätter aufgehangen (im nahen Umkreis, man hatte ja noch kein Auto), deswegen war so eine Resonanz nicht zu erwarten gewesen.
Nachdem Suro sich über das Lautstärkelevel unseren Gesangs beschwerte, wurde das Konzert nach ca. 20 Minuten abgebrochen. Vielleicht auch, weil er zuvor einem auf der Bühne sitzenden Punk seinen (eigentlich von mir geliehenen) Bass (aus gegebenem Anlass) vor die Omme dreschte.

Wir spielten auch im „Espresso“, einer Kneipe und Treffpunkt in Duisburg-Hamborn.
Suro lebt leider heute nicht mehr. Hat aber nichts mit dem Vorfall zu tun. Er hat seinem Körper zu viel Anabolika zugemutet und musste den Preis dafür bezahlen.
Georg und Thomas sind ins Drogenmillieu abgerutscht. Bodo ebenfalls.

Bodo war übrigens zwischenzeitlich Rude Boy und wurde erst Skin, nachdem er sich mit dem Skinhead-Schlagzeuger von „Aspirin“ nach ihrem Konzert in der Börse (wo außerdem ÖSTRO 430, Syph, PVC, Fehlfarben und Charge (UK) auftraten) unterhielt.

Bodo war uns immer irgendwie einen Schritt voraus (seine Infoquellen waren sein Geheimnis) in Bezug auf Trends. Er hatte die Gabe, Menschen zu manipulieren bzw. zu überzeugen. Er war für viele Wuppertaler enorm wichtig, immer total überzeugt von dem, was er tat und sehr charismatisch. Wenn er einen Raum betrat, nahm er diesen in der Regel auch ein.

Bodo ist leider ein gutes Beispiel dafür, was Drogen aus einem Menschen machen können. Dies hat er nach seinem Einstieg bei „Western Force“ einem seiner Mit-glieder zu verdanken. Von seinen Eltern hat er nach eigener Aussage nicht besonders viel Aufmerksamkeit bekommen und lebte in einer Hochhaussiedlungsgegend (Dasnöckel), die man in der Regel mied.
Sozialer Brennpunkt.
Ich glaube, ich habe ihn einmal zu Hause abgeholt und seine Verabschiedung war nicht das, was ich als warmherzig bezeichnen möchte.

Die Gegend, in der ich aufwuchs, könnte man hingegen als paradiesisch einstufen. Ich lebte damals dort bei meinen Großeltern und komme aus der Mittelschicht.

Dein Fanzine „Boots“ war möglicherweise oder sogar wahrscheinlich das erste deutsche Skinhead-Zine. Hast Du das geahnt? Gab es Kontakte zu anderen Gazetten, die ziemlich früh am Start waren? (Zu nennen wäre hier das „Stomp“ aus Gelsenkirchen als Nachfolge-Organ des Punkzines „Rückstand“ mit allerdings nur einer Ausgabe ((Hallo Henry!)), das „Endsieg“ aus Coburg, dem Vorläufer des „Clockwork Orange“ und „Der Skinhead“ aus Bremen, ein ebenfalls aus dieser Zeit stammendes Pamphlet mit immerhin mindestens acht Nummern, allerdings schon deutlich rechtslastig; außerdem die „Attacke“ aus Berlin, bei der mir nicht bekannt ist, wann genau es erschien und wieviele Ausgaben heraus kamen …)

Nö. Weder hatte ich Ahnung (falls es denn das erste Fanzine war) noch hatte ich Kontakte zu anderen Fanzines. Zu den Machern wohl eher. Den Henry (eben-falls Hallo) aus GE habe ich z.B. gut in Erinnerung, dass dieser jedoch ein Fanzine gemacht hat, entzieht sich meiner Kenntnis, oder ich hab’s mal wieder vergessen.

Wir waren alle damals sehr auf uns konzentriert. Mir diente als Inspirationsvorlage das „Skin“ aus London, aber keines der von Dir genannten Zines.

Ich kann mich nicht erinnern, was mich so triebhaft werden ließ. Ich hatte schon immer Spaß am Gestalten und Organisieren, ich schätze, dass dies mein primärer Motor war und es einfach aus mir ‚raus wollte.
Fühle mich auch in meiner Tätigkeit als DJ heute immer noch irgendwie missionarisch.
Ich veranstalte Parties weit ab vom Mainstream, um den Leuten zu zeigen, dass es noch mehr als Chartmusik gibt.

Aus seiner Haut kommt man nicht ‚raus.

Was hat Dich bewogen, damals dar Heft zu starten und hattest Du überhaupt genügend Material? In welcher Auflage hast Du die Nummern kopiert und wie hast Du sie außerhalb Wuppertals vertrieben?

Mein Verlangen war es, die Szene zu vergrößern, indem ich etwas schuf, das unsere Herkunft und Vorlieben für andere Jugendliche transparent und vielleicht interessant machte. Das mit dem Material müssen die Leser beurteilen, also ob ihnen beispielsweise die Hefte zu mickrig waren oder die Themen zu Lari-Fari geartet.

Es gab mal einen schönen „Attacke“-Kommentar oder Brief, ich weiss es leider nicht mehr so genau, der darauf verwies, mein Heft sei zu englisch. Die Jungs hatten Grips, muss ich neidlos anerkennen.
Dazu habe ich im „Boots“ Nr. 5 im Vorwort kurz Stellung genommen.

Natürlich gab es keine Auflage, die Hefte wurden sporadisch kopiert und meist auf Nachfrage vervielfältigt. Und Nachfragen gab’s sogar zu meiner Verwunderung aus dem (meist angrenzenden) Ausland. Für mich damals nicht nachvollziehbar.

Viele Artikel, die im Boots erschienen, habe ich mehr schlecht als recht aus englischen Fanzines oder Büchern übersetzt.
Um die damaligen englisch-politischen Sichtweisen zu verstehen, habe ich ja sogar Auszüge der „Bulldog“ (Zeitung der „Young National Front“) abgebildet und versucht, das Thema objektiv zu besprechen.

Aus heutiger/Schlaumeier Sicht erstaunt die damals nicht unübliche fehlende Distanz zu politisch zweifelhaften Acts, die teilweise im Heft rezensiert werden. Du selbst sagst, dass Du Dich manchmal fragst, ob Du blind oder blöd warst. Kannst Du beschreiben, mit welcher Attitüde Du an Deine fünf Ausgaben heran gegangen bist?

Ich muss gestehen, dass wir/ich mit dem „Boots“ keine politische Stellung bezogen haben, aber manche Aussage Platz für Vermutungen lässt. Aus heutiger Sicht betrachte ich manchen „Boots“-Artikel bzw. Statements etwas kritischer und würde gewisse Formulierungen überarbeiten.
Aber das ist eben das Wesentliche, damals wurden
Diskussionen über politische Gesinnung (gähn) gar nicht geführt.
Alles war neu und im Vordergrund stand immer die Musik für uns. Ich habe kein Plenum einberufen müssen, ob irgendwelche Themen zu heikel seien. Es wusste ja eh niemand, wer wir waren und standen dementsprechend weder im Fokus rekrutierender Nazis, noch im Visier der Linken.
Damit will ich sagen, auch wenn sich damals der seltene Moment einer „scheinbaren“ Sympathie zum Nationalsozialismus einschlich, z. B. die typisch versteifende Extremität bei irgendjemandem aus unserer Clique, war es wie naive Malerei. Es blieb unbeachtet und war quasi adoptiert bzw. reimportiert.

Man durfte den Vorbildcharakter der englischen Szene natürlich bei den jungen Skins in Deutschland nicht unterschätzen, aber auch nicht überbewerten. Viele Anarchozeichen waren genauso als Poserei bzw. Etikette einzustufen und nicht ernst zu nehmen.

In einer Zeitschrift (und ich bin normalerweise kein Freund von Zitaten) habe ich mal den interessanten Satz gelesen, den ich hier als Metapher anbringen möchte.
„Wenn kleine Kinder Waffen bekämen, würden sie sich gegenseitig töten“.
Sie sind denwegen aber nicht böse, gefährlich oder sich ihrer Handlung bewusst. Sie wollen eigentlich nur spielen.
Das „Boots“ war (trotz Blödheit) kein politisches Propaganda Blatt, wenn es Berichte über Skrewdriver gab und deren, bzw. Ian Stuarts Sichtweisen, hieß das nicht (trotz Blindheit), dass wir diese teilten.
Das mit der Blind- und Blödheit bezog sich in erster Linie auf meine fehlenden Grammatikkenntnisse und profanen Formulierungen.

Für Politik (gähn) habe ich mich nie interessiert. Bis heute habe ich noch nie gewählt. Aber danke, dass du das angesprochen hast, das wollte ich schon lange mal loswerden (und noch mal gähn).

Aus der Abteilung „kleiner Scherz“: was ist eigentlich aus Deiner damaligen Verlobten geworden, die Du beim Wuppertaler Skin-Treff am 16. April ’83 kennengelernt hast (s. M+ #40, 5. Seite des Interviews mit Ausschnitten aus „Boots“ Nr. 5)?

Aus der Abteilung „kleiner Schmerz“, ich war nie verlobt. Der Verfasser des Artikels war „Ralf Giebel“, der über seine Verlobte sprach. Der ist im übrigen Schauspieler und in kleinen Rollen in Talkshows zu bewundern. Er überlegt derzeitig, wie sich eine Doku für’s TV über die Skinheadbewegung realisieren lässt.

Schlagzeuger Christoph bezeichnet Dich im Interview als das fünfte Mitglied der Alliierten. Hast Du Dich als solches empfunden? Hast Du die Jungs über Deine Szenezugehörigkeit kennengelernt, oder kanntest Du sie schon vorher?

Das hat der Christoph schön gesagt, muss ich gestehen, aber ich habe mich damals als gar nichts (in Bezug auf die Alliierten natürlich) empfunden. Alles geschah irgendwie von selbst. Ich engagiere mich auch heute noch leidenschaftlich für Projekte, die mir Spass machen und kein Geld bringen.

Ich habe damals Ideen zu Songs einfließen lassen und bin mit dem Artwork der Platten beauftragt worden. Dafür war und bin ich auch heute noch dankbar.
Bis auf Bodo bestand vorher kein Kontakt zu Alliierten-Mitgliedern.
Den Guido Halfman (erster Gitarrist der Alliierten) treffe ich gelegentlich. Letztens erst auf meiner „YeahYeahClub“-Party. Auch er ist immer noch sehr an Musik interessiert und selber Dj (anderes Genre).

Wer wen mit in die Szene gebracht hat, weiß ich nicht mehr detailliert. Die Szene gedeihte einfach. Es gab zur „Blütezeit“ in Wuppertal ca. 30 Skins aus unterschiedlichen Stadtteilen und mit unterschiedlichen Motivationen, am Geschehen teilzunehmen.

Der Brunnen in Elberfeld war Treffpunkt.

Der soziale Backround der Leute war auch sehr unterschiedlich und trennte die Lager später in „Reich und schön“ und „Hart aber herzlich“. Anders formuliert gab es Aktivisten und Mitläufer.
Es war nicht immer harmonisch.
Größere Streits gab es jedoch nie, meistens blieb es bei kleinen Neckereien oder Lästereien. Die Akzeptanz war recht groß und wurde nur bei Auseinandersetzungen mit Fremdkörpern in Frage gestellt.
Es gab jedoch wenige Kraftproben, lag wohl auch daran, dass wir selten einzeln unterwegs waren.

Wie hat Dir damals die „Ruhm & Ehre“ LP“ gefallen, als sie herauskam? Denkst Du, die Band hat alles aus ihren Möglichkeiten heraus geholt? Und wie beurteilst Du sie heute, 27 Jahre später, hat sie den „Test of time“ bestanden?

Ich war ja mit im Studio und durfte nicht nur im Backround bei „Vereint euch Skins“ mitsingen, sondern diesen sogar kreieren. Das war damals ein Ereignis für mich.
Trotz allem ist sie für mich heute nur ein Stück Geschichte, mehr nicht.

Ich mag’s auch heute immer noch lieber kurz und knackig. Die Alliierten waren mir eigentlich zu kompliziert und das Gitarrenspiel von Caspar ein wenig zu virtuos. Nicht, dass ich keinen Spaß auf ihren Konzerten gehabt und die „Schickeria von Wuppertal“ nicht lauthals mitgegröhlt hätte, nein, das nicht. Texte und Musik passen, die Produktion ist zeitgenössisch und die Mitglieder repräsentativ.
Christoph’s Spiel war im Gegensatz zu meinem viel umfangreicher und versierter. Ich dachte bis heute, er hätte auch zwischenzeitlich Unterr-richt gehabt, möchte seine gegenteilige Behauptung im M+#40 aber nicht in Frage stellen.

Bodo hat mit viel Eifer und einem ausgezeichneten Gehör ein brilliantes Bassspiel entwickelt und besaß eine Bühnenpräsenz.
Thomas‘ Einfluss auf den Stil der Band, durch seine eigene Darstellung der Frontfigur samt Röhre, war jedoch der prägenste. Er machte die Alliierten eigentlich zur Oi!-Combo.
Für seine Brille bekam er bei mir jedoch immer Abzüge in der Gesamtoptik. Nicht, dass ein Skinhead grundsätzlich unintelligent wirken sollte, aber damit konnte ich mich nicht anfreunden.

Er machte damals auch eine Wissenschaft aus Oi!. Also er konnte z.b die Mitglieder aller populären Bands aufzählen, zuordnen und kannte deren Karriere samt Veröffentlichungen in chronologischer Reihenfolge.
Je nach Stimmung fiel so eine Marotte bei mir unter Klugscheißerei. Die Alliierten waren ihrer Zeit voraus, aber aufgrund ihrer Qualitäten nicht besonders stilprägend. Irgendwie ein zeitloses Relikt.

War die Einhaltung des Dresscodes (Zitat Christoph: „Der falsche Schuh und raus bist Du“) tatsächlich so entscheidend damals bei Euch?

Also nenn‘ mir bitte mal eine Szenegruppierung, bei der die Optik nicht das Bindeglied ist. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Und ich rede hier nicht über irgendwelche Straßengangs (wobei selbst die mit ihrem Color über Identifikationsmerkmale verfügen).

Also über Musik (vielleicht der einzige Anlass, der Platz für Interessenkonflikte zulässt) konnte man streiten, über Klamotten nicht (vielleicht im Gegensatz zu den „Birds“), die hatte man.

Da Kein Versandhaus existierte, war der Weg zum perfekten Outfit ein weiter. Zur Uberbrückung trug man anfänglich T-Shirts mit Aufdruck, zu erstehen in „Peter Bests Musikshop“ (auch gerne als Treffpunkt missbraucht) in Wuppertal-Barmen.
Hier kaufte ich übrigens den ersten Oi!-Sampler.

Aber zurück zum Dresscode. Logisch wurden Neue kritisch begutachtet. Also Buxe inne Springerstiefel sorgte damals für kategorische Inakzeptanz und machte jede Diskussion überflüssig.
Das hat sich wohl hoffentlich heute nicht geändert.
Aber Spaß beiseite, Skinheads mit Schnäuzer irritieren mich immer noch. Ein ästhetisches Grundbewusstsein darf man ja wohl voraussetzen.

Weißt du, Paulchen, wenn der Typ stimmte, war alles halb so wild und das erkannte man, auch wenn er mal kein „Fred Perry“ trug.
Der Giebel trug mal schamfrei eine Bomberjacke mit Fellkragen, für die er ordentlich Häme kassierte. Es gab immer solche Fauxpas, die in den eigenen Reihen im Regelfall nur zum Runnig Gag avancierten (ob die Jacke wohl noch immer in Giebels ist?).

Hosenträger über’m Pulli z.B., Aufnähern auf dem Crombie (zu sehen in ..Romper Stomper“) blieben wir Gott bei Dank resistent. Die DIY-Denkweise transportierte Oi! noch eine zeitlang weiter und Edding-Krickeleien auf Jeansjacken und T-Shirts oder Domestos-Experimente waren somit nicht ungewöhnlich.
Bevor wir an die ersten FP’s rankamen. trugen wir „Dunlop“ Polohemden. Irgendjemand kreierte damals das Alibigerücht, es sei in England akzeptiert und so etwas wie eine Unterfirma bzw. Nebenprodukt von FP.

Ich bin froh, dass ich einigen Kleidungsstücken den Gang zur Caritas ersparen konnte und sie heute noch in meinem Besitz sind. Mittlerweile werden die 80er „Sta Prest“ wieder von „Merc“ hergestellt, geschmackvoll und traditionell auf Hochwasserlänge mit engem Bein und stehen meiner Meinung nach im krassen Gegensatz zu dem Revival der unsäglichen, hochgelobten Jeansversion.

Harringtons mit Firmenlogos sind mir persönlich ebenfalls ein Gräuel, asiatisch hergestellte Docs qualitativ minderwertig.
Ben Sherman für mich nur als Buttondown akzeptabel und Londsdale mittlerweile vorurteilsfrei untragbar.

Dass die Nähte der Docs heute außen sind ist ein kleines Übel, das sich augenzwinkernd verkraften lässt, jedoch bevorzuge ich die Suche nach gebrauchten alten Originalen auf Londons Märkten.

Christoph hat ziemlich fakten- und facettenreich die Entwicklung der Szene anhand dem Beispiel der Alliierten nachgezeichnet. Kannst Du ergänzend aus Deiner Sicht das Lebensgefühl der Skinhead-Generation in ’82/83 in Worte kleiden?

Im Großen und Ganzen hab ich an Christophs Sicht der Dinge wenig auszusetzen. Unser Durchschnittsalter lag, glaube ich, weit unter dem der heutigen Skins, das sagt auch viel aus, finde ich. Das Gefühl war aufregend. Man hatte keine richtigen Leitmotive, man musste alles erst entdecken. Und zwar anfangs alleine.

Punk erreichte mich damals über die Medien, Skinhead wurde ich durch Freunde und den ersten „Oi!-Sampler“. Heute ist alles per Internet abrufbar, ich meine, man Kann die Zusammenhänge bei Wikipedia erkunden, die Meinungen in Foren zu den eigenen machen und die Klamotten kommen per Bestellung ins Haus geflattert. Fertig.

Man Kann Bezug auf etwas nehmen. Das ist nicht schlecht, zumindest ein Vorteil, aber es ist reflektiert und kalkuliert. Wir hatten nur grobe Muster und waren Teil von etwas Neuem. Man hat Fotos von London Skins zur Rate gezogen, wenn es um das Erscheinungsbild gehen sollte. Literatur war nicht griffbereit und die Attitüde fremd.

Wenn man dann Leute traf mit denselben Interessen, war das ermutigend. Als Punk war man Zielscheibe und Opfer etlicher, nicht nur verbaler Attacken. Es gab ja auch keine expliziten Treffpunkte, außer unseren Proberaum. Es war so eine Art Probezeit, denn die Dynamik der Skinhead-Szene war wesentlich intensiver. Der große Gegensatz zum Punk war für mich das Gefühl, selbstbewusster und gewaltbereiter geworden zu sein.

Die Tatsache, dass es heute Skinheads in Wuppertal gibt, die sich nicht kennen, finde ich irgendwie seltsam, so etwas kenne ich von früher nicht. Wir waren nicht immer einer Meinung, aber wir waren meistens zusammen. An erster Stelle stand immer das Gruppengefühl.

Habt Ihr in der Nachbetrachtung die aus Großbritannien bekannten Stilelemente in Form von Musik, Garderobe und Habitus 1:1 übernommen, oder gab es einen, wie auch immer gearteten eigenen/deutschen Einfluss?

Wir trugen ganz extravagante buschige Hüte, Schnürlederhosen und hörten technoide Volksmusik. Albern.

Wie ich schon angedeutet habe, ist elitäres Auftreten das A und 0 und stärkt das Gruppengefühl. Heute nicht mehr ganz so einfach wie damals, da man FP’s, Harringtons und Docs durchaus als alltagstauglich oder sogar szeneentfremdet bezeichnen kann.

Die Quelle der Bewegung diente natürlich auch uns als Muster. Das Kleidungsdiktat, dem man sich unterwirft, verstärkt ja das Zugehörigkeitsgefühl und grenzt dich ab, nicht ein. Zumindest haben wir es so empfunden.

Das war ein Argument, das zweite war, dass Oi! musikalisch nicht weit vom Punk entfernt war, aber weniger aufgesetzt wirkte. „Cockney Rejects“ beginnen ihren Song „Join the Rejects“ mit den Worten „Here comes the new Punk“ und trafen den Nagel auf den Kopf.
Punks wirkten ab diesem Zeitpunkt rückständig auf mich. Was uns von den Engländern unterschied, war die allmähliche Distanzierung vom Punk und sein Avancieren zum Feindbild.

Irgendwie unterlagen damals viele Bürger dem Irrtum, wir Skins wären eine Punkvariante und so dachten wir, man müsse den Gegenbeweis erbringen. Wir suchten die öffentliche und phusische Konfrontation. Wir glaubten, unsere Punkherkunft verleugnen zu müssen, um besser dazustehen (zumindest ging es mir so) und ließen uns zu so manch hirnrissiger Aktion hinreißen.
Beispiel „Daily Terror“ und/oder „Alliierten“ Konzert 1982 in der Wuppertaler Börse.

„Fuck the Mods“ von den Exploited (als diese noch Skinheads waren) macht deutlich, wie einfach es ist, Feindbilder zu erschaffen, wenn man Textparolen als Leitfaden nimmt. Aus heutiger Sicht vollkommen überflüsssige Verhaltensweisen, die wir oftmals an den Tag gelegt haben. Aber so war’s. Später weiß man’s immer besser.

Die Kluft zwischen Punks und Skins wuchs im Laufe der Jahre, daran änderte auch die Parole der Alliierten nichts. Viele Skinheads orientieren sich heute zurück zu den Ursprüngen, während es kaum Punks gibt, die dies tun, im Gegenteil. Schade.

Warst Du bei dem legendären Berlin-Gig der Alliierten zugegen? Falls ja, erzähl‘ uns alles darüber, die Geschichte ist einfach köstlich …

Nein, ich hab die Alliierten in Hannover Aachen, Wuppertal und anderen kleinen Städten gesehen und kenn‘ die Geschichte leider gar nicht oder habe sie vergessen. Ich verstehe auch gar nicht, warum Gristoph im Interview keine Details verriet oder sind die Zeilen der Zensur zum Opfer gefallen?
[Anm. Paulchen: selbstverständlich wird im M+ nichts zensiert, bei Statements, die dem Selbstverständnis der Redaktion zuwider laufen, behalten wir uns allerdings einen entsprechenden Kommentar vor]

Wie ich weiß, vermisst Du im Interview mit dem Christoph die Anekdoten aus der Krabbeljahren der Szene. Hier ist die Gelegenheit, aus dem Näh-Kästchen zu plaudern ….

Es war eine intensive Zeit mit vielen verrückten Aktionen. Wir haben uns z.B. auf Parties selbst eingeladen, wenn mal nichts los war. Irgendjemand hatte davon erfahren und auf ging’s. Meistens kannten wir die Gastgeber gar nicht.
Bis zu dem Punkt, an dem wir uns daneben benahmen (und das war zu 99% der Fall) wurde uns keine große Beachtung zuteil, ein weiteres Indiz unserer Anonymität und der Unschuld der Szene.

Wir haben Opa-Kneipen mit Tapes bewaffnet geentert um, „natürlich“ mit leeren Versprechungen, den Umsatz zu steigern und wenigstens kurzfristig ein (meist optisch anspruchloses) Sauf-Domizil zu haben, mit so schönen Namen wie z.B. „Zum Gemütlichen Eck“.

Wir sind oft und gerne Chipmunks singend durch den Stadtkern gezogen und fühlten uns unbesiegbar. Wir fuhren 2-3 mal im Jahr nach London mit der Fähre (Billigflüge waren noch nicht erfunden) und besuchten den „Last Resort“.
Die Betreiber des Ladens und die meisten ortsansässigen Glatzen waren immer sehr freundlich und neugierig über die Herkunft ihrer Kunden und oft war Prominenz anwesend.

Das allerbeste an früher war allerdings, ich kann es nicht oft genug betonen, dass wir keine Diskussionen über unsere politische Gesinnung führen mussten, da uns keine anhaftete. Deswegen gilt mein Respekt all den Traditionsbewussten da draußen, die ohne S.H.A.R.P. Skin-Aufnäher sich täglich diesem mentalen Spießrutenlauf aussetzen oder rechtfertigen müssen.

Du hast Dir das Schlagzeug-Spielen selbst beigebracht und bei einer Glatzenband namens Sturmtrupp gespielt. Erzähl‘ doch mal über Entstehung, Besetzung, Auftritte und inhaltliche Ausrichtung der Texte. Welche musikalischen Vorbilder waren es, an denen Ihr Euch orientiert habt?

Wir hatten gar nicht so viele Auftritte mit Sturmtrupp. Der schönste war jedoch vor den Alliierten in Hannover, bei dem ich leider vergaß, meine Pocket-Kamera weiter zu geben (hier der Aufruf, falls irgendjemand Fotos von unserem Auftritt geschossen hat, lasst es mich wissen), um unseren Auftritt für’s „Boots“ zu dokumentieren und wir unsere drei Lieder einfach zweimal spielten, um nicht nach 10 Minuten wieder die Bühne verlassen zu müssen.

Also, wir hatten die üblichen Klischee Texte über die stolze Stellung als Außenseiter, Szenemitläufer, Feindbilder und Filmvorlieben. Texte über Saufen und Ficken waren leider damals noch sehr unpopulär.

4Skins, P&TTTB und die Mau Maus waren schon stilprägend, würde ich sagen, aber eine konkrete Orientierung gab es nicht wirklich, dafür gab es einfach zu viele gute Bands.
Unser Gitarrist war/ist, ähnlich wie Caspar Brötzmann, auch ein Lehrmeister und nicht wie ich und die anderen Autodidakt. Er war sehr kritisch mit sich (und uns) und Dreh- und Angelpunkt.
Ralf Giebel war sehr euphorisch und besessen, Markus eher der introvertierte Beobachter und ich der Dirigent.

Die Entstehung war zu unspektakulär, um ’ne Story draus zu stricken und verlief so ähnlich wie: Pökel zum Stötzner: „Ey, du spielst Gitarre, echt, super. lass uns ’ne Band gründen, ich spiel Schlagzeug“.
Pökel zum Markus: „Hier, Makke, haste meinen alten Bass, meinste der Giebel kann singen?“

Ich habe unser letztens gefundenes Demo im Studio mastern lassen und ziehe ein Release unserer insgesamt 8 Werke in Erwägung.
Selbst von „Smash“ habe ich noch Aufnahmen gefunden, die aber weder spielerisch noch tontechnisch überzeugen können.

Unser Bandname resultierte übrigens auch nicht an einer politischen (gähn), sondern aus der damals nicht unüblichen martialischen Motivation, die im Gegensatz zu den meisten Punkbands (Ausnahmen wie OHL bestätigen hier mal wieder die Regel), Kameradschaft, Entschlossenheit und Zusammenhalt suggerieren sollte.

Euer damaliger Bassist Markus Bielenberg hat ja eine erstaunliche musikalische Karriere hingelegt und u.a. bei der Solinger Metal-Formation Danton des Bruder von Udo Dirkschneider (für Nicht-Metalheads: Sänger bei Accept) gespielt. Später dann auch noch bei den immerhin recht großen Majesty. Hast Du das mitbekommen?

Ich stehe mit dem Makke noch immer in Kontakt. Er ist sogar vor langer Zeit mal mit einer Covergestaltung an mich ran getreten, als er bei „Vanice“, glaube ich, spielte. Zurzeit dudelt er mit „Stötzner“ wieder zusammen in einer Bandnamens „Rotten Dolls“, die alte Punksongs covern.

Und was war mit den weiteren Wuppertaler Bands Bergische Löwen und Bomber 84? Gab es personelle Überschneidungen? Haben die irgend etwas zustande gebracht?

Wenn ich das recht in Erinnerung habe, waren „Bomber 84″ mit Uwe Garske (heute mit ..Edition 52″ Comic Verleger) und Ulrich Fleig (der Mitte/Ende der 80er Selbstmord beging) ’ne Stümpertruppe und klangen musikalisch (wer hätte das jetzt gedacht) wie „Combat 84“.

Den Namen „Bergische Löwen“ kenn‘ ich nur aus meiner aktiven Zeit als Footballer, spielten in unserer Liga und kamen aus Remscheid. Eine von vielen Lücken, die es wohl noch zu schließen gilt.

Hat sich von den Wuppi-Skins überhaupt mal jemand beim WSV sehen lassen?

Also ich nicht. Abgesehen dass der WSV ’ne Gurkentruppe ist, fand‘ ich Fußball sowieso immer scheiße. Habe mal als Jungspund in Wuppertal bei „SSV Germania“ gespielt, aber hatte nie eine Karriere im Sinn.
Aber wenn ich mich recht erinnere, war das Desinteresse bei den anderen auch nicht wirklich kleiner.
Klar, WM und EM wird geguckt.

Ich bin mal 1982 bei ’nem Spiel in London von „West Ham“ gewesen, aber auch nur um mal später in irgendeinem Fanzine damit angeben zu können (schmunzel).

Wie hat sich Dein persönlicher Ausstieg aus der Szene abgespielt? Nach eigenen Aussagen war das ja bereits 1985. Gab es da bestimmte Ereignisse, die Dich bewogen, Dich zurückzuziehen, oder war es eine Art schleichende Entfremdung? Hattest Du weiterhin persönlichen Kontakt mit den Leuten?

Der Prozess war schleichend. Die Szene machte eine Wende und wurde politisch. Einige von uns wurden infiziert. Der Fussball gewann mehr an Bedeutung. Freunde wurden in punkto Gewalt radikaler und rücksichtsloser. Die Musik verlor ihren Reiz und hatte ihre Höhepunkte hinter sich.

Außerdem trat der Football in mein Leben und nahm sehr viel Platz ein. Hier war Gewalt (im Rahmen) in Teamarbeit legalisiert. Ich versuchte, einige aus der Szene mitzuziehen, scheiterte aber kläglich.
Zu mehr als auf der „Hardt“ (Wuppertaler Grünanlagen) mal ein bisschen Touch-Football zu improvisieren reichten meine Überzeugungsfähigkeiten leider nicht.

Makke fuhr als einziger öfter als Zuschauer mit zu Auswärtsspielen der Wuppertaler Greyhounds, wo ich spielte.
„Kelly“, der jüngste und kleinste von uns, verschrieb sich dem Boxsport. Als wir mal wieder unaufgefordert auf einer Party erschienen und Stunk machten, rettete er mir den Arsch, denn als mich beim Verlassen der Fete unbemerkt jemand von hinten angreifen wollte, stellte er sich dazwischert um den weitaus größeren Angreifer mit einem gezielten Schlag (von mir ebenfalls unbemerkt) auf die Bretter zu schicken.

Wir trafen uns außerdem oft in einer Disco in Wuppertal-Elberfeld namens UP. Dort streckte Kelly bei einem Handgemenge den Präsi einer stadtbekannten Rockergang nieder, ohne dessen Rang zu kennen. Ab jenem Zeitpunkt schlief er etwas unruhiger als gewohnt.
Wir tanzten dort oft zu den beliebten 2Tone-Hits, zeigten aber in der Regel nur Präsenz. Außer Undertones und Buzzcocks wurden unsere Punk/Oi!- Musikwünsche dort ohnehin ignoriert.

Mitte der 80er habe ich noch mit Makke und Stötzner so eine Art Punk-Metal-Band namens „Sentiner“ gegründet (auch hiervon existiert analoges Beweismaterial).

Musik blieb später weiter wichtig für mich. Ich fuhr oft ins „Logo“ (ehemaliger Club in Bochum). Hier liefen damals Ende der 80er noch immer die bekanntesten Punk Songs, neben Indie und Grunge.
Der Kontakt zu den GUTEN Jungs blieb.

Anders, als viele andere Ex-Skins bist Du ja der Musik treu geblieben, zumindest, was den Ska- und Soulbereich anbelangt. Hast Du das immer weiter verfolgt, oder ist Deine Liebe zu dieser Musik erst später wieder neu entfacht?

Kann man so nicht sagen mit der Treue, denn Oi! höre ich nicht mehr so oft. Zwar habe ich noch alle meine Platten, aber die finden nur selten den Weg zum Plattenteller.
Zwischenzeitlich habe ich auch Metalbands vom Schlag wie Manowar gehört.

Apropos Musik, mich hat z.B. sehr an dem Film „This is England“ überrascht, dass der Soundtrack zu 90% aus Reggae bzw. Rocksteady besteht, dafür hat sich in den frühen 80ern kaum ein Skin, den ich kennen gelernt habe, interessiert. Es war nicht zeitgemäß.
OK, „Desmond Dekker“ habe ich 1983 live gesehen und „2Tone“ höre ich auch wieder verstärkt.
Es war nicht so, dass wir keinen Reggae gehört hätten, aber eben nicht ausschließlich. Der Film erweckt aber irgendwie den Eindruck. Das Plakat und der Trailer ließen irgendwie auf ein Quadrophenia Ripp Off schließen (die Vorfreude war dementsprechend groß), hielten aber nicht das, was sie versprachen.
Für Konzerte, Proberaum Partys, Discobesuche und authentische Keilereien reichte wohl das Budget und der Enthusiasmus nicht.
Warum musste die politische Message nur so fokussiert werden? Sind Mods denn unpolitisch, nur weil es in Quadrophenia nicht thematisiert wurde? Wen interessiert’s? Mich nicht.

Um beim Filmgenre zu bleiben, bei dem holländischen Film „Skin“ finde ich mehr Übereinstimmungen mit damals. trotz Nazithematik. Die Sequenz, als Frankie und Jeffrey zu Laurel Aitkens „Skinhead“ in Jeffreys Zimmer tanzen, berührt mich emotional am meisten. Der ganze Film spiegelt meine Zeit als Skinhead besser wieder als „This is England“.

Für Soul gab es damals auch wenig Aufmerksamkeit aus unseren Reihen. Er trat erst später in mein Leben, ist mittlerweile aber nicht mehr aus meiner Sammlung weg zu denken.

Das Skinhead-Revival war eher Straßen- als Club-orientiert. So wie viele sich heute für die Gehversuche in den 80ern interessieren, recherchierten wir auch, aber erst später.
Es war für uns nur Geschichte, mit der wir nichts zu tun hatten.
Oi! war anders.
Ska läuft seit jeher bei mir im Auto auf alten Tapes und hat seinen Reiz für mich nie verloren. Als ich letztes Jahr in London das Glück hatte, in einem Club mal wieder zu skanken, lernte ich DJ Cello kennen, den ich vor kurzem für den U-Club buchte.

Also, es gab und gibt unzählige Momente, wo irgend etwas wieder entfacht wird. Ich würde mal sagen, die Prioritäten verschieben sich häufiger bezüglich meiner Garderobe und musikalischen Vorlieben. Mein Pork Pie ist ein treuer Begleiter und mein Konsumverhalten in punkto Vinyl-„7″ oftmals ausufernd.

Ich hörte, das Motiv der geplanten 2. Alliierten-Scheibe, das ja von Dir stammt (und unser Cover der letzten Ausgabe des M+ zierte) ist Dir später immer mal wieder begegnet, sei es als T-Shirt oder anderweitig. Wie konnte das überhaupt dazu kommen, die Platte ist doch nie erschienen?

Du Kennst das 5. „Boots“ nicht, du Frevler (seufz), dort veröffentlichte ich das Motiv nämlich damals als Starschnitt im Mittelteil. Von den T-Shirts habe ich nur gehört und das Motiv gestochen auch noch nicht zu Gesicht bekommen. Bei „Fineline Tattoo“ in Düsseldorf aber zumindest als Vorlage gesehen.

Du bist hauptberuflich Tätowierer. wo arbeitest Du und welche Stile bevorzugst Du?

Nö, nebenberuflich. Mein Hauptgewerbe ist Veranstalter und DJ. Ich arbeite seit knapp 4 Jahren im „Kraftwerk“ in Wuppertal und tätowiere am liebsten Motive im Comic-Stil, die ich selber entworfen habe. Wir haben keine Vorlagenkataloge.
Nicht gerne gesehen sind bei mir Sterne, Tribals oder geometrische Motive.

Auch als DJ bist Du aktiv. Welche Schwerpunkte prägen Deine Plattensammlung, wo legst Du auf und war spielst Du am liebsten?

Soul, Jazz, Freakbeat, Punk, Indie und Powerpop sind die Schwerpunkte meiner Sammlung. Ich lege jeden Donnerstag im „U-Club“ auf, je nach Veranstaltung auch samstags. Powerpop und Ska lege ich momentan bevorzugt auf entsprechenden Parties auf. Ab und an lade ich auch Gast-DJs in den U-Club, so etwa den Londoner DJ Cello.

Powerpop, Bubbleglam und 77er-Punk gibt’s in meinem „Yeah Yeah Club“ (siehe myspace) mit Bands und Gast-DJs zu hören.

Du planst, einen damals mehrfach erschienenen Kalender des „Last Resort“ – Ladens als Reprint zu drucken? Erzähl doch mal, was es damit auf sich hat, ich habe noch nie von diesen Kalendern gehört!

Stimmt fast. Der Last Resort hat damals ein Fanzine namens „Skin“ vertickt und einen Kalender aus den Jahren ’82 und ´83.
Diese möchte ich gerne der Nachwelt zur Verfügung stellen, mit dem original Preiskatalog (ein Crombie kostete damals sagenhafte 25 Pfund) des Ladens selbst, als, sagen wir mal, gebundene Ausgabe. Natürlich grafisch überarbeitet und folienkaschiert matt auf dem Niveau der „Skinhead Girls“-Veröffentlichung, ca. 120 Seiten stark und im DinA4-Format.

In einem der beiden Kalender ist sogar Christophs Geschichte über die Frisurmutation des Kölner Skinheadmädchens Alma, als Vorher-/Nachhershow in zwei Bildern festgehalten.
Ralf Giebel wurde auch dort verewigt. Danke noch mal an Nikola für die Leihgabe.

Wie ich von alten Wuppertaler Szene-Protagonisten weiß, planst Du offensichtlich eine detaillierte Bestandsaufnahme der alten Tage. In welcher Form soll das geschehen und denkst Du, dass das auf Interesse außerhalb des Bergischen Landes stoßen wird (s. Frage 1)?

In welcher Form weiß ich ehrlich gesagt noch nicht. Kommt ein wenig auf die Motivationsbereitschaft der anderen an, da ja jeder seine persönliche Sichtweise zu bestimmten Themen erzählen soll. Das Interesse ist schon mal geweckt. Mein erster Gedanke war, eine 6. „Boots“ Ausgabe der Sturmtrupp-Platte beizulegen. Die Titelseite steht schon.

Als ewiger Nostalgiker wuchs die Idee nach etlichen Gesprächen und Materialverwertung für die Sturmtrupp82-Seite auf myspace.
Peter, der das „Kraftwerk“ führt, umschrieb meinen Nostalgietrip liebevoll mit der Titulierung eines „zweiten Frühlings“. Er hat nicht ganz unrecht mit seiner Behauptung.

Mittlerweile bezeichne ich meine, in letzter Zeit wieder verstärkten, London Trips schon selbst als „Frischzellenkur“. Als ich vor ein paar Wochen jedoch anfing mit meinen Memoiren, stellte ich fests dass diese schon ein ganzes Fanzine füllen würden. Ob daran Interesse besteht? Gute Frage, die sich aber „leider“ erst beantworten lässt NACH einer Veröffentlichung.
Der Resonanz Eurer letzten Ausgabe zufolge würde ich vermuten, ja.

Allerdings sollte man seine Geschichte nicht abhängig von dem Interesse anderer machen. In erster Linie mache ich es für alle Wuppertaler und mich. Es gibt so viele lückenhafte Momente, die sich so hoffentlich stopfen lassen.

Inwieweit hat Deine Zeit als Skinhead Dein späteres Leben beeinflusst, positiv wie negativ?

Schwer zu sagen. ich habe ja keinen Vergleich. Also der größte Einfluss bleibt auf jeden Fall die DIY-Mentalität des Punk. Ich hätte sonst keinen Grund gehabt, ohne musikalische Ausbildung Bars zu spielen, geschweige denn mir ein Schlagzeug zu kaufen.
Mein Faible für Dinge abseits vom Mainstream. Ich schneide mir immer noch das Haupthaar (oder was davon übrig geblieben ist) selbst.
Ich fühle mich auf Ü30-Parties deplaziert. Meine Motivation, mal wieder ein Fanzine über Trashfilme namens „B-Reich“ für lau zu kreieren. Ich habe zeitgenössische Szene-Tätowierungen, die mich bei Freunden, Kunden und auch fremden Menschen (mit entsprechendem Verständnis) in bestimmter Hinsichtglaubwürdig erscheinen lassen.

Für die meisten Leser ist „Quadrophenia“ wohl kein Fremdwort. Als mir Mitte der 80er die negative Kritik meines Chefs auf die Nerven ging, verließ ich meinen Arbeitsplatz mit den Worten: „Wissen sie was, sie können mich mal am Arsch lecken“.
Die Parallele zu Jimmys Aufforderung in besagtem Film an seinen Chef. erzeugt auch bei wiederholtem Male ein erquickliches Gefühl.
Bei diesem Schritt hat der Bauch über die Vernunft gesiegt und mein Skin-Ego zu mir zurückgefunden.

Eine weitere kleine Geschichte ist mir in Düsseldorf anno ’98 mal passiert, beim Umtausch einer Hose.
Der untersetzte Verkäufer, typische Altbier-Plautze, Baumfällerlook und Kampfschweinlederweste (Mönchfrisur und Schnauzbart nicht zu vergessen) behandelte mich so herablassend und respektlos, dass ich, nachdem ich den Laden verließ und schmollte, diesen nach ca. 2 Std. erneut betrat.
Diesmal bewaffnet mit Eiern. Ich äußerte meine Verärgerung über sein Verhalten und schleuderte ihm aus kurzer Distanz fünf Eier entgegen. von dem nur eins (nach Ausweichmanöver) in der Auslegeware hinter ihm landete.
Ich sehe noch heute vor meinem inneren Auge, wie die ganze Arroganz aus seinem Gesicht wich und Platz machte für eine weitaus armseligere Mimik.

Es gibt viele solcher kleinen Zwischenfälle, bei denen man vermuten könnte, dass meine subkulturelle Vergangenheit Einfluss auf diese nahm. Ich jedenfalls glaube fest daran.

Punk oder Oi! verändert uns zwar nicht, aber es fördert das Bewusstsein, nicht alleine zu sein.

Praktisch war Punk nur ein Katalysator. Punk hält jung und macht kreativ in vielerlei Hinsicht. Und damit sind nicht die metrosexuellen Idioten gemeint, die sich in Friseurketten einen punkigen Haarschnitt ihrer Fussballidole aufschwatzen lassen und die immer noch auf einen herabschauen, wie sie es früher getan haben, als wir diese Frisuren trugen.
Punk und Oi! ist überall, nur nicht dort.

Christoph sagt über seine Skinhead-Jahre, dass er es im Nachhinein bedauert, damals nicht über den subkulturellen Tellerrand hinaus geschaut zu haben – gerade auch bzgl. persönlicher Kontakte mit Mitmenschen außerhalb der Szene. War das bei Dir ähnlich?

Ich sehe keine Veranlassung. dies zu bedauern. Im Gegenteil, als bedeuernswert würde ich es empfinden, nicht über den mainstreamtellerrand geschaut zu haben, denn das hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Streng genommen schaue ich mich ja auch nicht nach anderen Frauen um, wenn ich verliebt bin – und Interesse wird geweckt, nicht gebildet.

Man hat ja niemanden gemieden, es ergab sich einfach nicht, Freunde außerhalb der Szene zu finden und ich hatte auch gar nicht das Bedürfnis.

Und was soll mal auf deinem Grabstein stehen?

Einmal Punk, immer Punk.

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