Meine Kindheit in der DDR, Anfang der 80er

Ich schäme mich schon lang nicht mehr für meine Heimat, die DDR (Schleim-Keim)
Meine Kindheit in der DDR, Anfang der 80er
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Meine Kindheit in der DDR, Anfang der 80er Artikel

In einer Zeit, in der immer mehr Kids auf deutschen Schulhöfen mit ASV Trainingsjacken rumlaufen, es wieder schick ist FDJ Blusen zu tragen, Teile der älteren Bevölkerung ihre verloren geglaubte Ostidentität wiederfinden, während 20jährige nicht mehr wissen, ob die DDR ein Obst oder Gemüse war und die Grenzen immer mehr verschwimmen, wurde ich vom Torsten gebeten doch mal meine subjektiven Erinnerungen an meine Jugend in der DDR in die Tastatur zu hauen.
Das ist es dann auch, worum es im Nachfolgenden geht. Alles Geschilderte sind meine Erinnerungen und jeder, der anderes erlebt hat, sei ermutigt, dieses dem Torsten zu schreiben. Vielleicht macht der dann ja ne Serie draus a la: „Ossis arbeiten ihre Vergangenheit auf...“ Hahaha
Ok, los geht’s...

Vom wir zum ich- Wie geriet ich abseits des Weges?

Ich wuchs in einer kleinen Stadt mitten in Mecklenburg auf. Glücklicherweise geriet ich an Eltern, die mit der ganzen Staatsscheiße nicht sonderlich viel am Hut hatten, so dass ich an den Kundgebungen zum 1. Mai nie teilnehmen musste, da ich just zu diesem Zeitpunkt bei meinen Großeltern weilte.
Nun hatte ich 2 Möglichkeiten. Entweder den ganzen Tag nicht rausgehen und Westfernsehen oder wirklich zu meiner Oma fahren.

Mit zunehmenden Alter entschied ich mich für ersteres. In der Schule war ich eigentlich immer ganz gut. Halt so Mittelfeld.
Jedoch hatte ich es mit Betragen, Ordnung und Fleiß nie so dicke, so dass meine Eltern auf diese Noten eh nicht mehr schauten. Im Eintragungsheft standen dann auch so bahnbrechende Sachen wie: “Thomas stört durch das Borgen fehlender Arbeitsmittel seine Mitschüler.“

Eine 4 in Betragen

Außer auf dem Halbjahreszeugnis der 1. Klasse hatte ich immer eine 4 in Betragen (bei uns gab es nur 5 Noten).
Das hatte auch zur Folge, dass ich in der 8. Klasse an der feierlichen Aufnahme in die FDJ (Freie Deutsche Jugend= sozialistische Jugendorganisation) in Leipzig nicht teilnehmen musste.
Ende der 9. Klasse wurde ich dann doch still aufgenommen.
Dieses wohl eher aus Gründen der Statistik als aus Einsicht in die Sache meinerseits.
Zum Halbjahr 10. Klasse stand ich aufgrund meiner Noten vor der Wahl, eine Facharbeiterausbildung mit Abitur zu machen und deshalb 3 Jahre freiwillig zur Armee zu gehen oder ne normale Facharbeiterausbildung zu machen und nur den Grundwehrdienst von 1,5 Jahren zu absolvieren.

Aus rein materialistischen Gründen entschied ich mich für letzteres, da ich ne einfache Milchmädchenrechnung aufmachte.
Ersteres Modell hieß: 3 Jahre Ausbildung + 3 Jahre Armee + 3 Jahre Studium= 9 Jahre und zweiteres hieß 1,5 Jahre Ausbildung + 1,5 Jahre Armee= 3 Jahre.
Nun muss man wissen, das ein Arbeiter im 3 Schichtsystem durchaus mit dem Gehalt eines Diplom Ingenieurs mithalten konnte oder diesen sogar überflügelte und da sich damals wie heute alles um Kohle drehte (ein Wartburg auf dem Schwarzmarkt kostete bei einem Einkommen von 750- 1000 Mark ca. 60 000 Mark), wollte ich natürlich so schnell wie möglich Geld verdienen.
Also begann ich 1987 eine Ausbildung als Schlosser in Schwerin. Soweit zu meinem Werdegang.

Kuttenträger, Langhaar-Cliquenkram

Mit Punks im eigentlichen Sinne, geschweige denn mit Skins kam ich in meiner Kleinstadt nie in Berührung.
Das Milieu, in dem wir uns bewegten, war eher so'n Kuttenträger, Langhaar- Cliquenkram.
Klamottentechnisch lag dann auch die Jeansjacke mit drübergezogener Kutte, Jeanshose und Tramper (kann man sich am ehesten als Wildleder-Chucks mit flacher Sohle vorstellen) ganz weit vorn.

Es gab für jedes Stadtgebiet so Cliquen von 50- 70 Mitgliedern (bei manchen schwankten die Zahlen extrem, da im Winter die Hälfte einfuhr oder im Jugendwerkhof landete). Diese lieferten sich dann auch regelmäßig Straßenschlachten um die Vorherrschaft im Stadtgebiet.
Erkennungszeichen waren halt irgendwelche selbstgemalten Aufnäher.
Da ich mit 14 der jüngste war, gab so`ne Clique zum einen Schutz und zum anderen hieß es oft auch flitzen.

Billy Idol und Heavy Metal

Bevorzugte Musik damals war so Billy Idol und Heavy Metal.
Zu dieser Zeit, also so 1984/85, fuhren wir jedes Jahr Pfingsten zum Bergringrennen nach Teterow. Das war eines der damals sehr beliebten Speedway Rennen über Berg und Tal (Motorrad).
Hierbei war weniger das Rennen Mittelpunkt unseres Interesses, sondern eher das Saufen und Treffen mit Gesoxx aus der ganzen DDR. Hier war es auch, wo ich die ersten Farbbilder von „Sigue Sigue Sputnik“ sah und das erste mal so was wie Punx wahrnahm.

Da es damals kaum Privatfahrzeuge gab, war allein die Zugfahrt zum Rennen ein Erlebnis sondergleichen.
Auf dem Bahnhof stand dann auch jede Menge Bereitschaftspolizei (so was wie der BGS) und schickte alle Besoffenen oder zu wild aussehenden Leute kehrt wendend wieder gen Heimat oder nahm sie gleich in Gewahrsam (das hieß dann stundenlang mit erhobenen Händen an ner Wand in ner Turnhalle stehen).
Somit hieß es die paar Meter auf dem Bahnhof einen einigermaßen nüchternen und vernünftigen Eindruck zu machen oder vor der Einfahrt in den Bahnhof vom fahrenden Zug abzuspringen.
Naturgemäß waren das dann die besonders besoffenen Leute.

Überhaupt spielte Alkohol damals eine zentrale Rolle.

Das wusste auch die Staatsmacht und zum Rennen gab es dann im Umkreis von 50 km keinen Alkohol zu kaufen.
Keine Angst, er ging trotzdem nie aus und viele haben es das ganze Wochenende zum Rennen nie geschafft, sondern mit Saufen auf den umliegenden Zeltplätzen oder dem Verbrennen der eigenen Sachen verbracht.
Trauriger Höhepunkt dieses ganzen Chaos war dann der Tod eines Typen durch ein umkippendes Tor.

Das und Gerüchte über Punktreffen an der Ostsee veranlassten mich dann 1986 auch via Moped (Simson S 51 & bis zu 75 km/h mit Rückenwind ;-)) im Sommer nach Prerow zu pilgern. Hier sah ich dann auch meine ersten Skins, hing aber eher mit den Berliner Punx ab.

Zum Pogen in den Waschraum

Nun konnte man Punkmusik nicht einfach im Laden kaufen, so dass allein das austauschen der Tapelisten ein wahres Happening wurde und wenn die Batterien des Recorders nachließen, gingen wir zum Pogen schon mal in den Waschraum.
Durch die geknüpften Kontakte veränderte sich auch mein Aussehen und meine Musik.
Die Tramper wichen den ersten Falschschirmspringerstiefeln mit Reißverschluss an der Seite, das Fleischerhemd wich selbstgemalten Shirts und die Haare kamen ab.

Damit auch der phantasieloseste Gesell sich ein Bild über mein damaliges Erscheinungsbild machen kann, hab ich dem Torsten mal eins von 1987 mitgeschickt.
Nun wird jeder lachen und sich denken: „Na so wild sahen sie ja auch nicht aus...“ (im Gegenteil ganz schön scheiße), aber zu der Zeit war es schon schwierig, sich so nen Haarschnitt zuzulegen.
Das ging dann auch nur mit Kamm und Schere, da Schermaschinen ca. 150- 170 Mark kosteten (gab es eh nicht im Handel) und kein Friseur uns den gewünschten Haarschnitt machen wollte.
Das Foto haben wir dann als so genanntes Freundschaftsbild machen lassen. Allerdings mit der Auflage, dass wir unsere Lederjacken ausziehen mussten.
Zu den Klamotten dann nachher mehr...

Abschnittsbevollmächtigte

Aufgrund unseres Auftretens, der lauten Musik und der damit einhergehenden Nachtruhestörung dauerten unsere Zeltplatzaufenthalte selten länger als eine Nacht. Nicht selten wurden wir zu nachtschlafender Zeit geweckt und blickten verkatert in das Gesicht des ABV (Abschnittsbevollmächtigten= Polizei) oder dessen Hund.
Wenn wir Pech hatten, wurde der Hund auch schon mal in unser Zweimannzelt gehetzt.
In der Regel wurden dann die Personalien aufgenommen und es folgte ein Zeltplatzverbot oder gleich ein Landkreisverbot. Also hieß es Sachen zusammen packen und auf den nächsten Platz fahren.
Ging gar nichts mehr, mussten wir halt auf irgend 'ner Wiese schwarz zelten.

Slime & Endstufe

Ähnlich wie im Westen der 80er Jahre gab es keine Trennung in rechter und linker Musik, so dass wir Slime neben OHL, Böhse Onkelz, Normahl (ja, die waren damals sehr beliebt ;-)), Endstufe, Vorkriegsphase oder Goldene Zitronen hörten.
Überhaupt hab ich von diesem ganzen Nazikram erst nach der Wende mitbekommen, denn was uns alle einte, war der Hass auf diesen Staat.
Später hatten wir dann über einen landesweit agierenden Plattenring die Möglichkeit, Punk- und Hardcorescheiben im Tauschverhältnis 1 DM : 10 Ostmark zu tauschen.
Außerhalb des Plattenringes wurde es dann richtig teuer und jemand der nicht dazu gehörte legte für eine angesagte Platte schon mal fast ein Monatsgehalt hin.
Ich erinnere mich das die „Oktoberrevolution“ von OHL für 750 Ostmark den Besitzer wechselte.

Ab 1988 sah ein Wochenende dann meist so aus, dass man beispielsweise Freitag nach der Lehre über Leipzig (schnell einen Koffer mit Platten tauschen) nach Jena fuhr.
Dort blieben wir dann über Nacht, nahmen einen weiteren Koffer mit nach Altenburg und über Zwickau ging es dann zurück nach Mecklenburg.
In der Woche haben wir dann gesichtet was blind eingesackt wurde, alles mögliche wurde per Tonband überspielt (die einzige Möglichkeit qualitativ vernünftige Stereoaufnahmen zu erhalten), Platten zum tauschen rausgesucht und Freitag ging es dann über ne andere Route wieder auf Tour.

Lehre in Schwerin

1987 kam ich aber erst mal in die Lehre nach Schwerin. Gleich auf der Eröffnungsfeier fiel mir nen Typ mit langen Haaren und Stiefeln auf und riss meine Mutter nur zu der Bemerkung hin: “Siehst, bist de doch nicht allein.“
Als wir am Freitag dann per Zug alle nach Hause fuhren, stand der Typ auch auf dem Bahnsteig und ich fasste allen Mut zusammen und sprach ihn an. So'n Abtasten lief dann so mit dem Fragen nach der Musik ab und er stellte sich als äußerst fähig heraus und lud mich für den Samstag zu ner Dorfdisco ein.

Der samstägliche Wahnsinn in der Zone anno 1987

Der Samstag lief in der Regel so ab, dass ich erst mal bis mittags schlief, dann was gegessen hab um anschließend mit dem Moped zum Cliquentreffpunkt zu fahren.
Pünktlich zu 15.00 Uhr stieben wir dann alle wie die Spatzen auseinander. Nicht um rechtzeitig zum Kaffee daheim zu sein, sondern um der wöchentlichen Metalstunde auf DT 64 zu lauschen.
Das war der einzige Jugendradiosender in der Zone und die einzige Chance an rauschfreie Aufnahmen harter Musik zu gelangen.

Anfangs war es eigentlich egal. ob es Metal jeglicher Couleur, Punk oder Hardcore war. Hauptsache hart und schnell. Später wurde die Metalstunde dann durch die abendliche Parocktikum- Sendung abgelöst.
Leider kam die immer erst um 23.00 Uhr, so dass entweder einer der Kumpels zu Hause blieb oder schon mal die Mutter die Aufnahmetasten drücken musste.
Hier liefen dann verstärkt so experimentelle Punksachen und später auch Livemitschnitte von Punkkonzerten.
Der Moderator bastelte sich dann auch so ein rollendes Tonstudio zusammen und nahm damit landauf landab irgendwelche Kellerpunkbands auf.

Also nach der Metalstunde wieder zum Treffpunkt und ausgetauscht, was man aufgenommen hat und irgendwann begannen dann auch schon die Vorbereitungen für die Disco.
Nun begannen damals Discos schon um 19.00 Uhr und endeten zu heutigen Eintrittszeiten.
Die bevorzugten Diskotheken befanden sich auf den umliegenden Dörfern. Zum Einen, weil wir die DJ's kannten und zum Anderen, da es durch mangelnde Kontrollen hier leichter fiel den ein oder anderen Punksong ins Repertoire zu schummeln.

Iro mittels Avlon Haarspray

Zu diesen Vorbereitungen passierte es mir auch, das ich meinem Kumpel in mühevoller Kleinarbeit den Iro mittels Avlon Haarspray hochstellte (nicht mit dem guten Gard, das klebte eh nicht ordentlich) und meine Mutter mich auf die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens mit Verweis auf den Helm für das Moped hinwies.
Glücklicherweise war ich nicht dümmer als mein Hamster und das passierte mir nur einmal.

In der Disco angekommen holten wir dann erst mal jeder 4 Bier (je ne Mark) und ein paar Schnaps, denn Alkohol war immer noch ein zentraler Punkt im Leben.
Die Mucke lief immer so Runden mäßig ab und gegen 23.00 Uhr kam dann meist endlich unsere. Die Tanzfläche lichtete sich und wir fingen ein wenig an zu pogen.
Meist stieg die Runde recht harmlos mit Tote Hosen und Ärzte ein und endete dann irgendwann mit Cotzbrocken und Böhse Onkelz.

Anfangs tanzten dann immer noch so n paar Mutige mit. Um die zu vertreiben hatten wir dann so n Tanz den wir „Sputnik“ nannten, d.h. einer von uns hielt den anderen am Arm und der drehte sich um die eigene Achse um dann irgendwann loszulassen und ihn in die Menge rauschen zu lassen.
Zu der Gelegenheit kam dann schon mal der Krankenwagen, da manch einer der Angerempelten durch die Scheibe des Saals ging.

Die erste Band

So um 1987 gab es dann auch die erste Band in meinem Umfeld. Proberaum war der Keller eines Einfamilienhauses und bevorzugt wurden Sonx von Schließmuskel und Sodom gecovert.
Das Equipment bestand aus einem Takton-Schlagzeug (war anstatt aus Holz aus Presspappe), nem 50 Watt Vermona- Bassverstärker und einem Stern- Kassettenrecorder.
Eigentlich lief dann alles über den Vermona- Verstärker d.h. der Bass, das Gesangsmikro und ein Mikro wurde vor den Sternrecorder gehängt. Der Recorder hatte nen Mikroeingang in den die Gitarre gestöpselt wurde und dann einfach alle Regler nach rechts und man hatte ne wunderbare Verzerrung.
Sticks gab es eigentlich nie zu kaufen und so drechselten wir diese uns aus Besenstielen einfach selbst.

Von der Stangenware zur Haute couture - wie bastel ich mein Outfit

Jeder, egal ob in Ost oder West, der sein Unwesen seit den 80 er Jahren in der Szene treibt weiß, dass es kaum möglich war an Klamotten ranzukommen bzw. wenn dann nur über Umwege.
Deshalb war es an der Tagesordnung Shirts, Aufnäher, Buttons und sonstiges selbst herzustellen. Die Praxis sah dann leider etwas schwieriger aus als die Theorie.

Durch die allgemeinen Versorgungsengpässe und dem phänomenalen Geschmack unserer Staatsführung (wir befanden uns in der staatlich gelenkten Planwirtschaft) war es kaum möglich an neutrale Shirts oder Pullover zu kommen.
Die einzige Kaufhausabteilung die die Jugend als Zielgruppe auserkoren hatte, war die „Jugendmode“.

Dort gab es Donnerstag immer Ware und so hieß es jeden Donnerstag dort hin pilgern, in der Hoffnung, ein paar vernünftige Klamotten abstauben zu können.
Auch bei uns war in den Achtzigern diese ganze Popperscheiße in und irgendjemand in den Planungsetagen kam auf die glorreiche Idee Sweatshirts mit dem Aufdruck „Fashion“ rauszubringen. Leider gab es dann nur diese beknackten Shirts. Umso größer war die Freude über einfache schwarze Sweatshirts.
Bei denen wurden dann die Bündchen abgerissen und mittels Schablone, Textilfarbe und Zahnbürste oder Schwamm (Sprühdosen gab es nicht) lustige Motive aufgebracht.
Die Motive waren dann zumeist Eigenkreationen oder von irgendwelchen geschmuggelten Punkplatten abgeguckt.

Aufnäher von „Exploited“ oder „GBH“

In Polen und der Tschechei sah die Situation etwas besser aus, so dass wir von dort schon mal Aufnäher von „Exploited“ oder „GBH“ bekamen.
Auch Domestoshosen erfreuten sich neben GST- Hosen (so ähnlich wie Bundeswehrhosen) schon damals einer großen Beliebtheit.
Zur Herstellung haben wir dann ne Jeans in die leicht mit Wasser gefüllte Badewanne gelegt und mittels Spritze und „Wofasept“ (so Ost- Domestos) helle Streifen gezaubert.
Das Wasser diente zum ablöschen, denn das Zeug war höllisch ätzend und wenn man nicht schnell genug war hatte man`n Loch in der Hose.

Stiefel gab es bei uns auf dem flachen Land gar nicht.

Meine ersten Stiefel hab ich mir teuer von nem Armeetypen abgekauft.
Ansonsten war der Arbeitsbekleidungsladen in Sachen Stiefel die erste Anlaufadresse. Da gab es ganz selten hohe Arbeitsstiefel die mit heutigen 10 Loch vergleichbar wären.
Umso größer war meine Freude als mein Kumpel 2 Paar ergattern konnte.

Meine erste Kapuzenjacke bekam ich so 1988 ebenso wie meine erste Bomberjacke. Beides kam aus Österreich.
Leider war die Kapuzenjacke ne Nummer zu klein (hab ich dann eh nur untergezogen) und die Bomberjacke war innen schweinchenrosa. Keine Ahnung was da schiefgelaufen ist, aber in Zeiten des Mangels ist man über alle Klamotten froh und somit sah man mich die nächsten Jahre selten mit offener Jacke.

Mein erstes Punkkonzert

Mein erstes Punkkonzert besuchte ich recht spät. Muss so Anfang 1989 gewesen sein.
Damals kam gerade durch einige Lockerungen der Film „Flüstern und Schreien“ in die Kinos.
Darin geht es neben typischen, etablierten und staatlich geförderten DDR Rock Bands auch um „Feeling B“ und „Sandow“ (die damals noch ziemlich am Anfang standen). Im Anschluss an die Premiere des Films in Schwerin spielten „Feeling B“, „Sandow“, „Die Firma“ und „Hans die Geige“.
Das Ganze fand in nem normalen Kinosaal statt und das Publikum war eine skurrile Mischung aus Punks, Langhaarigen und Stasileuten. Wir haben es trotzdem geschafft ein wenig zu tanzen...

Jo, ich denke das soll es gewesen sein. Wer richtig krasse Storys erwartet hat wird sicher enttäuscht sein und vieles klingt heute (ähnlich wie DDR Punk) in Aussehen und Aussage eher banal.

Richtig heftig wurde es dann auch erst in der Wendezeit als der wilde Osten ausbrach und die Bullen sich aus Unsicherheit zurückhielten, aber das war nicht Thema dieses Berichtes.

Aus den vergangenen Tagen sind kaum Weggefährten übrig geblieben und nur wenige zogen trotz Wende, Job und Familie ihren Stiefel durch (Gruß an Schaller und Breuel).
Ich denke, keiner von uns will die alten Zeiten zurückhaben.

In diesem Sinne: „Sicher gibt es bessere Zeiten, aber das waren unsere“.

alles von:   

Kommentare (7)Kommentar schreiben

 

Mannnnn, hab beim Lesen des Artikels ständig an meine Jugend denken müssen. Irgend wie war das schon toll. Bei uns hatte sich das Blatt mit dem Film "Beat Street" ziemlich schnell gedreht. Durch die Abrissviertel, die es in K-M-Stadt überall gab, konnte man auch das Gefühl des Filmes erahnen. Es begann sich eine Art "HipHop Szene" zu bilden. Ich fand das ziemlich cool und bei mir war es dann eher Grandmaster Melle Mel und Afrika Bambaataa was den ganzen Tag lief. Mein Gott ist das lange her ......

 

Danke Tost ... schöne Story, da werden Erinnerungen wach an z.B. Treffen auf der Prager Straße in Dresden - ein bunte Mischung aus Punks, Breakdancern, Assis und ner Menge unangepassten Leuten immer schön kontrolliert von den VoPos.
@ Paradise ... und die Glatzen unter den interviewten Punkern fielen gar nicht auf ;-). 'Wir wollen immer artig sein' ... Pogo am Strand ... einfach genial ;-)

 

Lieber Torsten, genau das war ja der Unterschied: Wir wollten nicht artig sein. Feeling B schon. Rechnet sich besser. Ein wirklich schlimmer Film bzw. ein schlechter Witz. An Glatzen kann ich mich nicht erinnern...hab ich wahrscheinlich ausgeblendet :-)
Den Architekten der Prager Straße hätte man zur Strafe auch da wohnen lassen müssen..aber der residierte sicher auf dem Weißen Hirsch.

 

Schöne Story, Freund Wolf! Sollte man allen verwirrten Geistern an den Spiegel schreiben welche DIE LINKE für cool und die SKEPTIKER für eine Punkband halten.
"Flüstern STATT schreien" war bei uns damals ein gewaltiger Lacherfolg. Allein der Versuch die biederen Staatsrocker SILLY als neu und wild zu verkaufen...Schenkelklopfer! Ein weiterer untauglicher Versuch, die "DDR"-Jugend zu verarschen.

 

Super Artikel, so habe ich das damals auch von Punks gehört mit denen ich zu tun hatte.

Aber einen kleinen Teil von dem was da steht habe ich in Erfurt seiner Zeit auch noch mitbekommen.

War trotz alle dem eine geile Zeit.

Rock on

 

Sehr schöner Artikel! Punk war bei uns im tiefen Sachsen allerdings kaum ein Thema. Hier gab es vor allem Popper und dann Gothics. Die ersten Punks habe ich beim Pfingsttreffen der Freien Deutschen Jugend (haha!) in Berlin gesehen. beim Konzert von Die Art auf dem Friedrich-Engels-Platz. Das war großartig und ich bin Makarios und Band noch immer dankbar für diese Erleuchtung :-)

 

Auf dieser Homepage kann man echt Stunden verbringen und findet immer noch geile Storys. Sehr sehr lehrreich und kein bißchen affektiert.
Für mich Wessi ein Super Einblick in den ehemaligen Osten!

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