Alex Hughes aka Judge Dread

Der Mann hinter dem Image als „Benny Hill des Ska“!
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Alex Hughes aka Judge Dread Artikel

Meine erste Begegnung mit dem Phänomen Judge Dread fand ca. 1987 in London statt, als ich mir auf der Suche nach
Vinyl-Schnäppchen in einem der „Record & tape exchange“-Läden die „Big One“ – Single des Meisters kaufte. Und zwar ohne ihn zu kennen, nur aufgrund des (Trojan-)Labels.

Am selben Tag traf ich zufällig einen Glatzkopf aus Oldenburg, der in ähnlicher Mission unterwegs war und mir beim gegenseitigen Sichten unserer Beute in Baron-Münchhausen-Manier erklärte, er habe von Judge Dread ca. 50 Platten. Ahnungslos wie ich war, fand’ ich das höchst beeindruckend und als dann 1988 auf dem Link Records – Ableger „Skank“ die „Live & Lewd“ LP erschien (und kurz darauf die Compilation „40 Big Ones“ auf Creole „verhaftet“ werden konnte), war es endgültig um mich geschehen … .

von Sir Paulchen, Dezember 2012

Erstmals live sah ich den „Richter“ beim ersten „Skankin’ round the Xmas Tree“-Festival in der Übach-Palenberger „Rockfabrik“ am 30.12.1989, zusammen mit den Busters, Hotknives und Desmond Dekker (und einer gnadenlos miesen Truppe namens „Keuners Tanzkapelle“, von der man aus nachvollziehbaren Gründen nie wieder hörte).
Der Auftritt hatte Kultcharakter: „JD“ sagte die Songs an, drückte dann auf die „Play“-Taste eines Kassettenrekorders und schon lief die Musik vom Band, er performte … und der Mob tobte. Grandios!! Und auch wenn spätere Auftritte immer wieder famos waren, dieses Ding da im Aachener Land werde ich nie vergessen.

Persönlich traf ich ihn dann 1992, als er nach einem samstäglichen Auftritt im Münsteraner „Odeon“ den Off-Day-Sonntag nutzte, um sich mit einigen Herrschaften mit auf-fällig kurzem Haarschnitt in ein Kaff namens Beckum zu begeben, um dort Zeuge einer nicht sonderlich aufregenden Oberliga-Partie zu werden. Beeindruckt zeigte er sich weniger vom leidlich langweiligen Kick in der „Römerkampfbahn“, dafür um so mehr von der „German sausage“ und dem lustigen Süßigkeitenstand, bei dem man sich im Ruhrgebiets-Style `ne gemischte Tüte für 10 Pfennige pro Teil zusam-menstellen konnte. Aber schon damals äußerte er seine tiefe Zuneigung zu dieser Art von „Fußball an der Basis“ im Gegensatz zum bereits deutlich weiter vorangeschrittenen Kommerz im Fußball-Mutterland, seiner Heimat.

"I was saying bollocks and spitting and putting me fingers up when Johnny Rotten was still pissing his pants"

An dieser Stelle soll es weniger um die biographischen Eckdaten gehen, die jedermann jederzeit bei Wikipedia abrufen kann. Erwähnt sei nur der Geburtsort Old Bedlam, Greenwich / London, sowie einige interessante Stationen als Matratzentester in einer Fabrik in Lambeth, Profi-Catcher („The Masked Executioner“), Türsteher im „Ram Jam Club“, Leibwächter für u.a. die Rolling Stones, Prince Buster und den Maharadscha von Jaipur (wer auch immer das ist), DJ (mit eigenem Soundsystem) und Geldeintreiber für u.a. Trojan-Records (deren Platten er mit Leidenschaft sammelte).
Was ihn 1972 inspirierte, mit den Musikern von Greyhound ein Demo mit dem Titel „Little Boy Blue“ aufzunehmen, das ihn genau 8 Pfund kostete.
Daraus wurde seine erste Single „Big Six“ (in Anlehnung an Prince Busters „Big Five“, bei dem er ja auch sein Pseudonym entlieh) auf dem Trojan-Tochterlabel „Big Shot“, die sich 300.000 – 500.000 mal verkaufte - die Zahlen schwanken, je nach Quelle. Als Trojan Records 1975 erstmals pleite ging, sollen sie Alex ironischerweise angeblich eine Million Pfund geschuldet haben. Interessant auch, dass viele seiner Tracks tatsächlich Coverversionen waren, so etwa „My Ding-a-ling“ von Chuck Berry oder „Jamaica Jerk (Off)“ von Elton John (von seiner auch unter Glam-Rock-Aspekten nicht ganz uninteressanten Doppel-LP „Goodbye Yellow Brick Road“ von 1973, auf der sich auch „Saturday Night's Alright For Fighting“ findet).
Oder auch „Dr. Kitch“, das er sich von Lord Kitchener borgte. Das Gerücht, der „Richter“ stünde wegen der „meisten von der BBC gesperrten Songs aller Zeiten“ im Guinness-Buch-der Rekorde, stimmt lt. einem Interview mit Dread im „S.O.S.-Boten“ #6/1992 gar nicht, der Eintrag sei nämlich wg. seiner negativen Ausrichtung wieder gestrichen worden.
Damit sei er der erste überhaupt gewesen, der aus dem Werk wieder herausflog.

Nur soviel zu den bekannten Fakten und Halbwahrheiten. Nunmehr soll vielmehr der Mann portraitiert werden, der hinter der Rol-le des „Richters“ steckte, Alexander Minto Hughes also, wie er wirklich war.
Und um an diesen Menschen heran zu kommen, traf ich mich an einem nasskalten Januar-Abend in Münster mit Oswald Münnig, seines Zeichens Betreiber von Grover Records und Moskito Promotion.
Der Mann, der in den 90er-Jahren für den Judge in Kontinentaleuropa die Touren buchte, mit ihm unterwegs war und von dem man mit Fug und Recht behaupten kann, dass er der Mensch in unseren Breitengraden ist, der den „Richter“ am besten kannte.
Lassen wir also Ossi aus dem Nähkästchen plaudern …

Paulchen: Wir sprachen eben über die Verkaufszahlen seiner Singles … .

Ossi: „Big Six“ brachte es tatsächlich zur No. 11 in den englischen Charts und er hatte ja auch zwei Nummern bis in die Top 10 bugsiert (das war „Big Seven“ auf Platz 8 und „Je t’aime“ auf 9), dafür musste man damals in Großbritannien locker 250.000 Einheiten verkaufen.
Für eine goldene Schallplatte waren es seinerzeit eine halbe Millionen Scheiben, die an den Mann zu bringen waren und ich meine, dass Alex auch goldene Schallplatten hatte.
Ähnlich war das damals auch in Deutschland, da gab es sogar noch „silberne Schallplatten“, als das dann aber mit den Verkäufen insgesamt massiv abnahm, wurde diese Trophäe abgeschafft. In einem Nachruf auf Judge Dread im englischen „Independent“ stand damals, „Big Six“ sei sogar in Afrika auf Platz 1 gewesen.
Was natürlich Quatsch war bzw. ist, zumal das ja als Einzelland nicht existiert. Ich glaube auch nicht, dass die angolanischen Freiheitskämpfer sich die Mühe gemacht haben, Tonträger-Verkaufszahlen an die „Media Control“ in Algerien zu liefern.

Diese Geschichte mit dem Leibwächter bei den Stones und dem Maharadscha von Jaipur – das hat er doch erfunden, oder?

Ich hatte noch nicht die Gelegenheit, sie dazu zu befragen …! Es mag aber daher kommen, dass er definitiv als Türsteher gearbeitet hat, er war ja nun einmal groß und kräftig.
Aber „Bodyguard“ und „Security“ sind Begriffe, die schnell mal verwechselt werden, also war er vielleicht mal einen Abend für die Sicherheit der Stones verantwortlich und möglicherweise dafür zuständig, sie sicher vom Hotel abzuholen und zum Auftrittsort zu eskortieren, dann war man schon deren Bodyguard.
So gesehen war ich auch schon Bodyguard für die Housemartins, weil ich die Backstagetür im „Odeon“ bewacht habe, als sie dort vor ausverkauftem Haus spielten und gefühlte 400 englische Soldaten hinein wollten, um sich Autogramme geben zu lassen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Dread mal richtig mit den Stones auf Tour war, dazu war er eigentlich zu jung und sicher auch zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt.

Gab es im Zuge des Ska-Revivals Ende der 80er eigentlich für den Richter auch in seiner Heimat wieder ein Publikum?

Oh ja, da ist er damals mit den ganzen Bands der Zeit zusammen aufgetreten, es gibt ja dieses „Ska Explosion“-Video von einem der allerersten Festivals 1989 im Londoner „Astoria“, wo Judge Dread zusammen mit den Deltones, den Loafers, den Hotknives, Potato 5, den Trojans und Laurel Aitken auf der Bühne stand.
Wurde damals auch als LP auf Staccato Records veröffentlicht und 2004 nochmal als DVD. Er hat daheim schon gelegentlich Auftritte gemacht, aber außerhalb Großbritan-niens war er als „Skinhead-Kultfigur“ deutlich respektierter und angesehener als zuhause. Der Prophet gilt ja nichts im eigenen Lande.
Wenn man in England irgendwelchen Trad-Skins, die Mitglied in der „Pama Appreciation Society“ sind und mit messerscharf gebügeltem Einstecktuch beim Skinheadreggae-Weekender in Margate darauf warten, dass Pat Kelly die Bühne entert was von Judge Dread erzählt, dann fragen die: „Meinst Du diesen Komiker?“
Die nehmen den nicht als Teil der Skinhead-Musikszene und –historie ernst, was ihm nicht gerecht wird, finde ich, denn er hat ja nun mal auf DEM kultigsten aller Reggae-Label veröffentlicht und ich denke, das waren auch gute Sachen. Die Aufnahmen wurden ja wirklich in London von authentischen original-jamaikanischen Musikern eingespielt oder es waren sogar die Original-Riddims aus Jamaica, die beispielsweise Slim Smith im Striker Lee – Studio eingesungen hat und Alex hat dann eben die europäische Version des „My conversation“-Riddims gemacht.

Wie seid Ihr eigentlich zusammengekommen? Hast Du ihn `89 schon für Übach-Palenberg gebucht?

Nein, das war sozusagen für Kontinentaleuropa der erste und letzte Gig ohne mein Zutun. Allerdings war das nicht sein erster Auftritt in Deutschland, er hatte zur Two-Tone-Zeit einen Plattenvertrag, der direkt mit der deutschen Firma Telefunken/Decca gekoppelt war, da hat er ca. 1979/80 die Neuauflage von „Big Six“ gemacht, die ist einen Tick schneller, gleicht aber ansonsten fast haargenau der ursprünglichen Version.
Um diese zu promoten, hat er damals so eine seltsame Deutschland-Tour durch Diskotheken durchgezogen.

Ohnehin hat er fast alle seine Hits noch einmal neu aufgenommen, aber so nahe am Original wie möglich, das stand im Zusammenhang mit der Pleite von Trojan Records, weil er nach deren Zusammenbruch keinen Zugriff mehr auf seine Bänder hatte, die vermutlich unter der Obhut eines Konkursverwalters standen.
Und später natürlich in die Hände der neuen Besitzer übergingen. Um aber überhaupt mit etwas arbeiten zu können, entstanden diese Neueinspielungen seiner „Essentials“ aus den frühen Siebzigern. Zu finden übrigens auf der 1980 in Deutschland erschienenen Compilation „Reggae & Ska“, die mittlerweile ziemlich rar und entsprechend teuer ist. Damit war er dann ja auch mitten in der 2Tone-Zeit, obwohl sein 81er-Album „Rub-A-Dub“ komischerweise nur recht schleppend lief.

Nach dem recht schnellen Abebben der 2Tone-Welle muss das für ihn auch ziemlich schlecht gelaufen sein, was man auch am „Not guilty“-Album von 1985 erkennt, einem wirklich schrecklichen Versuch, unsäglichen Discopop mit Reggaetouch an den Mann zu bringen.
Das wirkt(e) völlig hilflos und lässt darauf schließen, dass er offenbar keine Chance sah, mit seinem angestammten Sound wirtschaftlich überleben zu können.

Mit den Instrumentalversionen dieser 79er/80er-Aufnahmen hat er dann auch diese berühmten Tapes bespielt, die er Ende der Achziger für seine Auftritte ohne Backing-Band nutzte.
Auf den ersten Touren habe ich diesen Kassettenrekorder teilweise selbst bedient, mit so einem kleinen Plastikköfferchen, für jeden Song eine Kassette, in der Reihenfolge sortiert.
Legendär war dann, wenn er - als es an die Zugaben ging - zu seinem „Assistenten“ sagte: „Maestro, what’s left in the box?“. Das war auch bei solchen Halbplaybackshows in irgendwelchen Ostseebädern nicht unüblich.

Beim dritten „Skankin’ round the X-mas tree“-Festival 1991 in Übach-Palenberg trat der „Richter“ dann erneut auf, das war dann unsere erste gemeinsame Zusammenarbeit. Ich hatte mir im Vorfeld seine Telefonnummer besorgt, von wem weiß ich gar nicht mehr und war anfangs total überrascht, vielleicht sogar ein wenig misstrauisch, dass er so nett, angenehm und unkompliziert war, ein echter Gentleman.
Ich kannte natürlich seine Platten und aufgrund der Texte und seiner überzeichneten fast comic-haften Geschichten hatte ich einen eher großkotzigen und rüpeligen Typen erwartet.

Als ich ihn fragte, ob er Interesse hätte, wieder Weihnachten in Deutschland aufzutreten, war er sofort bereit zu kommen und freute sich ganz offensichtlich, zumal er die Veranstaltung ja schon kannte.
Er wollte auch gar nicht groß über Gagen sprechen – was höchst ungewöhnlich ist. Üblich ist, per se 50% mehr zu fordern, als der Veranstalter normalerweise bietet, damit man sich dann im Laufe der Verhandlungen irgendwo trifft. Für ihn war aber alles ok, ich habe ihm dann die nötigen Infos per Telefax zukommen lassen, denn e-mails gab’s ja noch nicht, zumindest in Münster und Snodland, seinem Heimatörtchen, das übrigens 12.000 Einwohner und drei Pubs hat.

Wir hatten auch nie einen Vertrag untereinander, er wollte das nicht. Es war eine Art „Gentleman-Aggreement“ nach dem Motto „Du machst was für mich in Europa und wenn Du mich rufst, dann komme ich“! Weil die Veranstalter in der „Rockfabrik“ (Übach-Palenberg) damals aber einen Kontrakt sehen wollten, habe ich ihm einen geschickt, als sein Booker musste ich das.
Es lief wirklich unglaublich unkompliziert, als ich am Nachmittag dort eintraf, war er mit seinem „Tänzer“ schon da und stand auf dem Parkplatz des Hotels, das schräg gegenüber dem Laden lag.
Keine großen Nervereien, sondern absolut pflegeleicht und umgänglich.

Später ist das „X-mas“-Festival ja dann nach Köln ins „Bürgerhaus Kalk“ gezogen in Kooperation mit dem SO36 in Berlin, wo Freitags die Bands spielten, die Samstags nach Köln kamen und umgekehrt. Insgesamt haben wir 5 oder 6 Tourneen zusammen durchgezogen, hauptsächlich Deutschland, dann aber natürlich auch immer punktuelle Abstecher ins benachbarte Ausland wie der Schweiz, Österreich oder Italien.
Osteuropa war damals noch ziemlich abenteuerlich und mit einem Act, der eher den old-school-Bereich bediente, konnte man dort kaum punkten.
Hinzu kam, dass ich gerade erst begann, mein Netzwerk als Booker außerhalb der Landesgrenzen aufzubauen. Was manches mal noch mit einem Brief als erstem Kontakt begann, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Das Faxgerät war ja das schnellste Mittel der Kommunikation. Aber Deutschland war klar der größte Markt, ohne Frage. Das ist auch bis heute so.

Jedenfalls haben wir nach dem X-mas-Ding von `91 dann 1992 die erste Tour zusammen gemacht, die war ziemlich ausgedehnt, allerdings tatsächlich noch in diesem erwähnten Halbplayback-Style mit den Tapes. Die Leute haben ihm diese Kassetten – Geschichte abgenommen, weil das Ganze ohnehin so unglaublich clownesk und irgendwie 70er-Jahre-mäßig trashig war, aber kein anderer hätte das so machen können.
Man stelle sich vor, Desmond Dekker singt Halbplayback, das hätte nicht funktioniert. Es passte eben auch irgendwie zum vermutlich trashigsten Reggae-Künstler der Seventies.

Im Rahmen dieser Tour fand auch das Konzert im „Odeon“ statt und tags darauf der von Dir im Vorwort erwähnte Trip zum Viertliga-Fußball in Beckum. Lustig war bei dieser Konzertreise, dass wir allen Veranstaltern im Vorfeld erzählt haben, Judge Dread hätte genau an dem Tag des Gigs Geburtstag (das konnte man damals ja noch nicht googeln).
Da gab’s dann eigentlich immer eine Torte und einen Piccolo. Nach einigen kleineren Wochenend-Sachen sind wir dann 1994 erstmals mit den Senior Allstars als Backingband auf Tournee gegangen.

Der Auftakt war in Koblenz diese „25 Jahre Spirit-of-69“-Geschichte, die Manni Schleicher von Red Rosetten Records, der langhaarigste Skinhead aller Zeiten, „organisiert“ hatte.
Ein total schräger Abend, ein total schrulliger Typ. Der genaue „Jubiläumstag“ ist mir entfallen, ich denke es war der Tag, an dem Meister Schleicher den Saal im Jugendzentrum günstig buchen konnte. Die Security fiel praktisch aus, weil sie mit Bier entlohnt wurde, die waren ab der zweiten Band so dicht, da ging gar nichts mehr.

So musste ich auf der Bühne zusehen, dass keiner auf selbige klettert. Das mochte Judge Dread nämlich gar nicht, obwohl er ja sonst ein sehr umgänglicher jovialer Typ war, der großen Respekt vor seinen Fans hatte, weil es ihm einfach Spaß machte und er eben auch wusste, dass das die Leute sind, ohne die er nicht das wäre, was er ist. Ihm war klar, dass die Skins als seine Anhänger dafür sorgten, dass er Geld mit seiner Show verdient.

Er quasselte wirklich mit jedem und hat permanent Autogramme gegeben, aber er mochte es überhaupt nicht, wenn Leute auf die Bühne sprangen. Die empfand er einfach als die Stätte seines künstlerischen Wirkens und wollte keine „Stage Invasions“ mit Umarmungen und dem allgemeinen „ins-Mikro-bölken“. Kurzum, ich hatte meine liebe Not, die Bühne so halbwegs frei zu halten.
Jedenfalls waren Alex und ich beide froh, dass er jetzt endlich wieder mit einer Band unterwegs war, diese Tape-Geschichte war ja nichts als eine wirtschaftliche Notwendigkeit, nachdem die fetten 70er-Jahre vorbei waren.

Die Jungs auf dem Cover des „Last of the Skinheads“-Album (1976) waren im Übrigen tatsächlich die Besetzung seiner damaligen Band.
Ansonsten hat er u.a. auch mit den Cimarons zusammengearbeitet, einer Band, die hauptsächlich als Session-Musiker fungierte und 1967 aus Jamaika nach London emigrierte. Sie spielten mit Koriphäen wie Jimmy Cliff und veröffentlichten ihr erstes eigenes Album „In time“ 1974 auf Trojan, das aber eher nicht so toll geriet.
Und in seiner Studioband standen auch ansonsten übrigens durchaus etablierte Reggae-Instrumentalisten jener Tage wie etwa der Gitarrist Ernest Ranglin, der bereits maßgeblich am Erfolg von Studio One beteiligt war, aber aus Jamaika nach Großbritannien auswanderte.

Was mich noch interessiert – diese Geschichte mit dem „Guinness Buch der Rekorde“ … da habe ich mal nachgeschlagen und ihn und seinen Eintrag nicht gefunden?

Doch, der war da drin, so habe ich das verstanden, aber dieses Werk ist ja ständig in Bewegung, da kommen ja jährlich massenhaft neue Rekorde hinzu, bzw. werden abgelöst, da fällt man dann irgendwann wohl wieder heraus.

Kannst Du Dich an diese Geschichte mit der Auswärtsfahrt nach Beckum erinnern?

Sehr gut sogar, diese gefühlten Kreisliga-Plätze irgendwo in Marl oder eben in Beckum, die waren ja manchmal näher dran am Freibad-Besuch, als am Stadion-Event, mit Büdchen und Eis am Stiel oder einer Portion Pommes mit zerlaufener Majo.
Was Judge Dread damals besonders imponierte war die Tatsache, dass man in Deutschland vor den Augen der Polizei an einen Zaun pinkeln konnte, in England würde man dafür verhaftet. Und weil er das so phantastisch fand’, hat er das glaube ich selber gleich drei mal an dem Tag gemacht. Da sprach er die ganze Rückfahrt lang drüber.

Wenn er auf Tour mal freie Tage hatte, ist Alex auch gerne mal zum Amateurfußball gegangen. Da hat er ja immer im „Hotel Busche“ am Dom in Münster gewohnt, bekannt aus dem 60er-Jahre Film „Alle Jahre wieder“ (mit der bezaubernden Sabine Sinjen!). Die Betreiber des Hauses konnten so gut wie kein Englisch, heutzutage unvorstellbar - und er sprach ja auch kein Deutsch, aber die haben sich trotzdem prima verstanden.
Des „Richters“ Lieblingsort gleich nach dem Metzger um die Ecke am Roggenmarkt, wo es immer mittags schöne westfälische Eintöpfe und allerlei andere Leckereien gab, war die Sentruper Höhe (=gigantische Sportanlage mit mehreren Fußballfeldern, die insbesondere von Hobby- und Freizeitkickern genutzt wird).
Er setzte sich dann auf eigene Faust in den Bus und fuhr da ‘raus, einfach, weil er total fußballbegeistert war und den Sport total liebte. Auch ein Zeichen dafür, wie unkompliziert der Mann war. Nicht wie andere Künstler, die den ganzen Tag das Händchen gehalten haben wollen und bespaßt werden möchten.

Aber noch einmal zu diesem Metzger: Dass er tatsächlich Diabetiker war, hat er leider niemandem erzählt. Hätte ich das gewusst, hätte man ja zumindest versuchen können, da ein bisschen gegenzusteuern, aber es hat wirklich niemand geahnt. Und er hat sich tatsächlich entgegen aller Vorgaben für Zuckerkranke ernährt.
Man hat auch nie gesehen, dass er sich vielleicht Insulin gespritzt hätte und es gab auch keine anderen Hinweise. Höchstens, dass er Cola Light trank, aber das tun viele in seiner Gewichtsklasse. Und er nahm auch so gut wie keinen Alkohol zu sich.

Gegessen allerdings hat er so ungesund, wie es nur ging. Auch wenn wir unterwegs waren, hatte er eigentlich immer eine Tüte Chips dabei oder andere Leckereien. Er hat einfach gerne und gut gegessen … .
Und er war sogar im Gegensatz zu vielen seiner Landsleute im Ausland offen für regionale Spezialitäten, z.B. in Bayern. Dort haben ihn unter anderem „saure Lüngerl“ (=eingekochte Rinderlunge) fasziniert. Erst nach seinem Tod erfuhr ich durch unseren gemeinsamen Freund Lol Prior (ehemals The Business - Manager und Link/Skank-Records-Mitbetreiber, heute Moon Ska Europe) von seiner Krankheit.
Wir waren mit Judge Dread für den Tag nach seinem Tod verabredet für ein Spiel von West Ham, die Lol obsessiv unterstützt, sogar als Kleinsponsor. Alex selber war übrigens totaler Millwall-Fan.
Ich hatte noch überlegt, an dem Freitag nach Canterbury zu dem Auftritt ‘rauszufahren, bei dem er dann zusammenbrach. Es gab aber keine Möglichkeit, noch in der Nacht per Bahn zurück nach London zu kommen, darum habe ich davon Abstand genommen. Am Morgen danach hörte ich es im Radio auf BBC1, das war ja in Großbritannien wirklich eine Schlagzeile: „Der Reggae – Entertainer Judge Dread ist einem Herzinfarkt erlegen“.

Jedenfalls – und das bestätigen auch die Jungs von den Senior Allstars (und die müssen es ja wissen, die waren ja schließlich mit ihm im „Bandbus“ (= Bulli) unterwegs) - war Alex immer sehr warmherzig und nett, höflich und witzig und auf angenehme Art charmant zu den Frauen und Freundinnen.
Und er hat, übrigens ein typisches Charakteristikum der Briten, sich einfach nicht unnötig ernst genommen, er besaß einen großartigen Humor und ich habe wirklich nie im Leben einen lustigeren Menschen kennengelernt. Das hat ihm ja irgendwie auch erlaubt, Dinge zu tun, die der damaligen Zeit weit voraus waren. „Big Six“ bekämen clevere Hip-Hop-Typen heutzutage vielleicht auch hin aber –hey! – das war vor 40 Jahren! Und wohl auch damals nur in UK möglich.
Würde er noch leben, wäre er jetzt 68 Jahre alt, in dem Alter sind ja auch die alten Rocksteady-Größen, die jetzt noch fit sind.

Hattest Du nicht auch was auf Deinem Label Grover-Records mit ihm gemacht?

Ja, da war die Wiederveröffentlichung der Weihnachts-Single „The Christmas EP“ in 1995, ursprünglich war die 1978 auf EMI erschienen und dann 10 Jahre später noch einmal als Maxi ohne Picture-Cover auf Creole.
Und dann gab’s noch eine Aufnahme, die nie veröffentlicht wurde, die hat er mit den Senior Allstars anlässlich eines Off-days aus Spaß eingespielt, das war eine Delroy-Williams-Verarschung (gemeint ist der „Ansager“ von Desmond Dekker). Rasta Delroy Longboot wird von Judge Dread wegen „Anbaggern von Frauen“ verurteilt, sehr, sehr lustig. Alex hat sich über diesen Quatsch köstlich amüsiert.

Er war wirklich mit einem unglaublichen britischen Humor gesegnet, spitzfindige kleine Witze waren genau sein Ding. Oft war es dann so, dass es wirkte, als würde er mit sich selber sprechen, aber natürlich in dem Bewusstsein, dass ihn die Anwesenden durchaus hören konnten.
Einmal, als ich mich mit einem anderen Tourbegleiter beim Fahren abwechselte, sagte er: „Oh, Ossi’s driving again, I will have to sleep with my eyes open like an Indian.“ Oder er sah irgendwo einen Rollstuhlfahrer und murmelte: „Oh, how much for the wheelchair?“. Ein anderes mal befuhren wir eine vielbefahrene Bundesstraße und da lag eine tote Katze. Alex sagte in seiner unnachahmlichen Art: „Sleeping with all that noise“. So war er.

Praktisch lief es dann so, dass er nicht etwa verlangte, man solle ihn irgendwo abholen, sondern er kam dann immer pünktlich mit seinem blauen Ford Orion wirklich aus Snodland über den Ärmelkanal per Fähre gefahren, zusammen mit dem „Tänzer“, dessen Hahnenkostüm, dem Koffer mit den Tapes und diesem Plastikhuhn, das er immer bei „Up with the cock“ einem weiblichen Zuschauer in die Hand drückte, die dann auf der Bühne mit dem Ding tanzen durfte.
Bei den Auftritten hat er einfach den Soundmann wegen der Kassetten instruiert und los ging’s.

Allzuviel Privates hat er eigentlich nie erzählt, er war verheiratet, hatte aber keine Kinder. Seine Frau hatte ich desöfteren am Telefon, ich fand’ immer, dass die Stimme klang, wie die, die man auf seinen Aufnahmen bisweilen zu hören bekommt (z.B. bei „Je’taime“).

Bei einem der frühen Potsdamer Skafestivals, es könnte 1993 gewesen sein, hatten sich die Hotknives mal wieder intern zerstritten und wollten nicht auftreten, da haben wir Judge Dread kurzfristig mit Kassettenköfferchen einfliegen lassen.
Bei dieser Gelegenheit brachte er eine Dame mit und ich sagte zu ihm: „Oh, Du bringst Deine Frau mit“, woraufhin er erwiderte: „Nein, ich bringe die Frau eines anderen mit!“
Ob das ein Witz war oder nicht weiß ich nicht, weil ich mich auch nicht getraut habe, ihn zu fragen. Sie war jedenfalls sehr nett und hatte auch diese besagte Stimme.

Am Ende war das möglicherweise sogar die Dame auf dem Cover des „Bedtime stories“-Albums … .

Das könnte durchaus sein, eine andere Frisur und zwanzig Jahre später … wer weiß, vielleicht?!
Einmal habe ich ihn tatsächlich als „Womanizer“ erlebt, das war bei einem Gig in Hamburg, da erwischte ich ihn dabei, wie er mit der Bookerin des Clubs knutschte. Nachher, als wir zum Tourbus gingen, sagte er „This is a hard life. I have to prostitute myself, so Ossi get’s another booking“. Solche Späße waren typisch für ihn.

Richtig klasse lief auch die 96er – Tour mit ihm und Doreen Shaffer, die sich als auf den ersten Blick ungleiches Paar aber bestens verstanden haben. Da hat er sich total nett und charmant um sie gekümmert, hat immer ihr Täschchen getragen und sie hatten sich ja auch viel zu erzählen über die vielen gemeinsamen Bekannten. Auch wenn er nie in den USA oder auf Jamaika war, hat er ja in Europa mit vielen Originalkünstlern gearbeitet, die Doreen wiederum aus ihrer Heimat kannte.
Einmal, als ich verzweifelt den Weg irgendwohin suchte, meinte er zu ihr: „Oh, Ossi’s driving us out of the map“.

Lustig ist auch eine Geschichte, die er gerne erzählte, dass er nämlich hinter einem Vorhang Chris Blackwell (Gründer von Island Records, dem Label von Bob Marley) dabei belauschte, wie er dem damals noch kurzhaarigen Marley erklärte, er müsse von nun an zur Förderung seiner Karriere eine Rastaperücke tragen, dieser sich aber mit Händen und Füßen dagegen wehrte.
Das hat bestimmt SO nicht stattgefunden, denke ich, zumal durch seinen Eintritt in die Rasta-Religionsgemeinschaft sich Marley ja höchst freiwillig die Dreads wachsen ließ. Trotzdem eine gute Anekdote.

Auch putzig war dieser „Tänzer“, der sich „Billy Balloon“ (alias „Der Disco-Flasher“) nannte, das war so ein richtig herrlicher englischer Asi und kam aus der Handelsmarine. Der war dann auch sein Assistent bei einer unglaublich schlechten „Over the Top“-Veranstaltung in einer miesen Bunken-Disco in den 80ern, bei der vier englische Besucher hinter einer Wand ihr bestes Stück durch ein Loch zwängen mussten und die Gemahlinnen mit verbundenen Augen ertasteten, wer ihr Ehemann ist.
Mit solchen Jobs, für die es sicher auch nicht mehr gab als ‘nen Hunderter, hat sich der „Richter“ in den schlechten Zeiten über Wasser gehalten.

Nach der Trojan-Insolvenz (s. oben) musste er auch selber Insolvenz anmelden, weil er die Steuern nicht mehr bezahlen konnte. Die Schecks blieben aus – oder platzten. Und weil die Steuerschuld ziemlich immens war, ist er – zumindest offiziell – für den britischen Staat dann immer mittellos geblieben.
Vielleicht auch ein Grund, warum er so gerne hier war – da gab’s abseits der Augen des englischen Fiskus wenigstens Bargeld. Das war dann am Ende sogar so, dass das Finanzamt nach seinem Tod alle angeschrieben hat, die mit ihm beruflich zu tun hatten, ob da noch irgend etwas an Einnahmen zu erwarten wäre und falls ja, möge man diese doch bitte an das Finanzamt Snodland überweisen.
Mich haben sie auch angeschrieben, den Wisch habe ich noch im Büro hängen, der Sachbearbeiter hieß tatsächlich Isidor Goldstein. Das kann man sich echt nicht besser ausdenken.

Einmal waren wir irgendwo im tiefsten Bayern unterwegs und suchten einen Auftrittsort. Ich hatte ihm gerade erzählt, dass dieses Bundesland ziemlich katholisch geprägt ist, als ich an einer Dorfkirche eine Telefonzelle sah.
Um ihm zu sagen, dass es wohl etwas später werden würde, rief ich den Veranstalter an und als ich zurück zum Wagen kam, hatte Alex gerade auf die Treppe des Kirchenportals gepinkelt. Ich schimpfte scherzhaft ein bisschen mit ihm und meinte, dass man das ausgerechnet in Bayern kaum bringen könne und er antwortete nur „Yes, Ossi, if they catch us they will eat our lungs” (in Anspielung auf diese “saure Lüngerl”).
Er war wohl nicht sonderlich gläubig.

Da gab’s noch mehr solcher kleinen Geschichten … . Zum Beispiel bei der 92er-Tour in Berlin, da hatten die Veranstalter die Sause aus marketingstrategischen Gründen als „Re-Remember Bob Marley“-Festival deklariert. Auf dem Plakat war „Bob Marley“ ziemlich groß, das „re-remember“ aber reichlich klein gedruckt. Bei der Ankunft ging Alex zum Veranstalter, schüttelte ihm die Hand und sagte: „Bob Marley is very sorry, he can’t come tonight, he told me to pick up his wages“.

Oder noch ein Bonmont, das seinen anarchistischen Humor belegt: Seine Mutter war irgendwann gestorben, die hatte eine Gehbehinderung und besaß deshalb eine Art Schwerbehinderten-Aufkleber für die Windschutzscheibe ihres Autos. Den hatte er aus ihrem Wagen ‘rausgeknibbelt und in seine Karre geklebt, was ihn dann „berechtigte“, in jedem Parkverbot zu halten und er hat sich grundsätzlich immer auf Behindertenparkplätze gestellt.
Wenn ich dann mal zu ihm sagte, dass man das ja eigentlich nicht machen könne, zeigte er nur auf den stilisierten Rollstuhlfahrer auf dem Sticker und sagte: „Wir sind behindert, wir dürfen das“. So parkten wir bei diesem Berliner Gig an der Technischen Universität in der Feuerwehrzufahrt.

Kurz vor seinem Tod hatten Alex und ich angefangen zu überlegen, ob wir nicht mal eine richtig schön gemachte umfassende „Anthology“, verteilt auf mehrere Doppel-LPs mit vielen Fotos, veröffentlichen.
Er hat mir dann immer mal wieder Umschläge mit Bildmaterial gegeben, wenn wir uns trafen, aber nach seinem Ableben blieb diese Idee natürlich auf Eis. Vielleicht gehe ich das Projekt in der Zukunft noch an, mal sehen … .

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Um das Bild vom „Richter“ abzurunden, nahmen wir uns noch den Senior Allstars – Drummer Thomas zur Brust, der sich gleichfalls sehr gerne an die Zeit mit Judge Dread zurückerinnerte:

„Unsere erste Begegnung war ja dann das Aachener Festival, da waren wir Opener mit Village Beat. Wir waren ziemlich gespannt, man wusste ja auch noch nicht viel über ihn. Dann kam diese Headliner-Show mit Kassettenrekorder, Plastikpimmel und dem Gummihahn, das wirkte schon irgendwie ziemlich schräg.
Und als Musiker und Fan handgemachter Musik fand’ ich diese Playback-Kassetten-Nummer extrem seltsam. Als wir dann als Senior Allstars gefragt wurden, ob wir mit ihm zusammenspielen würden, waren wir entsprechend zunächst skeptisch, oder zumindest nicht direkt vollkommen begeistert, wie bei anderen Künstlern, z.B. Derrick Morgan.

Das erste Zusammentreffen in diesem Zusammenhang war dieses 25-Jahre-Skinhead-Festival in Koblenz mit den Riffs, dazu Five in Ten aus Belgien. Das war wirklich das krasseste Konzert, bei dem ich je in meinem Leben war, unglaublich.
Ich werde das nie vergessen, da musste man in den Keller zu den Toiletten gehen und VOR den Klos war ein Tätowierstudio aufgebaut, da ließen sich echt Leute unter äußerst zweifelhaften hygienischen Bedingungen Spinnennetze stechen. Da gibt es sogar Filmaufnahmen, die später in irgendeiner Dokumentation über Skins im TV liefen, wo es darum ging, dem Normalo das Phänomen „Skinhead“ zu erklären, von wegen dass nicht alle Glatzen Nazis sind … .
Es war brechend voll und anwesend waren wirklich nur Leute ohne Haare, da hat auch keiner geklatscht oder so, es wurde nur nach jedem Song aus 600 Kehlen (oder wieviele auch immer da waren) „Skinhead, Skinhead“ gebrüllt.
Da wurde uns erst klar, was das für ein Megakult rund um Judge Dread war. Der „Richter“ selbst war ja wirklich total Profi, insofern lief das auch von Anfang an musikalisch gut und später, als wir dann oft zusammen unterwegs waren, wurde das entsprechend richtig perfekt.
Er war immer total nett zu allen und wir hatten das Gefühl, dass er es sehr zu schätzen wusste, dass wir mit ihm zusammenarbeiteten. In Summe haben vielleicht so 30 Auftritte mit ihm absolviert.

Als wir das erste mal im Bulli unterwegs waren und anhielten, um zu Mittag zu essen, hat Alex überhaupt nichts bestellt, was mich angesichts seiner Leibesfülle ziemlich wunderte.
Erst später dann merkte ich, dass er wirklich die ganze Zeit auf dem Beifahrersitz aus einer Tüte heraus kübelweise Chips und anderen Naschkram aß, so dass er natürlich keinen richtigen Hunger mehr hatte. Und das als Diabetiker, was wir aber alle nicht wussten.

Da ich der einzige in der Band war, der sich für Fußball interessierte, haben wir uns darüber häufig ausgetauscht, er hat sich ja wirklich bei jeder Gelegenheit Spiele angesehen, auch A-Jugend-Begegnungen. Irgendwann in Hamburg wollten wir uns zusammen ein Spiel von Altona 93 ansehen, das war ganz in der Nähe des „Logo“, wo wir spielen sollten.
Das hat dann wegen einem Stau nicht geklappt, da hat er sich richtig geärgert. Er hat mir auch viel von Millwall erzählt und er meinte, dass er grundsätzlich immer zu den kleinen Vereinen halten würde. Er mochte auch Wimbledon F.C. und ging sogar gelegentlich hin, die waren zu der Zeit mal in der Premier League.

Einmal versprach er, mir ein Millwall-Trikot mitzubringen, aber ich dachte mir, „na ja, das ist ja nett, allerdings bis wir uns das nächste mal treffen, hat er das längst vergessen“, aber dann bei unserem nächsten Zusammentreffen in Rennes brachte er mir tatsächlich eine Hose von Millwall mit und meinte, das Oberteil hätte es nicht mehr in meiner Größe gegeben, aber er würde es beim nächsten mal mitbringen, denn die nächste Tour war schon geplant.
Dazu kam es dann aber leider nicht mehr, denn kurz danach verstarb er und vielleicht liegt noch irgendwo im Hause Hughes ein Millwall-Trikot, das für mich vorgesehen war … ?!

Irgendwann hatten wir mal einen Gig in Wien und mussten kurzfristig direkt nach Münster zurück, weil ich am nächsten Tag mit einer anderen Band auftreten sollte, die gerade auf dem Sprung war, wir hatten einen Plat-tenvertrag bei Sony und es schien damals gut zu laufen. Bei unserem nächsten Treffen mit Judge Dread erinnerte er sich tatsächlich daran und fragte mich, ob ich denn inzwischen berühmt sei.
Ich erwiderte, der Gig habe dann doch gar nicht stattgefunden und ich sei derweil auch gar nicht mehr Mitglied dieser Kombo. Und erfolgreich sei die Geschichte dann obendrein auch nicht geworden. Alex war wirklich total genügsam, ohne zu Murren hat er sich da in den Bulli gesetzt und ist mit uns den weiten Weg von Wien nach Münster gefahren, anstatt auf sein ihm zustehendes Hotel in Österreich zu bestehen. Irgendwann lud er uns mit 10 Mann zum Essen ein und als wir ihm sagten, dass das nicht nötig sei, antwortete er, das sei schon ok, er würde ja auch mehr Gage bekommen, als wir.
Er ist mit uns immer sehr respektvoll umgegangen.

Einmal in Dresden ist ein superbesoffener und ziemlich fertiger Skin auf die Bühne geklettert und hat ihm einen Kuß gegeben, da meinte er nachher, er glaube, der Mann habe Scheiße als Zahnpasta benutzt, was in seinem englischen Slang noch sehr viel lustiger klang, als man es jetzt hier wiedergeben kann.
Das war aber das einzige mal, dass er sich despektierlich über jemandem aus seinem Publikum geäußert hat. Der Typ ging aber auch gar nicht und konnte kaum mehr stehen, der wollte halt einmal sein Idol küssen.

Mit Judge hat es immer viel Spaß gemacht. Große Klasse auch stets seine Ansagen von wegen wieviele Scheiben er von dem Song verkauft hat („ … and it still sells!“). Schön auch immer, wenn er unterwegs Stories ‘raushaute von dem Kaliber „damals, als mir die Gräfin von „so-und-so“ auf der Rückbank des Rolls Royce einen geblasen hat … „ dann drehte sich Richie (=Dr. Ring-Ding) meistens um und meinte: „Ja, genau, und dann bist Du aufgewacht“.
Da konnte Alex aber dann auch herzlich drüber lachen, er war keinesfalls beleidigt. An diesen Geschichten war wahrscheinlich teilweise was dran, einiges kam aber sicher auch aus dem Reich der Fabeln. Und er hat ja in den Siebzigern wirklich einiges erlebt … .

Die Songs „Winkle man“ und „Will I what“ hatten wir als Band für das Live-Set vorgeschlagen, weil sie uns besonders gut gefielen, das haben wir dann auch gemacht. Der „Richter“ hat sich immer ein bisschen darüber amüsiert, dass er so als „Skinhead-Kultfigur“ gehandelt wurde und bezeichnete sich scherzhaft gerne als „Ossi’s Monster“ in Anlehnung an das Frankensteinsche Schaffen („the monster Ossi created“).
Wir von Dr. Ring-Ding hatten ja eigentlich nie groß was mit Skins zu tun und Alex hat dann gerne unseren Bassisten als „the Skinhead“ vorgestellt, weil der halt Haarausfall hatte und den Haupthaar-Rest entsprechend abrasierte. Der fand das lustig … . Und noch etwas: Diese unglaublichen Hosenträger, die er immer auf der Bühne trug, die hat er sich irgendwo in einer Autobahnraststätte gekauft, als wir einmal mit ihm unterwegs waren. Breiter ging’s ja nicht. Das hat sich eher zufällig so ergeben, die hatte er nicht von Anfang an.“

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Epilog: Leider gibt es so gut wie keine vernünftigen Videos vom „King of Rudeness“, von DVDs ganz zu schweigen. Auf YouTube stehen zwar ein paar Sachen, das meiste aber sind leider keine Live-Clips.
Neben „Big Six“ aus dem Musikladen gibt’s ansonsten noch vier Songs auf der erwähnten „Ska Explosion“ DVD („Big Six“, „Up with the cock“, „A mes-sage to you“ und „Big Seven“). Auch im 1996er-Film „Skinheads“ von Rainer Fromm und dem damals omnipräsenten Klaus Farin, der ja ohnehin fast hälftig aus Livemitschnit-ten besteht, taucht unser Alex mit „A message to you/Wet dream“ auf.

Und auch zu lesen gibt es über ihn nur recht wenig, bis auf wenige Zines aus den 90ern (z.B. ein ausführliches Interview in #38 des „Skin Up“ von Winter 1995/96 und das eingangs genannte im „S.O.S.-Boten“ – jetzt aber ‘ran ans heimische Fanzinearchiv!) und ein paar Einträgen im Netz.
Zumindest im Ende 2011 erschienenen Buch „Dance craze – Rude Boys on the road!“ von Gary Bushell findet sich ein eigenes Kapitel zum „Richter“, das sich recht interessant liest. Bushell beschreibt Alex als fanatischen Trojan Records – Sammler und berichtet, wie er mit Judge Dread Ende 1980 eine (Promo)-Tour durch Deutschland absolvierte, denn gerade hier lief es für den Richter damals gar nicht schlecht.
In eben diesem Jahr 1980 war die Compilation „Reggae & Ska“ in Deutschland erschienen, die hierzulande sogar in die Album-Charts kam. Die Auftritte fanden in großen Diskotheken statt und liefen mit der Musik von den Bändern (mit den Neueinspielungen). Meist stand er für zwei mal eine halbe Stunde auf der Bühne und mischte seine Songs mit Coverversionen wie „Some guys have all the luck“.

In diesem Zusammenhang kam es auch zu dem legendären „Musikladen“-Auftritt. Hughes selbst war von seinem Erfolg bei uns durchaus überrascht, hielt aber das etwas verklemmte Verhältnis der Deutschen zur Sexualität für einen Grund, warum er mit seinen Schlüpfrigkeiten gut ankam.
Aber laut Bushell gefiel es ihm schon damals sehr gut in der Bundesrepublik, wenngleich sich die beiden Engländer auch bestens über die deutschen Eigenarten amüsierten und endlose Witze über die „Krauts“ machten.  Und wenn man ihm (Bushell) glauben kann, so hatte Alex damals auch das ein oder andere „amouröse“ Abenteuer (angeblich gerne mit gut betuchten Damen, die ihre ganz großen Zeiten wohl schon hinter sich hatten).

Überhaupt beschreibt er den „Richter“ als einen ziemlich schlimmen Finger, was diese Dinge angeht und vergleicht ihn mit bekannten britischen Comedy-Stars wie (dem uns unbekannten) Max Miller oder dem Humor aus den „Carry on“ – Filmen. Hughes war übrigens ziemlich sauer über seinen Radioboykott und meinte, dass im TV viel schlüpfrigere Sachen gezeigt werden würden, wie z.B. Benny Hill.
Und über Feministinnen, die ihn naturgemäß nicht mochten, machte er sich besonders gerne lustig. Bushell bestätigt in seinem Buch übrigens das alte Gerücht, dass der Judge auf einer „Krokodilsfarm“ gearbeitet hat, relativiert das aber auch erheblich, denn es handelte sich wohl tatsächlich um eine Tätigkeit im Londoner Zoo!!! Neben Prince Buster war Laurel Aitken ein großer Einfluss auf unseren Alex. Aber auch die 1980 gerade aufkommenden Bad Manners mochte er und fand, dass die seiner „Working Class Heroe“-Attitüde ziemlich nahe kamen.

Als Judge Dread am Abend des 13.März 1998 auf der Bühne des „Penny Theatre“ in Canterbury an einem Herzinfarkt starb, sollen „Let’s hear it for the band“ seine letzten Worte gewesen sein. Sein Verlust schmerzt bis heute.

Gewidmet dem Andenken an Alexander Minto Hughes. Rest in peace, brother. Mit herzlichem Dank an Ossi und Thomas für Zeit, Einsatz & Nerven.
Bildquelle: Archiv Paulchen, Archiv Thomas. Titelbild: Archiv Ossi.
Und Gruß an Sammel aus Bremen, der die Idee zu diesem Beitrag hatte!

alles von:   

Kommentare (2)Kommentar schreiben

 

Erstmal RIP ALEX DREAD! Und ein Re-release aller scheiben auf LP und eine Rarities Platte und ne DVD wären der Hammer! Die Platten muss doch mal einer nachpressen bei den vielen Fans! Hoffentlich dauert es nicht mehr so lange bis ich 60 bin denn es wird sicher irgendwann wieder was "noies" bzw. die alten Sachen neu aufgelegt so wie die Dread, White and Blue auf LP endlich!

 

"eine richtig schön gemachte umfassende „Anthology“, verteilt auf mehrere Doppel-LPs mit vielen Fotos, veröffentlichen" - mach ett Otze! Wäre ich z.B. schwer dafür ;)
Klasse Artikel, vielen Dank!

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