Historisches & Biographien

Anarchy in East Germany – Stories von meiner Zeit als Punk in der DDR

von Blank Frank
aus MOLOKO PLUS #14, 10.1999

Eigentlich wollte ich ja nichts mehr über die alten Zeiten als Punk in der DDR schreiben, da ich der Meinung bin, daß darüber in den Jahren nach dem Niedergang des „Arbeiter- und Bauernstaates“ schon genug (und oftmals unsinniges) geschrieben worden ist.
Nun habe ich den Fehler begangen und einige Anekdoten aus dieser Zeit in meiner Januarkolumne im 3 GENERATION NATION zum Besten gegeben.
Diese Stories haben nicht nur den Leuten vom MOLOKO PLUS sehr gut gefallen, sondern auch einigen anderen und allesamt haben sie mich gebeten, doch mal etwas ausführlicher über meine Zeit als Punk in der DDR zu schreiben.
Es scheint also tatsächlich noch Leute zu geben, die es interessiert, was damals unter Honni in der DDR punkmäßig abgegangen ist.

Also dann, willkommen zu einer Zeitreise, zurück in ein Land, das für viele im Westen Deutschlands lange Zeit genauso exotisch war (und für manche noch immer ist), wie beispielsweise China oder Uganda (ich glaube, es gibt sogar Leute, die bereits in den beiden Ländern waren, aber noch nie im Osten der Republik).

Zurück in ein Land, in dem ich 28 aufregende Jahre verbracht habe, zurück in ein Land, daß mir ein Jahr meines Lebens genommen hat und letztendlich „schuld“ daran war, daß ich zum Punk geworden und dies bis heute geblieben bin.

Dieser Bericht erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, denn im Laufe der Jahre sind die Erinnerungen an einige Dinge verschwommen bzw. ganz verloren gegangen. Es kann auch durchaus sein, daß ich ab und zu zeitlich um ein paar Monate daneben liege. Wesentliches hat sich mir aber unauslöschbar ins Gedächtnis gebrannt und dieses will ich jetzt erzählen.

Beamen wir uns zurück in ein kleines Städtchen namens Lichtenstein (welches in Sachsen, zwischen Zwickau  und Chemnitz liegt) Ende 1976. Ich war damals gerade 17 und hörte mit Vorliebe SWEET, SLADE, T.REX, MUD und all diese anderen Glam-Rock-Kapellen (vorher war ich doch tatsächlich ein ELTON JOHN-Fan, wie peinlich, obwohl ich die frühen Songs wie „Croccdile Rock“ oder „Rocket Man“ auch heute noch ganz gut finde).

Damit war ich eigentlich auch schon ein Außenseiter, denn alle meine Klassenkameraden hörten Blues und die ganze Hippiemucke. Widerstand und Protest gegen das autoritäre sozialistische System zeigte man, indem man sich die Haare wachsen ließ, „Fleischerhemden“ (ich hoffe, damit könnt ihr etwas anfangen), ausgewaschene Jeans und Jesussandalen trug.

Die Jugend im Spätsommer 76 glich einem Hippie-Jurassic-Park, einer billigen Kopie von Kalifornien Ende der 60er. Man verehrte die Woodstock-Helden wie JANIS JOPLIN, JIMI HENDRIX, Neill YOUNG oder BOB DYLAN. Mich ließ die Musik und dieser Lebensstil kalt, fand es einfach langweilig und veraltet.

Da hörte ich im RIAS (damals unser aller Lieblingssender) einen Song namens Anarchy In The UK und kurze Zeit später New Rose.

Diese Stücke trafen mich wie einen Blitzschlag.

Wenig später hörte ich von Punks in London, deren Lebensphilosophie und deren Lebensstil. Es war für mich, als würde ich nach einer langen orientierungslosen Fahrt durch einen Tunnel endlich Licht sehen, denn da waren Kids in meinem Alter, die zwar in einem völlig anderen System (das wir mit „freiheitlich“ assoziierten) lebten, aber von den gleichen Problemen sprachen, wie ich sie im täglichen Leben hatte.
Also schien doch auch im „Paradies“ einiges falsch zu laufen.

Scheiße, auch ich war, genauso wie die Punks jenseits der Mauer, zu Tode gelangweilt. Ich hatte es auch satt, mir sagen zu lassen, was ich zu tun oder zu lassen hatte, was gut und was schlecht für mich war.
„Anarchy in East Germany“ war das, was ich wollte und in meiner jugendlichen Euphorie bildete ich mir ein, daß es genug Leute geben würde, die bereit und in der Lage waren, mit ihrem Protest das Land von innen heraus zu erneuern und den maroden Staatsapparat hinwegzufegen.

Ich war damals schon ein Träume, denn es war in der DDR auch nicht anders, als es im Westen Deutschlands war und ist.

So richtig schlecht ging es nämlich keinem und je besser man sich mit dem Staat und dessen Partei arrangierte, um so besser ging es einem. Zufrieden mit dem System war natürlich trotzdem niemand, doch wer hatte schon Lust, seinen bescheidenen Wohlstand zu riskieren, indem er offen opponierte und den Aufstand wagte?

So ähnlich läuft es ja auch im Kapitalismus. Die Herrschenden wissen doch ganz genau, wie sie das „gemeine Volk“ ruhig stellen und bei der Stange halten können. Gib ihm einfach einen Hauch von Wohlstand, laß es hemmungslos konsumieren, das Geld (ob man es hat oder nicht) mit vollen Händen hinauswerfen und zwinge es dadurch in viele kleine Abhängigkeiten.
Derart betäubt und versklavt verschwendet doch keiner auch nur einen Gedanken daran, etwas gegen die tägliche Verarschung und Manipulation zu tun.
Die Wenigen, die erkennen, welches Spiel hier abläuft und sich aus diesem Kreislauf heraushalten, sind keine Gefahr für den Staat. Die Zeit für Revolutionen in Deutschland ist längst vorbei!

Sorry, ich verliere den „roten“ Faden.

Zurück in die DDR. Durch das Westfernsehen (erinnert sich noch jemand an Szene 77 mit Thomas Gottschalk? Der hatte immer ein paar gute Punk Bands im Studio, (heute dagegen umgibt er sich nur noch mit Freaks wie Mooshammer & Co.), und eine von Polen aus ins Land geschmuggelte Bravo sah ich schließlich Anfang 77 auch zum erstenmal, wie Punks aussahen.

Das Outfit begeisterte mich. Ich ließ mir die zu dem Zeitpunkt auch noch ziemlich langen Haare schneiden. Damit erntete ich bei meinen Lehrer in der Berufsschule durchaus Lob (während ich bei meinen Mitschülern Hohn erntete), denn lange Haare waren verpönt und galten als westlich dekadent.

Als ich kurze Zeit später mit Sicherheitsnadeln an der Lederjacke (ein eklig rotes Kunstlederding mit Pelzkragen, aber große Auswahl hatte man ja nicht) und ’ner Rasierklinge um den Hals wieder auftauchte, änderte sich die Meinung der Lehrer allerdings schlagartig. Bis auf wenige Ausnahmen hielten mich allerdings auch meine Mitschüler für einen Spinner. Lediglich meine engsten Kumpels begannen sich für das, was ich hörte, zu interessieren und zu begeistern.

Mitte 77 gab es plötzlich eine Punk-Szene (bestehend aus fünf Mann) in der 15000 Einwohner zählenden Stadt Lichtenstein.

Im Laufe der nächsten 2-3 Jahre änderte sich an der personellen Stärke dieser Szene kaum etwas. Ein neuer kam hinzu, weil auch ihn das interessierte, was wir hörten und ein anderer sprang ab, weil er die Anmache in der Berufsschule und auf der Straße satt hatte. Besonders die Hippies machten uns andauernd an (von wegen Peace and Love), wenn wir die sogenannten „Jugendtanzveranstaltungen“ besuchten.
Sprüche wie: „Ich bin krank, ich sehe Punk“, war noch das harmloseste, was wir über uns ergehen lassen mußten.

Nicht selten wurden wir richtig derb attackiert. Leider waren die Typen oft auch immer in der Überzahl.

Ich hatte inzwischen angefangen, Punk T-Shirts anzufertigen. Dafür besorgte ich mir Stoffmalfarbe (gibt’s sowas heute eigentlich noch), entsprechende Pinsel und Pauspapier.
Ich kritzelte einfach die Namen meiner Lieblingsbands auf Papier, legte dies zusammen mit dem Pauspapier aufs Shirt und zog die Ränder nach, die so auf dem T-Shirt entstandenen Konturen malte ich dann mit der Stoffmaffarbe aus.
Eine zeitaufwändige Prozedur, aber das Ergebnis ließ sich durchaus sehen.

Wesentlich mehr Talent zum Malen hatte mein Großonkel. Er war schon fast ein Künstler und konnte Gemälde der großen Meister detailgetreu kopieren. Irgendwann legte ich ihm eine „Bravo“ vor, in der ein Foto von Johnny Rotten drin war.
„Kannst du mir das auf ein Shirt malen?“, fragte ich ihn. „Kein Problem“, war die Antwort und während meine Shirts noch eher dilettantisch aussahen, waren die, die er in der Folgezeit bemalte, wirklich allererste Sahne. Ein Problem war gelöst und ich war so euphorisch, daß ich meine Kumpels Sommer 79 zum ersten „Punk-Festival“ in den Garten meines Großvaters einlud.

Wir trugen alle die gleichen Shirts, auf denen ein Totenkopf und der Schriftzug „Blank Generation“ (noch heute mein All-Time-Favourite-Song) zu sehen war. Damit sorgten wir schon für Aufsehen (und noch mehr blöde Anmache).
Das „Festival“ bestand im Grunde genommen aus einem dreitägigen Besäufnis, zu dem halt Punk Rock aus dem Kassettenrecorder lief. Lustig war es allemal.

Einen ersten Kontakt zu westdeutschen Punks verdankte ich dem Bayerischen Rundfunk und einer Sendung Ende 1979, in der 3 Münchner Punks zu Wort kamen, nämlich ein Mädel namens Sabine (Weißgerber) und zwei Typen namens Frankie und Sepp (Stark).
Die beiden hatten zu der Zeit eine Band, die sich THE WANKERS nannte (Sepp war ja später auch bei ZSD und dadurch habe ich wiederum den Wix kennengelernt), während Sabine in einem Heim lebte.
Am Ende der Sendung gab sie ihre Telefonnummer durch und ich rief sie daraufhin paar Tage später an (was einen „Riesenakt“ darstellte, denn Gespräche in die BRD mussten angemeldet werden und bis eine Verbindung zustande kam, konnten 5-6 Stunden vergehen, noch dazu hatten meine Eltern kein Telefon und ich mußte das Ganze bei der Hauswirtin meines Großvaters durchziehen, verrückte Sache!).

Sabine gab mir daraufhin nicht nur ihre, sondern auch Frankies und Sepps Adresse und so entstand bis 1985 ein reger Briefwechsel und selbst eine SID VICIOUS-Single (auch noch „Something Else“, wo Sid im Hakenkreuzshirt drauf ist!!), von Frankie auf dem normalen Postweg zugeschickt, fand ihren Weg zu mir (ein Glücksfall zu dieser Zeit).

Mitte 1980 wurde unser Briefwechsel und meine „Punk-Karriere“ jedoch urplötzlich unterbrochen (bzw. für 2 Jahre mehr oder weniger „auf Eis“ gelegt).

Ich war zu der Zeit mehr und mehr frustriert. Irgendwie kotzte mich alles an. Ich hörte von dem, was in London, New York, Berlin oder München punkmäßig abging, während ich in dieser Rattenfalle DDR saß und in meinem Umfeld alles stagnierte.
Dazu kam noch Ärger mit bzw. wegen ’nem Mädel. Ich soff immer mehr, schluckte Pillen und war ziemlich down. In meiner Verzweiflung fasste ich den Plan, zu flüchten.

Im Spätsommer 1980 fuhr ich mit einem Kumpel (der von meinen Plänen nichts wusste, dafür hatte ich vorher genug mit besoffenen Schädel in Kneipen davon gelabert) nach Ungarn.
Wir fuhren zum Plattensee und genossen die erste Woche bei bestem Wetter. An meiner Stimmung und meinem Vorhaben ändert sich dadurch nichts. Ich überredete meinen Kumpel schließlich zu einem Trip nach Szombathely, das in unmittelbarer Grenznähe lag.

Mein Plan war es, meinem Kumpel erst kurz vorher von meinem Vorhaben zu erzählen und ihm dann freizustellen, ob er sich mir anschließen will.
Das Ganze war mehr als irrwitzig und dilettantisch. Wir wurden bereits im Zug nach Szombathely verhaftet. Irgendwer hatte mich wohl in den heimischen Kneipen tönen gehört und die Stasi informiert, die wiederum ihre ungarischen Kollegen auf uns angesetzt hatte. Meine „Punk-Rock-Karriere“ war fürs erste beendet.
Nach einer Woche Haft in beschissensten ungarischen Knästen flog man uns in die DDR zurück. Mein Kumpel wurde kurz danach freigelassen, weil die Stasi schließlich ihm und mir glaubte und einsah, daß er von meinen Plänen keine Ahnung hatte.

Ich saß ein Vierteljahr ein und wurde dann auf Bewährung (meine Arbeitskollegen hatten für mich gebürgt) entlassen. An Punk Rock war in der Folgezeit nicht zu denken, zumindest konnte ich mich auf der Straße nicht als Punk zeigen, ohne Gefahr zu laufen, meine Bewährung zu verspielen und 18 Monate in den Knast zu müssen.
Zu Hause hörte ich natürlich weiter Punk, doch alle sonstigen Aktivitäten ließ ich für 2 Jahre ruhen.

Die ganze Geschichte hatte im Endeffekt auch etwas positives, denn ich bekam vom Rat der Stadt eine eigene Wohnung, was zu der Zeit als Single in der DDR nicht so einfach war.
Es war zwar ein kleines Loch von nur 30 qm, Wasser mußte ich im Flur holen und das Klo war eine Treppe tiefer (und das mußte ich mir noch mit einer über 70jährigen Rentnerin teilen), aber dafür zahlte ich auch nur 12,25 Mark Miete und hatte mein „eigenes Reich“.
Ich pflasterte die Wände sofort mit Punk-Rock-Postern und gab eine Einzugsparty, bei der sich 25 Leute in der Wohnung herumdrückten und davon wohl 23 im Laufe der Nacht in alle möglichen Winkel (gut im ganzen Haus verteilt) kotzten.
Es war halt eine echte DDR-Party, wie ich sie im Westen eigentlich nie wieder erlebt habe.

Irgendwann 82 hörte ich davon, daß es in der benachbarten Kreisstadt Glauchau Punks geben sollte.
Wir hingen bis dahin nur in den einheimischen Kneipen und Tanzsälen herum, im Grunde genommen eine selbstauferlegte Isolation, aus der wir nun jeden Freitag ausbrachen.
Wir fuhren in eben jenes Glauchau und gingen in den einzigen Saal, in dem Live-Bands zum „Jugendtanz“ aufspielten. Hier lernten wir in der Folgezeit wirklich eine Menge Punks kennen, von denen viele allerdings nur typische „Mode-Punks“ waren, die das Punk Rock-Outfit benutzten um aufzufallen (und damit zu opponieren), ansonsten aber von dem, was Punk ausmachte, wenig Ahnung hatten.

Von Punk-Bands oder gar Gigs war allerdings zu der Zeit, zumindest für uns, noch weit und breit nichts zu sehen. Wir hatten lediglich einige Discotheken entdeckt, in denen man im Laufe des Abends neben dem üblichen Müll auch 2-3 Titel spielte, denen zumindest einen Hauch von Punk anhaftete (wie z.B.: „Egyptian Reggae“ von JONATHAN RICHMAN).
Außerdem gab es eine Band aus Dresden namens LAVA, von denen wir keinen Gig in unserer Ecke verpaßten und das nur, weil sie Titel wie „Black Betty“ von RAM JAM (hießen die, glaube ich) oder „Whole Lotta Rosie“ von AC/DC spielten (was andere Bands eben nicht taten) und wir dazu pogen konnten. Das klingt heute vielleicht ziemlich arm, aber wir hatten dabei unseren Spaß.

So um 1984 tauchte in Lichtenstein ein Typ mit Iro auf, der sich einige Zeit später auch in unserer Stammkneipe sehen ließ. Sein Spitznamen war „Speiche“ und in den folgenden Jahren wurde er „punkrockmäßig“ mein engster Vertrauter.
Vertrauter klingt jetzt vielleicht etwas blöd, aber in der DDR, und besonders im Underground, mußte man sich die Leute sehr genau ansehen und genau abwägen, wem man vertrauen konnte (und das man damit oft immer noch falsch lag, hat man ja nach dem Ende der DDR gesehen).

Speiche hatte wiederum einen Kumpel mit dem Spitz-namen „Ramses“ (der heute der einzige in meiner Heimatstadt ist, der noch immer aktiv in der Punkszene ist und u.a. Konzerte im AJZ Chemnitz mitorganisiert, Speiche starb vor einigen Jahren bei einem Motorradunfall, R.I.P), mit dem ich nun auch öfters Kontakt hatte.
Wir tauschten zumeist Gedanken und Punk-Rock-Tapes aus. Leider wurde Ramses sehr bald verhaftet (ich glaube auch wegen dem berühmten Paragraph 220 ,,Öffentliche Herabwürdigung“), so daß der Kontakt zu ihm bis weit nach seiner Entlassung aus’m Knast wieder abbrach (er war auch auf Bewährung draußen und mußte eben Leute wie mich oder Ramses zunächst meiden).

Ich hatte inzwischen einige westdeutsche Punk-und Wave-Fanzines zugeschickt bekommen (die Adressen hatte ich im Radio gehört und die Leute daraufhin kontaktiert).
Da ein ganzes Heft nur selten durch den Zoll kam, schickten mir Leute wie Thorsten Töhte (Skate Or Die), Martin Barkawitz (Der landläufige Irrtum), Urs Völlmin (Apokalypse Now), Guido Zimmermann (10.15) oder K.Rotte (kam aus der Gladbacher Ecke, an den Namen seines Zines erinnere ich mich nicht mehr) das Ganze Seite um Seite in mehreren Briefen.
In den Fanzines entdeckte ich wiederum Adressen von Bands/Labels, von denen ich mir die interessantesten heraussuchte und diese Leute anschrieb.
Anfang 1985 hatte ich Briefkontakt mit etwa 30 Punks in Westdeutschland, der Schweiz, Österreich, England und den USA.

Diese wiederum versorgten mich mit News, Platten und Fanzines. Dabei kam natürlich nicht immer alles an, aber jedesmal, wenn etwas ankam, dann war für mich ein kleiner Feiertag.
Einige ließen sich dabei richtig gehend etwas einfallen, damit die Platten durchkamen. So erinnere ich mich noch gut, wie ich von Karl Bruckmaier vom Bayerischen Rundfunk die DEAD KENNEDYS-LP „Plastic Surgery Disasters“ bekam. Um den Zoll zu täuschen hatte Karl ein Schreiben beigelegt, wie es selbst der beste SED-Funktionär hätte nicht besser verfassen können. Es funktionierte!

Meine Wohnung war mittlerweile zum Treff aller Lichtensteiner und Glauchauer Punks geworden (so viele waren es allerdings inzwischen nicht mehr) und ich versorgte sie nicht nur mit Bier, sondern auch mit Tapes, auf denen ich die eingegangenen Platten oder Radio-Mitschnitte aufgenommen hatte.
Ein kostspieliges Vergnügen, da eine C90-Cassette (aus DDR-Produktion) satte 30 Mark kostete (dafür kriegte man aber den halben Liter Bier in der Kneipe für ’ne Mark).

Dieses Aufnehmen und verbreiten von Tapes sollte mir später noch zum Verhängnis werden.

Irgendwann hatte ich auch in einem Fanzine die Adresse von Röbi Zollinger entdeckt und ihn angeschrieben. Röbi machte zu der Zeit die „Speed Air Play“-Radio-Show in Zürich.
Er sollte eine wesentliche Rolle für meinen weiteren Weg als Punk in der DDR spielen und gehört im Grunde genommen zu den Personen, denen ich es zu verdanken habe, daß ich heute hier in Hanau sitze und diese Story tippe.
Ohne Röbi hätte ich vermutlich nie Kontakt zu L’ATTENTAT und dem Kern der DDR-Punk-Szene bekommen.

Er schrieb mir Mitte 1985, daß er Kontakte zu Punks in Leipzig habe und beabsichtige zur Leipziger Herbstmesse mit einem sogenannten Messevisum einzureisen und machte mir den Vorschlag, daß man sich ja in Leipzig treffen könnte.
Ich war natürlich sofort damit einverstanden und schrieb zurück, daß er mir die Adresse geben sollte, wo er sich in Leipzig aufhält. Die gab er mir dann auch und ich hörte in dem Zusammenhang zum ersten Mal den Namen Imad und von der Band L’ATTENTAT.

An einem Freitagnachmittag im September 85 machte ich mich auf den Weg nach Leipzig. Was ich dort punkrockmäßig vorfand, hätte ich nicht in meinen kühnsten Träumen erwartet. Imad und Freundin wohnten im Dachgeschoß eines besetzten Hauses in Leipzig-Connewitz (hoffentlich habe ich den Stadtteil richtig in Erinnerung).
Eigentlich bestand der gesamte Straßenzug aus abbruchreifen Häusern und einige Leute hatten sich halt die Freiheit genommen, die leerstehenden Wohnungen zu besetzen. Ich hätte nie gedacht, daß so etwas in der DDR (mehr oder weniger) geduldet wird.
Doch diese Leute schienen sich echt nicht darum zu scheren, daß sie damit Knast riskieren.

Überhaupt erschienen mir alle, doch ganz besonders Imad, unheimlich cool. Ich werde nie vergessen, wie Imad ganz lässig seinen Einberufungsbefehl zerriß. Heute weiß ich, warum er sich so sicher fühlen und soooo cool sein konnte.
Am nächsten Abend sollte ich mein erstes DDR-Punk-Konzert erleben. Ich fuhr dazu am Nachmittag mit einigen Leipziger und Hallenser Punks & Skins nach Ost-Berlin. Dort traf ich auch Röbi wieder, der mit den Leuten von L’ATTENTAT im Auto angereist war.

Das Konzert fand im Gemeinderaum einer Kirche statt, was mich ziemlich erstaunte, obwohl es eigentlich gar nicht so verwunderlich war. In den „normalen“, sprich staatlich kontrollierten Räumlichkeiten, konnten Punk-Bands nun mal nicht spielen, blieb als einziger Schlupfwinkel die Kirche.
„Offene Arbeit“ nannte man das von Seiten der Kirche und der Staat mußte es, wenn auch zähneknirschend, hinnehmen.
Trotzdem liefen solche Konzerte immer sehr konspirativ ab, Termine wurden nur per Mundpropaganda an vertrauenswürdige Leute weitergegeben. Mich wunderte es nun nicht mehr, daß mir diese Szene bisher verborgen geblieben war.

An diesem Abend sah ich nicht nur L’ATTENTAT live, sondern auch eine sehr gute Ost-Berliner Band, die sich NAMENLOS nannte.

Ich traf massig Punks und Skins aus Berlin, Erfurt, Dresden und Leipzig, auch wenn man mir manchmal noch etwas mit Mißtrauen begegnete.
Klar, die Angst vor Stasi-Spitzeln war ja auch begründet, denn trotz aller Konspirativität passierte es hin und wieder, daß die Stasi von Konzerten Wind bekam und dann am Bahnhof in Ost-Berlin oder Leipzig, alles was nach Punk oder Skin aussah, von den Bullen in den nächsten Zug gesetzt und zurück nach Hause geschickt wurde.
Die Spitzel steckten also in den eigenen Reihen und eine gesunde Portion Mißtrauen konnte nicht schaden. Ich kann mir allerdings gut vorstellen, wie sich manch einer später, als nach und nach bekannt wurde, wer wirklich ein Spitzel war, die Augen gerieben und gesagt hat: „Das kann doch nicht sein!“ Ich gehörte auch zu denen, die es anfangs nicht glauben konnten.

Zurück in Lichtenstein erzählte ich Speiche und den anderen Kumpels von dem, was ich in Leipzig erlebt hatte und ich verstärkte meine Aktivitäten, in dem ich begann, Artikel über die DDR-Punk-Szene für westliche Fanzines zu schreiben. Ich war mir durchaus bewußt, daß ich damit ein Risiko einging, aber mir war das scheißegal.
Ich war voll vom lmad-Virus befallen. Es gab sie also, eine funktionierende und relativ große Punk-Szene in der DDR.

Da ich immer mehr Kontakte ins westliche Ausland unterhielt und ich (nicht zu unrecht) befürchtete, daß mein reger Postverkehr die Aufmerksamkeit der Stasi auf sich ziehen könnte, fragte ich einige Kumpels, ob ich deren Adresse als Kontaktadresse für meine nutzen könnte. Alle, die ich ansprach, stimmten zu und so g Brieffreunden im Westen Bescheid, daß sie ihre Briefe aus Sicherheitsgründen ab sofort an die und die Adresse schicke sollten. Heute kann ich mir gut vorstellen, daß sich die Stasi ob dieses „raffinierten Winkelzuges” von mir, vor Lachen bepisst hat.

Im Dezember 1985 traf ich mich mit Martin Barkawitz vom Osnabrücker Fanzine „Der landläufige Irrtum“ in Ost-Berlin. Diesmal nahm ich Speiche zum Treffen mit.
Was ich nicht wußte, war die Tatsache, daß die Stasi mich bereits auf Schritt und Tritt beobachtete und das Treffen mit Martin minutiös genau protokollierte.

Ich habe im Übrigen bis zu meiner Verhaftung nie etwas davon mitgekriegt, daß ich beschattet wurde, obwohl der Stasi-Mann manchmal direkt hinter mir gegangen sein muß.
In der Hinsicht waren sie eben perfekt die Jungs, wenn alles im Land so geklappt hätte, dann hätte vermutlich irgendwann der Westen Deutschlands um Anschluß gebettelt.

Da die Stasi wohl sehen wollte, was bei dem Treffen abläuft, ließ man Martin auch ungehindert nach Ost-Berlin einreisen. Und sie bekamen etwas zu sehen.
Martin überreichte mir ein dickes Paket an Tapes, Platten und Fanzines, daß er unter seinem dicken Wintermantel versteckt hatte und ich gab ihm ein Tape mit Live-Aufnahmen von L’ATTENTAT, das mir Imad im September mitgegeben hatte.
Wir tranken allesamt auf dem Berliner Weihnachtsmarkt zufrieden unseren Glühwein, auf der einen Seite Martin, Speiche und ich auf der anderen Seite die Stasi-Aufpasser.

Das Jahr 1986 begann gut, nämlich mit einem weiteren Konzert, diesmal in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz). Das Ganze fand in den Plattenbau-Ghettos des „Fritz-Heckert-Gebietes“, wieder in kirchlichen Einrichtungen statt.

Mit von der Partie waren 8 Punk-Bands, leider gab es aber immer wieder Schlägereien unter den anwesenden Punks, so daß mir dieser Abend in weniger guter Erinnerung geblieben ist.
Speiche allerdings, zum ersten Mal bei ’nem Punk-Gig, war begeistert. Er gehörte zu der Sorte Mensch, die auch gerne mal die Fäuste schwingen, was ihn kurze Zeit später auch vor den Richter und für ein halbes Jahr in den Knast brachte.
Da ich mittlerweile von Campino über Ralf Plaschke bis hin zu Wix oder Junge auch jede Menge Kontakte zu Bands bzw. deren Mitglieder unterhielt, unternahm ich nun alle Anstrengungen, mit einer der Bands ein Konzert zu organisieren.

Von Campino und Imad hatte ich erfahren, daß sie das schon durchgezogen hatten. Es erschien relativ einfach. Die Band kam ohne Instrumente entweder mit einem Tagesvisum nach Ost-Berlin oder mit einem Messevisum nach Leipzig. Die Instrumente wurden ihnen dann dort gestellt.

Die ersten, die ich für diese Idee begeistern konnte, waren EA 80. Sie versprachen zur Messe nach Leipzig zu kommen und dort zu spielen. Ich war happy und informierte Imad, damit er sich um die Räumlichkeiten und Anlage kümmerte.
So saßen wir (das waren Imad, seine Freundin, Ratte der L’ATTENTAT-Bassist, ich und eine Horde Leipziger Punks und Skins) dann eines Samstags zur Messezeit in Imads Wohnung und warteten gespannt auf die Ankunft von EA 80.

Ich vertrieb mir dabei die Zeit, indem ich im ersten (und zu der Zeit einzigen) DDR-Punk-Fanzine blätterte. Viel zu blättem hatte ich allerdings nicht, da das „Fanzine“ lediglich aus 4 handbeschrieben und auf kircheneigenen Maschinen kopierten Seiten bestand.
Trotzdem, es war verdammt noch mal ein Fanzine und ich war glücklich, daß es das Teil gab.

Als EA 80 am späten Nachmittag noch immer nicht eingetroffen waren, schwand meine Euphorie zusehends und ich ging entnervt mit paar Leuten zum „Völkerschlachtdenkmal“, um dort etwas frische Luft zu schnappen.
Als wir zurück in Imads Wohnung kamen, saßen Junge, Nick, Nico und Hals auf der Couch. Sie waren tatsächlich gekommen, nun dab es allerdings kurzfristig Probleme mit den Räumlichkeiten.
Ich weiß bis heute nicht genau welche, Imad meinte nur, man könne nicht wie vorgesehen dort spielen.
Wir beknieten ihn daraufhin, irgend eine andere Auftrittsmöglichkeit klar zu machen und so landeten wir schließlich am Abend im Proberaum von L’ATTENTAT, einem winzigen Keller, irgendwo in Leipzig.

EA 80 lieferten trotz der widrigen Umstände eines der besten Konzerte ab, die ich jemals gesehen habe. Natürlich spielte da bei mir auch das gefühlsmäßige eine große Rolle. Ich hatte noch nie ’ne „West-Punk-Band“ live gesehen und diese hier spielte sich vor vielleicht 25 Leuten den Arsch ab und musste dabei auch noch die Benzinkosten (zurück machte zu allem Uberfluß auch noch der Motor schlapp, so daß ich mir sicher bin, daß die Band diesen Gig und Trip auch bis heute nicht vergessen haben), Visumgebühren und was weiß ich noch selbst tragen.
Das war für mich alles, was Punk ausmachte.

Nach EA 80 machte ich mich daran, R.A.F.GIER in den Osten der Republik zu lotsen. Ich traf mich mit Ralf vorab in Ost-Berlin und erzählte ihm bei der mit Gelegenheit, daß im Herbst ein größeres Punk-Konzert in Ost-Berlin stattfinden sollte und nachdem Ralf seinen Band-Kollegen Rücksprache gehalten hatte, informierte er mich, daß R.A.F.GIER dabei sein würde.

Dieses Konzert wird mir für immer als eines der größten, besten (was die Bands anbetraf), aber auch gewalttätigsten, die ich je in Sachen Punk in der DDR erlebt habe, in Ennnerung bleiben.

R.A.F.GIER spielte gleich zu Beginn, denn man mußte ja bis spätestens 24 Uhr wieder in West-Berlin sein. So bekam die Band auch nichts mehr von den Skinhead-Überfällen mit, die sich im Laufe des Abends ereigneten und schließlich zur Folge hatten, daß der Krankenwagen kommen mußte, was man natürlich von Seiten der Kirche, unter deren Schutz einmal mehr ein Punk-Konzert stattfand, nicht gern sah.

Musikalisch sind mir neben R.A.F.GIER, die sehr guten F.P.B. aus Prag und ANDREAS AUSLAUF aus Suhl in bester Erinnerung. Trotzdem verließ ich Ost-Berlin mit einem zwiespältigen Gefühl. Welchen Sinn machte es, sich für die Szene zu engagieren, ein hohes persönliches Risiko einzugehen, wenn es solche Idioten gab, die alles kaputt machten und dem Staat damit einen willkommenen Anlaß gaben, gegen die Punk-Szene vorzugehen?

In den folgenden Wochen zog ich mich etwas zurück, schrieb aber weiterhin Artikel und schickte diese an Fanzines im Westen.

Als ich eines Tages von der Arbeit nach Hause kam, stand eine Schranktür, in der ich meine Tapes verstaute, offen. Ich war mir sicher, daß ich diese Tür nicht offen gelassen hatte, da ich sonst am Morgen unweigerlich dagegengerannt wäre.
Da meine Mutter einen Schlüssel zu meiner Wohnung hatte, vermutete ich, daß sie es war. Doch mit dieser Vermutung lag ich falsch, denn meine Mutter war an diesem Tag nicht in meiner Wohnung gewesen.
Ich ahnte, wer die Besucher gewesen waren und daß ich mit dieser Ahnung nicht falsch lag, konnte ich Jahre später nachlesen, als ich bei der Gauck-Behörde Einsicht in meine Stasi-Akten nahm.

In einer geradezu generalstabsmäßigen Aktion war die Stasi in meine Wohnung eingedrungen, hatte alles durchsucht, fotografiert und verwanzt (wo die Wanzen steckten, weiß ich allerdings bis heute nicht, aber ich habe die lückenlosen Abhörprotokolle gelesen).

Eine genaue Beschreibung meines Türschlosses hatte der Schornsteinfeger geliefert, meine Mutter war unter einem fadenscheinigen Grund auf die Rentenstelle in der benachbarten Kreisstadt bestellt worden und die alte Dame, die mit mir den Flur teilte (und äußerst hellhörig war), wurde von ihrer Tochter (auch einem IM der Stasi) abgeholt und in deren Wohnung gebracht.
Für den Fall, daß mein Vater oder ich früher Feierabend machen und meine Wohnung ansteuern würden, stand auch ein Stasi-Mann bereit, um Alarm zu schlagen und seine Kollegen zu informieren.

Ja, so lief das damals in einem Staat, der sich demokratisch nannte.

Ich setzte mich auf Grund dieser Begebenheit am darauffolgenden Wochenende hin und verfaßte einen Antrag auf Ausreise aus der DDR. Für mich war das bis dahin nie ein Thema gewesen, doch ich hatte auch keine Lust, im Knast ohne jede Hoffnung zu verrotten.
Diesen Antrag übergab ich allerdings erst im März 87, wenige Wochen vor meiner Verhaftung, meinen Eltern, mit der Bitte, ihn an die entsprechenden Stellen zu schicken, falls man mich einbuchtete.
Ich weiß noch, wie mein Vater lachte und meinte: „Na, denkst du, daß du so wichtig für die bist?“
Als er mich später in der U-Haft besuchte, war ihm das Lachen vergangen.

Der ganze Vorfall ließ mich allerdings nicht vorsichtiger werden (was er hätte tun sollen), denn ich machte weiter wie zuvor. Ich war einfach schon zu weit gegangen und hatte außerdem keine Lust mehr, nach Regeln und Vorschriften zu leben, die andere für mich aufstellten und die mich in meiner persönlichen Freiheit erheblich einschränkten.
Die Aussicht auf den Knast, von dem ich ja schon vor Jahren einen ersten Vorgeschmack bekommen hatte, ließ mich allerdings immer unruhiger schlafen, doch ich versuchte, diese Gedanken zu verdrängen.

Im April 87 fuhr ich erneut nach Leipzig und besuchte lmad. Er erzählte mir von den Aufnahmen für die „Made in GDR“-LP und gab mir ein Demo-Tape mit den Songs. Es war bereits ziemlich warm und wir sonnten uns auf dem Dach von Imads Haus. Er erzählte mir, wie die LP genau aussehen würde, wie das Tape in den Westen geschmuggelt wurde und vieles mehr.

Ich fand es traurig, daß auch er bereits einen Ausreiseantrag gestellt und über kurz oder lang das Land verlassen würde.
Was sollte nur aus diesem Land werden, wenn alle, die den Mut hatten, das Maul aufzumachen, es verließen.

Wir tranken Bier auf dem Dach, diskutierten und ich fühlte mich seit langem wieder völlig unbeschwert. Nachdem ich wieder zu Hause war, kopierte ich das L’ATTENTAT-Tape, von dem ich restlos begeistert war (die LP halte ich noch heute für eine der besten Deutsch-Punk-Alben) und verteilte es an die vertrauenswürdigsten Personen und das waren längst nicht mehr alle, die bei mir anklopften und auf ein Bier hereinkamen.

Noch immer trudelte reichlich Post und die eine oder andere Scheibe bei mir und meinen Kumpels ein. Das ließ mich glauben, daß ich mich doch noch nicht in akuter Gefahr befand, verhaftet zu werden.
Ich sagte mir, dann würde die Stasi den „Posthahn“ zudrehen.

Wie ich später erfuhr, war die Stasi sehr wohl im Bilde, daß ich meine Post an Kontaktadressen schicken ließ und über den Inhalt der Briefe wußte man auch bestens Bescheid. Eigentlich hätte ich mir das denken können, aber vielleicht habe ich immer mehr unbequeme Gedanken, wie diese, von mir weg geschoben.

Ich arbeitete zu dem Zeitpunkt in der benachbarten Kreisstadt. Ich fuhr dorthin jeden Morgen mit dem Zug. An einem Donnerstag, es war der 14. Mai 87, früh um 6 Uhr, kam ich aus dem Bahnhofsgebäude.
Schräg gegenüber befand sich eine Straße, die zu meiner Werkstatt führte. Mir fiel sofort der Moskwitsch auf, der am Anfang dieser Straße, halb auf dem Bürgersteig geparkt, stand.
Vor ihm standen drei Männer. Ich mußte zwangsläufig direkt auf sie zugehen. Wenige Meter, bevor ich den Moskwitsch erreicht hatte, lösten sie sich vom Wagen und kamen auf mich zu. Mein Pulsschlag ging in die Höhe. Einer baute sich vor mir auf, zog eine Marke aus der Tasche und sagte: „Ministerium für Staatssicherheit. Kommen Sie mit zur Klärung eines Sachverhaltes!“

Das war’s, dachte ich. Keiner sagte einen Ton, während wir auf der Autobahn Richtung Chemnitz fuhren. Ich schaute mir die Bäume, die rechts und links die Autobahn säumten, noch einmal an, denn mir war klar, daß ich Bäume und Wald für längere Zeit nicht mehr sehen würde und noch etwas war mir klar: dies bedeutete das Ende meiner „Punk-Rock-Karriere“ in der deutschen demokratischen Republik.

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